Nr. 9».
Marburg, Donnerstag, 29. April 1886.
XXI. Jahrgang.
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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marbnrg u. Kirchhain. -Zllnstriettes Sonntagsblatt.
Expedition Markt 21. — Redaktion, Druck und Berlag von Joh. Ang. Koch.
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Iw Schatte« des Lebens.
Roman von P. Felsberg.
(Fortsetzung,)
Mama, daß ich erst jetzt Deinem Rufe Folge ’< .ern,^e Pstichteu unabweisbarer Art hielten mich zurück; bw /ch sEtzt zu den Erklärungen bereit, die Du zu erwarten ein Recht hast."
»Ich glaube, des Sohnes erste Pflicht sei der Gehorsam «egen seine Mutter! Wie konntest Du vom frischen Grabe Deines Vaters hinweg Deine Mutter verlassen, ohne auch nur «it einem Worte meine Zustimmung zu verlangen?«
«futter! — ich wurde zu einer Sterbenden gerufen!« „Erkläre Dich deutlicher.«
„Emilie ist tod . . . .«
_ »Was kümmert mich dies Mädchen?« entgegnete die Groftn herzlos. „Nun, ihr Tod wird Dich wohl von Deiner Passion geheilt haben.«
»Sie war mein Weib, Düttter! . . .«
»Dein Weib, Unglücklicher?!« rief sie aufspringend und den Arm ihres Sohnes fassend.
Deutsches Reich.
△ Berlin, 27. April. Der Kaiser wohnte am Abend des 1. Festtages der Vorstellung im Schauspielhause und gestern Abend der Vorstellung im Opernhause bei. — Heute Vormittag nahm Se. Majestät Vorträge entgegen und unternahm am Nachmittage eine längere Spazierfahrt. — Die Kaiserin wohnte am Vormittage des 2. Festtages dem Gottesdienste in der Kapelle des Augusta - Hospitals bei und unternahm am Nachmittage ™e. Ausfahrt. — Die Frau Erbprinzessin von Sachsen- Meiningen wird sich mit dem Kronprinzen nach Homburg begeben. — Prinz Heinrich wird am Mittwoch aus Thale wieder m Berlin eintreffen. — Graf Herbert Bismarck (Unter-Ltaatssekretär) ist seit einigen Tagen bedenklich an der Lungenentzündung erkrankt. — Herr v. Schlözer hat am Osterfeste dem Papst ein Geschenk des Kaisers, ein ebenso kunstvoll gearbeitetes wie kostbares Kreuz überreicht. Darauf mag sich auch das kaiserl. Handschreiben bezogen haben. — Der Bischof Dr. Kopp hat sich seinem Freunde, dem Pfarrer N. in Merseburg, über seine etwaigen Aussichten für den erzbischöflichen L>tuhl in Freiburg wie folgt ausgesprochen: „Der badische Gesandte hat mir die Err- blfchofitelle wiederholt angetragen; ich habe sie aber abgelehnt, weil ich aus guten Gründen niemals als Bischof naher nach dem Süden kommen mag, als ich schon ge- kommen bin.« — Der persische Gesandte am preuß. Hofe ist am 24. in Berlin eingetroffen und wird daselbst seinen dauernden Wohnsitz nehmen.
Berlin, 27. April. Dem Bundesrate ging eine Vorlage zu, betreffend die Errichtung eines Seminars für orientalische Sprachen an der Berliner Universität. In Aussicht genommen sind Vorlesungen über sieben verschiedene Sprachen des Orients. Die Kosten des Seminars ein- i «alige rote fortlaufende, soll zur einen Hälfte das Reich, zur anderen Hälfte Preußen übernehmen. — Graf Herbert Bismarck wird während seiner Krankheit durch den Grafen Berchem vertreten. — Der „Reichsanzeiger« bringt einen gemeinsamen Erlaß des Ministers des Innern, des Kultusministers und des Finanzministers an die Oberpräsidenten welcher die Ausführungsbestimmungen enthält zu dem Gesetze über die Ueberweisung von aus den landwirtschaftlichen Zollen eingehenden Beträgen an die Kommunen (Auszugsweise wurde derselbe in der vor. Rr. d. Bl. mitgeteilt.) — Der am Karfreitag verstorbene Staatssekretär des Staatsrates und Unterstaatssekretär im Handelsministerium Dr. E. v. Möller wurde heute vormittag vom
Gefchichtskakender.
29. April.
.1105. Kaiser Heinrich iv. erhebt Böhmen zum Königreiche. 1402. Kaiser Wenzel wird von seinem Bruder Sieaes- mund verhaftet.
1767. Karl Phllipp Fürst Wrede, bayerischer Feldmarschall, zu Heidelberg geboren. '
i824. Albert Emil Brachvogel, Dichter und Romanschrift
steller, zu Breslau geboren.
1850. Das Erfurter-Unious-Parlament wird vertagt, ohne daß eine Erklärung der Regierungen über die Billigung der gefaßten Beschlüsse abgegeben worden wäre.
der dritte, der sich gleichfalls in Grünewald aufgehänqt hatte, aber wieder abgeschnitten wurde, ist flüchtig.
_ ~ Der Kardinal-Staatssekretär Jacobini empfing am Sonnabend den preußischen Gesandten Herrn v. Schlözer. Aus dem Vatikan erfährt der römische Korrespondent der „Köln. Ztg.", daß ein von Herrn v. Schlözer mitgebrachtes eigenhändiges Schreiben des Kaisers Wilhelm dem Papste vorgestern überreicht worden ist. — Am Mittwoch wurden, wie die „Köln. Volksztg." mitteilt, acht deutsche Romptlger (vier Zentrums-Abgeordnete, Amtsgerichtsrat Brandenburg, Amtsrichter Fritzen, Landrichter Jmwalle und Bürgermeister Mooren, ferner zwei Geistliche der Diözese Münster und zwei junge Kölner Juristen) vom Papst in besonderer Audienz empfangen, bei welcher Leo XIIL Veranlassung nahm, sich in eingehender und sehr bemerkenswerter Weise über die kirchenpolitische Lage zu äußern. Die „Köln. Volksztg." hat darüber einen Bericht erhalten, der aber, da der Empfang durchaus privater Natur und eine eigentliche Berichterstattung ausgeschlossen war, dem Blatte zufolge selbstverständlich weder auf Vollständigkeit, noch auf wörtliche Genauigkeit Anspruch erheben kann. Der Papst führte in ftanzösischer Sprache etwa folgendes aus: „Eine Erkältung, an welcher ich in der vorigen Woche litt, hat mich verhindert, Sie bereits früher zu empfangen. Ich freue mich, Sie bei mir zu sehen. Mehrere von Ihnen werden demnächst das neue kirchenpolitische Gesetz zu beraten haben Es ist ein Schritt zum Frieden. Man hat mir die, wie ich glaube, aufrichtigen Gefühle der Regierung ausgedrückt, und ich hoffe, daß wir mit der Zeit einen guten und dauerhaften Frieden haben werden. Für besonders wichtig halte ich die Wiedereröffnung der Seminare, weil sie die Pflanzschulen für die Erziehung der Geistlichkeit und die Predigt des Glaubens sind. Man hat eine Verständigung über die Personen der Seminar-Professoren mit der Regierung verlangt; aber es ist nötig, daß die Bischöfe die völlige fteie Wahl der Professoren haben. Die Wiederbesetzung der Seelsorgestellen wird einen Damm gegen die Fortschritte der Irreligiosität und der sozialistischen Bestrebungen bilden. Ich glaube, daß Sie jetzt mit Vertrauen in die Zukunft blicken dürfen. Setzen Sie Vertrauen auf die Fürsorge des heiligen Stuhles. Auch seine Majestät der Kaiser hat mich seiner wohlwollenden Gesinnungen und seiner Entschließungen versichern lassen, den Wünschen der Katholiken entgegenzukommen. Vom ersten Tage meines Pontifikates an habe ich jeden Tag an Deutschland gedacht und täglich zu Gott gebetet, daß Er Deutschland den kirchlichen Frieden zurückgebe. Jetzt scheint eine Besserung der Zustände einzutreten. Ich habe die Entwickelung der Dinge in Ihrem Vaterlande genau verfolgt und alles für dasselbe gethan, was in Meinen Kräften stand. Alles auf ein Mal ist nicht zu erreichen; die langsame, all- mähliche Besserung liegt in der Natur der menschlichen aber, Mutter, bitte ich flehentlich, dem armen, mutterlosen Wesen durch Liebe und Sorge zu ersetzen, was es verloren --«
»Nie!« fiel ihm die Gräfin in's Wort, während ihre Züge einen Ausdruck von Härte zeigten. — »Niemals!« Sprich mir überhaupt nicht ein Wort von diesem —«
»Mutter, es ist mein Kind, von dem D« sprichst!« „Welches ich nie anerkennen werde!«
Graf Biela erhob sich.
»Mutter, ich verlasse Dich jetzt,« sagte er mit gepreßter Stimme. „Ich bitte Dich nochmals inständigst, wohl zu überlegen, ehe Du Dein letztes Wort sprichst; ich hoffe, Du wttst dies schon aus Rücksicht auf Deinen einzigen Sohn thuo.«
Die Gräfin erwiderte nichts.
Alfted küßte die Hand seiner Mutter, die sie ihm entzog, und verließ langsamen Schrittes das Zimmer.
. Mit um so schnelleren Schrttte» durchmaß die Gräfin letzt das Gemach; sie war aufgeregt und suchte nicht ihre Aufregung zu verbergen. Sie fühlte sich tief verletzt, im Herzen gekräntt durch die Worte und die Handlungen ihres einzigen Sohnes. Das Gefühl ihrer Ohnmacht ihm gegenüber war es namentlich, was sie bitter stimmte; sie konnte es nicht hindern, daß er dieses Mud öffentlich als das stimge anerkannte - kein Mensch konnte das hindern! Dro^dem befestigte sich tu ihr der Vorsatz, persönlich weder die Ehe mit der Bürgerstochter, noch das derselbe entsprossene Kind anzuerkenneu.
. war,inzwischen auf sein Zimmer gegangen. Ein
solch vollständiges Zerwürfnis mtt seiner Mutter hatte außerhalb feiner Berechnung gelegen; zwar kannte er ihren Stolz zur Genüge, er hatte jedoch gehofft, sie weich und nachgiebig zu stimmen zu Gunsten seines unschuldigen Kindes.
I Trauerhause, Kurfürstenstraße 53, aus zur letzten Ruhe bestattet. Die Wohnräume in der zweiten Etage vermochten kaum die Menge der Leidtragenden zu fassen, die mit dem Frühverschiedenen durch Beruf oder Verkehr in Berührung gekommen. Se. Majestät der Kaiser und se. königl. Hoheit der Kronprinz ehrten das Andenken des treuen Staatsdieners durch Uebersendung von Lvrbecrkränzen; das Gleiche lhat auch Fürst Bismarck als spezieller Chef des Verewigten. Aber auch zahlreiche andere Kränze schmückten den int Arbeitszimmer aufgebahrten Sarg. Der „Verein zur Beförderung des Gewerbefleißes" hatte einen großen Lorbeer- kranz gewidmet, auf der Schleife eines anderen Kranzes las man die Widmung „Dem treuen Freunde des Handwerks, der Zentralvorstand des deutschen Schuhmacher- Jnnungsbundes"; ähnliche Kränze wurden von anderen Handwerker- und gewerblichen Verbindungen gewidmet. Der Kaiser und der Kronprinz halten ihre persönlichen Adjutanten zur Trauerfeier entsandt. Von Mitgliedern des königlichen Staatsministeriums bemerkte man die Minister v. Puttkamer, Dr. Friedberg, Di. v. Scholz, Bronsart v. Schellendorff, v. Bötticher und Dr. Lucius, während der Kultusminister durch den Ministerialdirektor Greiff und Unterstaatssekretär Lucanns, der Minister Maybach durch einige Räte vertreten waren. Man bemerkte ferner den Staatssekretär v. Schelling und zahlreiche andere Mitglieder des Bundesrats: den bayerischen Gesandten Grafen von Lerchenfeld, den bayerischen Militärbevollmächtigten Obersten v. Xylander, den sächsischen Gesandten Grafen v. Hohen- thal und viele andere. Von Mitgliedern des Staatsrates hatten sich u. a. noch Ober-Hofprediger Kögel und Pro- । stflvr Gneist eingefunden. Vollzählig waren die vortragenden Räte des Handelsministeriums anwesend, und in der Menge der übrigen Leidtragenden bemerkte man noch den Polizei-Präsidenten v. Richthofen, den Wirkl. Geh. Ober- Finanzrat Baron v. Lentz, den Vorsitzenden des Aeltesten- Kollegiums der Berliner Kaufmannschaft Geheimrat Mendelssohn, ferner Professor Reuleaux, Direktor Kübler, Direktor Jessen von der Berliner Handwerkerschule, sowie viele sonstige Vertreter des Handwerks, der Kaufmannschaft und des Gewerbes. Nachdem ein Sängerquartett den Choral: ^Was Gott thut, das ist wohlgethan" gesungen hatte, hielt Superintendent Dryander die Gedächtnisrede. Draußen nahm ein zweispänniger offener Leichenwagen den Sarg auf. Als der stattliche Trauerkondukt sich in Bewegung | setzte, folgten unmittelbar hinter dem Sarge die Galakutschen des Kaisers und des Kronprinzen, während eine lange Wagenreihe den Schluß des Zuges bildete. Auf dem Zwölf - Apostel - Kirchhof in Schöneberg erfolgte dann die Beisetzung des vielbetrauerten Mannes. — Bedeutende Unterschlagungen sind seit einer Reihe von Jahren zum Nachteile der Berliner Ortskrankenkasse der Tischler durch die Kassierer verübt und jetzt entdeckt worden. Einer der Schuldigen ist verhaftet, ein zweiter hat sich erhängt und
»Noch mehr!« entgegnete der Graf scheinbar gelassen, obschon es in ihm kochte; „sie war die Mutter meiner Tochter!«
„Unb das wagst Du mir zu sagen — wagst mir diese Schande zu bekennen?! ..."
»Halt ein, Mutter!« rief er, indem Leichenblässe sein Gestcht überzog und sein sonst so tteuherzig und gutmüthig blickendes Auge unheimlich funkelte. »Nennst Du es eine Schande, wenn ein Mann ein tugendhaftes schönes Mädchen, das er liebt, heiratet? — Eine Schande und ein Bubenstück ttfirbe es fein, ein solches Mädchen zu verführen, und ich denke, Du hast eine bessere Meinung von mir, als daß Du dergleichen mir zutraueu könntest. — Du nennst eS eine Schande, daß ich Emllie geheiratet? — Hätte sie Rang und hohe Geburt gehabt, mit Stolz würdest Du sie als Deine Schwiegertochter begrüßt Haden: und wären nicht Deine Vorurteile, Du würdest sie auch ohne Rang und Namen mit Freuden begrüßt haben, denn sie war der höchsten Stellung würdig durch den Adel ihrer Gesinnung! — Bitte, unterbrich mich nicht, Mutter!« fuhr Alfred fort, als die Gräfin Miene machte, ihm in die Rede zu fallen. »Einen Feigling, einen Elenden hättest Du mich mit Recht nennen dürfen, wenn, nachdem ich ihr Herz einmal gewonnen, ich fte nicht zu meinem Weibe gemacht. UebrigenS hat nur ihr unerwartet früher Tod mich gehindert, sie als Gräfin Biela öffentlich zu zeigen. So denke ich, Mutter, und werde so zu denken nie aufhören!«
»Weshalb stelltest Du sie denn nicht früher vor, wenn Du den Muth dazu hattest?« fragte die Gräfin.
»Weil sie es nicht wollte; ihren ganzen Stolz fand sie darin, mein Weib zu sein, am Titel lag ihr nichts. O, wie habe ich es schon bereut, ihrer Bitte gewillfahrt zu haben 1 — Doch ich werde das an meiner Tochter wieder gut zu machen suchen: sie soll öffentlich mein Kind sein und heißen; Dich