«r. 98.
Marburg, Mittwoch, 28. April 1886.
XXI. Jahrgang.
Erscheint täglich außer an Werttagen nach Sonn- und Feiertagen. - Quartal- LdimnementS-Breis bei der Expedition 21/« Mk., bei ben Postämter 2 Bit. 50 Pfg. (erd. Bestellgeld). Jnsertionssebübr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. Reklamen für die Zeile 25 Pfg.
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Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d- Blatte«, sowie d-Anuoncen-Bureau« von Haasenstein undBogler in Frankfurt a. Pi, Gaffel, Magdeburg und Wienx Rudolf Moste in Frankfurt a M., Berlin,München und Köln; G. L. Daube und So. n rantfurt o. M-, B rl n, Ha nover u.PariS
Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger s. d. Kreise Marburg v. Kirchhain. - Z
Expedition Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
Bestellungen für die Monate Mai und Juni auf die Oberhessische Zeitung uud deren Beiblätter werden von allen Postanstalten und für hiesige Stadt von der Elpedition entzegengenommen
Deutsches Reich.
Berlin, 24. April. Auf Allerhöchsten Befehl wird sich zum 27. d. M. Prinz Wilhelm von Preußen, Oberst und Kommandeur des Garde-Husarenregiments, mit einer Deputation des Regiments, bestehend aus deni Rittmeister und Eskadronchef von Gustedt, dem Premierleutnant von Blücher, dem Sekondleutnant und Regimentsadjutanten ad interim v. Chelius und dem Sekondleutnant v. Klitzing, nach Stuttgart begeben, um den Prinzen Wilhelm von Württemberg, Generalleutnant ä la suite des Garde- Husarenregiments , anläßlich seiner Vermählung zu begrüßen. — Die neue soeben dem Bundesrat zugegangene Zuckersteuervorlage nimmt eine Besteuerung der Rüben mit 1 Mk. 70 Pf. per Doppelzentner, eine Exportbonifikation vom 1. Oktober 1886 bis 30. September 1887 mit 18, dann mit 17 Mk. 25 Pf. in Aussicht. — Herr v. Möller, Unterstaatssekretär im Handelsministerium, ist nach kurzem Krankenlager gestern gestorben. Derselbe war auch Staatssekretär des preußischen Staatsrats, und ist nur 50 Jahre alt geworden. Er galt für einen hervorragenden Arbeiter. Fürst Bismarck widmet ihm heute im Staatsanzeiger einen ehrenvollen Nachruf.— Dem Reichstag ist ein Bericht der Reichsschuldenkommission zugegangen, wonach im Reichsinvalidenfonds am 30. Juni 1885 Wertpapiere im Barwert vorhanden waren zum Nominalbetrag von 513 289 396 Mk. 73 Pf, wovon in 3prozentigen Wertpapieren 3 000 000 Mk., in 4prozentigen Wertpapieren 328 203 248 Mk. 40 Pf., in 4 / prozentigen Wertpapieren 180017 600 Mk. und in 4,55 prozentigen Wertpapieren 181000 Mk. angelegt waren. Der Bestand des Reichs- Festungsbaufonds betrug Ende Februar 1886 30950600 Mark in Schuldverschreibungen, 311,17 Mk. in Barwerten. Der Bestand des Fonds für Errichtung des Reichstagsgebäudes belief sich Ende Februar 1886 auf 20996400 Mk. in Schuldverschreibungen und 85 Mk. 31 Pf. in Barwerten. — Die Antwort Griechenlands auf das geplante Abrüstungsverlangen der Mächte wird nach Andeutungen, die von diplomatischer Seite kommen, vermutlich eine ausweichende sein. Man scheint in griechischen diplomatischen Kreisen sehr fest davon überzeugt zu sein, daß Griechenland an Frankreich und Rußland einen sicheren Rückhalt hat. Neuerdings spekuliert man auch wieder auf die Unterstützung Italiens. Einer Londoner Korrespondenz der „Nat.-Ztg." zufolge unterhandelt Rosebery mit den Mächten etwa über folgende Punkte: Durch je ein Kriegsschiff jeder
Macht soll das Abrüstungsverlangen nach Athen überbracht werden. Jeder Gesandte soll es einzeln bei Delyannis übergeben. Wenn dieser ablehnt, sollen die Gesandten Athen verlassen und es soll dann die Blokade folgen. — Die Konservativen des Abgeordnetenhauses sind zu einer Fraktionsberatung zum 3. Mai behufs Beratung der Kirchenvorlage eingäaden.
— Nachdem durch den Staatshaushaltsetat des laufenden Etatsjahres bekanntlich eine Verbesserung der Gehälter der Bauinspektoren der allgemeinen Bauverwallung herbeigeführt worden, hat der Minister der öffentlichen Arbeiten in einem Zirkularerlaß an die Regierungspräsidenten u. s w. vom 18. April hinsichtlich der Nebenarbeiten jener Beamten, d. h. aller solcher Arbeiten, die nicht zu den eigentlichen Dienstgeschäften derselben gehören, bestimmte Anordnungen getroffen. Die wesentlichsten Bestimmungen des qu. Zirkularerlasses sind folgende: Die selbstständige Ueber- nahme von Nebenarbeiten gegen Vergütung irgend welcher Art ist bei den Bauinspekloren untersagt. Die Erlaubnis zu Nebenarbeiten kann indetz — vorausgesetzt, daß die dem Beamten obliegenden amtlichen Geschäfte dies überhaupt zulasscn — erteilt werden, sofern die Uebernahme solcher Nebenarbeiten im öffentlichen Interesse notwendig oder zweckmäßig erscheint. Letzteres wird in der Regel anzunehmen sein bei der Aufstellung von Entwürfen, sowie der Beaufsichtigung oder Ausführung von Bauten und sonstigen Anlagen für Kirchen- und Schulverbände, Deich-, । Ent- und Bewässerungs-Genossenschaften, sowie für andere öffentliche Verbände, für Stiftungen rc. ’c. Unter besonderen Umständen kann auch die Erteilung der Erlaubnis zur Entwerfung, Leitung und Ausführung von Privatbauten rc. durch einen Staatsbaubeamten beril öffentlichen Interesse entsprechen, insbesondere, wenn andere geeignete technische Kräfte nicht zur Verfügung stehen. Die in allen Fällen nur widerruflich zu erteilende Genehmigung ist bei der unmittelbar vorgesetzten Behörde zu beantragen; diese entscheidet selbstständig über die Erteilung der Erlaubnis, sofern es sich nicht um eine Nebenbeschäftigung handelt, mit welcher eine fortlaufende Remuneration verbunden ist. In Fällen dieser Art ist in Gemäßheit der Allerhöchsten Kabinettsordre vom 13. Juli 1839 behufs Einholung der Genehmigung an den Minister zu berichten. Die für die betreffende Arbeit p. p. zu leistende Vergütung wird seitens der Behörde, welche zu deren Uebernahme die Erlaubnis erteilt, festgesetzt und zur Staatskasse vereinnahmt. Letzteres findet in Zukunft gleichfalls statt hinsichtlich der Gebühren für Dampfkessel-Revisionen und für die Abgabe von gerichtlichen Gutachten. Dem betreffenden Beamten wird für seine Mühewaltung eine Remuneration gewährt, welche sich — von besonderen Ausnahmefällen abgesehen — mit der an die Staatskasse entrichteten Vergütung deckt. Die
Verrechnung erfolgt bis dahin, daß ein betreffender Einnahme- bezw. Ausgabetitel in den Staatshaushaltsetat ausgenommen sein wird, außeretatsmäßig extraordinair. Behufs Bemessung der letzteren für den nächsten Staatshaushaltsetat sind die für die Monate Mai, Juni und Juli d. I. vereinnahmten bezw. verausgabten Beträge bis zum 1. Sept» d. I. hierher anzuzeigen.
— Durch das Gesetz, betreffend die Ueberweisung vom Beträgen, welche aus landwirtschaftlichen Zöllen eingehen^ an die Kommunalverbände, vom 14. Mai 1885 (sog. lex Huene) sind die dem preußischen Staatshaushalte zu- fließenden Einnahmen aus dem Ertrage der vom Reiche erhobenen Getreide- und Viehzölle, abzüglich eines Betrages von 15 Millionen Mark, zur Ueberweisung an die Kreise bestimmt worden. Ein gemeinschaftlicher Erlaß der Minister des Innern, des Kultus und der Finanzen an die Ober- Präsidenten stellt die allgemeinen Grundsätze auf, nach denen bei Ausführung des Gesetzes zu verfahren sein wird» Gemäß § 3 desselben soll die Verteilung der überwiesenen Summen auf die einzelnen Kreise zu zwei Dritteln nach dem Maßstabe des Solls an Grund- und Gebäudesteuer des Jahres 1885/86 unter Hinzurechnung der fingierten Grund- und Gebäudesteuer, soweit solche nach den Grundsätzen der Kreisordnung durch Zuschläge zu den Kreis- steueru herangezogen werden kann, und zu einem Drittel nach der durch die Volkszählung vom 1. Dezember 1885 festgestcllten Zahl der Zivilbevölkerung erfolgen. Bei dem Umfange der vorzunehmeirden Abrechnungsarbeiten läßt sich die Ermittelung und Feststellung der den einzelnen Kreisen zufallenden Anteile an den überwiesenen Beträgen aus dem jedesmaligen Vorjahre frühestens im Monate Juni oder Juli bewirken Im Juni oder Juli 1886 wird also zum ersten Male die Ueberweisung erfolgen. Aller Wahrscheinlichkeit nach werden zum Zeitpunkt der Verteilung der Ueberweisungssummen die endgültigen Ergebnisse der Volkszählung vom 1. Dezember v. Js. noch nicht durchweg festgestellt sein, und es werden infolge dessen möglicherweise der Verteilung die provisorisch festgestellten Ziffern unter Vorbehalt eines etwa erforderlichen Ausgleiches für das nächste Jahr zu Grunde gelegt werden müssen Im übrigen ist mit Rücksicht auf hierüber laut gewordene Zweifel zu erwähnen, daß unter Zivilbevölkerung nicht die Wohnbevölkerung, sondern die ermittelte ortsanwesende Bevölkerung, abzüglich der aktiven Militärpersonen zu verstehen ist. Die weiteren Erläuterungen des Erlasses beschäftigen sich mit den im Gesetz vorgesehenen Verwendungszwecken. Namentlich wird darauf hingewiesen, daß im Gesetz kein Unterschied gemacht ist, ob die Abgaben, zu deren Erleichterung die überwiesenen Summen in erster Linie verwendet werden müssen, für die eigenen Zwecke des Kreises selbst oder von dem Kreise für die Zwecke an-
Geschichtskalenver.
28. April.
1799. Rastatter Gesandtenmord. — Die vom Rastatter Kongreß zurückkehrenden französischen Gesandten werden bei einbrechender Nacht unweit der Stadt von österreichischen Husaren überfallen, ihrer Pavl-"' o-raubt und schrecklich mißhandelt; zwei Ges ermordet.
1809. Schill verläßt mit seinem Korps Berlin.
1853. Der Dichter Ludwig Tieck stirbt.
.1859. Die Oesterretcher überschreiten den Grenzfluß Tessin, und rücken in Sardinien ein.
1866. Oesterreich beantragt beim Bundestag, derselbe möge die beiden Herzogtümer dem Prinzen von Augustenburg zuerkennen, und die Schlichtung der ganzen Angelegenheit übernehmen; Preußen dagegen erklärt, daß dies einer Lossagung vom Gasteiner Vertrag gleich komme und fordert, daß Oesterreich seine Armee auf Friedensfuß setze.
1876. Die Königin Viktoria von England verkündet in einer Proklamation, daß sie den Titel „Kaiserin von Indien* annehme.
Im Schatten des Lebens.
Roman von P. Felsberg.
(Fortsetzung,)
Auch Herr von Bergen, von einem Spazierritt zurückkehrend, freute sich sehr der Anwesenheit Hedwigs. Nahezu 50 Jahre alt, kennzeichnete seine ganze Erscheinung den früheren Offizier; sein ursprünglich schwarzes Haar war schon von zahlreichen Silberfäden durchzogen, zu dem Gesichtsausdruck paßte der lange, schon vollständig graue Schnurrbart vortrefflich, wenn er schon den sonst gutmütigen Zügen etwas Strenges verlieh; dieser Ausdruck verlor sich jedoch nach einer kurzen Unterhaltung mit dem äußerst liebenswürdigen Manne.
Tie Bergen'sche Familie war eine höchst angenehme,
Liebe und Zutrauen erweckende: man fühlte sich in ihrem Kreise bald wohl und heimisch. Kunst und Wissenschaft wurden da gepflegt, Künstler und Männer des Wissens hochgeschätzt und herangezogen. Schon seit länger denn einem Jahre verweilte die Familie an den Ufern des Genfer See's, von dessen natürlichen und geselligen Reizen sie sich nicht trennen mochte. Hedwig und Helene waren seit frühester Kindheit die besten Freundinnen; ihre Väter waren Kriegskameraden gewesen und deren Grundstücke stießen in der Residenz aneinander.
Unter lebhafter Unterhaltung verging der Nachmittag. Um die Zeit des Diners hielt ein Wagen vor dem Hause und bald meldete der Diener Herrn Heimbeck,. welcher auf das Zuvorkommendste von der Gesellschaft begrüßt wurde. Der junge Künstler war groß und schlank, eine fast krankhaft zu nennende Blässe nahm seinem Gesicht den Stempel der Schönheit, den es sonst vielleicht gehabt hätte; bezaubernd schön jedoch und das ganze Antlitz verklärend, wirkten seine tiefblauen Augen. Seine geistreiche Unter« Haltung, seine feine Bildung und gediegenes Wissen bekundendes Wesen machten ihn zum interessanten Manne, namentlich zum Günstling der Damenwelt. Heimbccks Vater war ein reicher Kaufmapn in Genf, wo der Sohn das Konservatorium besuchte, nm das ihm innewohnende Talent zur höchstmöglichen Ausbildung zu bringen.
Nach dem Diner, welches mit heiterer Unterhaltung gewürzt wurde, folgte der junge Mann der Aufforderung der Frau von Bergen, seine musikalischen Gedanken in freien Phantasien widerzugebeu; er nahm aus der Hand eines Dieners seine Geige und, vom zartesten Dolce nach und nach ins rauschendste Foite übergehend, batte er bald ein Meer der entzückendsten Melodien geschaffen, in welchem fein kleines Auditorium schwelgte. Dann verwoben sich die Töne zu einer schwermütig klingenden Weise und, von bangen Sehnsuchtslauten durchzittert, verschmolzen sie in eine Klage um verlorene Ideale und Illusionen.
Lange noch, nachdem d r Künstler geendet, waren die Zuhörer gefesselt durch die Macht der Töne; stumm drückte zuerst Herr von Bergen dem jungen Mann die Hand, dessen von Begeisterung dnrchglühtes Antlitz in diesem Augenblick wirklich schön war, die Bergen'schen Damen sagten ihm die schmeigelhaftesten Komplimente, während Hedwig unter dem Banne der Musik mit gesenkten Blicken da saß und zusammenschrak, als Helene sie anredete:
„Nun, meine liebe Hedwig, sollst Du uns etwas singen.*
„In diesem Augenblick, wo noch das seelenvolle Spiel, welches wir soeben gehört, in meiner Brust Saiten schmerzlicher Erinnerung durchklingen läßt, ist es mir unmöglich,* entgegnete Hedwig mit bittendem Blick.
Helene drückte leise die Hand der bewegten Freundin; sie ahnte, daß die Erinnerung an dem vor Kurzem erst verstorbenen Vater, der selbst ein großer Musikfreund gewesen, das Herz der Tochter tief ergriffen haben mußte. Sie setzte sich nun selbst ans Instrument und trug eine der unsterblichen Schöpfungen des Meisters Beethov.n fast vollständig vor. Es folaten dann Schubert'sche Kompositionen für Klavier und Violine und der Abend gestaltete sich in dieser Weise zu einem sehr genußreichen — leider nur zu früh für die Wünsche der kleinen Gesellschaft durch die Ankunft dcs Wagens gestört, der kam, nm Hedwig abzuholen.
Nach herzlichem Abschied von der eng befreundeten Familie fuhr Hedwig in fieren Gedanken auf der vom Mondlicht erhellten einsamen Straße ihrer Wohnung zu; tausend wirre Bilder zogen an ihrem inneren Ange vorüber; noch klangen in ihrem Gemüth die schmerzlich-sehnsuchtsvollen Töne nach, die sie zuvor gehört und die ihr Herz mit dem Ahnen eines bis dahin ungckannten Glückes erfüllten. Sie fühlte sich recht vereinsamt feit dem Tode ihres Vaieis, der feine einzige Tochter sehr geliebt und durch verdoppelte Zärtlichkeit versucht hatte, sie für die mangelnde Liebe ihrer stolzen Mutter zu entschädigen.
Nach des Vaters Tode hatte sie den Versuch gemacht