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Nr »6.
Marburg, Freitag, 23. April 1886.
XXI. Jahrgang.
«rsch int täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. — Quartal- Udonnements-Preis Lei der Expedition 2>/« Mk., bei den Postämter 2 M. 50 Pfg. (excl. Bestellgeld). Jnsertionsgebübr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. IlwamiN für die Zelle 25 Pfg.
Ohtchchscht MW.
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blatte-, sowie d Annoncen-Bureaux vonHaasenstein undBogler in Frankfurt a. M , Caffel, Magdeburg und Wien; Rudolf Mosse in Frankfurt a M-, Berlin,München und Köln; G. L. Daube und Co. n ranksurt a. M-, B rlin, Ha nover u.PariS
Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg n. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.
Expedition Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
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Die Verhältnisse in Italien.
In Italien ist die öffentliche Stimmung eine sehr gedrückte, Hervorgernfen durch die Mißcrfolgeder auswärtigen Politik am Mittelmeer. Dort sind nur Erwerbungen am Noten Meer gemacht, die in Anbetracht der ungeheueren Opfer an Geld und Menschen recht wertlos sind. Dazu kommt noch, daß sich die Landarbeiter Italiens in äußerst elenden und dürftigen Verhältnissen befinden. Diese Verhältnisse haben ihren Grund in dem Uebcrwiegen des Großgrundbesitzes, wobei dem eigentlichen Besitzer der Grund und Boden als Quelle einer von ihm zu beziehenden Rente gilt, während sich zwischen ihn und den das Grundstück selbst oder mit etlichen Taglöhnern bewirtschaftenden Unterpächtern noch eine oder mehrere Schichten von größeren Pächtern einschieben. Der Großgrundbesitzer kommt also in keinerlei Berührung mit den eigentlichen Landarbeitern und kennt somit für dieselben auch kein näheres, unmittelbares Interesse. Der Boden muß also die Mittel zum Lebensunterhalt so vieler Schichten von Nutznießern liefern; es ist also leicht erklärlich, daß sich der Landarbeiter selbst in schlechter Lage befindet. — Diese Schilderung der Verhältnisse paßt hauptsächlich auf Oberitalien; in Unteritalien überwiegt dagegen die Viehzucht. Dieselbe entzieht dem Ackerbau ungeheure Landstrecken, so daß also hier ein eigentlicher Bauernstand gar nicht entstehen kann. Man findet einen solchen nur in der Romagna und in einzelnen Strichen der adriatischen Küste. Infolge dessen stehen die Landarbeiter in keinem Lande des Abendlandes auf einer so niedrigen Kulturstufe, wie gerade in Italien; nirgends ist ihre Lebenshaltung eine so herabgedrückte wie dort. Natürlich ist auch die Wirkung in unserer von socialen Reform- und Umsturzideen bewegten Zeit nicht ausgeblieben; vielmehr hat die sozialistische und revolutionäre Propaganda gerade unter dem ländlichen Proletariat einen fruchtbaren Boden gefunden. So bestehen in Oberitalien bereits zahlreiche Vereine der bezeichneten Art unter der ländlichen Bevölkerung. Die allgemeine Lage ist also heute keine glänzende. Doch ist gerade unter dem jetzigen Ministerium Depretis mancher Anlauf gemacht worden, den vorhandenen Beschwerden abzuhelfen und die drückenden Lasten zu beseitigen. So ist unter seinem Regiment die verhaßte Mahlsteuer beseitigt und die Grundsteuer reformiert worden. Die letztere war in Oberitalien ganz anders eingerichtet als in Unteritalien; sie war dort sehr drückend. Als sie nun einheitlich umgestaltet werden sollte, galt es für die Unteritaliener ihrerseits Opfer zu bringen, und es war ein schöner Beweis ihres Patriotismus, daß die Vertreter Unteritaliens das Zustandekommen des Gesetzes eifrig fördern halfen. Am 17. Dezember v. Js. wurde es denn auch mit 275 gegen 168 Stimmen angenommen. Allerdings half dieses Gesetz gerade den wirklich notleidenden Bevölkerungsschichten nichts. Soll eine Besserung ihrer
Lage erreicht werden, so muß die Arbeit einer umfassenden sozialpolitischen Gesetzgebung in Angriff genommen werden und dazu ist Depretis noch nicht gekommen. Doch ist es immerhin schon ein günstiges Anzeichen für die Befestigung der italienischen Verhältnisse, daß sich Depretis nun bald 5 Jahre, seit dem 29. Mai 1881, an der Spitze der Geschäfte zu erhalten vermochte. Dagegen haben die Reffortminister wiederholt gewechselt; so ist vor noch nicht langer Zeit z. B. der Minister des Auswärtigen, Mancini, durch den Grafen Robilant ersetzt worden, und augenblicklich ist die Stellung des Finanzministers Magliani ernsthaft bedroht. Aber Depretis hat sich gegen die Opposition und gegen seine Rivalen bis jetzt siegreich behauptet.
Deutsches Reich.
Berlin, 21. April. Bei dem andauernden Wohlbefinden des Kronprinzen werden Bulletins nicht mehr ausgegeben. — Der Bundesrat überwies die Vorlage, betreffend den Abschluß einer Uebereinkunft mit Großbritannien zum gegenseitigen Schutze der Rechte an Werken der Litteratur und Kunst dem Ausschüsse für Handel und Verkehr und dem Ausschüsse für das Justizwesen. Den vom Reichstage abgeänderten Gesetzentwürfen, betreffend die Unfall- und Krankenversicherung der in den land- und forstwirtschaftlichen Betrieben beschäftigten Personen, sowie betreffend die Unzulässigkeit der Pfändung von Eisenbahnbetriebsmitteln, wurde die Zustimmung erteilt. — Der Bundesrat beschloß heute, die Kreditfrist für die bereits kreditierte und im laufenden Monate fällige Rübenzuckersteuer um drei Monate zu verlängern. — Der „Weser- Ztg." wird von hier geschrieben: „Die Strikebewegung unter den Berliner Bauhandwerkern, auf welche nicht nur die beteiligten Kreise, sondern der gesamte Handelsstand Deutschlands blickt, scheint auch in diesem Jahre größere Dimensionen annehmen zu wollen. Die sich in allen Stadtteilen und vornehmlich in der äußeren Peripherie Berlins geltend machende Baulust kommt dieser Handwerkerbewegung dabet sehr zu statten. Die im vorigen Jahre gewählte Lohnkommission hat seit dieser Zeit ihre Thätig- keit nicht eingestellt. Allwöchentlich mehrfach entbietet diese Kommission die Maurergesellen Berlins zu Versammlungen, die über die einleitenden Schritte zum Wiederbeginn des Strikes beraten. Der Anlaß des diesjährigen Strikes soll weniger die Bewilligung einer bestimmten Lohnerhöhung, 50 Pfg. pro -stunde, dieser Lohnsatz ist von den Großmeistern zumeist bewilligt — sein, als vielmehr der Wunsch, die Meister zu zwingen, die seitens der 12000 Maurergesellen Berlins gewählte Lohnkommission, als zu Recht bestehend, anzuerkennen. Die Maurermeister sehen nämlich in der jetzt bestehenden Gesellenvertretung eine Benachteiligung ihrer Interessen und zwar nur deshalb, weil diese Gesellenvertretung durch Versammlungen gewählt
Geschichtskalender.
23. April.
1564. Wahrscheinlicher Geburtstag von William Shakespeare, Englands größtem dramatischen Dichter.
1586. Wurde zu Eilenburg geboren der Dichter des Liedes: „Nun danket alle Gott!' Magister Martin Rinkart. Mit Recht wird derselbe für dieses Danklied als der Ambrosius der evangelischen Kirche gefeiert.
1652. Gieng in Oberkaufungen in Hans Tellen eines Fuhrmanns Haus, um zwei Uhr Nachmittags ein Feuer auf, so schnell, daß kaum in einer halben Stunde 20 Häuser in vollem Brand standen „da denn innerhalb ungefehr 4 oder 5 Stunden 50 und mehr der feinsten Häuser zu Aschen worden und hiednrch dieses sonst schöne Dorff jännnerlich verdorben."
1703. Der Dichter Friedrich v. Hagedorn zu Hamburg geboren. Er schrieb im Geiste des Horaz heitere, an. mutige Lieder der Geselligkett und der Lebensfreude. Auch sinnige Fabeln verdanken wir seiner Feder.
1848. Der preußische General v. Wrangel erstürmt das Danewerk, einen mächtigen Wall gegen die Deutschen zwischen Gder und Schlei, schlägt die Dänen und befreit Schleswig.
1859. Oesterreich fordert Sardinien auf, binnen 3 Tagen seine Armee auf Frtedeusfuß zu stellen, widrigenfalls eS ihm den Krieg erkläre.
24. April.
1539. Herzog Georg von Sachsen, der größte Feind der Evangelischen, stirbt.
1547. Schlacht bei Mühlberg an der Elbe, in welcher Kaiser Karl V. siegte, den Kurfürsten von Sachsen und den Landgrafen Philipp von Hessen zu Gefangenen machte, und schließlich die Protestanten zur Annahme des Interim,
welches ihnen bis zur Entscheidung des Concils die Priesterehe und den Laien den Kelch im Abendmahle gestattete — zwang.
1706. K. Jmmermann, dramatischer Dichter und Schriftsteller, geboren.
1809. Hob Napoleon L zu Regensburg den deutschen Orden auf, übergab dessen Güter den Rhetnbundfürsten, und fand die Comthure mit kläglichen Jahrgeldern ab.
Im Schatten des Lebens.
Roman von P. Felsberg.
(Fortsetzung,)
Von der schweren Uhrkette löste er ein kleines, reich mit Brillanten besetztes Medaillon, öffnete es und erblickte darin sein eigenes Bild; nachdem er leicht eine Feder berührt, sprang eine andere Kapsel auf und das liebreizende Antlitz seiner Emilie zeigte sich. Lange hing sein Blick an den Zügen der ihm Unvergeßlichen, daun drückte er einen innige» Kuß auf das Bild und schloß dar Medaillon.
Durch ein Geräusch im Zimmer gestört, gewahrte er, sich umblickend, Margaretha. Ein Zug inniger Frende verklärte das runzelige Gesicht der Alten, als sie ihren Herrn zum ersten Male so lange und ruhig an dem Bettchen ihres Pflegekindes sah.
„Meine gute, treue Margaretha," sagte Herr Biela, „hänge Deinem Schützling dies uw." Und er reichte ihr das Medaillon. „Briefe von großer Wichtigkeit, welche ich erhielt," fuhr er fort, „verlangen meine Abreise — und zwar schon morgen. Wie lange ich Euch fernbleiben werde, vermag ich jetzt noch nicht zu bestimmen; vielleicht kehre ich nur zurück, meine Tochter und Dich in die Heimat zu führen . . ."
„O, gnädiger Herr!" rief erschrocken Margareth, „Sie wollten der gnädigen . . ."
wurde, die uicht durchweg von Maurern besucht waren, den Willen der Maurergesellenschaft also nicht repräsentieren. Die Meisterschaft Berlins will aber nicht eine auf Grund einer öffentlichen Versammlung gewählte Maurergesellen- Lohnkommission anerkennen, sondern die Wahl der Lohnkommission nach dem effektiven Bestände der Maurergesellen Berlins vorgenommen wissen. Die Meister haben darum in ihren in letzter Zeit abgehaltenen Versammlungen erklärt, sie werden nur eine auf Grund des von ihr geforderten Wahlmodus gewählte Lohnkommission anerkennen und zwar so, daß je 100 Gesellen einen Vertreter wählen, die dann in gemeinsamen mit der Meisterschaft den Lohn der Gesellen vor den Kontraktabschlüssen der Meister festsetzen sollen. In dieser Weise hoffen die Meister jeder Lohnstreitigkeit nut den Gesellen aus dem Wege zu gehen. Die Forderung der Meister wollen nun ganz besonders die Führer der Maurergesellen nicht anerkennen, obwohl sie einen stichhaltigen Grund hierfür nicht angeben. Ob die derzeitigen Führer und Vertreter der Gesellenschaft befürchten, bei Annahme des von der Meisterschaft gewünschten Wahlmodus der Führerschaft verloren zu gehen, ist nicht klar. Augenscheinlich scheint die Befürchtung in den Kreisen der Gesellenschaft zu sein, die Meister möchten die Organisation zersplittern und die jetzigen Führer maßregeln. — Im Weiteren verwerfen die Führer der Gesellen jedwede Akkordarbeit im Maurergewerbe. Sie behaupten, daß die Solidität der Arbeit bei jeder Akkordarbeit leide und wohl oder übel die gesetzlichen Vorschriften der Baukommission hierbei umgangen werden müssen. Sie wollen aber zu keiner Gesetzesverletzung ihre Hand bieten.
A Berlin, 21. April. Unter dem Vorsitz der Kaiserin fand am Montag Abend in einem der Säle des Königlichen Schlosses eine Sitzung des Kuratoriums des Berliner Magdalenenstiftes statt. — Ueber die Abreise des Fürsten Bismarck nach Friedrichsruhe ist noch nichts bestimmtes festgesetzt; jedoch sind alle Vorbereitungen so getroffen, daß die Reise jeden Augenblick erfolgen kann. Die Rückkehr nach Berlin soll gleich nach Ostern und jedenfalls mit dem Wiederbeginn der parlamentarischen Arbeiten erfolgen. — Gestern Nachmittag sand nach einer Mitteilung des „Neichs.-Anz." im Auswärtigen Amt unter dem Vorsitz des UnterstaatSsekretärs Grafen v. Bismarck eine Versammlung der hier beglaubigten Vertreter der Signatur- Mächte der Kongo-Konferenz statt, um in Gemäßheit des Art. 38 der General-Akte der Berliner Konferenz ein Protokoll über die erfolgte Hinterlegung der eingegangenen Ratifikations-Urkunden aufzunehmen. Nach Mitteilung des Vorsitzenden haben sämtliche Mächte, welche an der Konferenz teilgenommen haben, mit Ausnahme der Vereinigten Staaten, die General-Akte ratifiziert. Anstatt des sonst üblichen Austausches der Ratifikations-Urkunden ist die Bestimmung getroffen, daß die Ratifikationen aller Mächte
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„Margareth", unterbracv er sie, „sei ruhig; ich hoffe, eS wird mir gelingen. Du sollst auf alle Fälle bald Nachricht von mir haben."
Am Morgen des folgenden Tages trat Herr Biela im einfachen, dunklen Retseanzuge abermals in die Kinderstube. Die Kleine lag auf MargarethS Armen, und diese war bemüht, auf dem runden Gesichtchen ein Lächeln hervorzu- rufen. Herr Biela trat hinzu, und wie zum Abschiedsgruße lächelte das Kiud zum ersten Male dem über ihm gebeugten Vater freundlich zu. Tief bewegt nahm er das Kind auf den Arm und preßte es au die Brust, einen Kuß auf die kleine Sttrn hauchend; dann gab er der Alten, welche nur mit Mühe ihre Thränen zurückhielt, das Kind wieder.
„Unter Deiner Pflege, Du gute, treue Seele, weiß ich es geborgen. Bald hoffe ich zurückzukehren."
Sein Kind nochmals küssend, reichte er Margareth die Hand und verließ dann das Zimmer, um bald daraus mtt dem Kurierzuge nach B. zu fahre».
Traurig blickte die alte Dienerin und Vertraute ihrem Henn nach. — Ihr ging sein Unglück sehr nahe: sie hatte, ihn geboren werden sehen, vom zartesten Alter an ihn gepflegt und geliebt; deßhalb glaubte sie — wie so manche alte Dienerin und Amme — ein Anrecht auf ihn erworben zu haben. Er war ihr auch für ihre Treue und Anhäng- lichkeit von ganzem Herzen dankbar, denn jede Liebe, selbst die einer alten Dienerin — wiffen gute Menschen zu schätzen.
Zärtlich ruhte der Blick der alten Frau auf dem Kinde in ihren Armen, eine ebenso sorgliche Pflegerin, wie sie eS dem Vater gewesen, gelobte sie nun auch der kleinen hilflosen Tochter zu sein.
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In den elften Tagen des November sandte die Sonne »och Helle, warme Souveustrahlen auf den iu majestätischer Pracht daliegenden Genfer See; dies entzückende Stück