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Mr. 91.
Marburg, Donnerstag, 22. April 1886.
XXI. Jahrgang.
Erscheint täglich außer an Werttagen nach Sonn-und Feiertagen. — Quartal- Monnements-Preis bei der greebition 21/* ‘ML. bei den Postämter 2 Ml. 50 Bfg. (excl. Bestellgeld). JnsertionSgebübr für die gespaltene Zeile 10 Big. Sierlamen für die Zeile 25 Pfg.
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d Blattes, sowie dAnnoncen-Bureaux von Haafenstein undVogler in Frankfurt a. M , Caffel, Magdeburg und Wien; Rudolf Moffe in Frankfurt ♦ a M., Berlin,München und Köln; G. L. Daube und Go. n rankfurt a. M-, Berlin, Ha nover ».Paris
Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Zlliistticrtes Sonntagsblatt.
______ Expedition Markt 21. — Redaktton, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
Di- deutsche Industrie und das Ausland.
Das deutsche Reich hat manchen offiziellen guten Freund und manchen, der sich noch so nennt, die deutsche Industrie aber hat im Ausland keinen einzigen Freund. In allen Ländern hackt die Konkurrenz auf uns los und sucht die deutsche Ware zu verdrängen und geht's nicht auf graben Wegen, so wird's auf krummen versucht, und bezüglich der Wahl der Mittel findet langes Nachdenken nicht statt. Für uns ist das nur ehrenhaft; die Ehre überwiegt den Aerger über solches kleinliches Treiben. Würde die deutsche Industrie nicht wirklich gediegene und preiswerte Waren liefern, so würde die Konkurrenz nicht auftreten, wie sie es thut, und so dumm ist das Publikum.auch nicht mehr, daß es an systematisches Schlechtmachen glaubt und sich gar nicht davon überzeugt, ob es denn nun wirklich so arg ist, wie es gemacht wird. Das Publikum des 19. Jahrhunderts ist vor allem neugierig, und das hat der deutschen Industrie gegenüber den Konkurrenzmanövern unserer Nachbaren schon manche gute Dienste geleistet.
Am besten zeigen ihre Feindseligkeit natürlich die Franzosen, und da ihr Einfluß in gewissen Kreisen nicht der kleinste ist, so haben sie uns auch manchen Schaden glücklich zugefügt. So haben sie z. B. bei der Kanonenlieferung für die serbische Armee uns den Vorsprung abgewonnen, denn Serbien nahm, trotzdem Sachverständige in bestimmtester Weise erklärt hatten, die Bangesche französische Kanone sei bei weitem nicht so gut, als die von Krupp in Essen, doch die französischen Geschütze. Das Warum? ist einfach! Bei der serbischen Regierung wurde die Schürzen- und Hintertreppenpolitik aus voller Kraft in Bewegung gesetzt, und da bekanntlich auch in politischen Dingen sowie in Negierungsgeschäften Frauenköpfe nicht selten die Oberhand behalten, so bestellte Serbien die besseren deutschen Geschütze nicht. Nun, zum Siege über die Bulgaren haben auch die französischen Kanonen nicht geholfen. Bemerkenswert ist es, wie weit die Franzosen gehen, um uns auszustechen. In Rumänien schwebt bekanntlich noch die Frage der Lieferung von Panzertürmen für die Befestigung von Bukarest, und auch hier konkurrieren Deutsche und Franzosen mit einander; auch hier haben aber Fachmänner, auf die es ja allein ankommt, dem deutschen System auf Grund der angestellteu Schießversuche den Vorzug gegeben. Setzt da so ein französischer Windhund die Nachricht durch ein ungarisches Blatt in Umlauf, Deutschland habe den serbischen Kriegsminister durch eine große 'Summe zu bestechen versucht, um die Kanonen- Lieferung zu erhalten. Mit anderen Worten heißt das: Rumänische Regierung paß auf, damit Deutschland nicht einem Deiner Minister heimlich ein paar Millionen zusteckt. Würden wir so etwas von den Franzosen behauptet haben, in Paris wäre man ja wohl in die Luft gegangen; wir denken ruhiger und sagen, der Kerl ist ein Hansnarr! Daß cs Leute im Auslande giebt, die solche Geschichten glauben, ist leider Gottes der Fall.
Honettere Leute als die Franzosen sind die Engländer.
Geschichtskalender.
22. April.
1073. Papst Gregor VIL Kaiser Heinrichs IV. größter Feind und Gegner, wird zum Papst erwählt.
1418. Papst Martin V. entläßt die Kirchenversammlung zu Konstanz. Sie war ohne Nutzen, obgleich sie vier Jahre gedauert.
1499. Die Eidgenossen schlagen das Reicksheer aus der Nalser Haide.
1529. Die evangelischen Stände, die „Protestanten", richten eine feierliche Berufung an den Kaiser Karl v. um ein allgemeines Nattonal-Konztlium Deutschlands.
1724. Emanuel Kant, Deutschlands großer Philosoph, zu Königsberg geboren. Durch ihn geschah auf dem Gebiete der Philosophie die größte und folgenreichste Umwälzung.
1145. Kurfürst Maximilian Joseph von Bayern, der Sohn Karl VIL, schließt mit Maria Theresia Frieden, indem er auf "die Erbschaft Karl VI. verzichtet, dem Gemahle der Königin von Ungarn seine Stimme bei der Kaiserwahl zu geben und die Franzosen — seine bisherigen Bundesgenossen — aus dem Lande zu schaffen, verspricht. Dagegen gibt ihm Maria Theresia ganz Bayern, mit Ausnahme einiger Besitzungen, zuruck.
1796. Schlacht bei Mondovri, in welcher der französische General Bonaparte über die Oesterreicher einen entscheidenden Sieg erringt, der am 28. Aprü zu einem Waffenstillstand führt.
1809. Napoleon l- schlägt die Oesterreicher bei Eckmühl, deren Rückzug zur wilden Flucht wurde; — aller Befehl, aller Gehorsam hörte auf.
Zu schmutzigen Kniffen greifen sie denn doch nicht, aber auf dem Strich haben sie uns gewaltig; und wenn man englische Blätter liest, sieht es fast so aus, als ob Deutschland nächstens den englischen Exporthandel total verzehren würde. Davon kann natürlich gar keine Rede sein, England ist der erste Industriestaat der Welt und so schnell werden wir ihm nicht gleichkommen. Es verdrießt John Bull aber schon, daß wir überhaupt in sein Gehege kommen, daß in Altengland manche deutsche Waren den einheimischen vorgezogen werden, und besonders ist er wütend über die Ausdehnung des deutschen Handels in Ostasien, wo die höflichen Deutschen, die sich mit geringerem Verdienst begnügen, den kurzai'gebundenen Briten vorgezogen werden. Die englischen Kaufleute haben cs sich schon wiederholt und auch von ihren eigenen Ministern sagen lassen müssen, sie möchten etwas manierlicher werden und das Ausland nicht zu kurz behandeln Angenehm sind solche öffentlichen Denkzettel gerade nicht und daß die Engländer infolge dessen nicht besser auf uns zu sprechen sind, ist selbstverständlich.
Wenig gute Freunde der deutschen Jitdustrie sind auch die Russen, die am liebsten nicht ein Stück deutscher Ware die Grenze passieren ließen. Das geht nun freilich nicht so ohne weiteres und der Absatz unserer Industrie in das Czarenreich ist doch noch ein ganz guter; wo sie es aber können, ist die russische Konkurrenz mit hohen Sperrzöllen durchgedrungen und manches Stück, das sonst über die Grenze gegangen wäre, ist dadurch zurückgehalten. Ziemlich nobel sind die Oesterrcicher noch, aber auch dort fehlt es nicht an Leuten, die den deutschen Export gern schuh- riegeln möchten. Eingeengt uns gegenüber sind di-Kleinstaaten, Lärmmacher giebt's aber auch dort genug. Glücklicherweise dehnt sich die deutsche Industrie trotz allen Neides kräftig aus und so wird es hoffentlich auch bleiben.
Deutsches Reich.
Berlin, 20. April. Die Fortschritte im Befinden des Kronprinzen dauern an. — Wie verlautet, hat die Staatsregierung beschlossen, für ganz Preußen Erhebungen über die Lage, speziell über die Belastung des Grundbesitzes mit öffentlichen Abgaben veranstalten zu lasten. Die durch die vorbereitende Thätigkeit der statistischen Zentralkommission geförderten Einleitungen dazu sind bereits im Gange. — Im auswärtigen Amte fand gestern Nachmittag unter dem Vorsitze des Unterstaatssekretärs Graf Bismarck eine Versammlung aller Vertreter der Signatar- Mächte der Kongo-Konferenz statt, um über die Hinterlegung der Ratifikationsurkunden ein Protokoll aufzunehmen. Die General-Akte der Kongo-Konferenz ist von allen Konferenzmächten, ausgenommen der nordamerikanischen Union, ratifiziert worden. — Die „Voss. Ztg." schreibt: Es wurde kürzlich darauf, hingewiesen, daß trotz des dichten Schleiers, mit welchem die Regierung die neuen Branntweinsteuervorlagen noch jetzt zu umhüllen sich bemüht, über den Inhalt derselben doch schon so viel in die Oeffent-
Jm Schatten des Lebens.
Roman von P. Felsberg.
(Fortsetzung,)
Langsam erhob er sich. Noch einen Kuß drückte er auf die kalten, bleichen Lippen der schönen Toten: daun nahm er das Kind — sein und der Entschlafenen Kind — auf feinen Arm. Lange und schmerzlich hing sein Blick au dem kleinen, runden Kiudergesichtcheu: welche Gedanken stürmten in diesem Augenblick auf den jungen Vater ein?.....
Eine Thräne rollte über seine Wange und fiel auf des schlummernden Kindes Sttrn; von dieser Berührung erwachend schlug das kleine Wesen — die unschuldige Ursache seines unersetzliches Verlustes — die Augen auf. Doch dieser Blick aus den großen braunen, glänzenden Augen des Säuglings rief den Schmerz des unglücklichen Vaters von Neuem mit größerer Heftigkeit wach; seinen nur mühsam zurückge- halteueu Thränen jetzt freien Lauf lastend, gab er das Kind der laut weinenden Frau, barg sein Antlitz in beide Hände und ließ sich auf einen Sessel finken.
Der Abend war hereingebrochen. In dem stillen Toden- gemach verbreiteten zwölf auf filbernen Armleuchtern breit» nenbe Wachskerzen ein Helles Licht. Die elegante geschmackvolle Einrichtung des Zimmers ließ darauf schließen, daß wohlhabende, wenn nicht reiche Leute das Haus bewohnten. Wer und was diese Leute waren, wußten nur Wenige in der Stadt, obwohl das schöne Paar ein nicht geringes Aufsehen unter der neugierigen Nachbarschaft erregt hatte.
Vor nicht ganz einem Jahre drang die Nachricht, daß ein junges Ehepaar mit einer alten Dienerin das neuer» baute Haus bezogen, ins Publikum. Mancher dieser neugierigen Kleinstädter hatte sich vergeblich bemüht, Stand
lichkeit gedrungen ist, daß man sich ein ziemlich klares Bild von den grundlegenden Bestimmungen der Entwürfe machen kann. Faßt man die durch die Preste gegangenen Mitteilungen zusammen, so werden die Vorschläge der Regierung zur Reform der Branntweinsteuer sich im großen und ganzen auf folgender Grundlage bewegen: Beibehaltung der Maischraumbesteuerung in der bisherigen Form, jedoch mit der Modifikation, daß für die kleinen landwirtschaftlichen Brennereien, welche nur in den Wintermonaten im Betriebe, sind und nut selbstgewonnene Produkte verarbeiten, eine Ermäßigung des gegenwärtigen Steuersatzes bis 20 pZt. eintritt, für die mittleren Brennereien der bezeichneten Art der bisherige Steuersatz bestehen bleibt und für die großen gewerblichen Brennereien, welche übet 3000 Liter täglich maischen und nicht ausschließlich selbstgewonnene Erzeugnisse verwenden, die Steuer um 10 pZt. erhöht wird. Außerdem sollen diejenigen Brennereien, welche das ganze Jahr hindurch zu arbeiten pflegen, für die im Sommer stattfindenden Einmaischungen noch eine besondere Zuschlagsstener von 10 pZt. entrichten. Erhöhung der Steuer-Vergütung für den zur Ausfuhr kommenden und zu technischen Zwecken Verwendung findenden Spiritus von 16 auf 22 Mk. für 10,000 Literprozente. Kontingentierung der Produktion in der Weife, daß die Brennereien künftig nicht mehr Spiritus erzeugen dürfen, wie im Durchschnitte bisher. Neue Brennereien sind nur mit besonderer Konzession der Regierung, wenn ein landwirtschaftliches Bedürfnis vorliegt, und nach Maßgabe der Bevölkerungszunahme zum Betriebe zuzulasten. Neben der Maifchraum- steuer Einführung einer besonderen Verzchrsteuer. Dieselbe soll während des ersten Jahres vom Inkrafttreten des Gesetzes ab 50 Mark, während des zweiten Jahres 60 Mark und vom dritten Jahre ab 80 Mark für das Hektoliter absoluten Alkohols betragen und je zur Hälfte den Großhändlern und den Schänkern auferlegt werden. Zur Sicherung der Konsumabgabe wird der sämtliche, in den Brennereien erzeugte Spiritus nach Menge und Stärke amtlich festgestellt und geht von dort unter Kontrolle in die Rektifikationsanstalten oder in die zu errichtenden steuex- fteien Niederlagen. Die auf den Großhandel fallende Steuerquote soll zur Erhebung kommen, sobald der rektifizierte Spiritus die Läger verläßt, um in den freien Verkehr überzugehen. Ungereinigter Spiritus darf zum Ge- nuffe überhaupt nicht verkauft werden. Die Schankwirte und Kleinhändler haben die ihnen zur Last fallend; Abgabe nach erfolgtem Verkaufe des Branntweins zu entrichten, müssen über die verkauften Mengen genau Buch führen und sich inbezug auf ihren Geschäftsbetrieb einer strengen steuerlichen Kontrolle unterwerfen.
A Berlin, 21. April. Der Kaiser hat in einer Audienz dem Bischof Kopp gegenüber am Freitag vor seiner Abreise seine lebhafte Befriedigung über die Entscheidung des Herrenhauses zu erkennen gegeben. — Die Branntweinsteuervorlagen liegen dem Kaiser zur Genehmigung vor. Die Ausschüsse des Bundesrats werden und Namen der Ankömmlinge zu erfahren. Der Zeremonie des Visitenmachens hatten sie fich nach ihrer Ankunft nicht unterzogen; vielmehr hatten sie — wenn ihnen überhaupt daran gelegen — es dem Zufall überlasten wollen, ihnen geeignete Bekanntschaften zuzuführen — vielleicht auch nicht; auf diese Fälle bedurften sie deren nicht zu ihrem Glück.
Auch nachdem die Fremden schon eine Zeitlang in der Stabt geweilt, konnte man nicht viel mehr als ihren Namen ausfindig machen.
Herr Biela und seine junge Frau lebten so zurückgezogen, sie hielten sich so fern von der Oeffeutlichkeit, daß nur Wenige sich ihrer Bekanntschaft rühmen konnten. Auch die Dienerin — die alte Margareth — verharrte in stetem Schweigen über ihre Herrschaft, der sie durchaus ergeben war. Nur ein Dienstmädchen befand fich außer der alten Margareth im Hause, und dieses, so oft man es auch über seine Herrschaft auszufragen versuchte, konnte zum allgemeinen Leidwesen nur sehr wenig mitteilen. So viel nur war bekannt, daß Herr Biela sehr reich sei und seine bildschöne Frau anbete.
Vor ungefähr drei Wochen war der junge Gatte plötzlich abgereist. Während seiner Abwesenheit ward er Vater eines Töchterchens und kehrte, von Margareth benachrichtigt — doch leider zu spät zurück; die junge Frau hatte ihr kurzes Mutterglück mit dem Leben ei kaust.
Rasch war diese Todesnachricht in der Stadt bekannt geworden und hatte allgemeines Bedauern erregt; denn eine so liebliche Erscheinung — so freundlich und saust gegen Alle, mit denen sie in Berührung kam, mußte Teilnahme erwecken, die sich denn auch am Tage des Begräbnisses reichlich kundgab.