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Nr. 91.

Marburg, Mittwoch, 21. April 1886.

XXI. Jahrgang.

Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Quartal- Lb 'nnements-Preis bei der Expedition 21/« Ml., bei den Postämter 2 Ml. 60 Pfg. (erd. Bestellgeld). Insertionsgebühr für die aesoaltene Zeile 10 Pfg. Reklamen für die Zeile 25 Pfg.

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Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d BlatteS, sowie d-Annoncen-Bureaiql von Hoasenstcin undVoglar in Frankfurt a.M , Cassel, Magdeburg und Wien; Rudolf Moffe in Frankfurt a M., Berlin,München und Köln; G. L. Daube und Go. n -rantturt a. M., Berlin, Ha nover u.PariS.

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.

Expedition Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.

immerhin nur geringe Verdienst von ein paar Jahren, der meist gleich wieder verausgabt wird. Lernen, lernen und nochmals lernen, darauf kommt es an, das Resultat der Lehrzeit ist das eigentliche Lebenskapital, das später seine reichen Zinsen bringt.

Noch Eins! Es liegt so drin im Zuge unserer Zeit, daß die jungen Leute, sobald sie die langen Röcke tragen, nun auch möglichst bald dengroßen Herren" spielen möchten, und es ist nicht selten, daß sie darin von den Eltern, die stolz auf ihre Kinder sind, unterstützt werden. Wir wollen darüber nur sagen, daß es besser ist, sich zu zeigen, wenn man wirklich ein großer Herr ist resp. es zu etwas gebracht hat, als mit Imitationen zutage zu treten, bie wenig Wert haben. Indessen, das ist jedermanns Privatsache. Auf etwas anderes kommt es uns an. Das jugendliche Selbstbewußtsein überträgt sich gar zu leicht auch auf die Thätigkeit in ihrem Berufe. So bald sie in der neuen Stellung nur erst etwaswarm geworden", sind manche, wie man so zu sagen pflegt, auch gleich oben­auf und glauben in allen Dingen mitreden zu können. Die Folge davon ist weiter, daß der Gehorsam leidet, allerlei Verdrießlichkeiten und Mißverhältnisse entstehen, denn die Eltern sind nur zu leicht geneigt, ihren KindernRecht zu geben" und anzunehmen, jenen sei zu viel, kurzum Unrecht ge- than worden. Es ist selbstverständlich, daß ein junger Mann kein Dienstbote oder Taglöhuer ist und dementsprechende Verrichtungen dauernd nicht auszuführen hat, aber kein rechtlich denkender Lehrherr wird seinen Zöglingen un­passende Arbeiten zumuten und ein Handgriff ist noch kein Verbrechen. Was hochgehalten werden muß während der Lehrzeit auf jeden Fall, das ist der Gehorsam. Ein Lehrling muß, sobald es sich um gewerbliche Dinge handelt, gehorchen, ganz unbedingt und ohne Widerrede, und es ist wenig in seinem Interesse, wenn die Eltern in solchen Fällen wider den Lehrherrn und für ihn Partei nehmen. Ohne Gehorsam geht es im Gewerbsleben absolut nicht und wer später einmal kommandieren will, richtig befehlen will, der muß erst gehorchen gelernt haben, dann erst wird er die Sache richtig anzufangen wissen. Auf Ordnung, Fleiß und Pünktlichkeit basiert jede Thätigkeit, die Erfolg haben soll, die Vorausbedingung von allen dreien ist der Gehorsam, der Gehorsam gegen den Lehrherrn, gegen die Obrigkeit und gegen Gott, den Beherrscher der Weltordnung. "~"* Deutsches Reich.

Berlin, 19. April. Die Genesung des Kronprinzen schreitet gleichmäßig fort. DieBerl. Pol. Nachr." geben eine Zusammenstellung der im Landtag noch zu er­ledigenden, bekannten Aufgaben. Dabei wird die kirchen­politische Vorlage als eine solche erwähnt,über deren

Erledigung nach Form und Inhalt erst nach Ablauf der Pause mit Sicherheit zu urteilen sein wird." Am Schluß der Zusammenstellung heißt es: Voraussichtlich ist damit aber das gesetzgeberische Pensum der Session noch nicht erschöpft. Abgesehen von einer etwaigen größeren Vor­lage auf dem Gebiete des Volksschulwesens, über welche die abschließende Beschlußfassung der Staatsregierung noch aussteht, werden wahrscheinlich von verschiedenen Ressorts noch kleinere Vorlagen eingehen. Auch aus der Mitte des Hauses scheinen sich noch Initiativvorschläge vorzubereiten. Man spricht von einem Pensionsgesetz für die Mittel­schullehrer und einer Abänderung der Vorschriften über den Verkehr auf Kunststraßen. Soviel scheint daher sicher, daß die Zeit bis zu dem, durch die Verfassungsabänderung bedingt, etwa auf Ende Juni zu berechnenden Schluß der Session durch das gesetzgeberische Material reichlich aus­gefüllt werden wird. Wegen Mißhandlung des Kriminal­schutzmanns Jhring in der am 2. d. Mts. abgehaltenen Versammlung des Arbeiterbezirksvereins wurde heute der Tischlergeselle Robkiewitsch vom Schöffengerichte freige­sprochen, da der Gerichtshof der Rekognition des Ange­klagten durch den Beamten keinen Wert beilegte. Die Beschwerde der Rechtsanwälte Munckel und Freudenthal in der Jhringschen Angelegenheit wegen Nichteinschreitens gegen Jhring ist von der Oberstaatsanwaltschaft zurück- gewiesen worden. Wie dieSchloß Ztg." konstatiert, mehren sich die Anzeichen, daß die Innungen an die Lö­sung der Aufgaben, die ihnen gestellt sind, mit Ernst herantreten, und daß sie namentlich auch dem Lehrlings­wesen besondere Aufmerksamkeit zuwenden. Das ge­nannte Blatt bemerkt weiter:Daß in einigen schlesischen Städten seitens der Innungen Anordnungen ergangen sind, durch welche den Lehrlingen der Besuch von Tanzlokalen u. s. w. untersagt wurde. Aus Löwenberg wird nun heute gemeldet, daß die dortige Schuhmacherinnung eine aus sechs Meistern bestehende Kommission gewählt hat, welcher dieBeobachtung und Beaufsichtigung des Treibens der Lehrlinge außer dem Hause" übertragen ist. Die Kom­mission hat bereits ihres Amtes gewaltet, indem sie Lehr­linge, die sich auf der Straße ungebührlich benommen haben, vor den Jnnungs - Obermeister geladen hat, der seinerseits die Wiederholung von Ausschreitungen mit Strafen bedrohte. Es ist auch in diesem Falle, wie dies schon seitens der Waldenburger Bäckerinnung den Lehr­lingen gegenüber geschehen ist, die Verlängerung der Lehr­zeit als Strafe in Aussicht gestellt worden." Der Kultusminister v. Goßler ist gestern abend von Berlin nach Georgenburg in Ostpreußen abgereist, um dort das Osterfest zu verleben. Der Minister Maybach kehrt erst in einigen Wochen von der Beisetzung seiner verstor-

Ein zeitgemäßer Hinweis.

'Nach dem Feste beginnt für Tausende von jungen Leuten, männlichen und weiblichen Geschlechts, eine neue Lebensperiode. Ein Teil von denen, welche die Schule verlassen, bleibt wohl im elterlichen Hause, aber die große Mehrzahl tritt doch aus dem Familienkreis heraus, um die ernsteren Seiten des Lebens kennen zu lernen, um zu erkennen, daß Arbeit, fleißige und treue Arbeit allein, die Vorbedingung alles späteren Wohlergehens ist. Arbeits­lust und Reichtum an Kenntnissen begründen das Glück des Lebens, nicht etwa das sogenannteGlück"! Glück hat überhaupt jeder Mensch, der das Richtige zur rechten Zeit begann. Freilich, das Richtig genau zu begreifen, es in geeigneter Weise auszuführen, dazu gehört ein schärferer Blick, als er dem Dutzendmenschen eigen; aber daß jemand von der Wiege an das Glück an seine Fersen bannen sollte, um so mühelos durchs Leben zu wandern, das ist eine Fabel. Wir haben zahlreiche Beispiele, daß sogenannte Glückspilze in kläglichster Weise ihr Dasein beschlossen haben. Das geschah aber nicht, weil das Glück sie ver­ließ, sondern deshalb, weil sie, statt zu arbeiten, speku­lierten, alles auf eine Karte setzten. Wer beim Eintritt in das Leben nur das Glück als seine Stütze betrachtet, nicht der eigenen Kraft vertraut, der wird nie ein nütz­liches Glied der menschlichen Gesellschaft werden, denn das ist ein Geldprotz eben so wenig, wie ein Bruder Leichtsinn.

Wir wollen nicht über die Karrieren reden, denen die jungen Leute sich zuwenden, allzuviel ist darüber schon ge­sprochen und geschrieben woroen. Alles läßt sich in den kurzen Worten zusammenfassen, daß unsere Zeit jeden hochschätzt und achtet, der voll und ganz seinen Posten ausfüllt. Die Zeit verlangt nicht mehr Namen voran, hinter dem sich nichts verbürgt. Es ist nun allerdings ziemlich klar, daß die Eltern in großer Zahl bei der Wahl des Lebensberufes ihrer Kinder einem solchen den Vorzug geben, der sofort Verdienst bringt, ganz gleichgiltig, ob damit dem Vor­wärtsschreiten des jungen Mannes ein baldiger Abschluß gegeben wird. Es läßt sich das nicht unbedingt verur­teilen, wenn der Vermögensstand und die materielle Lage eindringlich reden, so läßt sich mit anderen Worten da­gegen nicht auskommen. Anders steht aber die Sache, wenn die Eltern ihren Sohn nur um des Verdienstes willen einem Beruf zuwiesen, ohne sich davon zu über­zeugen, was er lernt und wie viel er lernt. Der junge Mann, der nach dem Verlassen der Schule in das Leben eintritt und sich einen Beruf wählen muß, der muß zu­nächst lernen. Das Verdienen kommt erst in zweiter Reihe und wenn auch sonst bekanntlich das Wortgroß ge­schrieben" wird, im vorliegenden Falle darf es Hauptsache nicht sein. Eine tüchtige Lernzeit ist mehr wert, als der

Gefchichtskalender.

21. April.

1246. Papst IV. schickt, nachdem er mit den Bettelmönchen in Deutschland vorgearbeitet hatte, den Befehl (!) an die deutschen Fürsten,ohne allen Verzug" Heinrich Raspe denPaffenkönig", wie ihn das Volk nachher nannte zum Reichsooerhaupt zu wählen.

1637. Wiederholte Reichsacht gegen Landgraf Wilhelm v. von Hessen von Kaiser Ferdinand in. ausgesprochen.

1736. Prinz Eugen von Savoyen deredle Ritter", stirbt.Eugen war eigentlich der Kaiser!" sagt Friedrich der Große von ihm.Ohne Eugen wäre Karl VI. wie oft! verloren gewesen", sagt derselbe an einem andern Orte.

1849. Die Deutschen stürmen Kolding in Jütland.

sNachbruck verboten.!

Im Schatten des Lebens.

Roman von P. Felsberg.

l.

Ans dem Perron einer mittelgroßen Eisenbahn- Stattou herrschte reges Leben. Eben schlug es fünf Uhr Nach­mittag ."kaum war der letzte Schlag verhallt, so ertönte die Signalglocke, der bald ans der Ferne her ein dumpfes Ge­räusch folgte, das Herannahen des Schnellzuges verkündend. Die Thmen der Wartesalons öffneten sich, ein Gedränge von Reisenden und Gepäckträgern entstand, deren Jeder bestrebt war in erster Reihe der den Zug Erwartenden zu stehen. Jetzt brauste die Lokomotive, eine lange Wagen­reihe schleppend, in den Bahnhof.

Station Bärfelde!" liefen die Schaffner, indem sie die Thüren des Koupees öffneten.

Hier und da hörte man. noch einen Abschiedsgruß oder einen lauten Rus; noch einen flüchtigen Händedruck, eine Umarmung sah man und die rastlose Maschine, das verkörperte Symbol nuferes Jahrhundetts, führte die

Reisenden weiter ihren Zielen zu. Die Abgestiegenen be> mühicn sich, ihr Gepäck in Ordnung zu bringen, dienende Geister drängten sich heran, bemächtigten sich der Effekten der Ankömmlinge und bald war der Perron leer.

Unter den mit dem Schnellzuge von D. Eingetroffeneu befand sich auch ein junger Mann, der, nachdem er längere Zeit spähende Blicke umhergeworfeu, sich mit ängstlicher Hast bemühte, einer Droschke habhaft zu werden. Als ihm dies endlich nach mancher vergebliche» Frage gelungen, entließ er den mit seinem Trinkgeld anscheinend sehr zufriedenen Gepäckttäger.

Sternstraße 28!" rief er dem Kutscher zu, und fort rollte der Magen.

Auf dem edlen Gesichte des Reisenden, der etwa 27 bis 28 Jahre zählen mochte, waren die unverkennbaren Spuren großer Angst und tiefen Seelenschmerzes ausgeprägt. Mit einem seinen weißen Taschentuche trocknete er die dicken Schweißtropfen von der hohen, von dunklen Locken umrahmten Stirn. Nnr innere Aufregung konnte dies bewirken, da der Herbst schon vorgerückt, die Temperatur eher kühl als schwül zu nennen war. Sein von feiner Blässe überzogenes Gesicht, der sinnende Blick seiner dunklen Augen, der von männlicher Festigkeit und großer Entschlossenheit zeugende Zug um die von einem dunklen Schnurrbart umschatteten Lippen, das Alles ließ in ihm ein gutes Herz neben einem wahrhaft männlichen Charakter vermuten.

Nur sehr selten warf der junge Mann einen flüchtigen Blick auf die belebten Straßen der Stadt. Bald hielt sein Wagen vor einem zweistöckigen, durch fast peinliche Rein­lichkeit und solide Eleganz ausgezeichneten Hause. Mit forschendem Blick überflog er die mit Marquisen versehenen Fenster, sprang dann hastig aus dem Wagen und, dem Kutscher sein Geld reichend, schritt er auf die Hausthür zu. Noch hatte er diese nicht erreicht, als sie von Innen geöffnet wurde und eine alte Frau erschien.

O mein armer armer Herr!" tief sie, in Thäneu ausbrechend, ihm zu.

Wo ist meine Frau?" ries er fast atemlos.

Unfähig ber Antwort, deutete die Frau eine Dienerin nach der Treppe. Die Hand auf das bang ahnende Herz druckend, eilte der junge Mann hinauf. Oben öffnete er eine Thür....

Der Anblick, welcher sich ihm dort bot, schien ihn zu übertoältigen.

Emilie! . . . EmilieI" rufend, stürzte er sich auf die Leiche einer jungen Frau, welche inmitten des Zimmers, auf einem Ruhebette lag.

Sie mußte sehr schön gewesen sein. Gleich einer Schla­fenden lag sie da, himmlische Ruhe, stillen Frieden auf den lieblichen, fast noch kindlichen Zügen. Ganz in ein weißes, reich mit Spitzen garniertes Gewand gehüllt, einen Kranz eben aufgeblüter weißer Rosen im reichen, aufgelösten braunen Haar, die Hände fast so klein, wie die eines Kindes über der Brust gekreuzt machte sie den Eindruck eines schlummernden Engels. Sie konnte kaum achtzehn Sommer erlebt haben.

Seine Stirn auf die kalten Hände der Leiche drückend leise schluchzend lag der Gatte auf den Knieen vor dem entseeltem Körper seines mit aller Kraft des Herzens ge­liebten Weibes.

Er mochte lange so in seinem Schmerze ungestört ge­wesen sein, als die Thür eines Nebenzimmers leise sich , öffnete und dieselbe alte Dienerin, welche den jungen Mann empfangen, hereintrat ein nur etliche Tage altes Kind in den Armen haltend. Langsam auf ihren Herrn zugehend sagte sie leise:

Gnädiger Herr . . ."

Bei dem Ton ihrer Stimme schrak der schluchzende Mann zusammen und erhob sein bleiches Antlitz.

Ihr Vermächtnis!" fuhr die Dienerin fort, ihm das ruhig schlafende Kind hinhaltend.

(Fortsetzung folgt.)