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Marburg, Sonntag, 18. Aprll 1886.
XXI. Jahrgang.
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GchlMk jfitniiii.
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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.
Expedition Martt 21. — Redaktion, Druck und Lerlag von Joh. Aug. Koch.
Vor der Schlacht.
Die „Kölnische Zeitung" und in gemäßigter-Form auch die „Nordd. Allg. Ztg." haben durch gewisse Mitteilungen und Andeutungen darauf hingewiesen, daß die Revanchegelüste vieler Parteien in Frankreich, ja wahrscheinlich der Mehrzahl des französischen Volkes, keineswegs erloschen sind; daß vielmehr eine zunehmende Bewegung in Frankreich besteht, welche in Deutschland Beachtung erfordert. Fürst Bismarck selbst hat in seiner letzten großen Reichstagsrede angedeutet, daß er die politische Situation für nicht ganz unbedeutend hält. Man wird sich erinnern, daß zur Zeit, als Gambetta die Neuorganisation der französischen Streitkräfte betrieb, das Jahr 1885 als der Termin ins Auge gefaßt wurde, bis zu welchem dieses militärische Reformwerk vollendet und Frankreich kampfbereit und marschfertig sein würde. Man gibt nun heute fast allgemein zu, daß das französische Heer weit schlagfertiger fei. als zur Zeit des Krieges von 1870 und leugnet in keiner Weise die Fortschritte, welche das französische Kriegswesen in den letzten fünfzehn Jahren gemacht hat. Man entschließt sich aber um dessentwillen nur schwer zu dem Glauben, daß Frankreich an eine Offensive ernstlich denke, weil auch die deutsche Heeresmacht unablässig gewachsen ist, und weil es in Frankreich sowohl an einer starken Regierung als auch an Heerführern fehlt, deren Namen und Eigenschaften als eine Bürgschaft des Sieges gelten könnten. Mindestens glaubt man hoffen zu können, daß die Franzosen keinen Angriff auf Deutschland wagen würden, so lange die großen Männer und der Kaiser am Leben sind, welche das Deutsche Reich geschaffen und stark gemacht haben. Auch heute noch hält es schwer, zu glauben, daß Frankreich, so hoch auch die Meinung sein mag, welche die Franzosen von ihrer Heeresmacht haben, ohne Verbündete es wagen würde, Deutschland anzugreifen. Man muß es dahingestellt laffen, zu entscheiden, ob die politische Situation Frankreich die Hoffnung gestattet, einen Verbündeten an seiner Seite zu finden; daß aber eine solche Eventualität unter allen Umständen ausgeschlossen sei, darf man nicht annehmen, denn wichtige Anzeichen deuten darauf hin, daß Sturm im Anzuge sei. Man braucht deshalb die Hoffnung noch lange nicht aufzugeben, daß es den Staatsmännern gelingen werde, den Ausbrucb des Sturmes abzuwenden, aber in jedem Fall ist es geboten, uns bei Zeiten darauf einzurichten, daß wir eines Tages, plötzlich und unerwartet wie 1870, der Kriegsfurie in den Weg zu treten haben.
In Frankreich gährt es; — daran kann man nicht zweifeln. Gewiß bei weitem nicht das wichtigste, sicherlich
aber ein äußerst interessantes Symptom dieser Gährung ist das Erscheinen eines namenlosen Buches, welches den vielsagenden Titel „Avant la bataille“ führt und von der Mehrzahl der französischen Zeitungen zwar nicht besprochen, desto mehr aber von den Franzosen beachtet und gelesen wird. Die Tendenz dieses Buches ist es, die französische «Ltreitkraft nicht allein als der deutschen ebenbürtig, sondern als ihr überlegen darzustellen. Nach den Angaben dieses Buches würde die numerische Stärke der französischen Streitkraft 4108 655 Manu betragen. Davon entfallen auf das eigentliche Herr 2 051459 Mann; nämlich ungefähr 654 899 Mann des stehenden Heeres und 373 890 der aktiven Reserve, zusammen 1078 789 Mann, die eine vollkommene kriegerische Ausbildung besitzen; 170 062 Mann „zur Verfügung des Kriegsministers" und 156354 Mann aktive Reserve der zur Verfügung Stehenden, zusammen 326416 Mann, die ein Jahr lang gedient haben; ferner 281820 Mann die im Frieden vom Dienste befreit sind, im Kriege jedoch einberufen werden, und die gar nicht ausgebildet sind; schließlich 203340 Mann Reservisten zweiter Klasse, die durch kurze Einberufungen im Besitze der Anfangsgründe militärischer Ausbildung sind. Andere 210494 Mann ohne alle militärische Bildung stehen dem Kriegsminister für die Heeres-Verwaltungs-Dienstzweige zur Verfügung. Das ist das Heer der ersten Linie. Das Heer der zweiten Linie bilden 2057196 Mann, nämlich 426360 Mann Territorial-Armee und 570104 Mann Reserve, zusammen 986464 Mann, die vollkommen ausgebildet sind; dann 178196 Mann Territorial-Armee und 191360 Mann Reserve, zusammen 369656 Mann, die ein Jahr lang gedient haben und zeitweilich zu Hebungen einberufen worden sind. 482160 Mann sind im Frieden vom Dienste befreit und blos mit den Anfangsgründen des militärischen Wissens bekannt, jedoch im Kriege verfügbar; 2084-16 Mann endlich, die ohne alles militärische Wiffen sind, bleiben für die Heeresverwaltung dienstbereit. Es sind also für den Krieg vorhanden: 2 025 253 vollkommen ausgebildete Leute; 697 072, die ein Jahr lang gedient haben; 686100 Mann, die einige Wochen lang einberufen waren und 701230, die gar keine militärische Unterweisung empfangen haben.
Ueber die Mobilmachung und die Befähigung der französischen Eisenbahnen zur schnellen Truppen-Beförde- rung werden dem erwähnten Buch die folgenden Angaben entnommen:
„ »Um gleichzeitig neunzehn Armeekorps zu befördern, mußten die Bahnen wenigstens 2622 Lokomotiven und 84360 Wagen haben. In Wirklichkeit besäßen sie 6000 Lokomotiven und 200000 Wagen, nämlich 20000 Personenwagen mit 600 000 Plätzen, 70000 geschlossene Güterwagen mit Plätzen für 1440000 Mann oder 200 000 Pferde; von diesen 70000 Wagen seien 40000 so eingerichtet, daß sie binnen einer Stunde für den Dienst der Soldatenbeförderung benutzt werden könnten; 1200 Pferdewagen seien für
4000 Offizierspferde und 700 Trucks, sowie 120000 offene Güterwagen für den Artillerie- und Materialbeförderungsdienst bestimmt. Wenn der Kriegsminister heute den Mobilmachungsbefehl erteilt, so verläßt der Vorsitzende der Eisen- bahn-Abteilung des Generalstabs Paris und begiebt sich an den Ort, wo der Generalissimus sein Hauptquartier har. Acht Kompagnien Militär Eisenbahntruppen stellen sich unter seinen unmittelbaren Befehl. In Paris bleibt der zweite Vorsitzende der Eisenbahn-Abteilung. Die Bahnstrecken und Bahnhof-Kommissäre nehmen ihre Posten ein, die ihnen schon in Frieden bezeichnet sind. Ihre Obliegenheiten sind ihnen von langer Zett bekannt. Die Truppen sammeln sich in den Depots und jeder Oifizier weiß genau, an welchem Tage und zu welcher Stunde er seine Leute nach einem bestimmten Bahnhof zu bringen hat, um da den Zug vorzufinden, der sie mitnimmt. Näheres will der Verfasser nicht verraten; nur so viel sagt er, daß die Truppenzüge mit einer reinen Geschwindigkeit von 10 Kilometer in der Stunde laufen und daß wenigstens 60 Züge im Tage abgelassen werben. Die Ausschiffung sei leicht und sicher.
Man habe 30 Millionen ausgegeben, um in den Bahnhöfen des Ostdepartements die entsprechenden Einrichtungen zu schaffen. Jeder der hier in Betracht kommenden Bahnhöfe hat ein 450 Meter langes mit einem Landungsperron in seiner ganzen Länge versehenes Nebengeleise, wo auch die längsten Züge (von 50 Wagen und zwei Lokomotiven) sicher untergebracht werden können, während die Hauptgeleise für den durchgehenden Verkehr frei bleiben und keine Stopfung oder Stauung entstehen kann. D e Mobilmachung sei so vollständig durchgearbeitet und vorbereitet, daß wenigstens die ganze Infanterie sechs Tage nach dem Eintreffen des telegraphischen Befehls vom Kriegsministerium in Eisenbahnzügen untergebracht sei und dem bezeichneten Sammelplätze zurollt, welcher die Operationsbafis des Feldzuges bilden sollet
Man braucht an diesen Angaben nicht alles zu glauben und namentlich kann man das feste Vertrauen zur deutschen Heeresleitung , haben, daß sie sich von den französischen Armee-Organisatoren nicht überraschen oder übertreffen lassen wird. Nichtsdestoweniger wird man dem Buch „Avant la bataille“ eine hohe symptomatische Bedeutung nicht streitig machen können, noch wollen.
Deutsches Reich.
Berlin, 16. April. Der Kronprinz hat in der vergangenen Nacht sehr gut geschlafen; nach der vollständigen Verbreitung des Ausschlages, welcher am Gesicht bereits verblaßt ist, hat das Fieber ganz und der Katarrh beinahe ganz aufgehört. — In dem Diätenprozeß des Fiskus gegen den ftüheren Reichstags - Abgeordneten Langhoff verurteilte das Kammergericht den Beklagten zur Herauszahlung von 1500 Mark empfangener Fraktionsdiäten, weil Artikel 32 der Verfassung nach seiner Entstehung und nach der übereinstimmenden Ansicht einer überwiegenden Anzahl von Staatsrechtslehrern ein absolutes Verbotsgesetz enthalte und die bezügliche Bestimmung des allgemeinen
Geschichtskalender.
18. Äpril.
Friedrich VI. Burggraf von Nürnberg, wird auf dem Konzil zu Konstanz in feierlichster Weise mit der Mark Brandenburg belehnt, und nennt sich von nun an als Kurfürst Friedrich I.
1499. Die Eidgenossen schlagen das Reichsheer im Schwader- loch.
1660. Ward Johann Tilemann aus Wertheim in Franken zum Stadtphysikus in Schmalkalden bestellt. Es war dieser Mann einer der ärgsten religiösen Abenteurer, die es icmals gegeben hat: lutherisch geboren, war er längere Jahre Professor au der lutherischen Universität Marburg (Gießen); darauf ward er, um iu mainzische Dienste zu gehen, katholisch; sodann, um iu hesseucasselsche Dienste (in Schmalkalden) zu treten, reformiert; zuletzt, nachdem er sich heimlich von Schmalkalden entfernt hatte ging er zum Judentum über.
1685. Freiheitskoncession für die wegen der Religion aus Frankreich vertriebenen Reformierten (die sogenannten Refuges), vou Landgraf Karl erteilt.
1800. Treffen bet Dinzling und Hausen; durch eine falsche Nachricht über die Bewegung der Franzosen unter Napoleon I. getäuscht, konnten die Oesterreicher der Uebermacht nicht Stand halten, und wurden zum Rückzug gezwungen.
1864. Erstürmung der Düppeler Scharzen. Die Dänen wehrten sich wacker, aber sie konnten dem gewaltigen Anprall der Preußen nicht widerstehen; — in wenigen Stunden hatten die heldenmütigen Sieger das schwarzweiße Banner auf allen zehn Schanzen aufgepflanzt. Mit Verlusts von 5000 Mann • und 118 Kanonen floh der Feind über den Alsensund hinüber auf die Insel; den
Preußen kostete der glorreiche Tag 1100 Mann, die tot oder verwundet waren.
1873. Justus Freiherr von Liebig, berühmter Chemiker, starb in München.
19. April.
1529. Speyrer Protestatton der evangelischen Stände, durch welche für die Folge die evangelische Partei im In- uud Ausland deu Namen der „Protestanten" erhielt.
1678. Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg — der „große Kurfürst" — starb.
1800. Der Dichter Franz von Gaudy, zu Frankfurt au der Oder, geboren.
Von der Reife Sr. Majestät Schiff „Prinz Adalbert".
(Nach privaten Briefen.) (Fortsetzung,)
Da man uns auf die deutsche Gtebertsche Fabrik besouders aufmerksam gemacht hatte und wir von Montevideo nicht abgereist sein wollten, ohne in den Betrieb dieses blühensten Industriezweiges Uruguays Einsicht genommen zu haben, so benutzten wir einen kleinen Urlaub, um der Schlachterei in Fray-Bentos einen Besuch zu machen. Was uus dort am bemerkenswerteste» erschienen ist, war in Kürze ungefähr dieses: Die Schlachtballen, welche große bedachte Räume bilden und im Weseutlichen eine von unseren Schlachthäusern nicht viel abweichende Einrichtungen zeigten, waren von einem großen Hofraum umgürtet, der mit starken Palltsaden abgegrenzt, eine dreimalige Teilung zeigte. Der größte dieser drei Jnnenräume nahm die zur Abschlachtung bestimmte Heerde vollzählig auf; in den zweiten kleineren wurde ein Rudel von 80 Rinder hineingetrieben und in
den dritten kleinsten wurde sodann die zunächst zum Schlachten bestimmte Anzahl von 15 Rindern verwiesen. Der Reihe nach wurde jedem einzelnen Rinde die Schlinge eines Seiles welches über einen Block am Schlachtplatz der Halle gespannt war, um die Hörner gelegt, worauf ein Pferd dieses Seil anzog und das sträubende Tier sehr schnell bis an den Schlachtblock beförderte. Am Blocke wurde dem Tiere nunmehr mit einem großen Messer der Genickstoß gegeben, ein Akt, der sich blitzschnell vollzog uud daS Opfer ebenso schnell zu Fall brachte. Mit dem zweiten Rinde wurde es ebenso gemacht u. s. w., bis eine lange Reihe von Rindern den Schlachtplatz bedeckte, worauf nunmehr das Abhäuten, Aus- nehmea und das Zerteilen der Cadaoer begann. Je 2 bis 3 Mann waren für einen Ochsen abgeteilt. Alles wurde schablonenmäßig ausgeführt und Alles in unglaublicher Schnelligkttt ausgeführt. Die Fleisch-, Knochen-, Haut-, Talg- und Hornteile gingen von Hand zu Hand und in jeder Hand vollzog fich in Sekunden der Arbeitsprozeß, so daß etwa in 5 bis 10 Minuten die ganze Schlachtarbeit mit der ersten Serie Rinder beendet, das Fleisch in regelmäßige Stücke zerteilt und aufgeschichtet, alle übrigen Teile gesondert und die Gerippe beiseite geschafft waren. In deu mit den Schlachthallen verbundenen Fabrikäumen, Kochereteu, Siedereien, Schmelzereien, Verpacknngs- und Expedttions- sälen wurde die Arbeit fortgesetzt, d. h. in großen, gewaltigen Kesseln, Tiegeln und Pfannen wurden nun die Fleischteile , nachdem sie gewaschen und gelagert hatten, gekocht, gk preßt und entweder als Dörrfleisch, Corned beef oder in Form von Extrakt (der durch Krähne aus den Tiegeln abgelassen wird, nachdem die Fleischteile noch einer Druckpresse ausgesetzt find), Talgen und Fetten au die Expeditions- säle abgeliefert, wo die fertigen Produkte iu Fässer, Büchsen