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Rr. 91.

Marburg, Sonnabend, 17. April 1886.

XXI. Jahrgang.

Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Menagen. Quartal» Uvonnements-Preis bei bet (Iiptöition 2>/« Mk., bei den Postämter 2 Mk. 50 Hfg. (erd. Bestellgeld). Jasenionsoebübr für die geipiütene Zeile 10 Pfg. Restam n für die Zeile y> Pfg.

Anzeigen nimmt entgegen ' die Expedition d BlalteS, sowie d.Annoncen-BureaiU von Haafenstein undDogler in Franlsurt a. M , Caffel, Magdeburg und Wien; Rudolf Moffe in FrankfuN a M-, Berlin.Vünchcn und

Köln; G. L. Daube und Co. n rantfurt a. 'DL, B-rlin, Ha nover u.Paris

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg n. Kirchhain. - Illustriertes Sonutagsblatt.

Expedition Markt 21. Redaktion, Druck und Perlag von Joh. Aug. Koch.

Deutsches Reich.

Berlin, 15. April. Das heutige Bulletin über das Bcfiuden des Kronprinzen lautet: Se. König!. Hoheit haben gut, geschlafen, die Masern haben sich über den ganzen Körper regelmäßig verbreitet, der Katarrh ist mäßig und die Fiebereregung gering. Der Bundesrat erteilte die Zustimmung zu den Gesetzentwürfen wegen Abänderung des Militärpensionsgesetzes, des Reichsbeamten- Gesetzes, sowie über die Rechtspflege in den deutschen Schutzgebieten. Die Abstimmung über das vom Reichs­tage abgeänderte Zuckersteuergesetz wurde ausgesetzt. Die Beschlußfassung über den Unfall - Bersicherungs - Entwurf für die in den landwirtschaftlichen und forstwirtschaftlichen Betrieben beschäftigten Personen findet in einer der nächsten Sitzungen statt. Der Gesetzentwurf, betreffend das Diensteinkommen und die Pension der Lehrer an den öffent­lichen nichtstaatlichen höheren Lehranstalten ist von der Kommission mit großer Majorität angenommen. Außerdem beantragt die Kommission nun noch folgende zwei Reso­lutionen: 1. die Staatsregierung aufzufordern, in der nächsten Session einen Gesetzentwurf, betreffend die Fürsorge für die Witwen und Waisen der Lehrer an den öffentlichen nichtstaallichen höheren Lehranstalten mit der Maßgabe vorzulegen, daß derselbe sich gründet auf Beiträge der be­treffenden Lehrer und der zur Unterhaltung jener Anstalten Verpflichteten; 2. die Staatsregierung aufzufordern, in Fällen, wo die eigenen Einnahmen der Lehranstalten und die Mittel der Schulunterhaltungspflichtigcn zur Erhaltung dieser Anstalten nachweisbar nicht ausreichen, in möglichst ausgiebiger Weise Subventionen aus staatlichen Fonds zu gewähren und zu diesem Zwecke die erforderlichen Mittel in den nächsten Etat einzustellen. DieRordd. Allg. Ztg." schreibt: Die Parlamente handeln zweifellos ihrer Pflicht gemäß, wenn sie ihre Rechte wahren, und es be­fremdet auch kaum, wenu sie mitunter die Grenzen der­selben zu erweitern suchen, wie beispielsweise seiner Zeit in demFall Schalscha", auf welchen wir im übrigen, nachdem der Versuch im Keime erstickt zu sein scheint, zu­rückzukommen durchaus keine Veranlassung. haben. In der Regel dürfen auch die Parlamente bei der Verteidigung ihrer Privilegien aus die Unterstützung der öffentlichen Meinung rechnen; das ist psychologisch leicht erklärlich, und sie müßten sich wahrlich schwerer Mißbräuche schuldig gemacht haben, wenn ihnen diese Unterstützung fehlte. Denn das Volk fühlt sich mitbeteiligt bei den dem Par­lament zugestandeiren Privilegien, welche nur um des öffentlichen Interesses willen, zu dessen Förderung die parlamentarische Mitwirkung vorgesehen ist, zugestanden worden. Wenn sich nun aber auch die parlamentarischen Immunitäten allerdings aus ihrem Zweck rechtsertigen, so sollte man im Gebrauch derselben auch alle Zeit die­jenige Rücksicht walten lassen, welche durch das öffentliche Interesse bedingt wird. Dies gilt namentlich von den wichtigsten parlamentarischen Privilegien: die Redefreiheit.

Geschichtskalender.

17. April.

1711. Kaiser Joseph i. stirbt plötzlich. Er hatte, kaum 25 Jahre zählend, die Regierung der österreichischen Erblande und des deutschen Reiches 1705 ergriffen, und die Leitung deS ganzen Kriegswesens und der auswärtigen Angelegenheiten dem Prinzen Eugen, seinem berühmten Feldherrn, mit unbedingtem Vertrauen überlassen, an den er sich schon früh mit Bewunderung und Liebe ange- schlosfen hatte. Der frühzeitige Tod Josephs 1- änderte

,damals die ganze politische Sachlage.

1723. Starb der Vccekanzler Hermann Vultejus zu Mar­burg, 89 Jahr alt. Er war ein Enkel von dem be­rühmten Vicekanzler Hermann Vultejus und ist der Stamm­vater der von Vulte, wie er sich seit 1694 nannte. In diesem Jahre erneuerte Kaiser Leopold ihm das Adels­diplom, welches 1630 schon seinem Großvater war ver­liehen, von diefim aber nicht benutzt worden war, und 1647 bei der Erirürmung von Marburg der Familie verloren gegangen war.

1809. Napoleon I. richtet an die um ihn zu Donauwörth versammelten bayerischen und württemvergischen Truppen eine Proklamation, in der es heißt:Ich bin nicht als Kaiser von Frankreich, ich bin nur als Beschützer eures Landes und des deutschen Bundes in eurer Mitte. Kein Franzose ist unter euch; ihr allein sollt die Oesterreicher schlagen." Dabei ließ er sie fühlen, welchen Beweis des Zutrauens er ihnen dadurch gebe, daß er, Napoleon selbst, an ihrer Spitze fechte; er erinnerte die Bayern an die alle, mehr als zweihnndertjährige Feindschaft zwischen Bayern und Oesterreich; er versprach sie diesmal so mächtig zu machen, daß sie fortan dem Hause Oesterreich

Gewiß ist ohne dieselbe eine erspießliche parlamentarische Thätigkeit nicht denkbar. Sonst würde der Abgeordnete bei jeder zur Erörterung kommenden Frage zuvor einen inneren Kampf zwischen seiner Ueberzeugung und der Rücksicht auf sßtzn persönliches Interesse durchzumachen haben. Andererseits ist es aber gewiß nicht nötig, daß die Straffreiheit der parlamentarischen Tribüne über das Maß der den öffentlichen Interessen gebührenden Rücksicht ausgedehnt werde. Im Gegenteil, je mehr der Mißbrauch der Redefreiheit sich in die parlamentarische Gewohnheit einzuführen droht, um so dringender scheint es geboten, daran zu erinnern, daß diese Einbürgerung nur auf Kosten des parlamentarischen Ansehens selbst erfolgen könnte Wir begreifen ja vollkominen, daß die parlamentarische Debatte sich nicht immer in der Form einer akademischen Disputation halten kann. Man wird stets der augenblick­lichen Erregung Rechnung tragen müssen, und wenn es auch niemals zu billigen ist, daß die Parteien im wechsel­seitigen Ringen mit einander oder im Kampfe gegen die Regierung zu gehässigen Unterstellungen ihre Zuflucht nehmen, wo die Argumente fehlen, so kann man sich doch leidlich damit beruhigen, daß die Richtigstellung sofort er­folgen kann. Angriffe auf Privatpersonen aber, welche unter dem Schutz der Redefreiheit vvrgebracht werden und oftmals die Ehre des Betroffenen auf das Empfindlichste berühren, ohne daß eine Remedur gegen solche Aus­schreitungen statuiert ist, fallen sicherlich außerhalb des Zwecks, um deffentwillen die parlamentarische Redefreiheit zugestanden worden ist, und es ist gewiß nicht zu ver­wundern, wenn sich an Fälle solcher Art immer sehr ernste Erwägungen knüpfen, deren Berechtigung durch die Jn- sinuierungreaktionärer" Tendenzen nicht abgeschwächt werden kann. Wenn es aber außerhalb des Zweckes der Redefreiheit liegt, an Privatpersonen parlamentarische Kritik zu üben, so gehört es gewiß ebensowenig zu den notwendigen Merkinalen derselben, daß sie einen Ton ge­statte, welcher entschieden nicht der Ton der guten Ge­sellschaft ist. Persönliche Angriffe und Repliken, wie solche in neuester Zeit im Reichstage sowie im Abgeordneten­hause gehört wurde,: oder sich symbolisch in Blick und Ge­berden ausgedrückt haben, sind in allen guten Gesellschafts­kreisen absolut unmöglich. Die parlamentarische Redefreiheit aber sollte die Berechtigung geben, sich über die Rück­sichten, welche man der guten Gesellschaft schuldig ist, hin- wegzusetzen? Die Berechtigung gewiß nicht; man würde der schlimmen Gewohnheit auch gewiß mit weniger Sorg­losigkeit nachgeben, wenn man die Rückwirkung derselben auf die Nation ernster ins Auge faßte. Diese Rückwirkung aber kann eine zweifache sein. Entweder verschlimmern sich nach den gegebenen Beispielen die nationalen Sitten, oder die nationale Selbstachtung reagiert gegen Gewohn­heiten, die sich ebenso an ihr, wie an dem Parlamentaris­mus selbst versündigen! Dasselbe Blatt wendet sich gegen einen Artikel desPester Lloyd," in welchem auf

allem wldcrsteyeu tonnten. Den Württembergern rief er noch überdies Siege ins Gedächnis, die sie im preußischen Heere über Oesterreich sollten erfochten haben, und ihre letzten tapfer« Thaten in Schlesien. So sprach Napoleon und die Rheinbunsttuppen waren voll Begeisterung für ihn.

Von der Reise Sr. Majestät Schiff Prinz Adalbert".

(Nach privaten Briesen.) (Fortsetzung,)

Von einer deutschen Firma ist in dieser Stadt schon seit einer Reihe von Jahren ein lebhaftes Geschäft mit bet Einfuhr deutscher Jndustrieartikel betrieben worden, wogegen durch die Hände derselben Firma die Ausfuhr von Getreide, Fleisch, Fellen, Wolle gegangen ist, welche Produkte große Handelsartikel im Ausfuhrgeschäft nach Bremen und Hamburg bilden.

Von der Kolonisationsgefellschaft sollen die Ackerterri- orien teils dem Pfluge unterworfen werden, teils zur Weiden­nutzung in Verwendung genommen werden und daS Vieh soll über die Kordilleren nach chilenischen Märkten gebracht werden. Montevideo treibt einen schwunghaften Handel mit den verschiedenartigsteu europäischen Judustrieartikel, welche hier einen vorteilhaften Markt finden, und audersetts auch mit den reichen Bodenschätzen, welche Uruguay birgt. Wie dies schon gesagt ist, gehört eine große Reihe deutscher Firmen zu den ersten Vertretern des kapitalstolzen Handels- standes dieser Metropole.

Eine so große Bedeutung Montevideo als Stapelplatz der europäischen Maaren auch besitzt, so bildet doch den größten und einflußreichsten Handelszweig das großartige Versandtgeschäft der Massenprodukte der Saladeros, jener

die Autorität eines Marquis de Flers hin behauptet wird, daß die deutsche Regierung dem serbischen Kriegsminister zwei Millionen für den Bezug Krupp'scher Kanonen an- geboten habe. DieNordd. Allg. Ztg." sagt demgegen­über: Weder die deutsche, noch die preußische Regierung führte jemals Verhandlungen der angedeuteten Art in Serbien. DerPester Lloyd" wird hoffentlich vor den Gerichten seiner Heimat die Gelegenheit finden, den Beweis der Wahrheit für seine lügenhaften Artikel anzutreten. Wir halten das Blatt mehr für ein serbisches, wie für ein ungarisches seiner Tendenz nach. Jedenfalls ist es antideutsch; hinter ihm stehen Leute, welche ein Interesse daran haben, das gute Einvernehmen mit Deutschland zu stören. Prof. Kirchhoff ist erkrankt und verhindert, im Sommersemester Vorlesungen zu halten.

Karlsruhe, 15. April. In seiner Rede zum Schluffe des Landtages dankte der Großherzog dem Abge­ordneten für ihr ersprießliches Zusammenwirken und spricht sein tiefes Bedauern über das Hinscheiden des Erzbischofs aus. Der Großherzog hofft, der erzbischöfliche Stuhl werde durch eine Persönlichkeit besetzt werden, die das Werk des friedlichen Ausgleichs weiter führt. Der Großherzog wünscht, daß die Abgeordneten auch in ihrer Heimat Träger des längst bewährten Geistes ächter Vaterlandsliebe, ge­rechter Freisinnigkeit und treuer Hingebung für die Ordnung, den Staat und die Kirche sein werden Der Großherzog erkennt dankbar die Teilnahme des Landes bei der Erkrankung des Erbprinzen an und hofft auf dessen baldige und aichaltende Besserung.

München, 15. April. Da in der Spezialdebatte über das Arrondierungsgesetz der Hauptartikel über die zwangsweise Zusammenlegung keine Zweidrittelmajorität erhielt, fragte der Präsident an, ob die Regierung aus der Weiterberatung des Gesetzes bestehe. Der Finanzminister erklärte namens des Ministers des Innern, die Regierung .erhoffe die Herstellung des dritten Artikels durch die Reichsräte und ziehe daher den Entwurf nicht zurück.

Ausland.

London, 15. April. Dem gestrigen Protestmeeting imHer Majesty Theater" gegen die irische Verwaltungs­bill Gladstones wohnten sehr zahlreiche Mitglieder des Oberhauses und des Unterhauses bei. Lord Hartington erklärte, seine Anwesenheit bedürfe keiner Rechtfertigung; die gegenwärtige Krisis mache ein Zusammenwirken aller notwendig, um sich der Trennung Englands von Irland zu widersetzen. Lord Hartington kritisierte die einzelnen Vorschläge Gladstones und beantragte eine Resolution, in welcher hervorgehoben wird, jeder Versuch, die Union zu entkräften, würde für die Interessen Englands und Ir­lands verhängnisvoll sein. Die Resolution wurde von Rylandö unterstützt und mit großem Beifalle angenommen. Hierauf erklärte Lord L>alisbury, keine Entschuldigung se( notwendig, wenn Männer aller -Parteien ihre Meinungs-

Fleischfabriken,, welche, wenngleich dieselben auch in Ar­gentinien als große industrielle Anlagen existieren, für Uru­guay doch noch eine besondere Eigentümlichkeit, namentlich in Hinsicht auf ihre eigenartig große Ausdehnung, anzuseheu find. Die Thättgkeit dieser Saladeros beruht auf dem un­geheueren Heerden-Reichtum der uruguayschen Steppen. Heerden von Millionen Müder und Schafen weiden hier in den üppigen Steppengräsern und werden nur zu dem Zweck gezüchtet und gehegt, um in den um Montevideo be­lesenen fabrikmäßig eingerichteten Schlachtereien geschlachtet und verwelket zu werden. Die Industrie, welche mit diesem Vie in den Saladeros, so nennt man die Schlachtereien, betrieben wird, ist eine großartig entwickelte, und in Mon­tevideo find es die größten Firmen, welche sich mit dem Massenankauf und Versandt dieser Fleisch,- Häute- und Talgprodukte beschäftigen. Dampferladuugsweise geht die Ausbeute der Stcppenviehzucht von Montevideo seewärts nach London, Hamburg, Bremen und anderen großen euro­päischen Häfen, und noch von Jahr zu Jahr wächst dieser für Montevideo und das Land Millionen abwerfende Hansel. Für Deutschland hat diese uruguaysche Saladero-Jndustrie ein um so größeres Interesse, als sich an dieselbe bekanntlich ein Name knüpft, der in verdientem großen Ansehen steht, wir meinen Liebig, dessenFleischextrakt" in den Saladeros, und zwar in Fray-Bentos, einem unweit Montevideo gele­genen Städtchen, wo sich heute noch das größte Etablissement befindet, und zwar dasselbe, welches zuerst diesen Fleisch­exttakt bereitet hat, entstanden ist. Ein Hamburger Namens Giebert, der Sohn armer Eltern, welcher sich zuerst in Bra- litten niedergelassen hatte und bann nach Uruguay gekommen war, hatte die Aufmerksamkeit unseres großen Chemikers auf die Saladeros hingelenkt, um seine Ideen über eine