Rr. 90.
Marburg, Freitag, 16. April 1886.
XXI. Jahrgang.
-rs-tint täglich außer en äyerttagen nach Sonn- und Arirrtagen. — Quartal- Äbonnements-Preis bei der Expedition 2>/« Mk., bet kin tzottämter 2 Vit. 50 Pfg. - excl. Best-llgeld-. InsenionSaebübr für die Hespailrae Zeile 10 Big. Setim. n für die Zeile 15 Pfq.
Odcrhksjlsllik jritmig.
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d Blatte-, sowie d.Annoncen-Bureauk vonHaasenstein undVogler in Frankfurt a. M , Gaffel, Magdeburg und Wten; Rudoli Moffe in Frankfutt a M., BerItn,V-ünchenund Köln; G. L. Daube und Vo. n rank'urt a. M., B- rl n, Ha nover u.Paris
Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. i>. Kreise Marburg n. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.
Expedition Marti 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
Der Friede zwischen Staat und Kirche.
Mit Recht hat Fürst Bismarck im Reichstage bei Beratung der Branntweinmonopolfrage die Zufriedenheit des Volkes als eine der wichtigsten Stützen der Sicherheit und Festigkeit des Staates bezeichnet und angesichts der drohenden Wolken, welche sich am politischen Horizont zeigten, die Beseitigung der Ursachen zur Unzufriedenheit als eine dringende Aufgabe weiser und staatserhaltender Politik erkannt.
Wie der Steuermann die drohenden Stürme vorhersehen muß, will er das Schiff sicher steuern, so hält auch Fürst Bismarck vou seinem hohen Standpunkte, von dem er das ganze Getriebe der europäischen Völkerfamilie weit überblickt, unablässig Umschau, um für Deutschland bedrohliche Erscheinungen rechtzeitig erkennen und den daraus zu befürchtenden Gefahren wirksam vorbeugen zu können. Die doppelte Gefahr, welche grade jetzt von Westen droht, die weit und tief gehende anarchistische Bewegung und , das stärkere Wiederauftreten der Revanche-Ideen, legt ihm den Gedanken besonders nahe, Elemente der Unzufriedenheit, durch welche d.ie Ansteckung mit solchen sozialistischen und gewaltthätig-revolutionären Ideen, wie sie so mahnend in Belgien auftraten, befördert werden würde, zu beseitigen. Run hat, mit welchem Rechte, mag dahingestellt sein, aber chatsächlich ohne Frage der Kulturkampf in der doch immer mehr als ein Drittel zählenden katholischen Bevölkerung Preußens starke Unzufriedenheit erregt; die Wiederherstellung des Staatskirchenftiedens würde dieselbe und damit ein Element der Schwäche beseitigen, welches äußeren Gefahren gegenüber vom liebel sein kann.
Dieser Gesichtspunkt ist es ohne Zweifel, welcher Fürst Bismarck veranlaßt, selbst unter Aufgabe mancher freilich mehr formell, als materiell wichtiger Rechte des Staates die Herstellung eines friedlichen und freundlichen Verhältnisses zwischen Staat und Kirche anzustreben und sich in diesem Streben nicht durch Anspielungen auf Canossa und dergleichen irre machen zu lassen. Die katholische Kirche ist, abgesehen von dem Deutschen Reiche, in den immer mehr schwankenden Zuständen Europas einer der wenigen festen Punkte; sie repräsentiert, wie jenes, das Prinzip der Autorität und ist daher naturgemäß die Gegnerin aller Umsturztendenzen, wie sie ja auch von den Anarchisten und den ihnen verwandten Elementen auf das Schärfste angefeindet wird. In den Zeiten drohender Umsturzbewegungen ist es daher weise, den Machtstreit zwischen Staat und Kirche zu beenden und beide Mächte zu gemeinsamer Bekämpfung derartiger Bestrebungen zu vereinigen. Reben der Beseitigung des in der Unzufriedenheit mehr als eines Drittels der Bevölkerung liegenden Elements innerer Schwäche erzielst sich als Gewinn der Herstellung des Staatskirchenfriedens die Erlangung eines Bundesgenossen im Kampfe gegen die Mächte, welche auf den Umsturz des Bestehenden hinarbeiten Dieser Ge inu
Geschichtskalender.
16. April.
1521. Dr. Martin Luther hält seinen Einzug in Worms, — der fast großartiger, als der des Kaisers gewesen war.
1871. Verkündigung der Verfassung des Deutschen Reichs.
Bon der Reise Sr. Majestät Schiff „Prinz Adalbert".
(Nach privaten Briefen)
Bei der liebenswürdigen Aufnahme unserer wackeren Landsleute verging uns die Zeit in Montevideo sehr schnell, abgesehen davon, daß die Metropole von Uruguay eine Stadt ist, welche Seeleuten nach Wochen- und monatelanger Ein- samkeit aufSee abwechselnde Unterhaltungen genug za bieten vermag. Wie in allen großen überseeischen Städten, so haben auch in Mentevidio die verschiedenen Landsmannschaften ihren gesellschaftlichen Mittelpunkt in sogenannten „Clubs." Es giebt einen englischen, französischen, italienischen, österreichischen und deutschen Club. Mit großen Gesellschaftssalons, Speisesälen, Billard- Spiel und Lesezimmern ausgestattet, war uns das deutsche Clubhaus ein gastlicher und angenehmer Raum geworden, und wir haben in der Gesellschaft eines großen Kreises liebenswürdiger Frauen und Herren unter seinem Dache frohe, immer erinnerungswerte Stunden verlebt. Die Mitglieder der spanischen und der übrigen internationalen Gesellschaft mischen sich höchst freundschaftlich mit unseren Landsleuten, und wir haben selten Unterschiede wahrgenommen, wie hierfür leicht bie Verschiedenheit der' heimatlichen Angehörigkeit erklärlich sein könnte. Immer war es von uns mit Aufmerksamkeit und Freude bemerkt worden, wie sich bei unseren
ist fürwahr mit der Aufgabe einiger ohnehin niemals praktisch gewordener Gesetzesparagraphen nicht zu teuer erkauft.
Deutsches Reich.
Berlin, 14. April. Der Kronprinz ist heute ebenfalls an den Masern erkrankt. Das Bulletin 'übet das Befinden des Kronprinzen lautet: Ter Kronprinz ist heute unter leichten Fiebererscheinungen und mäßigem Katarrh an den Masern erkrankt. — Dem Bundesrat ging eine Denkschrift zu wegen Einrichtung einer physikalisch - technischen Reichsanstalt für exakte Naturforschung mit dem Anträge, dafür im nächsten Etat einen entsprechenden Betrag einzustellen. — Die gestern vom Herrenhause erledigte Kirchenvorlage ist dem Abgeordnetenhause bereits zu- gegangen. Die „Post" meint, die Kirchenvvrlage gelange erst nach Ostern im Ageordnelenhause zur Verhandlung; das Haus werde morgen bis zum 4. Mai in Ferien gehen. — Die Kanalkommission des Abgeordnetenhauses genehmigte^ die Kanalvorlage mit 11 gegen 10 Stimmen in einer Fassung, welche die Regierung ermächtigt, den Rhein - Ems - Kanal zur Verbindung der Unterweser mit dem Mittelrhein und mit der Elbe zu bauen und eine leistungsfähige Wasserstraße im oberen Oderlaufe von der Neisse - Mündung bis Kosel mit einem Umschlaghafen in Kosel herzustellen. Der Ausbau der Wasserstraße im oberen Oderlaufe ist nach der Aufstellung des Projektes und nach der Bewilligung der Mittel sofort vorzunehmen und so zu fördern, daß deren Fertigstellung spätestens mit der Vollendung des Schiffahrtskanals von Dortmund nach dem Emdener Binnenhafen erfolgt. Die Vertreter der Regierung hatten gegen diese Fassung Bedenken geäußert.
— Zur Vorfeier des heute stattfindenden 50 jährigen Jubiläums des Justiz-Ministers Dr. Friedberg fand gestern Vormittag im Ministerialgebäude eine Gesamtsitzung der vortragenden Räthe statt. Als der Jubilar in den dekorierten Sitzungssaal trat, erhoben sich sämtliche Räthe, der Unter-Staatssekretär Nebe-Pflugstädt hielt eine feierliche Ansprache zur Beglückwünschung des Chefs und überreichte seitens der Räthe des Justiz-Ministeriums, der Bureau- und Unterbeamten ein kostbares Album. In tief bewegten Worten beantwortete der Jubilar die Ansprache. Dein Album ist eine Adresse beigefügt, die der Geheime Ober-Justiz-Rath Dr. Starke mit künstlerisch voll- endeten Randzeichnungen und Aquarellmalereim, welche sich auf die Lebensgeschichte des Jubilars beziehen, ausgestattet hat. Mit dem Album wurden auch sämtliche Porträts der jetzigen Beamtm des Justiz-Ministeriums überreicht. Dem Minister sind gegen hundert Glückwunschschreiben und Adressen, zumeist in kostbarer, kunstvoller Ausstattung zugegangen. — Der Kaiser verlieh dem Jubilar das Großkreuz des Roten Adlerordens. Die Universitäten Tübingen, Berlin und Greifswald übersandten demselbeit Landsleuten die Anghänglichkeit an die Heimat unöerminbett erhalten hat. Alle Ereignisse in unserem Vaterlande waren mit Aufmerksamkeit verfolgt worden und über die meisten Vorgänge waren die Herren viel gründlicher unterrichtet als wir, die wir mit häufigar Unterbrechung von dem Gang der europäischen Ereignisse und nur in den Häfen Kenntnis erhalten hatten. Das Hauptthema war immer die deutsche Colonialpolitik. Namentlich wo wir unter uns mit den Landsleuten verkehrten und zusammen waren, wurde darüber mit Begeisterung und einem einzigen Ausdruck der Genug- thuung gesprochen. Schon in unseren früheren Briefen war gesagt worden, wie wir übereinstimmende Zeugnisse der Anerkennung für das Vorgeben unserer Reichsregierung in dieser Richtung in allen Häfen gefunden hatten. Im Auslande denkt man in den deutschen Bevölkerungskreisen noch ganz anders wie daheim über die Entfaltung der Reichsgewalt, über die Pflanzstätten unserer überseeischen Kultur: des Bedauerns und der Klage ist hier nie ein Ende gewesen, als es früher an Willen und Einsicht fehlte, die großen zeritreuteu Kräfte des Vaterlandes zu sammeln, za konzentrieren und nutzbringend für die Heimat zu verwerten. Das stets gesteigerte Verlangen, die europamüden Deutschen bei fich aufzunehwen, hat e§’ schwer gemacht, das Deutschtum überall, wo es Fuß gefaßt hat, zu einer nationalen Konsolidation gelangen zu lassen, und so ist es gekommen, daß nur in den großen überseeischen Stödten mit Ausnahme weniger Länder unsere Landsleute sich zu „Kolonien- zu- sammeugeschlossen haben. Brasilien und die Laplataläuder, und von Letzteren b-sonders Uruguay, sind eigentlich die einzigen überseeischen Kulturstaaten, wo die Deutschen nicht als reiner Knlturdünger wie in Nordamerika verwendet worden sind, sondern sich auch auf dem platten Laude als Nation unter den anderen Nationen erhalten haben. Wir hatten unter den deutschen Kaufleuten in Montevideo Herrn
ihr Ehren-Toktordiplom. Die Geburtsstadt Friedland ernannte denselben zum Ehrenbürger. — Justizminister Dr. Friedberg ist am 27. Januar 1813 zu Märkisch Friedland geboren. 1841 wurde er zum Kammergerickts - Assessor ernannt und von 1843 an zu größeren, in das Gebiet des Gewerbewesens fallenden rechtshistorischen und gesetzgeberischen Arbeiten des Ministeriums des Innern, im Jahre 1844 auch zu Arbeiten des Königlichen Hauses verwandt, um dann im Juni 1845 als Hilfsarbeiter in das Justizministerium einzutreten. Im Oktober 1854 erfolgte seine Ernennung zum vortragenden Rathe im preußischen Justizministerium; als solcher beschäftigte er sich in erfolgreicher Weise mit vielen wichtigen gesetzgeberischen Arbeiten. 1870 erhielt er dazu das Aint eines Vorsitzenden der Justiz- Prüfungs - Kommission und int Juni 1872 als ältester Rath des Justizministeriums den Titel und Rang eines Raths erster Klasse, auch im November desselben Jahres aus Allerhöchstem Vertrauen die Berufung zum lebenslänglichen Mitglied des Herrenhauses, um ein Jahr später in die Stellung eines Unter - Staatssekretärs im Justiz- Ministerium aufzurücken und auch zum Kronsyndikus bestellt zu werden. Bei der Neuorganisation des Reichs- Justizamts im Dezember 1876 trat er dann als Staatssekretär an dessen Spitze, am 29. Oktober 1879 aber nach dem Ausscheiden des Justizministers Leonhardt an die Spitze des Justiz-Ministeriums. — So weit bekannt, so schreibt der Königlich preußische „Staats-Anz.", ist nur dreien der Männer, welche seit Jahrhunderten die preußische Justizverwaltung leiteten, ein solches Fest in solchem Amte beschieden gewesen: am 12 September 1754 dem Großkanzler von Cocceji, am 30. Januar 1821 dem Justiz- Minister v. Kircheisen, am 24. März 1840 dem Justiz- Minister v. Kamptz. Und unter diesen dreien ist es allein Cocceji, von welchem, gleichwie v. Friedberg, die bemerkenswerte Thatsache berichtet werden kann, daß er über ein Menschenalter hinaus in ein und demselben Ministerium thätig gewesen ist.
— Das Ministerium für Handel und Gewerbe hat betreffs der Legalisierung von Fakturen über Warensendungen nach den Vereinigten Staaten unterm 1. d. M. folgenden Erlaß au die Handelskammern gerichtet: „Aus Veranlassung einer Beschwerde der Handelskammer zu Mannheim darüber, daß infolge einer von dem amerikanischen Generalkonsulat zu Frankfurt a. M. dem Konsulat in Mannheim kürzlich zugegangenen Weisung alle nach den Vereinigten Staaten von Amerika bestimmten Warensendungen bis zu einem Werte von 5 Doll herab mit legalisierten Fakturen versehen werden müssen, während bisher nur Sendungen im Werte von 100 Doll, und mehr dem Legalisierungszwange unterworfen gewesen seien, sind zur Feststellung des Sachverhalts amtliche Ermittelungen eingeleitet worden. Diese haben ergeben, daß die Vorschriften über die Beglaubigung geringwertiger Fakturen Eduard ®rauert Inhaber einer der allerersten Firmen in Monievidio, kennen gelernt, einen liebenswürdigen Herrn und glühender Verehrer seines Vaterlandes, welcher sich für eine Kolonisation der deutschen Ackerbauer und Gewerbetreibender Uruguays (zur Zeit bilden die Deutschen hier etwa 5°/° der spärlichen Gesamtbevölkerung) sehr, interessiert. Von diesem Kaufmann ist besondes auch die Freigebung großer Ländereien an der Landstraße von Montevideo an deutsche Ansiedler bewirkt worden. Thatkräfttg haben dieses Unternehmen auch andere große Kaufleute von Montevideo unterstüzt, so besonders auch die Firma Mallmann u. Co. Die neue deutsche Ansiedelung führt den Namen „Santa Teresa." Sie wird im Osten vom Atlantik bespült unb soll nach den Schilderungen unserer Gewährsleute eine sehr anmutige Lage zwischen mehreren großen Seen haben. Die Kolonie ist besonders auf Ackerbau eingerichtet, indem ihr Boden für sämtliche Cerealien anbaufähig ist, die bei uns kultiviert werden. Um einen kleinen Hafen, Koronilla, der mit der See in Veibindung gesetzt ist, soll sich die städtische Ansidelung der Kolonie ausbauen. ES sind schon Häuser, auch eine deutsche Schule errichtet und in Gebrauch genommen. Zwischen Koronilla und Montevideo unterhält ein Dampf boot die Verbindung, während für den Absatz der Bodenerzeugnisse nicht sowohl diese La Platastadt, als auch die von Kornilla nur wenig entfernte brasilische Provinz Rio Grande do Sul benutzt werden soll. In Montevideo Sötten wir auch von einem deutsch- heimatlichen Colonialunternehmen, welches die Ausbeute des oberen Rio Negro zum Zweck haben soll. Die Stadt Carmen de Patagones welche an der Mündung des Rio Negro liegt, ist ein Stapelplatz für alle Bodenprodukte geworden, welche im Flußgebiet des Rio Negro, der den Kontinent quer durchschneidet, gewonnen werden. (Fortsetzung folgt.)