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Nr 89.
Marburg, Donnerstag, 15. April 1886.
XXI. Jahrgang.
grfS'tnt täglich außer an Swttagcn n ,ch 5omv und ze erlagen. - Quartal- Atonnements-Preis bei bet Expedition 2*/< -Ult.. bei ben Postämter 2 Ml. 50 8fg. texcl. Bestellgelb). Jnsertionsgebabr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. 5leflcm.fi für bie Zeile ?5 Pfg.
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Anzeigen nimmt entgegen bie Expedition d BlatteS, sowie d.Annoncen-Bureaux von Haasenstein unbVogler in Frankfurt a. M , Caffel, Magdeburg und Wien; Rudolf Mosse in Frankfurt a M., Berlin,^rünchenunb Köln; G. L. Daube und vo. n rank'urt a. M., B> rün, Ha nover u.Paris.
Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.
Expedition ügtartt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
Deutsches Reich.
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Berlin, 13. April. Nachdem nun auch die Frau Erbprinzessin von Meiningen Feodora von den Masern befallen ist, sind sämtliche Kinder der Kronprinzlichen Herrschaften voll dieser Krankheit heimgesucht worden; denn Prinz Wilhelm hatte die Masern bereits im vorigen Frühjahre, seine Gemahlin dieselben sogar zwei Jahre binter- einander. Auch der Herzog Ernst Günther von Schleswig- Holstein ist von der Krankheit befallen worden. Prinzessin Charlotte von Mecklenburg-Schwerin befindet sich in der Besserung, ebenso die Gräfin Fritz Hohenau. Krank liegen noch darnieder, die beiden Gräfinnen Lichnowski, die Gräfin Affeburg und Frau v. Berkheim. — Die Frau Fürstin v. Bismarck vollendete am Sonntag ihr 62. Lebensjahr. Eine große Fülle von Glückwünschen und Geburtstagsspenden, die hauptsächlich in den schönsten Blnmen bestanden, wurdett von früh bis mittags im Reichskanzlerpalais abgegeben. Mittags 1 Uhr brachte die Kapelle des Garde-Füsilier-Regiments der Fürstin ein Ständchen. Am Abend fand beim Fürsten eine Soiree statt, bei der indes der Fürst selbst nicht anwesend war, sondern Graf Herbert Bismarck die Honneurs machte. Zu den Eingeladenen zählten die Mitglieder des Auswärtigen Amtes, der Diplo- matie, Graf Lehndorff, Fürst Hatzfeldt-Trachenberg, Staatsminister v. Bötticher, Prof. Gneist. Das Souper wurde im Kongreßsaale eingenommen. Zu besonderer Freude gereichte allen Anwesenden die Wahrnehmung,, daß die Fürstin sich wieder wohl zu befinden schien. — Dem Abgeordnetenhause ist folgender Entwurf eines Gesetzes, betr. den Beitrag des Staates zu den durch den Anschluß der ■ Stadt Altona an das Deutsche Zollgebiet veranlaßten Kosten zugegangen: § 1. Die Staatsregierung wird ermächtigt, der Stadt Altona zu den Kosten der durch den : Zollanschluß derselben veranlaßten Umgestaltung ihrer Hafenanlagen und der Anlegung einer neuen Straße zwischen den letzteren und der Breitestraße einschließlich der Kosten des Grunderwerbes aus der Staatskasse eine Beihilfe in Höhe von fünf Sechsteilen der zur Anwendung gelangen» l den Beträge, jedoch im ganzen nicht mehr als 6 500000 Mk. zu gewähren. § 2. Die Mittel zur Deckung dieser efördert Beihilfe (§ 1) sind durch Verausgabung eines entsprechen- ' den Betrages von Schuldverschreibungen flüssig zu machen. Wann, durch welche Stelle und in welchen Beträgen, zu welchem Zinsfüße, zu welchen Bedingungen der Kündigung und zu welchen Kursen die Schuldverschreibungen verausgabt werden sollen, bestimmt der Finanzminister. Im übrigen kommen wegen Verwaltung und Tilgung der Anleihe und wegen Verjährung der Zinsen die Vorschriften des Gesetzes vom 19. Dezember 1869 (Gesetzsammlung S. 1 197) zur Anwendung.
Braunschweig, 13. April. Durch Kaiserliche Verfügung ist die Verlegung des Braunschweigischen Infanterie- Regiments Nr. 92 von Metz nach Braunschweig und Blankenburg zum 31. März 1887 ungeordnet. '
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Geschichtskalender.
15. April.
1612. Starb zu Caffel Der Professor der Philosophie und Mathematik am Kollegium Karolinum, Ludwig Philipp Thümmig, gebürtig aus Helmbrechts bei Culmbach, 31 Jahr alt. Er war der wärmste Anhänger des Philosophen Christian Wolf, und diesem seinem Lehrer, als derselbe 1723 aus Halle vertrieben ward, nach Marburg, mit Aufgebung seiner ordentlichen Professur der Philosophie zu Halle, gefolgt. Zur Belohnung seiner Treue gegen Wolf gab ihm Landgraf Karl einige Monate nach seiner Ankunft in Marburg die eben gedachte Stelle, die er freilich nur vier Jahre lang bekleidete.
1633. Gustav Adolph von Schweden erkämpft sich bei Rain den Uebergang über den Lech, wobei der kaiserliche General Tilly durch einen Schuß schwer verwundet wird, infolge dessen er 15 Tage später in Ingolstadt, wohin er sich zurückgezogen, starb.
1771. Fstrst Schwarzenberg, österreichischer Feldherr, zu W'en geboren.
*" Im letzten Augenblicke.
Kriminal-Novelle von Eric b'Oscar.
(Schluß.)
Der Staatsprokurator hatte durch seine einfachen, aber richtigen Fragen ein großes Rätsel gelöst; die Thatsache von der Anwesenheit eines Schrankes, den man nicht „fortbringen" könne, in jenem Zimmer, brachte die Aussage des Zeugen Verron zur Geltung, sollte das ganze freche Lügengewebe eines abgefeimten Schurken zerreißen, — im letzten Augenblicke, da er straffrei ausgehen sollte.
In Folge der Ohnmacht der Zeugin vertagte der Präsident die Verhandlung auf eine halbe Stunde. Der An-
Karlsruhe, 13. April. Ein Schreiben des Staatsministeriums teilt der Kammer mit, die Regierung sei nicht in der Lage, die klerikale Interpellation, betreffend Revision der kirchenpolitischen Gesetze nach dem Vorgänge Preußens zu beantworten. — Die Petitions-Kommission empfiehlt dem Hause, auf die Beratung des Berichts über die Petitionen um Zulassung der Ordensmissionen nicht mehr einzugehen.
Ausland.
Paris, 13. April. Es hat leider nicht den Anschein, als ob die Arbeitseinstellung in Decazeville bald aufhören würde, denn die Geldsammlungen für die Arbeiter nehmen einen ziemlich guten Fortgang und ermöglichen ihnen, ihr Leben, wenn auch unter Entbehrungen, leidlich zu fristen. Auf der anderen Seite ist die Minengesellschaft von Decazeville fest entschlossen, den Arbeitern nicht nachzugeben, und man möchte glauben, daß sie dabei auf die Unterstützung mächtiger Kapitalkräfte rechnen kann. Es handelt sich im vorliegenden Falle um mehr als eine einfache, örtlich begrenzte Arbeitseinstellung, nämlich um eine Kraftprobe zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Dieser Charakter hat der Bewegung in Decazeville von Anfang an wohl nicht innegewohnt, ist aber mit der Zeit durch die Basly Roche, Duc-Quercy und durch die Parteinahme der sozialistischen Deputierten und Zeitungen hineingetragen worden. Siegen in Decazeville die Arbeiter, so kann man mit ziemlicher Bestimmtheit auf eine ganze Reihe von Arbeitseinstellungen in Frankreich rechnen; siegt dagegen die Gesellschaft, so wird diese Lehre die Arbeiter doch stutzig machen und sie werden sich in Zukunft zehnmal bedenken, ehe sie sich wieder in das Elend der Arbeitseinstellung stürzen. Von diesem Standpunkt aus betrachtet, gewinnt die Bewegung ein allgemeineres Interesse, und es ist begreiflich, daß sich nicht nur die Gesellschaft von Decazeville, sondern auch alle ähnlichen großen Gesellschaften davon betroffen fühlen. Es ist fast unnötig, noch besonders auszumalen, welchen Einfluß ein Sieg der französischen Arbeiter auf die ganze französische Industrie ausüben müßte. Die Geschäfte gehen unter dem Einfluß des ausländischen Wettbewerbs schon jetzt schlecht genug, wenn aber noch im Jnlande selbst ein Ansturm gegen die Industrie versucht wird, so kann das für die wirtschaftliche Sage Frankreichs die allerverderblichsten Folgen haben. So sehr die Arbeitgeber und die französische Geschäftswelt überhaupt davon überzeugt sind, ebenso wenig wollen das die Arbeiter und ihre gewissenlosen Führer begreifen, die alles thun, was in ihren Kräften steht, nm das Gedeihen der Industrie und damit den Wohlstand Frankreichs überhaupt zu untergraben.
London, 13. April. Die Ernennung von Kay- Shuttleworth zum Kanzler des Herzogtums Lancaster, von Stafford Howard zum Unterstaatssekretär für Indien, sowie von Borlase zum Sekretär im Lokal - Government-
Board wird amtlich bcstälhl. Der Oberstkämmerer Lord Kenmare und der Oberstallmeister Lord Cork demissionierten. Dem „Standard" zufolge würde Gladstone heute im Unterhause wichtige Abänderungen der Homerule-Vor- lage ankündigen.
' Petersburg, 13. April Das „Gesetzblatt" veröffentlicht das Statut der Gesellschaft für Dampfschiffahrt auf dem Schwarzen Meere und auf der Donau, welche für wöchentliche Fahrten von Odessa nach Sistowa und zurück mit der obligatorischen Berührung von Sulina, Tultscha, Galatz, Braila, Tschernawoda, Silistria, Turtukai und Rustschuk, sowie für je zweiwöchentliche Tourfahrten von Odessa nach Ismail Subsidien erhält. Die Dampfer der Gesellschaft sind in Kriegszeiten der Regierung auf Verlangen zur Verfügung zu stellen.
Sofia, 13. April Die „Agentur Havas" meldet: In seiner Antwort an den Großvezier erklärterer Fürst von Bulgarien sich ferner bereit, sofort die Delegierten für die in dem Konstantinopeler Protokolle vorgesehenen Kommissionen zu ernennen. Die Antwort des Grvßveziers drückt die Befriedigung des Sultans über die Annahme der Entscheidung der Mächte durch den Fürsten aus und beglückwünscht denselben zu der neuen hohen Stellung, die er jetzt einnehme. Der Großvezier zeigt zugleich an, daß die Ernennung der Grenzabsteckungskommissäre sofort erfolgen solle und Gadbau Effendi beauftragt wurde mit der Herbeiführung einer Verständigung über die Bildung der Kommission für die Revision des ostrumelischen Statuts. Der Wortlaut des Firmans, der den Fürsten von Bulgarien zum Generalgouverueur von Ofirumelien ernannt, soll auf den Wunsch Bulgariens im Einvernehmen mit dem Fürsten Alexander festgestellt werden.
Konstantinopel, 13. April. Das neueste Rundschreiben der Pforte an die Mächte betreffs der Entwaffnung Griechenlands hebt hervor, daß nunmehr, wo die bulgarische Angelegenheit durch die Zustimmung des Fürsten zu den Konferenz-Beschlüssen erledigt sei, Mittel gesucht werden müßten, um ein Ende der Dinge an der griechischen Grenze zu machen, da die kriegerische Haltung Griechenlands die Pforte nötige, dauernd bedeutende Ausgaben zu machen, um die Armee aus dem Kriegsfüße zu erhalten.
Hesse«- Rafian.
Marburg, 14. April. Alle Freunde guter Volkserziehung werden auf die in heutiger Nummer unseres Blattes erlassene Anzeige des Allgemeinen Erziehuugs- vereins in Cassel aufmerksam gemacht und um ihre Mitwirkung und Empfehlung gebeten. Insbesondere wolle man jungen Mädchen, welche dem Berufe der-Kindererziehung sich widmen wollen, die Anstalt des Erziehungsvereins zur Ausbildung von Kindergärtnerinnen zum Eintritt empfehlen mit dem Hinweise, daß die in derselben erworbenen Kenntnisse nicht blos den berufsmäßigen Kink ’rgürtnerinnen notwendig sind, sondern auch jedem anderen jungen
geklagte, nun ganz gebrochen, wurde ins Gefängnis abgeführt, die Zeugin in ein gesondertes, abgeschlossenes Zimmer. Gleiszeitig ordnete der Gerichtshof drei Beamte ab, mit der Weisung, im Hause des Angeklagten, und zwar im Sterbezimmer des Herrn de Braz, die Entdeckung des wichtigen Schrankes zu Veranlasser.
* * *
Auf die Kunde dieser Wendung in dem Prozesse hatte der Gerichtssaal sich mit neuen Neugierigen gefüllt, — selbst außerhalb des Gebäudes stand das erregte Publikum Kopf an Kopf dichtgedrängt, um das Finale eines Dramas abzuwarten, wie es in Delle vorher noch nie sich abgespielt hatte.
Der Angeklagte und die Wirtschafterin wurden wieder vorgeführt, und aufs Neue begann der StaatSvrokurator sein Verhör.
»Ich habe Ihnen nur noch einige Fragen vorzulegen. Sprechen Sie die volle Wahrheit, denn Ihr Leben hängt davon ab . . . Als Sie in der Wohnstube Ihres Herrn Feuer angemacht, und dann in das Schlafzimmer des Fremden sich begeben halten, schien da Ihre Ankunft Ihren Herrn zu überraschen?"
„Ja; ich merkte, daß ihm mein Kommen unangenehm sei, aber er sagte nichts."
„Wie lange ungefähr hatte sich Ihr Herr tu diesem Zimmer schon befunden, bis Sie dazu kamen?"
„Eine kleine Viertelstunde; ehe weniger als mehr."-
„Aber warum hatten Sie von allen diesen Umständen, besonders von dem Sckranke, bei Ihren früheren Vernehmungen nichts erwähnt?"
Die Zeugin schwieg und blickte verstohlen nach dem Angeklagten.
„Ich ermahne Sie nochmals zur Wahrheit," erinnerte der Sraatsprokurator; „es liegt in Ihrem eigenen Interesse, nur nichts zu verschweigen."
Nach längerem Zögern sprach die Frau mit ängstlicher Verlegenheit:
„Mein Herr hat es mir verboten, und —"
»Und? Bleiben Sie nur nicht stecken, sagen Sie Alles grab heraus. Hat er Ihnen etwa eine Belohnung angeboten ?"
„Ja, er hat mir 200 Francs gegeben."
In diesem Augenblick trat auch die vorher entfenbente Kommission zurück in den Gerichtssaal.
Einer von ihnen trug ein Korb. In demselben lag eine mit großen Banknoten angefüllte Brieftasche, eine goldene Uhr, ein Etui mit kostbarem Perlen- und Diamantenschmuck und einige Fläschchen, anscheinend mit Medizin. Eines war mit einer Etiquette versehen, auf der ein Wort stand, dieses Wort lautete: „Strichnin." Alle diese Dinge waren in einem, im Getäfel der Wand verborgenem Schranke in dem Sterbezimmer des Herrn de Braz aufgefunden worden.
Beim Anblicke dieser niederschmetternden Beweisstücke brach Dr. Henric laut aufschreiend zusammen.
Vom Gelbe fehlten nur 4000 Francs, es waren noch 1,476,000 Francs vorhanden, mit benen ber Haushofmeister ber Exkönigin Hortense nach Konstanz zurückreisen konnte.
So hat sich ein gemeiner, erbärmlicher Verbrecher, ein Raubmörder selbst gerichtet, — in bem letzten Augenblicke, ba er lchon als „Freigesprochener" von ber Menge begrüßt wurde.
Vierzehn Tage nach biesem Vorfälle lebte Dr. Henric nicht mehr, er erlitt bie wohlverbiente TobeSstrafe zur Sühne seiner so schlau durchgeführten Verbrechen.