Nr. so
Marburg, Sonntag, 4. April 1886
XXI. Jahrgang.
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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg n. Kirchhain. - Illustriertes Sountagsblatt.
Expedition Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von 3oh. Ang. «och.
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Deutsches Reich.
Berlin, 2. April. Der Kaiser stattete gestern nachmittag dem Reichskanzler Fürsten Bismarck, zu dessen Geburtstage einen längeren Gratulationsbesuch ab. Am heutigen Vormittage nahm Allerhöchstverselde die regelmäßigen Vorträge entgegen, empfing die Generale der Kavallerie und General-Adjutanten des Kaisers Grafen Brandenburg I. und II., welche sich infolge ihrer erfolgten Stellung ä la suite des Garde-Kürassier-Regiments und des Regiments des Gardes du Korps bei dem Kaiser vorstellten, und arbeitete mittags längere Zeit mit dem Chef des Zivil-Kabinetts. Nachmittags unternahm der Kaiser eine Spazierfahrt und erteilte nach der Rückkehr dem kurz zuvor aus Rom hier eingetroffenen Königl. preußischen Gesandten beim Vatikan, Wirkt. Geh. Rat v. Schlözer, Audienz. Vor dem Diner hatte der Oberst - Kämmerer und stellvertretende Minister des Königl. Hauses, Graf Otto zu Stolberg-Wernigerode, zum Vortrage die Ehre des Empfanges. — Ueber die diesjährigen Badereisen des Kaisers verlautet, daß der Monarch die Absicht hat, etwa nach Mitte April die Residenz zu verlassen, um, falls die Witterung keinen Hinderungsgrund bildet, auf zehn bis zwölf Tage nach Wiesbaden zu gehen. Selbstredend drängen die Leibärzte zu einem Klimawechsel. Am 1. Mai gedenkt der oberste Kriegsherr das 1. Garde-Regiment im Lustgarten zu Potsdam zu besichtigen. Ungefähr um dieselbe Zeit, wann der Kaiser Berlin verläßt, wird voraussichtlich auch dessen erlauchte Gemahlin sich nach Coblenz resp. Baden-Baden begeben. — In wie bewundernswerter Weise der Kaiser selbst in seinem hohen Alter den schweren Pflichten des Herrscheramtes obliegt, beweist ein Vorgang aus der neuesten Zeit. Der Staatshaushalts - Etat für 1886/87 muß ordnungsmäßig vor oder spätestens mit dem Beginn des Etatsjahres publiziert werden; das Herrenhaus ist erst an dem letzten Tage des vorigen Etatsjahres, dem 31. März, zur Beschlußfassung über den Staatshaushaltsetat gelangt. Erst um 5 Uhr konnte dem Kaiser der Bericht des Staatsministeriums vorgelegt werden, in welchem die Allerhöchste Vollziehung des Etatsgesetzes beantragt worden. Ohne Vortrag über den Etat abzuwarten,
Geschichtskalender.
4. April.
1460. Eröffnung der Universität Basel.
1523. Katharina von Bora, nachmalige Gattin Luthers, wird mit noch acht anderen Nonnen .aus dem Kloster Nimptschen befreit.
1758. Friedrich II. von Preußen schließt mit England einen Bund, wonach dasselbe nicht nur die Besoldung des hauuöverschen Bundesheeres von 50000 Mann übernahm, sondern auch an Preußen jährlich fünf Mill. Thaler Hülfsgelder zahlte.
5. April.
1335. Karl iv., der Luxemburger, wird zu Rom von zwei Eardinälen im Namen des Papstes gekrönt. Nach einem Uebereinkommen mit dem Papste, hatte er noch an demselben Tage die Stadt Rom, wohin er nut ohne HeereS- begleitung kommen durste, wieder zu verlassen. Sein unkaiserliches Benehmen trug ihm überall Spott ein.
1521. Dr. Martin Luther reist von Wittenberg ab, um die Reise nach Worms auzutreten und dort vor Kaiser und Reich seine Lehre zu verteidigen.
1631. Tilly erscheint vor Magdeburg, das er belagert und am, 20. Mai erstürmt.
1794. Danton, einer der Gewaltherrscher während der Schreckensherrschaft in Paris, stirbt durch die Guillotine.
1795. Friede zu Basel. Frankreich hatte die Forderung an Friedrich Wilhelm H. gestellt nicht nur in der Eigenschaft als König von Preußen, sondern auch als deutscher Reichsstand während der ganzen Dauer des Krieges die Neutralität zu beobachten, ein Ansinnen, welches offenbar die Auflösung des deutschen Reiches selbst in fii schloß; — nichtsdestoweniger ging der König von Preußen darauf ein. Dagegen versprach Frankreich in diesem unseligen Friedensschlüsse nicht nur die Krone Preußen für allenfallstge Verluste auf der linken Rheinseite zu entschädigen, sondern es war sogar in Aussicht gestellt,
hat Se. Majestät alsbald die Vorlagen studiert und schon um 9 Uhr abends die von ihm vollzogenen Etatsgesetze dem Staatsministerium wieder zugestellt und so die baldige Publikation derselben ermöglicht. In der That ein leuchtendes Vorbild für unser Volk. Daß der Kaiser durch ein Separatvotum zu dem Votum des Staatsrats über die Reform der Personalbesteuerung von 1820 seine Bedenken gegen die durch die damals in Aussicht stehende Ordnung der Steuer herbeigeführte verhältnismäßig starke Belastung der ärmeren Schichten der Bevölkerung ausgesprochen und damit der preußischen Gesetzgebung die Richtschnur für diejenigen Verbesserungen vorgezeichnet hat, welche vorgenommen sind, sobald beffere Zeiten jene starke Anspannung der Steuerkraft der ärmeren Schichten der Bevölkerung entbehrlich machten, ist aus den Dietericischen Veröffentlichungen über jene Periode bekannt. Nicht bekannt ist aber, daß der damalige Prinz v. Preußen sich gleichfalls mit voller Entschiedenheit gegen die Auflösung des sogenannten Flottwellfonds ausgesprochen hat und für die dauernde 'Beibehaltung dieser Einrichtung im wohlverstandenen nationalen und staatlichen Jntereffe eingetreten ist, demgegenüber die vorübergehenden Utilitäts- momente, welche zu der Auflösung des Fonds und der Verwendung der Bestände desselben zu Chausieebauzwecken führten, zurücktreten müßten. Diese^Stellungnahme ist um so bezeichnender, als die politische Strömung, welche für die vierziger Jahre charakteristisch ist, damals so stark geworden war, daß sie selbst solche Staatsmänner mit fortriß, welche ursprünglich energische Anhänger der Grolmann« Flottwcllschen Politik gewesen waren. — In der am 1. April d. I. abgehaltenen Plenarsitzung des Bundesrats legte der Vorsitzende, Staats-Minister, Staatssekretär des Innern, von Boetticher, eine Nachweisung der Veränderungen im Bestände des als Eigentum des Reichs festgestellten Grundbesitzes und Mitteilungen des Präsidenten des Reichstages über die Beschlüsse des letzteren, betreffend die Einführung von Gewerbegerichten, und zu dem Gesetzentwurf wegen Ergänzung des §. 5 des Zolltarifgcsetzes, vor. Die Resolution des Reichstages wegen Einführung der Gewerbegerichte wurde dem Ausschuß für Handel und Verkehr überwiesen. Auf den Bericht dieses Ausschusses wurde dem Entwurf von Vorschriften über die Einrichtung und den Betrieb der Bleifarben- und Bleizuckerfabriken die Zustimmung erteilt. Sodann wurde über die dem Kaiser wegen Besetzung zweier Stellen beim Reichs-Versicherungsamt, sowie wegen Ernennung zweier richterlicher Beamten und deren Stellvertreter zu Beisitzern dieser Behörde zu machenden Vorschläge Beschluß gefaßt. Endlich gelangten Eingaben, betreffend die Befreiung verschiedener Betriebe von der Unfallversicherungspflicht, und eine Eingabe des
daß unter Umständen Hannover von den Preußen in Besitz genommen werden könne.
1799. Die Oesterreicher unter ihrem tapferen General Kray besiegen die Franzosen bei Magnano und treiben sie hierauf bis über die Adda zurück
1813. General Jork schlägt, unterstützt von anderen preußischen Truppen unter Borstell und Bülow, die Franzosen bei Möckern, so daß diese trotz ihrer Ueber, zahl die Flucht ergreifen mußten.
1849. Die Strandbatterien bei Eckernförde beschießen dänische Schiffe. Das dänische Linienschiff »Christian VIII." fliegt in die Luft und die Fregatte „Gefion" strandet.
1867. Nach dem geheimen Vertrag zwischen Holland und Frankreich, sollte an diesem Tage Luxemburg an das letztere fallen, was aber bekanntlich durch Bismarck vereitelt wurde.
Berkarrnt.
Novelle von Leo Sentag.
(Fortsetzung,)
Der Abend verging heiter und angeregt, Marte sang einige muntere Lieder und ein paar Duette mit Fritz, der einen hübschen Tenor hatte, und der Professor spielte mit Marthe eine Mozan'sche Sonate, da sich im Laufe des Gesprächs herausgestellt hatte, daß sie beide fleißige Klavierspieler seien.
Für Marthe hatte jedoch der vergnügte Abend einen nicht sehr angenehmen Beschluß, da sie von der Mutter hefttge Vorwürfe hinnehmen mußte, weil fte Dr. Schulz abgewiesen. Die alte Frau konnte gar nicht begreifen, was die Tochter dazu bewogen, eine sorgens:eie und selbstständige Existenz auszuschlagen, namentlich, da sie die Annahme des Antrags in den Stand gesetzt hätte, von dem Examen zmückzutreten. Marthe aber erklärte, lieber das Examen machen, als den Doktor heiraten zu wollen, und da Frau Büchtemann ihre Tochter zu einer Heirat nicht
Verbandes der Lohnfuhrunternehmer des Deutschen Reichs, betreffend die Feststellung der Taxen des öffentlichen Fährbetriebes, zur Erledigung.
— Das Ergebnis der Volkszählung vom 1. Dezember 1885, welches vom Kaiserlichen Statistischen Amte unter dem Vorbehalte etwaiger Berichtigungen auf Grund der definitiven Zusammenstellung soeben veröffentlicht ist, hatte das Deutsche Reich an diesem Zählungstermine 46 840 587 Einwohner. Seit der letzten, vor fünf Jahren veranstalteten Volkszählung, bei der 45234061 Einwohner gezählt wurden, hat die Bevölkerung also um 1606 526 Köpfe, d. i. durchschnittlich jährlich um 0,70 pCt., zugenommen. Diese Zunahme erscheint gegenüber derjenigen in den vorhergehenden Zählungsperioden allerdings schwach, denn von 1875 auf 80 war sie 1,14 pCt., von 1870 auf 75 0,92 pCt. Wenn man aber weiter zurückgeht, so findet man Perioden, in denen die Volkszunahme auf dem heutigen Reichsgebiete noch beträchtlich geringer war; so betrug sie 1845 ?50 nur 0,57 pCt., 1850 '55 0,40, 1865/70 0,58 pCt. jährlich. Wenn man zusieht, aus welchen Faktoren sich die oben bemerkte Vermehrung um 1606526 Köpfe zusammensetzt, so ergiebt sich folgendes: In den fünf Jahren 1881—85 hat die natürliche Volksvermehrung, d. h. die durch den Ueberschuß der Zahl der Geborenen über die der Gestorbenen herbeigeführte, rund 2 600 000 Köpfe betragen (dabei ist die noch nicht festgcstellte Zahl, des Jahres 1885 gleich der des Jahres 1884 gesetzt) Wäre die Bevölkerung seit der letzten Volkszählung nicht durch einen Ueberschuß der Auswanderungen über die Einwanderungen vermindert worden, so hätte die Einwohnerzahl Ende 1885 also 47 800000 Köpfe betragen müssen, während sie in Wirklichkeit nur die oben angeführte Zahl erreichte. Das Manko an Zuwachs beträgt mithin rund 1 Million. Die Erklärung, wodurch es entstanden, ergiebt sich bei einem Blicke auf die Statistik unserer überseeischen Auswanderung. Nach unserer amtlichen Statistik, welche die Auswanderungen über deutsche Häfen, Antwerpen und Havre regelmäßig nachweist, sind in den fünf Jahren 1881—85 853242 Deutsche nach überseeischen Ländern, zu dauerndem Aufenthalte dort, gegangen. Man darf annehmen, daß eine ansehnliche Zahl von deutschen Auswanderern über andere, als die oben bezeichneten Häfen befördert wird, und wenn man diesen unserer amtlichen Statistik fehlenden Bruchteil auf etwa Vio anschlägt, so kommt man der Zahl von 1 Million und somit dem oben berechneten Manko ganz nahe. Was uns aus den überseeischen Ländern an Bevölkerung wieder zuwächst, ist bekanntlich sehr wenig, und die Zahl der Auswanderer dorthin stellt also zugleich unsere, ganz zu unseren Ungunsten ausfallende Wanderungsbilanz gegenüber jenen
zwingen wollte, so mußte fte sich eben damit zufrieden geben.
Am nächsten Morgen bat der Professor die Fran Pastorin um eine Unterredung und suchte sie zu bewegen, wie er Marthe versprochen, ihrer Tochter den Rücktritt von der Lehrerinnenprüfung zu gestatten. Doch eS gelang ihm nicht, die jetzt auch noch ärgerliche Frau umzustimmen.
„Marthe hat es ja in der Hand gehabt, sich unabhängig zu machen und hat die Gelegenheit nicht benützen wollen. Nun unterzieht sie sich der Prüfung unter allen Umständen."
Und dabei blieb sie hartnäckig, wie auch der Professor und Fritz in sie dringen mochte».
So vergingen einige Wochen, in denen der Professor immer häufiger Gast im Hause war. Er fühlte sich ungemein von der behaglichen Häuslichkeit angezogen und freute sich über das ruhige, sinnige Walten Marthens. Er beruhigte das junge Mädchen, die immer aufgeregter wurde, je näher der gefürchtete Tag heranrückte. Ueberhaupt wunderten sich außer Marie sämtliche Seminaristinnen, daß der Professor so plötzlich ein ganz anderes Wesen gegen Fräulein Büchtemann angenommen.
Eine» Tages, ganz kurz vor dem Examen kam er wie gewöhnlich gegen Abend in das Büchtemann'sche HauS und fand die beiden Mädchen allein im Eßzimmer, wo Marthe gerade den Tisch zum Nachtessen deckte, während Marie am Klavier saß und leise ein Lied vor sich hinsummte.
„Guten Abend, meine Damen, heißen Sie mich willkommen, denn ich bringe frohe Botschaft. Für Sie, Fräulein Marie, habe ich heute mit dem Freiherrn von Thiele ab- geschloffen. Er verzichtet darauf, den Ausgang des Examens abzuwarten, denn ich habe mich ihm verbürgt, daß Sie glänzend bestehen werden. Nur ruhig, keinen Dank! Ich glaube, ich habe meinem Freunde einen größeren Gefallen getha«, als Ihnen. Halten Sie sich bereit, die Stellung möglichst bald auzutreten; denn die jetzige Erzieherin ist leidend, und die Gräfin möchte sie nicht eher weglassen, als