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Vir. 79.

Marburg, Sonnabend, 3. April 1886.

XXI. Jahrgang.

-rsch-int täglich außer an Werktagen nach Sonn» und Feiertagen. Quartal- Adonnements-Preis bei der Expedition 21/* Ml., bei den Postämter 2 Ml. N) Mg- (excl. Bestellgeld). Jnlertionsgebübr für die gefpaltene Zeile 10 Big. Ketiamen für die Zeile 25 Pfg.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d BlatteO, sowie d.Annoncen-BureauU vonHaafenstein undDogler in Frankfurt a. M , Coffel, Magdeburg und SB5ieiu Rudolf Moffe in Franks« a M-, Berlin.3» ünchen und

Köln; G. L. Daube und Po. n Frankfurt a. HL, B rl>n, Ha nover ».Paris.

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger s. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sountagsblatt.

Expedition Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.

Wir richten an unsere geehrten auswärtigen Abonnenten das freundliche Ersuchen,

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Das enthüllte Antlitz des falsche« Propheten.

Das Sozialistengesetz ist in zweiter Beratung auf weitere zwei Jahre verlängert worden. Daß dies Resultat nach so eingehenden Beratungen des Reichstags mit einer Majorität von nur 27 Stimmen erreicht wurde, muß schier Wunder nehmen. Alle Parteien bezogen sich dabei auf die belgischen Vorgänge, aber viele Volksvertreter zogen daraus nicht die Lehre, die sich doch von selbst ergab: einmal, daß nur ein vollständiges und gutes Einvernehmen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern die allgemeinen Interessen und die Interessen der Arbeiter zu fördern vermag; ferner, daß dort die Sozialdemokratie im Bunde mit dem Anarchismus ein infernalisches Werk vollbracht hat, welches allen Völkern zur Warnung dienen muß, die die vorbeugenden Maßregeln gegen die schlechten Eigen­schaften und Neigungen der menschlichen Natur außer Acht lassen.Was geht uns Belgien an", mußte man aus so manchem Munde hören. Jndeß beschränkte sich die Be- trachtitng nicht allein auf Belgien, sie lenkte sich auch auf Rußland. Und zwar war es der Abgeordnete Bebel, welcher am ersten Tage der Debatte eine auf russische politische Verhältnisse bezügliche Aeußerung that, die von Niemandem beachtet wurde. Niemand antwortete ihm darauf, Nieütand nahm darauf Bezug. Nur der Mann der That und der Schatzgräber der Gedanken: der Reichs­kanzler, der den Gegnern des Deutschen Reichs nach außen und innen mit unermüdlichem Scharfsinne folgt, hatte die Aeußerung bemerkt und festgehalten und kam nach dem Reichstage, um Herrn Bebel und die sozialdemokratische Partei festzunageln, wie noch nie vorher. Das faden­scheinige Mäntelchen der beobachteten Gesetzmäßig­keit, das sehnsüchtige Verlangen nach Aufhebung des Ausnahmezustandes, das Exemplizieren auf Rußland waren alles Schalen, die vom Reichskanzler gewandt losgelöst wurden, bis der klare und greifbare Kern sichtbar wurde und das war mit kurzen Worten folgender: Die Sozial­demokratie hält auch in Deutschland den Meuchelmord, den Fürstenmord für erlaubt und zwar dann, wenn der politische oder wirtschaftliche Druck nach ihrer Meinung ein Maximum erreicht hat. Die Stärke dieses Druckes wird nicht von der allgemeinen Beurteilung oder von be-

Gefchichtskalender.

ö. Äpr tl.

1559. Der Nachfolger Karls V. auf dem spanischen Thron, Philipp 11-, schließt mit Frankreich den Frieden von Cambresis ab, und gewinnt dadurch Muße, im Staate dem Könige eine unumschränkte Machtvollkommenheit und eiserne Herrschaft zu erwerben.

1833. Etwa siebzig Demokraten, größtenteils Studierende, machten in der Nacht den Versuch, sich der Stadt Frank­furt a. M. zu bemächtigen, um den Bundestag zu sprengen! Derselbe mißlang natürlich.

Verkannt.

Novelle von Leo Sontag.

(Fortsetzung,)

Verzeihen Sie, Herr Doktor; wein Lachen war wohl unhöflich,- sagte sie dann, als sein vorwurfsvoller Blick sie traf,aber es war zu komisch, wie ich mir vorstellte, daß ich eine Frau sein solle!*

Und wieder lachte sie hell auf und brachte bamit den jungen Mann ganz außer Fassung. Er wußte wohl, daß jetzt, nichts mehr zu hoffen sei; hätte sie ihn schroff abge­wiesen, er hätte die Hoffnung nicht so leicht aufgegeben; aber sie hatte gelacht, da war alles zu Ende.

Dennoch wagte er noch einen Versuch.

Denken Sie über meinen Vorschlag nach, Fräulein Marthe, ich werde mir morgen noch einmal erlauben*

Das ist nicht nötig, lieber Herr Doktor. Was ich Ihnen morgen sagen könnte, kann ich auch heute schon. Ich denke noch gar nicht ans Heiraten, kann Ihnen also den Gefallen nicht thun,Ja* zu sagen. Und nun*, sie reichte ihm lächelnd die Hand,seien Sie mir nicht böse, ich werde auch, so lange Sie bei Uns essen, darauf Bedacht nehmen, daß Sie recht häufig Ihre Lieblingsgerichte bekommen.* Seufzend nahm der junge Mann die dargebotene Hand

stimmten objektiven Thatsachen abhängig gemacht, sondern vielmehr von der eigenen Meinung derjenigen, welche sich Sozialdemokraten nennen. Junge Burschen von zwanzig Jahren, die noch nichts vom Leben gesehen, die noch keinerlei Erfahrung hinter sich haben, die nichts gelernt, die sich um nichts verdient gemacht haben, die, von dem Hasse gewerbsmäßiger Agitatoren angestachelt, nur ihren eigenen schlechten Leidenschaften leben, erhalten so die Mord­waffen in die Hand gedrückt und ihrem eigenen Urteil, welches doch in der That nicht vorhanden ist, soll es unterliegen, wann sie von den Vernichtungsmitteln Ge­brauch zu machen haben. Das ist die Lehre des Herrn Bebel, die der Reichstag kennen gelernt hat; das ist die Quintessenz der sozialdemokratischen Bewegung; das ist das enthüllte, überaus häßliche und abschreckende Gesicht jenes Propheten, der den Völkern Moral und neues Leben lehren wollte. Das ist das große Verdienst des Reichs­kanzlers , daß er von diesem Zerrbilde den deckenden Schleier einmal ganz heruntergerissen und dem Volke ge­zeigt hat, welche Lehren, welche Moral, welche Endziele und welche Mittel der in so prahlerischer Weise gerühmten Bewegung zu Grunde liegen. Was die Sozialdemokratie stets abgeleugnet, wogegen sie stets mit Sorgfalt Protest eingelegt hat: Der Zusammenhang ihrer Bewegung mit dem Anarchismus, das ist jetzt allen klar geworden und kann von ihr nicht mehr abgeleugnet werden, da ihr Hauptführer ja dafür eingetreten ist.

Deutsches Reich.

Berlin, 1. April. Prinz Wilhelm nahm am gestrigen Tage, wie bereits in früheren Jahren, so auch diesmal an der im Bibliolheksaale des Generalstabs - Gebäudes vom General-Quartiermeister der Armee abgehaltenen Schluß­kritik der sogenannten taktischen Arbeiten teil. Die zum Generalstabe kommandierten Offiziere machen nämlich, wie dieKreuz.-Ztg." schreibt, neben ihren sonstigen vielseitigen Arbeiten während des Winterhalbjahres einen Kursus in taktischen Generalstabsarbeiten durch. An diesen Bear­beitungen, welche zugleich Prüfungsarbeiten sind, betei­ligen sich auch Offiziere aus der Armee, die zum General­stabe empfohlen sind, und mit ihnen der Prinz Wilhelm. Am Mittwoch Vormittag überraschte er den Prof. Werner bei seiner Arbeit, der Renovierung des Bildes der Schlacht bei Sedan, int Sedanpanorama, und verweilte über eine Stunde bei dem Meister, von dem er sich eingehend alles erklären ließ. Ganz besonderes Interesse fand bei dem Prinzen dasMoltke-Diorama", welches dem Publikum nach Renovierung des Panoramas ebenfalls zugänglich sein wird. DiesesDiorama" veranschaulicht eine Unter­redung des Fürsten Bismarck, Moltkes und des Generals von Wimpffen in der Nacht vor der Kapitulation Sedans. Der Gesandte v. Schlözer ist heute früh von Rom hier

und vectieß dann rasch ohne ein Wort zu sprechen, das Zimmer.

Marthe aber setzte sich wieder in die Fensternische und nahm ganz mechanisch das Kochbuch zur Hand, das sie vorhin niedergelegt. Doch beschäftigten sich ihre Gedanken nicht mit den darin befindlichen Recepten, sondern mit dem Anträge des Doktors. Hatte sie recht daran gethan, ihn so unüberlegt abzuweisen?

War es nicht eine Rettung vor dem Examen? Aber Dr. Schulz hatte sie so sehr überrascht, ihr war wirklich noch kein Gedanke ans Heiraten gekommen. Und selbst, wenn sie je daran gedacht, hätte der Doktor eine andere Antwort bekommen!

Aus solchen Gedanken schreckte sie die Stimme ihres Bruders auf, der auf dem Korridor sagte:Geh nur einstweilen dahinein, ich komme gleich nach.*

Im selben Augenblicke wurde die Thüre geöffnet und Profeffor Hauswalt trat ein.

Guten Abend, Fräulein Marthe,* sprach er im Näher­treten,Fritz hat mich zum Abendessen eingeladen, hoffentlich komme ich Ihrer Frau Mutter und Ihnen nicht sehr un­gelegen.*

Gewiß nicht, Herr Profeffor, Mütterchen wird sich über einen so werten Gast sehr freuen.*

Und von sich selbst sagen Sie nichts?

Ich freue mich auch,* entgegnete fie frenudlich,find Sie doch jetzt mein Verbündeter!

Ja, das bi» ich, und ich hoffe, Sie verzeihen mir, daß ich heute Morgen so scharf gegen Sie war; ich wußte ja nicht, daß Sie nur gezwungen sich zur Lehrerin ausbtlden wollen und glaubte, Sie thäten eS aus Eitelkeit. Sind Sie mir nicht böse!*

Nein, Herr Profeffor, wenn Sie mir auch recht weh gethan haben.*

So reichen Sie mir die Hand zur Versöhnung, nnd

cingctroffcn und alsbald vom Kultusminister empfangen worden. Der Antrag der kirchenpolisischen Kommission des Herrenhauses über die derselben zur Vorberatung über­wiesenen Abänderungsanträge des Bischof Dr. Kopp geht dahin: Das Herrenhaus wolle beschlie'fen, nachdem der Abänderungsantrag 3 in Nr. 54 der Drucksachen von dem Herrn Antragsteller in Bezug auf die Kommissions­beratung zurückgezogen worden ist, die Abänderungsan- träge 1 und 2 der gedachten Nr. 54 abzulehnen. Hebet den schon erwähnten Nachtragsetat wird folgendes Nähere mitgeteilt. Es wird verlangt im Extraordinarium: 2 Mill. Mark zum Bau neuer Schulen und zur Einrichtung neuer Schulsysteme, int Ordinartum: 400000 Mk. zu Gehalts­zulagen für die Lehrer, 200000 Mk. zur Verstärkung der Schulaufsicht, 100000 Mk. zur Gründung und Unter­haltung von Töchterschulen, 50000 Mk. zu Stipendien für Gymnasiasten rc., 100000 Mk. zu Stipendien für Studierende an Universitäten, 50060 Mk. zur Gründung von Schulbibliotheken rc., zusammen also 2900 000 Mk. Außer den zur Erhaltung des Deutschtums notwendigen Nachforderungen für Unterrichtszwecke soll der Nachtrags­etat mehrfach anderen inzwischen hervorgetretenen Mehr­bedürfnissen Rechnung tragen. Unter diesen bilden die Kosten der Verbesserungen der Geestemünder Hafmein- richtungen aus Anlaß der bevorstehenden Einverleibung des Hafens in den Zollverein mit 1100 000 Mk. den Hauptposten. Außer dem erheblich geringeren Betrage ist für die abweichende Behandlung dieser Forderung gegen­über der für Altona, welche durch ein besonderes Anleihe- geseh erfolgt, die Erwägung maßgebend, daß es sich dort um die Genehmigung einer Staatsbeihülfe für kommunale Anstalten, hier für den Ausbau fiskalischer Einrichtungen handelt. Die Einbringung des Nachtragsetats ist hauptsäch­lich durch diese letzten Mehrbedürfnisse verzögert worden. Die Reichstagskommission hat heute das Offizierpensions­gesetz zu Ende beraten und dasselbe mit unwesentlichen Modifikationen nach dem Anträge des Abg. Grafen von Moltke angenommen. Dem Gesetze wird generell rück­wirkende Kraft bis zum Jahre 1882 beigelegt, d. h. die erhöhten Pensionssätze sollen allen denjenigen Offizieren zugute kommen, welche seit dem Jahre 1882 den Ab­schied genommen haben. Der Grund für diese Bestimmung liegt in dem Umstande, daß die verbündeten Negierungen schon zu dem genannten Zeitpunkt ein Offizierpensionsgesetz mit den jetzt genehmigten Ansätzen in Vorschlag gebracht hatten, daß der Reichstag hiermit auch einverstanden ge­wesen, und daß lediglich die in Betreff einer verwandten Materie herrschenden Meinungsverschiedenheiten den Grund dafür abgegeben hatten, daß jenes Gesetz nicht bereits 1882 in Geltung trat. Rückwirkende Kraft soll das Pen­sionsgesetz außerdem für diejenigen Offiziere haben, denen für ihre Teilnahme am letzten französischen Feldzuge min-

zum Dank dafür besorge ich Ihnen eine Stelle als Haus­hälterin.*

Es gilt,* erwiderte Marthe, und die Beiden schüttelten sich herzlich die Hände.

Darf man auch wissen, was Sie vorhin so eifrig lasen?* fragte Hauswalt.

O, ich studierte für meinen künftigen Beruf,* erwiderte das junge Mädchen lachend und reichte das Kochbuch dem Profeffor, vor dem sie seit ihrer Beichte alle Scheu ver­loren hatte.

So, so! Also das ist die Lektüre, der Sie sich mit Vorliebe widmen?* bemerkte er.

Nun Ernst,* rief da Dr. Büchtemann eintretend,wie macht sich denn meine Schwester in der Abenddämmerung? Nächstens wirst Du fie auch bei Gasbeleuchtung bettachten können. Doch hier ist Fräulein Marie, die sich nach einem Blick von Dir sehnt und auch höre ich die Mutter eben über den Vorplatz kommen.*

Nach gegenseitiger Begrüßung setzte man sich zu Tisch, auch die übrigen Herren waren unterdessen erschienen, nur Dr. Schulz fehlte noch, und Marie erkundigte sich bet Martbens Bruder, wo denn sein poetischer Freund bleibe.

Ja, das hätte ich bald ganz vergessen, Mutter,* wandte Fritz sich an die Frau Pastorin,der ist mir vorhin auf der Treppe begegnet und hat mich gebeten, ihn bei Dir zn entschuldigen. Ich weiß nicht was ihm passiert ist, er sah ganz verstört aus.*

Frau Büchtemann schaute bei diesen Worten forschend zu ihrer Tochter hinüber, die heftig errötete; während Fritz nnd Marie einen Blick deS Einverständnisses wechsetten und der junge Arzt geschickt die Unterhaltung auf einen anderen Gegenstand lenkte, was ihm ein dankendes Lächeln seiner Schwester einttug.

(Fortsetzung folgt.)