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Marburg, Donnerstag, 1. April 1886.
XXI. Jahrgang.
Erich-int täglich außer an Werktagen nach sonn-und Feiertagen. — Quartal- Ldonneinents-Preis bet der Expedition 2‘/« Mk.. bei dm Postämter 2 Ml. ->0 Mg- (erd. Bestellgeld). JnkernonSgebühr für die gelpaitene Zeile 10 Pfg. Setiam r. für die Zeile
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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg n. Kirchhain. - Zllnstriertes Sonntagsblatt.
Expedition Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
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Deutsches Reich.
Berlin , 30. März. Der Kaiser erteilte heute nachmittag um halb 4 Uhr dem Bischof Kopp eine Audienz. — Der Kaiser, so erzählt die „Post", erschien am Montag um 3 Uhr im Herrenhause zum Besuch des zur Zeit daselbst in den Präsidentenräumen wohnenden Statthalters von Elsaß - Lothringen Fürsten von Hohenlohe. In der Begleitung des Kaisers befand sich Oberstleutnant von Petersdorff. Der Kaiser sah sehr wohl aus und schritt rüstigen Schrittes die Treppe zur Wohnung des Fürsten- Statlhalters hinan. Eine eigentümliche Ovation wurde dem greisen Herrn durch die zum „großen Reinmachen" des Herrenhaussaales versammelten Scheuerfrauen bereitet, die es sich trotz der strengsten Kanzleibefehle nicht nehmen ließen, mit aufgepflanzten Besen und Schrubbern und — leuchtenden Augen vor dem Kaiser Front zu machen. Vor dem Herrenhause hatte sich zu beiden Seiten der Leipzigerstraße eine große Menschenmenge angesammelt, welche der Kaiser bei seinem Austritte aus dem Hause und bei der Abfahrt mit lebhaften Hurras begrüßte. Als der Kaiser aus dem Herrenhause auf die Straße trat, überreichte ihm ein kleines Mädchen, das aus dem Publikum hervortrat, einen Blumenstrauß, den der Kaiser mit dankendem Kopfnicken entgegennahm. — Der Statthalter Fürst Hohenlohe geben» mit seiner Gemahlin Berlin bald zu verlassen. — Die Beratungen der Abteilungen des Staatsrates über die Organisation der Geschäfte der Kommission für die Durchführung des polnischen Kolonisationsgesetzes werden einige Zeit ausgesetzt, bis die eingesetzte Dubkommission die Arbeit, aus den von drei Referenten gemachten Vorschlägen ein Elaborat herzustellen, der Beschlußfassung wird unterbreiten können. — Der Unterrichtsminister wünscht eine statistische Uebersicht der Waisen der Elementarlehrer zu erhalten, und hat deshalb, dem „Hann. Kour." zufelge auch das Königliche Provinzial- Schulkollegium zu Hannover beauftragt, eine solche Uebersicht über die Zahl der am 1. Februar d. Js. lebenden Ganz- und Halbwaisen, deren Väter als Mitglieder der
von dieser Behörde verwalteten bezw. in seinem Verwaltungsbezirke bestehenden Elementarlehrer - Witwen - und Waisenkaffen verstorben sind, nach Maßgabe eines mitgeteilten Schemas unter thunlichster Beschleunigung anzu- fertigeu. Zur genauesten Beachtung bei Aufstellung der Uebersicht hat der Minister insbesondere auf folgende Punkte aufmerksam gemacht: Es handelt sich nur um- solche Kassen, welche unter das Gesetz vom 22. Dez. 1869, betreffend die Erweiterung, Umwandelung und Neuerrichtung von Witwen- und Waisenkassen für Elementarlehrer, fallen. Ferner sind nur die Waisen bis zum vollendeten achtzehnten Lebensjahre in der Zusammenstellung zu berücksichtigen, auch kommen nur die ehelichen, leiblichen Kinder der als Mitglieder der vorgedachten Kassen verstorbenen Väter in Betracht, ohne Unterschied, ob sie aus einer Ehe oder aus verschiedenen Ehen desselben Vaters hervorgegaugen sind. Endlich sollen die Summen der vorhandenen Ganz- und Halbwaisen sowohl einzeln, als auch im Ganzen gezogen werden. — In dem bereits telegraphisch skizzierten Artikel der „Times" über die letzte Rede des Reichskanzlers heißt es: „Fürst Bismarck darf mit Recht beanspruchen, daß man ihm in Betreff der Interessen des Reiches vertraut. Dasselbe kann nicht vom Reichstage gesagt werden; der letztere hat vielmehr noch seine Fähigkeit zur Behandlung großer Angelegenheiten zu beweisen. Fürst Bismarck findet in den losen und wechselnden Parteien, die unfähig sind, irgend eine Regierung zu stützen, wenn ihnen ein Anteil an der Aufgabe der Bildung von Verwaltungen gegeben würde, nur schwache Unterstützung für das Werk seines Lebens. In fiskalischen Angelegenheiten hat sich der Reichstag nicht vorteilhaft gezeigt. Er ist kritisch und beißend gewesen, und da er nicht wußte, was er eigentlich wollte, hat er zu oft die Pläne Desjenigen gekreuzt, der sich seines Zieles klar bewußt war. Es gibt in der inneren Politik Deutschlands einige feststehende Elemente. Da ist insbesondere die Zuneigung des Volkes für den Kaiser — ein Gefühl, welches niemals mehr zu Tage trat, als am letzten Montag bei Gelegenheit dessen 89. Geburtstages. Alle Meinungsverschiedenheiten sind beigelegt und alle Klassen vereinigen sich in dem Enthusiasmus für einen Souverain, den die Last der Jahre nicht drückt und dessen Energie das von ihm beherrschte mächtige Reich zu versinnbildlichen scheint. Das deutsche Volk hat sich noch nicht ganz von seiner poetischen Sentimentalität losgesagt, obwohl sie weniger hervorragend ist, als es einst war, und der Kaiser ist deren Lieblingsgegenstand. Reben ihm steht Fürst Bismarck. Trotz der parlamentarischen Kämpfe vereinigen sich alle Klassen darin, den Fürsten Bismarck zu bewundern und stolz auf ihn zu sein, was durch seine Irrtümer oder sein Mißgeschick in der Gesetzgebung nicht beeinträchtigt wird. Aber meistenteils scheinen die Elemente der deutschen inneren Politik auffallend beweglich zu sein. Die kritischen Bemerkungen, welche Fürst Bismarck im Reichstage äußerte, sind nur zu wohl begründet. Es fehlt der Körperschaft nicht an Fähigkeit, aber sie ist mit den meisten Mängeln einer Versammlung behaftet, die fühlt, daß sie unverant
wortlich ist. Der Reichstag beklagt sich, daß es ihm nicht freistehe, Ministerien zu bilden oder stürzen, aber er hat ermangelt, Männer heranzubilden, die unzweifelhaft dazu geeignet sind, mit der Erhaltung des im Jahre 1870 so teuer erkauften Erbes betraut zu werden. Herr Richter, welcher der redseligste Kritiker des Fürsten Bismarck ist, ist ein geschickter Disputant, aber auch nicht viel mehr; und es bleibt noch zu beweisen, daß deutsches parlamentarisches Leben Ersatzmänner oder Mithelfer für Staatsmänner liefern kann, die in verschiedenen Schulen herangebildet wurden."
Ausland.
Paris, 30. März. Die Arbeitseinstellung in Deca- zeville ist jetzt eine allgemeine. — Die Minister des Innern, des Krieges und der Justiz sandten Instruktionen an die Präfekten der an Belgien grenzenden Departements, um ein Uebergreifen der Bewegung nach Frankreich zu verhindern. Strenge Maßnahmen zur Unterdrückung etwaniger Angriffe gegen Personen und Eigentum sind angeordnet worden. — Dem Marineminister ging eine Depesche vom Senegal zu, wonach eine Kompagnie eingeborener Tirailleure durch Streitkräfte unter dem Marabut von Boudon angegriffen worden sei. Ein Offizier und 8 Mann wurden getötet, 38 verwundet.
London, 30. März. Das „Bureau Reuter" meldet aus Sydney: Die Regierung von Neusüdwales lehnte es ab, dem Proteste der anderen Kolonieen gegen die Annexion der neuen Hebriden durch Frankreich beizutreten, sofern Frankreich aufhöre, rückfällige Verbrecher nach den Inseln des Stillen Meeres zu transportieren.
Tonrnai, 30. März. Eine Anzahl von Streikenden drang in die Stadt ein und verlangte von den Besitzern der Steinbrüche Erhöhung der Löhne, sowie schriftliche Verpflichtungen der Arbeitgeber. Aus Antoing wird gemeldet: Zahlreiche Abteilungen von Streikenden der ländlichen Orte ziehen hier durch, um zur Arbeitseinstellung auszufordern. — Der bedeutendste Steinbruchbesitzer der Umgegend erklärte sich zu einer Lohnerhöhung bereit.
Charleroi, 30. März Gestern nachmittag um 2 Uhr marschierte eine mit Stöcken bewaffnete Bande auf die Zeche Bascoup. Nachdem sie von einem Offizier vergebens aufgefordert worden war, sich zu entfernen, gaben die Truppen Feuer; zwei der Aufrührer fielen, fünfzehn wurden verwundet. In der Nacht erfolgte ein neuer Angriff; diesmal waren die Banden mit Revolvern bewaffnet. Der Kampf dauerte stundenlang. Holländische Berichterstatter, welche abends um 11 Uhr von hier im Wagen abgereist waren, gerieten in ein Kreuzfeuer und blieben bis zu Tagesanbruch eingeschlossen. Erst dann entstand Ruhe; die Bande wich zurück. Major Plume hält sich auf fernere Angriffe gerüstet. Auch im Borinage wirb bemerkt, daß die Angreifer meist unbekan t sind. Die Umgegend von Charleroi ist ruhig; Streifscharen von Soldaten und bewaffneten Bürgern halten die Ordnung aufrecht. Bei einem hiestgen Wirt wurde gestern abend Haussuchung gehalten und das Haus versiegelt; man fand
Geschichtskalender. *)
1. April.
742- Das erste deutsche Nationalkoozil wird eröffnet. König Karlmann, der Herrscher Ostfrankens, hatte dasselbe etnberufeo. Weder bei dem Ausfchreiben dieser Ktrcheu- versammlung noch bei der Verkündigung ihrer Beschlüsse war der römische Stuhl öffentlich thättg.
1r>72. Die „Waffergeußen" auch die „Bettler zu Wasser" genannt, nehmen die Stadt Brtel ein, und gewinnen .dadurch einen Anhaltspunkt io Holland selbst.
1623 Wurde das Erkenntnis des Retchshofrats in der zwischen Cassel und Darmstadt streitigen Marburger Erbschaftssache gefällt, welches gegen den L. Moritz ausfiel und ihn der Marburger Erbschaft verlustig erklärte. Marburg mit Oberhcffen fiel infolge dessen an Darmstadt;
1730. Der Dichter Salomon Geßuer zu Zürich geboren.
1805. Hannover wird nach Uebereinkunft mit Napoleon I. von Preußen besetzt.
1813. Otto, Fürst von BiSmarck-Schönhausen geboren.
1867. Der versammelte norddeutsche Reichstag erklärt bezüglich der Luxemburger Frage: Deutschland suche keinen Krieg, wenn derselbe aber von Frankreich mit den Haaren herbeigezogen werde, so möge dies ihn verantworten.
1872. Eröffnung der Universität Straßburg.
♦) Durch diese fortlaufende Bereicherung des Inhalts unsere- Mattes hofft die Redattion sich nicht nur den Beifall ihre- Leserkreise- zu erwerben, sondern auch denselben zu vermehren.
Verkannt.
Novelle von Leo S»ntag.
(Fortsetzung,)
„Stehen Sie mit einem Zauberer im Bunde, Fräulein Marthe?", fragte der Professor während der Arzt au den Tisch trat, auf dem die Kleine ausgestreckt lag, „oder wie haben Sie de» Doktor so schnell her zitiert?"
„Dabei ist kein Zauber im Spiel, lieber Ernst", antwortete Marthens Bruder anstatt ihrer, „meine Schwester wußte nur, daß ich um diese Zeit stets zu Hause bin und hat sofort den Pedellen zu mir geschickt. UebrigenS hast Du mir gut vorgearbeitet, Schwesterlein", wandte er sich dann an diese, „mau steht, Du hast nicht umsonst einen Doktor znm Bruder. Jetzt ist hier weiter nichts mehr zu thun, die Kleine muß zu Bett. Weißt Du, wo sie wohnt? Ich habe die Droschke unten."
„Ich habe bereits eine von den größeren Mädchen, die um 11 Uhr frei waren, zu den Eltern geschickt, um sie vor- zuberetten. Sie heißten Shoers und wohnen Louisen- straße 11. So, kleine Paula, nun wird Dich der Herr Dottor in den Wagen tragen und mit Dir zur Mama fahren."
Fritz wollte daS kleine Mädchen emporhebe», doch diese wehrte fich heftig.
„Nein, nein!" rief sie, „Fräulein Marthe soll mich zur Mama bringen."
„Woher kennst Du den» Fräulein Marthe?" fragte der Professor.
„O ich kenne sie weiter gar nicht. Aber sie ist immer so lieb mit uns Kleinen, und wir haben sie auch alle viel lieber, als die Andern aus der Selekta. Und sie soll mit uach Hause."
„Nun, so komm mit, Marthe," entschied der Doktor, „man darf der kleinen Person jetzt nicht viel widersprechen."
„Ja, aber meine französische Stunde von zwölf bis Eins! Die Pädagogik habe ich nun so wie so schon versäumt."
„Ich werde Ihre Entschuldigung bei den Herren übernehmen," erbot sich der Professor.
„Nun, dann vorwärts! Trag sie nur hinunter Fritz, ich hole unterdessen meinen Hut." Und rasch hatte sie das Zimmer verlassen.
Der Professor aber begleitete den Freund hinunter an den Wagen.
„Heute habe ich Deine Schwester in einem ganz neuen Lichte kennen gelernt, Fritz," bemerkte er auf der Treppe.
„So?" entgegnete der Doktor trocken, „Du wirst fie vielleicht noch in mancher Beleuchtung sehen, die Dir bis jetzt unbekannt war."
Damit hob er die kleine Paula in deu Wagen, Marthe, die unterdeß dazu gekommen war, stieg auch ein, der Doktor nannte dem Kutscher die Adresse, setzte sich dann neben seine Schwester, und die Droschke rollte davon.---
Gegen Abend desselben TageS saß Marthe mit Marie Eckhard in ihrem traulichen Stübchen und erzählte ihr von den henttgen Erlebnissen.
(Fortsetzung folgt.)