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Nr. 73

Marburg, Sonnabend, 27. März 1886.

XXI. Jahrgang

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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg n. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt. , __Expedition. Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Ang. Koch.

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Gemeinsame Interessen haben Arbeitgeber nnd Arbeiter

nicht nur in den Zeiten des allgemeinen Aufschwunges der Wirtschaftsthätigkcit, sondern auch in den Seiten des Niederganges der letzteren. Wie jenseits des Ozeans, so tritt auch in den benachbarten europäischen Ländern in den Kreisen der arbeitenden Bevölkerung das Mißbehagen über die aus der allgemeinen wirtschaftlichen Depression herrührende mißliche Lage des Arbeitsverdienstes deutlich zutage, hier wie dort macht sich dieses Mißbehagen selbst m Exzessen der bedauerlichsten Art Luft. Neben den be­kannten Straßentumulten in London, ist in dieser Hinsicht vor allem an die beklagenswerten Ereignisse in Decaze- ville in Frankreich und in dem belgischen Montanbezirk Seraing und Umgebung zu erinnern. In England be­ginnt die zunehmende Arbeitslosigkeit, trotz des umfassend­sten Eintretens der Privatthätigkeit und einer erhöhten staatlichen Bauthätigkeit, ernstliche Besorgnisse zu erregen. Bei dieser Lage der Dinge hilft die Wohlfeilheit der Lebensmittel, welche mit dem Ruin eines großen Teiles der englischen Landwirtschaft erkauft ist, nichts; das Frei­handelssystem hat auf der anderen Seite die schweren Nach­teile, daß die Wirkungen einer Stockung auf dem Welt­märkte mit voller Kraft in den ihm anhängenden Ländern

sich geltend machen. In Deutschland werden die Wirkungen der allgemeinen Krise natürlich auch sichtbar, allein sie werden wesentlich gemildert durch ein verständiges System des Schutzes der nationalen Arbeit.

Wenn aber Dank dieser weisen Wirtschaftspolitik und der von den Anhängern derselben trotz mancher Opfer festgehaltenen Regel, von den Arbeitern die Folgen der allgemeinen Wirtschaftslage thunlichst fernzuhalten, Zu­stände, wie die geschilderten, uns noch erspart geblieben sind, so wird andererseits den deutschen Arbeitern aus den schlimmen Folgen jener Vorgänge die Mahnung er­wachsen, nötigenfalls auch eine längere Zeit der Stockung in gutem Einvernehmen mit den Arbeitgebern auszuharren. Denn jene Unruhen haben nicht allein an den Orten der Vorfälle selbst zu schwereren wirtschaftlichen Störungen geführt, sondern auch weithin die ohnehin schon im Ge­schäftsleben vorhandenen Stockungen vermehrt und die so geschäftlichen Schwierigkeiten und deren Rückwirkungen auf die Verhältnisse der Arbeiter erheblich verschärft. In dem festen Zusammenhalten zwischen den naturgemäß auf einander angewiesenen Gruppen der Arbeitgeber und Arbeit­nehmer und in dem gegenseitigen Vertrauen derselben liegt eine ungleich sichere Gewähr für die Ueberwindung größerer Schwierigkeiten, als indem die Arbeiter, aufregenden An­weisungen folgend, sich in einen scharfen Gegensatz zu den Arbeitgebern setzen. Gerade in einer Zeit, in welcher der Unternehmergewinn und der Ertrag des im Gewerbe an­gelegten Kapitals in stetem Sinken begriffen ist, liegt am wenigsten Grund zu einer Hervorkehrung der sozialen Ver- schiedenheiten und ihrer Verschärfung zu Gegensätzen vor.

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fNachdruck verboten.)

Verkannt.

Novelle von Leo S»ntag.

»Marthe, Marthe, wo steckst Du denn nur wieder? Lieber Himmel, in sechs Wochen soll das Mädchen Examen machen und dabei sehe ich sie nie hinter den Büchern. Sie ist gewiß wieder in der Küche und hilft der Dörte. Als wenn ihre Zukunft davon abhinge, ob der Salat heute Abend gut ist! Matthe, Marthe!"

»Ja, Mütterchen, was ist denn? Bin nnr in der Küche gewesen und habe Dörte noch einmal gezeigt, wie der Salat angemacht werden muß, damit Fritz heute Abend nicht wieder schilt!"

. *3$ meine aber, es wäre viel besser, Du sorgtest dafür, daß Professor Hauswalt morgen nicht schilt"

21$ Mütterchen, der schilt ja doch immer. Es hat Sar keinen Zweck, wenn ich mir Mühe gebe, ich bringe die Geschichtsdate», die geographischen Namen und die Zahlen der Eistwohner doch nie in meinen Kopf, wenn ich auch hundert Jahre alt werde."

»Aber liebes Kind, Du mußt sie doch lernen, wenn Du Dem Examen bestehen willst, und hängt davon nicht unsere ganze Zukunft ab?"

Marthe, aus deren Zügen der Ausdruck der Heiterkeit, mtt dem sie in das Zimmer gekommen, jetzt ganz verschwunden war, trat zu der Mutter heran und schlang den Arm um den Hals der alten Frau.

»Mütterchen, lieb Mütterchen, ist denn das der einzige Weg, unsere Zukunft zu sichern? Ich will ja so gerne für Dich arbeiten, aber erlaß mir das Examen. Kann ich denn nicht auf andere Art mein Brod verdienen? Du weißt,

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iZum bevorstehenden Quartalwechsel ersuchen wir die Bestellungen auf die

Oberhessische Zeitung nebst deren wöchentl. Gratisbeilagen: Arntl. Anzeiger für die Kreise Marburg und Kirchhain und

Illustriertes Sonntagsblatt recht bald bei der Post erneuern zu wollen, damit in der Uebersendung keine Unter­brechung stattfindet.

Im Feuilleton des Blattes kommen im beginnenden Quartal folgende höchst spannende Erzählungen zum Abdruck: Im letzten Augenblicke.

Kriminal-Novelle von Eric d'Oskar.

Von der Reise Sr. Majestät Schiff Prinz Adalbert." (Aus Privatberichten), sowie der Roman

Wanda

von A. Gnevkow.

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Lttch-int täglich außer en Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Quartal- LbvnnementS-Preis bei der Expedition 2*/« Mk., bei den Postämter 2 Mk. 50 Mg. texcl. Bestellgeld). Jnsenions.ebübr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. Reklamen für die Zeile 25 Pfg.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition b- BlatteS, sowie d.Annoncen-Bureaux von Haasenstein unbVogler in Franlfurt a. 2H, Cassel, Magbeburg unb Wien: Rudolf Mosse in Frankfurt a M., Berlin,Luchen und Köln; G. L. Daube und 11 o. n ^tanlfurt a. M., B.rlin, Ha nover ».Paris

Deutsches Reich.

Berlin, 25. März. Der Bundesrat stimmte in seiner heutigen Plenarsitzung dem Freundschafts-, Handels­und Schiffahrtsvertrage mit Sansibar, sowie dem Anträge Preußens, betreffend den Gesetzentwurf über die Begründung der Revision in bürgerlichen Rechtsstreitigkeiten, zu und faßte dann einen Beschluß über den dem Kaiser zu machenden Vorschlag bezüglich der Besetzung der Stelle des Oberreichsanwalts Dem Abgeordnetenhause werden in den nächsten Tagen zugehen: 1) ein Nachtragsetat, welcher außer den Ausgaben für die Schulzwecke in den östlichen Landesteilen noch einige andere kleinere Forderungen ent­hält, ferner 2) eine Vorlage, betreffend den 50-Millionen- Beitrag Preußens für den Nordostsee-Kanal. Unter Berücksichtigung der Gutachten, welche durch die Verfügung vom 14. März 1884 erfordert worden sind, hat der Finanzminister unterm 10. März d. I. den Tattf zur Bezahlung der aus den Grundsteuer-Katasterkarten zu er­teilenden Auszüge oder Kopieen und den Tarif zur Be­zahlung der behufs Fottschreibung der Grundsteuerbücher und Karten auszuführenden Vermessungsarbeiten festgestellt. Die Tarife werden durch das Amtsblatt publiziert werden. Die auch bisher geltende Bestimmung, wonach diejenigen ich habe viel Talent und Anstelligkeit in der Wirtschaft, laß mich eine Stellung als Haushälterin annehmen"

»Haushälterin! Matthe, wo denkst Du hin? Wie kann die Tochter Deines Vaters eine so ungeordnete Stellung etnnehmen! Er würde sich im Grabe umdrehen, wenn er wüßte, daß Du solche Ideen hast."

»Nein Mütterchen, das würde er gewiß nicht; er würde mich so gut und freundlich ansehen, wie er das immer zu thun pflegte und würde sagen: »Hast recht, mein Töchterchen, besser eine gute Haushälterin, als eine schlechte Lehrerin!" denn etwas anderes werde ich ja doch nicht, selbst wenn ich das Examen bestehe."

»Du mußt es bestehe», Marthe, denn Lehrerin ist der einzige anständige Beruf, den Du als Pfarrerstochter wählen kannst, und ohne Beruf kannst Du nicht leben, so gerne ich Dich bei mir behielte; dazu reicht mein Wtttwengehalt nicht."

»Nun Mütterchen, ich will mein Möglichstes thun, aber ich wollte wirklich, Du erlaubtest mir eineu andern W-g zu gehen, doch sieh, sie trat ans Fenster, »da kommt Marie, wenn ich nur ihre Begabung hätte, wie gerne wollte ich Lehrettn werden!"

»Guten Tag, Frau Pfarrer, guten Tag, Marthe. Nun wie stehtS mit den Daten? kannst Du sie schon? Nein! Dann komme schnell in unser Zimmerchen, ich will versuchen, ob ich sie Dir noch einpauken kann, sonnst giebtS morgen wieder Schelte von dem gestrengen Herrn Professor." Mit diesen Worten faßte die Eingetretene den Arm der Freundin und zog sie aus dem Zimmer. »Denke Dir nur Matthe, es ist mir schon eine Stellung angeboten worden, erzählte sie dann, als die Beiden allein waren, und ich wette, Du rächst nicht, von wem!"

Vermessungen, welche Veränderungen in den Grenzen der Gemeinden u. s. w., sowie die Beseitigung materieller Jrr- ttimer zum Gegenstände haben, durch die Katasterkontrolleure ohne besondere Entschädigung auszuführen sind, hat im Artikel 12 des Gebührentarifs II. selbst Aufnahme ge­funden und bleibt auch weiterhin in kraft. Ebenso ver­bleibt es bei der durch die Verfügung vom 24. Dezember 1874 getroffenen Anordnung, daß in einzelnen Fällen der Erstattung der auf die Beseitigung materieller Irrtümer verwendeten baaren Auslagen oder eines Teiles derselben bei dem Minister in Antrag gebracht werden kann, wenn die gedachten Auslagen so erheblich sind, daß deren Be­streitung ohne große Härte von den betreffenden Beamten nicht verlangt werden kann. Hinsichtlich der durch die Kreis-Landmesser im Regierungsbezirk Wiesbaden ausge- führten Arbeiten der bezeichneten Art bildet die Erstattung der baaren Auslagen die Regel. Falls es mit Rücksicht auf die in jenem Regierungsbezirk obwaltenden besonderen Verhältnisse erforderlich sein sollte an Stelle der in jedem einzelnen Falle nachzuweisenden baaren Auslagen einen Ersatz in der Form einer Gebührenbewilligung treten zu lassen, bleibt der Regierung zu Wiesbaden überlassen, dieser- halb Vorschläge zu machen. Zugleich ist zu erörtern, ob und inwieweit etwa die von den allgemeinen Vorschriften abweichenden besonderen Bestimmungen im § 8 des für den Regierungsbezirk Wiesbaden bisher gültig gewesenen Gcbührentarifs vom 17. Juni 1882, die Ausmessung der Hoflagen betreffend, noch ferner aufrecht zu erhalten sein werden. Dagegen, daß es bei der Verfügung des Finanz­ministers vom 15. April 1878, bezw. bei § 41 Nr. 2 der Geschäftsanweisung für den Kreis-Landmesser vom 16. November 1881 verbleib-, waltet ein Bedenken nicht ob.

. DieDeutsche volkswirtschaftliche Correspondenz" bringt folgende Betrachtung aus den Kreisen der Industrie: Zwar fallen auch auf die deutsche Industrie die Schatten der ungünstigen wirtschaftlichen Welttage, aber weit besser als die Industrien anderer Länder, ist sie imstande, die Un­gunst der Zeit zu ettragen. Diesen Vorzug verdankt sie in erster Reihe der politischen und wirtschaftlichen Ent­wickelung und einer weisen Gesetzgebung, welche beide der Weisheit unseres Kaisers zu danken sind. Es hat also die deutsche Jndusttie ganz besondere Veranlassung, dem Kaiser zu danken, denn fast mehr als irgend ein anderes Feld der Erwerbstätigkeit hat sie Vorteil gezogen aus den Errungenschaften, welche Deutschland seinem Herrscher ver­dankt. Man braucht nur an die Zeiten zurückzudenken, wie sie sich darstellten, ehe König Wilhelm den Thron Preußens bestieg. Gewiß haben auch zu früherer Zeit Preußen und die anderen deutschen Staaten Vieles gethan, was der Begründung und dem Wachstum einer nationalen Industrie förderlich war; an dem guten Willen und an der Energie in der Verfolgung der einmal eingeschlagenen guten Wege hat es fast nirgends gefehlt. Aber es fehlte die Hauptsache, ohne welche Großes nicht erreicht werden

Nun dann brauche ich es ja gar nicht zu versuche», also sag mirs nur gleich."

»Vom Professor HanSwalt!"

»Vom Professor? Dann kannst Du ja über den Aus­gang Deines Examens ganz ruhig fein, denn wenn er nicht amz sicher wäre, hätte er Dir gewiß von keiner Stelle ge- spräche». Und bei wem ist es?"

»Bei der Gräfin Redern als Erzieherin ihrer Enkelinnen." ,O Marie, liebste Marie, ich gönne Dir das Glück ja von Herzen, aber ich weiß jetzt ganz bestimmt, daß ich durch» fallen werde."

»Aber Marthe, was hat den» meine Anstellung bei der Gräfin Redern mit Deinem Durchfällen gemein?"

»Das will ich Dir erklären. Du weißt doch, daß Fritz mit Professor Hauswalt befreundet ist. Dieser wieder ist aber der intimste Freund des Freiherrn von Thiele, des Schwiegersohnes der Gräfin R-dern, dessen Töchter sich seit dem Tode der Freifrau bei ihrer Großmutter in Redemheim anfhalte». Fritz hatte nun zufällig gehört, daß die Gräfin eine Erzieherin für die beiden Mädchen suche und bat den Professor, sich für mich bei dem Freiherrn zu verwenden.»

»Und welche Antwort erhielt Dein Bruder?"

Der Professor bedauerte ungemein, daß er vorerst noch gar nichts in der Sache thun könne, bis das Examen vorüber sei. Doch suche ja die Gräfin erst auf Oktober Jemand, bis dahin habe sich Alles entschiede» und er wolle dann sehe», ob fich etwas machen ließ-. Nun hat er drei Tage später die Stelle Dir angeboten. Was ist daraus zu schließen? Daß der Herr Professor ebenso sicher ist, daß Du bestehst, wie daß ich bestehe, wie daß ich durchfalle. Begreifst Du letzt de» Zusammenhang?

Bestürzt blickte Marie die Freundin an.

(Fortsetzung folgt.)

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