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Marburg, Mittwoch, 24. März 1886.
XXI. Jahrgang.
SrfAeint täglich außer an Werktagen nach Sonn-und Feiertagen. — Quartal- Lbvnnements-Preis bei der Expebirion 21/t Mk., bei den Postämter 2 Mk. ~0 Pfg । excl. Bestellgeld). Jnsertionsgebübr für die ze«sa:rene Zeile 10 Pfg. Reklamen für die Zeile 25 Pfg.
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Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux von Haaienstein undVvgl« in Frankfurt a. M , Cassel, Magdeburg und Wien; Rudolf Moffe in Frankfurt a M-, Berlin,Münchenund Köln; G. L. Daube und <’o. n ,'rantfurt a. M., B-rlin, Ha nover ».Paris
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Schulfragen.
Wir rücken der Zeit näher und näher, in Zvelcher Tausende von jungen Leuten aus dem Schoß der Familie in das Leben hinaustreten, um sich einer Erwerbsgelegenheit zu widmen, welche ihnen später das tägliche Brod bringen soll. Die Zahl der jungen Männer, welche das Universitätsstudium wählen, beginnt verhältnismäßig nach-, zulassen. In einer großen Zahl von höheren Karrieren herrscht Ueberfüllung, und das Loos, welches hier dargeboten wird, ist ein ungewisses. Es liegt im Zuge unserer Zeit, daß die Eltern darnach streben, ihren Kindern zu einem möglichst hohen Posten zu verhelfen, aber dies Streben findet nur gar zu oft kümmerlichen Lohn, und deshalb beginnt an seine Stelle schon mehr wieder die praktische Ueberlegung zu treten. Für den einzelnen sowohl, wie für die Gefamtheit der Staatsbürger und den Staat, ist es stets am vorteilhaftesten, wenn jeder Bürger sich einer Thätigkeit widmet, die ihn voll in Anspruch nimmt, ihm damit die Mittel zur Existenz gewährend; das Hoffen und Harren auf Emporsteigen ist ein trüber Trost, der nur zu bald schwindet.
Die Zahl der Zweige des praktischen Erwerbslebens, welche jedem, gleichviel aus welchem Stande er bervor- gegangen, bei ehrlicher, willenskräfliger Arbeit Gelegenheit geben, sich seßhaft und selbständig zu machen, ist eine große. Es ist wahr, die Zeiten sind momentan nicht die besten, aber in solchen Krisen erprobt sich erst die Widerstandsfähigkeit des Mannes, auf Rosen und Lilien wandert heutzutage niemand mehr durchs Leben. Aber trotz ^alledem gilt es auch heut noch, daß jeder seines Glückes schmied ist! Gerade weil die ungünstige Zeit viele Mißverhältnisse hervorgebracht, ist dem ehrlichen, reellen Gewerbtreibenden noch immer Erfolg geboten, wenn er bas Richtige mit
Isabellas Wahl.
Rach dem Amerikanischen von Adolf Reiter.
(Schluß.)
»Isabella, meine Teuerste, Ihre Antwort?"
Sie blickte mit ihren dunklen Augen forschend in Raymonds schönes Gesicht.
„Wie lange bleiben Sie fort?"
„Monatelang — vielleicht auch ein Jahr, Sie kommen doch mit als meine Gattin, teure Isabella?"
Er wollte ihre Hand ergreifen, welche aber gleich zurück, gezogen wurde. t
„Nein", sagte Isabella energisch, indem sie aufstand. „Jetzt, wo der brave Mann für das Vaterland kämpft und stirbt, blühende Gegenden unseres Heimatlandes verwüstet werden, ist keine passende Zeit zu Hochzeitsfestlichketten. Wenn der Krieg beendet ist, kommen Sie wieder, und Sie werden von mir eine bestimmte Antwort erhalten."
Mit diesen Worten ging sie hinaus und ließ ihn im Dämmerlicht des scheidenden Tages allein zurück.
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Vier Jahre! Die langen schweren Kämpfe waren endlich vorüber, und im ganzen Lande kehrte ein stiller Frieden zurück.
Auch Isabella, welche sich als Krankenpflegerin nm das Vaterland verdient gemacht hatte, kehrte heim. Wie hatte sie sich während dieser Zeit verändert!
Das früher so hellere Mädchen hatte jetzt den Typus einer gedankenvollen, fast könnte man sagen: melancholischen Frau angenommen. In den Hospllälern hatte sie als rettender Engel gewaltet upd unter den Kriegsgefangenen war sie Freundin und Trösterin gewesen. Jetzt war alles vorbei. Sie war wieder in ihrem alten, lieben Heim, wo der Wind noch immer durch die hohen, stämmigen Bäume
richtigen Kräften beginnt, wenn er arbeitet, aber nicht spekuliert. An der Börse ist das Spekulieren schon verderblich genug, im soliden Geschästsleben muß es unbedingt zum Ruin führen, wenn nicht die notwendigen Baarmittel vorhanden sind. Auf das sogenannte „Glück" sich zu verlassen, ist thöricht; das Glück niacht nichts, wohl aber die Geschicklichkeit.
Die Zeiten sind andere geworden, der Kampf um den industriellen Lorbeer wird schwerer und schwerer, und an den einzelnen werden deshalb immer mehr erhöhte Anforderungen gestellt. Schulbildung ist überall die erste Bedingung des Lehrherrn für die Annahme des Lehrlings. Was ist Schulbildung für den Gefchäftsmann. Nicht so sehr die Fähigkeit, einen gelehrten Aufsatz fertig zu stellen, eine verwickelte mathematische Lösung zu finden oder physikalische Experimente zu machen, unter Schulbildung verstehen wir hier vor allem die Fähigkeit, die Erfordernisse des praktischen Lebens zu verstehen und auf sie die Schulbildung ayzuwenden. Die allgemeine Bildung soll dazu helfen, leichter in die Geheimnisse des Erwerbslebens einzudringen, den Blick dafür zu schärfen, und endlich die ganze Persönlichkeit des Gewerbtreibenden zu heben. Dem Geschäftsmann öffnen sich heute alle Kreise, er muß deshalb fähig sein, dort aufzutreten.
Für einen Gewerbetreibenden weiß niemand zu viel; es wird von ihm sogar noch gefordert, daß er seine Kenntnisse richtig zu verwerten versteht. Darauf kommt es an! Ein junger Mann, der die „hohe" Schule besucht, ist für irgend ein Gewerbe in keinem Falle zu gut; es fragt sich nur, ob das Gewerbe nicht zu gut für ihn ist. Alle Achtung vor seiner Gelehrsamkeit, aber gelingt es dieser nicht, irgend welche praktische Erfolge zu erzielen, so ist sie ein totes Kapital, über das zuletzt sehr zweifelhaft geurteilt werden wird. Wer aber mit guten Kenntnisfen an ein Gewerbe herantritt, sie praktisch zu verwerten versteht, durch seine Persönlichkeit sein Geschäft mitheben hilft, vor solch einem Mann wird jeder den Hut abnehmen und sagen, er versteht's! Ob der Mann dabei Tischler oder sonst etwas ist, ist ganz Nebensache. Jede redliche Arbeit steht heute gleich, und der seif made man findet überall Anerkennung.
In unseren Schulen, von der Volksschule bis hinauf zu den höheren, herrscht ein tüchtiger Geist, überall wird mit voller Kraft gearbeitet, die beweist, wie sehr erkannt wird, daß Wissen ein Schatz ist. Wer bei uns lernen will, der kann lernen und braucht nicht zu befürchten, daß ihm Mangel an Schulkenntnissen die fernere Laufbahn erschwert. Aber doch wird mit der Zeit in den Schulen, daß heißt in den oberen Klassen, etwas mehr noch darauf hingearbeitet werden müssen daß der Blick der Kinder für das Leben und die Lebensarbeit geschärft, das Wissen auch praktisch verwendet wird. Die Schule
weyte, uno sie die liebe Sonne yruler den uedlicheu Purpurhügeln untergehen sah.
So saß sie eines Tages unter einer alten Ulme in ihrem großem Parke; ihr Aussehen war sehr ernst; ihre tiefschwarze Kleidung zeigte aufrichtige Trauer.
Der Onkel war tot, der alte treue Diener gegangen, und nun fühlte sie sich so recht verlassen und allein!
Die Pforte des Parkes wurde geöffnet; ein Mann kam die wette Allee herauf und als er Isabella näher trat, erhielten seine bleiche Wangen eine rosarote Farbe.
Elegant gekleidet wie immer in echt weltmännischen Formen, trat Walter Raymond auf sie zu. Er war von seiner weiten Reise zurückgekehrt und hatte die lange Zett hindurch die Liebe zu Isabella treu in seinem Hetzen erhalten. Mit der größten Gewißheit erwartete er jetzt eine zusagende Antwort und nahm familiärer Weise neben ihr Platz.
„Nun, meine liebe Isabella, heute bitte ich Sie um die langersehnte Antwort."
In diesem Augenblick trat aus einer nahen Baumgruppe eine hohe ritterliche Gestatt hervor. Isabella sah sie, wurde unruhig und erbleichte, bevor sie Antwort für Raymond gefunden hatte.
„Meine Antwort ist:-Nein, Herr Raymond!" sagte sie jetzt entschlossen.
„O, Isabella! Nach so langer Zeit!"
Sie lächelte mitleidsvoll.
„Sie sind sehr gut und freundlich," erwiderte sie, „aber ich kann Sie nicht heiraten."
„Und warum nicht! Ist es um eines Anderen willen! Ist es, wie ich annehmen muß, um John Warners willen?"
Verletzt und stolz sah sie ihn an.
„Sie haben kein Recht zn dieser Frage, Herr Raymond!" entgegnete sie.
Dieses Recht habe ich, und ich bttte sie nochmals um
soll keine ausschließliche Gewerbeschule fein, das verträgt sich nicht mit ihrer allgemeinen Bestimmung, denn sie soll eine Vorschule für das Leben sein, und auf dies etwas vvrbereiten. Mancher Gewerbetreibende weiß, daß es eine Mühe ist, einen Lehrling mit ganz guten Schulzeugnissen mit einfachen schriftlichen Arbeiten im Gewerbeleben, und anderen nichttechnischen Dingen, vertraut zu machen; und dabei schreibt der Junge einen Aufsatz herunter, daß es eine Pracht ist. Hier kann jedenfalls noch etwas gethan werden, viel ist ja schon geschehen, die Schule muß fest das Ziel vor den Augen haben, daß alles Wissen, welches sie gelehrt, nur lohnend ist, wenn es praktische Verwertung findet. Man sage nicht: dazu ist die Lehrzeit da! Die Lehrzeit wird so stark durch technische Ausbildung in Anspruch genommen, daß es im Interesse der jungen Leute dringend wünschenswert ist, wenn sie den schweren Weg nach Möglichkeit erleichtert erhalten. Keine langen Lehrpläne sind da nötig, schon ein klares Wort des Lehrers thut viel.
Deutsches Reich.
Berlin, 22. März. Kaisers Geburtstag lenkte heute die Blicke der gesamten zivilisierten Welt auf das verhältnismäßig so bescheidene Palais Unter den Linden, in welchem der ehrwürdige Monarch weilt, dessen Wiegenfest heute überall jubelnd begangen wiro „soweit die deutsche Zunge klingt". In den Morgenstunden, welche, wie'herkömmlich, zur Zeit der Reveille durch einen Choral eins geleitet wurden, welcher von dem Trompetexkorps eines hiesigen Kavallerieregiments von der Kuppel der Schloßkapelle geblasen wird, nahm Se. Majestät der Kaiser zunächst die Glückwünsche seiner nächsten Umgebung entgegen. Um 11 Uhr erschienen die Mitglieder der Königlichen Familie und die hier eingetroffenen Allerhöchsten und Höchsten fremden Fürstlichkeiten im König!. Palais und brachten Sr. Majestät dem Kaiser ihre Glückwünsche dar. Eine halbe Stunde später statteten im Königlichen Palais die Personen des Königlichen Hofes ihre Gratulationen ab. Um 12 Uhr mittags brachten die aktiven und die zur Disposition stehenden Generale sowie die Kommandeure der Leibregimenter und Leibkompagniem und um 121» Uhr die landsässigen Fürsten und deren Gemahlinnen ihre Glückwünsche dar. Um 1 Uhr nachmittags empfing Se. Majestät der Kaiser dann noch die aktiven Staatsminister, um deren Gratulation entgegenzunehmen, womit dann die Gratulationskur geschlossen war. — Um 4 Uhr findet zur Feier des Tages im kron- prinzlicheu Palais die Familientafel von etwa 40 Gedecken statt, an der die Königlichen Familienglieder und die sämtlichen hier eingetroffenen fremden fürstlichen Gäste teil- uehmen werden. Für das Gefolge der Allerhöchsten und der Höchsten Herrschaften und der fremden Fürstlichkeiten
Ihre Aniworl, oo Jyre ülbjage um De» öetiiummelien und verkrüppelten John Warners willen ist."
„Verstümmelt und verkrüppelt ist Herr Warner weil er den Mut hatte, dem Feinde die Stirne zu bieten, Herr Raymond! Ich verehre die Helden und der Oberst Warner ist ein Held."
„Sie sagen mir also, daß Sie jenen einarmigen Mann, dessen Gesicht mit häßlichen Narben bedeckt ist, heiraten wollen."
„Beunruhigen Sie sich nicht, mein Herr. Seit der Zeit, als Warner mir in Ihrer Anwesenheit ein Lebewohl sagte, habe ich ihn nicht gesehen, aber seien Sie davon überzeugt, daß vor meinen Augen die Narben nur noch sein stattliches Aussehen erhöhen, und ein einarmiger Held ist mir mehr wert, als ein Dutzend feiner Ritter. — Im übrigen entschuldigen Sie mich gütigst, Herr Raymond — ich wünsche jetzt allein zu sein."
Ohne ein Wort zu sagen, entfernte er sich.
Jene hohe Gestalt, welche promenierend sich inzwischen hinter den Bäumen verloren hatte, trat nun wieder hervor und näherte sich Isabella. Es war ein stattlicher junger Mann mit einem von der Sonne gebräunten Gesicht, dessen rechter Rockärmel leer und schlaff herabhing; sein Name war John Warner.
Als Isabella ihn plötzlich Wb sich sah, fuhr sie erschrocken zusammen.
„Fürchten Sie sich vor mir, Isabella? Verzeihen Sie, daß ich hier erscheine. Unabsichtlich und ganz zufällig habe ich Ihre soeben zu Herrn Raymond gesprochenen Worte gehött." —
Sie bedeckte mit der Hand das Gesicht, um ihre Thränen zu verbergen, welche beim Anblick eines leeren Aermels aus ihren Augen perlten. O, jetzt wußte sie, daß sie ihn am meisten liebte.