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Mr. 66.

Marburg, Freitag, 19. März 1886.

XXI. Jahrgang.

-rscheinl tätlich außer an Werktagen nach Sonn- und Sfciertagen. - Quartal- Abonnements-Preis bei der Expedition 2'/« Ml bei den Postämter 2 Mk. f>0 Bfg. (excl. Bestellgeld). Jn'ertions^ebübr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. Reklam n für die Zeile 25 Pfg.

GrWsche Aitmz.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition b. BlaiieS, sowie b.Annoncen-Bureaux von Haafenstein undBoqler in Frankfurt a. M , Cassel, Magbeburg unb Wien; Rubolf Mosse in Frankfurt a M-, Berlin.Münchenund Köln; G. L. Daube und 15o. n Frankfurt a. M., Berlin, Ha nover ».Paris.

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.

Expedition- Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.

v Deutsches Reich.

Berlin, 17. März. Die XX. Kommission des Reichs­tags, welcher die Vorberatung des voin Abg. Grafen Moltke cingebrachten Gesetzentwurfs auf Abänderung des Militär- Pensionsgesetzes und der Vorlage wegen der Kommunal­besteuerung der Offiziere übertragen ist, hat heute den letzteren Teil ihrer Aufgabe erledigt. Mit allen gegen die fünf Stimmen derDcutschfreisinnigen" und Sozialdemo­kraten wurde die Regierungsvorlage gutgeheißen. Vom Abg. Meibauer (freis.) wurde in der Debatte namentlich betont, daß die Materie eine reichsgesetzliche Regelung ver­lange, und daß gerade die vom Abg. Frhrn. v. Huene als notwendig bezeichnete Einheitlichkeit der Kommunalbesteue­rung der Offiziere sich leichter durch reichsgesetzliche An­ordnungen, als dadurch erreichen lasse, daß man die An­gelegenheit der Landesgesctzgebung überweise. Auch sei es nicht konsequent, bloß die Kommunalabgaben vom außer­dienstlichen Einkommen der Offiziere der einzelstaatlichen Bestimmung zu überlassen, die Kommunalbesteuerung des dienstlichen Einkommens dagegen von Reichswegen festzu­setzen. Folgerichtig würde es nur sein, entweder die Kom- munalbefleuerung der Offiziere analog der Kommunal­besteuerung der Reichszivilbeamten zu regeln; oder die ganze Angelegenheit der Landesgesetzgebung zuzuweisen. Kriegs­minister Bronsart von Schellendorff machte in seiner Er­widerung darauf aufmerksam, daß es sich hier nur um eine gewissermaßen negative Bestimmung handle, um Auf­hebung eines geltenden Rechtes. Aus Opportunität seien die verbündeten Regierungen bereit, die Kommunalbesteue­rung für das außerdienstliche Einkommen der Offiziere zu einer Sache der Landesgesetzgebung zu machen; aber was das dienstliche Einkommen betreffe, so könne man dessen Besteuerung nicht aus der Hand geben. Abg. Freiherr v. Huene sprach sich unbedingt im Sinne der Regierungs­vorlage aus. Man muffe vor allem darauf achten, daß die Kommunalabgaben der Offiziere in den verschiedenen Garnisonen nicht gleichmäßig gestellt seien. Abgeordneter Dr. Meyer (Jena) hätte zwar auch eine Ordnung der Frage durch Reichsgesetz lieber gesehen, doch wie die Dinge einmal liegen, sei es bester, die Angelegenheit nun überhaupt zu einem Abschluß zu bringen. Nachdem dieser eine Teil der Aufgabe erledigt war, ging man zu der Beratung des v. Moltkeschen Gesetzantrages über. Da der Abg. Freiherr v. Manteuffel dem Pensionsgesctz rückwirkende Kraft für die Pensionäre aus dem französischen Kriege geben wollte, so verlangte man zunächst zu wissen, welchen finanziellen Effekt diese Ausdehnung des Moltkeschen Vorschlages haben würde. Man war in der Kommission einig, die Ver­günstigung der rückwirkenden Kraft nicht bei dem Jahre 1870 Halt machen zu lassen, sondern dieselbe bis zum Jahre 1864 auszudehnen. Dementsprechend wurden auch die Fragen

(Nachdruck Verboten.]

Das ist der Kaiser!

Eine Geschichte zu Kaisers Geburtstag.

Das war ein Marsch gewesen I Vier Stunden am heißen Sommeruachmittag, in die Kreuz und Quer, denn der Weg war mir verloren gegangen, das Ränzel leer, tüchtiger Hunger und recht viel Durst dazu. Meinen Pfad hatte ein neckisches Flüßchen geleitet, hinter dessen jenseitigem Ufer in einiger Entfernung wiederholt schmucke Ziegeldächer erglänzten, aber der Flußkobold hatte mich schadenfroh in eine Gegend seines Reiches gelenkt, die weder Brücke noch schlickten Steg auf­wies. Totesmüde warf ich mich endlich ins Gras: wie schön ist doch unser deutsches Reichsland, so hatte ich oft ausgerufen, als ich meine Wanderung angetreten, aber jetzt war mir nicht mehr nach Freudenhymnen auf Elsaß-Lo­thringen zu Mute. Ich blickte rechts und links, aber ein lebendes Wesen, das mir hätte raten und den Weg weisen helfen, das, sah ich nicht. Was halfs also? munter weiter; endlich muß sich doch ein Haus zeigen!

Ach, endlich! Ein rieselndes Rauschen wars frellich nicht, das mein Ohr ergötzte, aber ein kräftiger Peitschen­knall! Hurrah, unb nochmals Hnrrah, im Sturmschritt vorwärts, wo die Peitsche knallt, da ist auch Jemand, der sie führt. Weg war die Müdigkeit und ich rannte, als ob eben erst der Weg begonnen. Und ich hatte Glück! Hinter einer Baumreihe zog sich ein Fahrweg dahin, auf dem ein hübsches Wägelchen dahin rollte, ein Mann und eine Frau saßen darin, für einen dritten Fahrgast war wohl noch Platz in Hülle und Fülle da. Ich rief laut, immer lauter; endlich wurde ich von den Beiden, die wohl im tiefsten Gespräch begriffen, beachtet und der Wagen hielt an. Ich brachte meine Bitte um Mitfahrt an. Sie wurde bereit« willigst gewährt, und mit einem Satz war ich im Wagen.

Das Paar auf dem Kutscherbock schien Mann unb Fran

an die Komrnistarien des Bundesrats gestellt, zu welchen letzteren sich der Direktor im Reichsschatzamt, Geh. Rat Aschenborn, gesellt hatte. In der nächsten Sitzung, welche auf Freitag anberaumt wurde, soll die Kommission die ver­langte Auskunft über den finanziellen Effekt der Rück­wirkungsbestimmung erhalten. Die Arbeiterschutz-Kom­mission des Reichstages setzte heute die Debatte über die Arbeit der verheirateten Frauen fort. Der Antrag Lieber, für verheiratete Arbeiterinnen die tägliche Arbeitszeit auf 6 Stunden zu beschränken, wurde mit 9 gegen 9 Stimmen abgelehnt, dagegen ein neu eingebrachter Kompromißantrag Halben (freikons.), Hartmann (kons.), Hitze (Zentrum) mit erheblicher Mehrheit angenommen. Derselbe lautet folgendermaßen:Arbeiterinnen, welche ein Hauswesen zu besorgen haben, dürfen in Fabriken nicht länger als 9 Stunden beschäftigt werden. Im Falle besonderer Be­dürftigkeit kann die Ortsbehörde für'einzelne Arbeiterinnen Ausnahmen gestatten." Damit war auch die Resolution des Abgeordneten Kalle:Den Herrn Reichskanzler um eine Gesetzvorlage zu ersuchen, durch welche die Arbeitszeit von Arbeiterinnen, welche für schulpflichtige Kinder zu sorgen haben, in gleicher Weise beschränkt wird, wie für junge Personen von 1416 Jahren (täglich 10 Stunden)" erledigt. Schließlich gelangte noch folgender Antrag des Abgeordneten Halben zur Annahme:Arbeiterinnen, deren Kinder das 12. Lebensjahr noch nicht vollendet haben, sind zur Arbeit in Fabriken nur zuzulassen, wenn sie der Ortsbehörde den Nachweis liefern, daß diese Kinder während der Arbeitszeit der Mutter unter der Aufsicht erwachsener Personen steheil." Der von der Stadtverordnetenver­sammlung niedergesetzte Ausschuß zur Vorberatung des Magistratsentwurfs, betreffend den Neubau eines Asyls für nächtliche Obdachlose und für wohnungslose Familien, sowie einer öffentlichen Desinfektionsanstalt auf dem städti­schen Grundstück an der Prenzlauer Allee, hat am Diens­tag Abend beschlossen, der Versammlung zu empfehlen, diesen Entwurf und den mit 1010 000 Mark abschlie­ßenden Kostenanschlag unverändert anzunehmen, nachdem die städtische Baudeputaliou, dem Wunsche der Versamm­lung gemäß, den speziellen Entwurf nebst Kostenanschlag so ausgearbeitet hatte, daß in der projektierten Badeanstalt für mindestens 20 Männer und 5 Frauen Badegelegenheit geschaffen werde. Auch empfiehlt der Ausschuß, die erste Baurate von 450000 Mark dem Magistrat zur Ver­fügung zu stellen.

Die erfolgte Berufung des Oberhofbaurates Persius zum Konservator der Kunstdenkmäler als Nachfolger des verstorbenen Geheimen Regierungsrates von Dehn - Rot- felfer hat in den beteiligten Kreisen die lebhafteste Befrie­digung hervorgerufen. Reinhold Persius, seit 1880 Ober­hofbaurat und Direktor der König!. Schloßbaukommission,

zu sein, ziemlich begüterte Landleute. Als ich mich etwas verschnauft hatte, sprach mich der Mann an. Richtig, er war ein Bauerngutsbesitzer in der Nachbarschaft, der mit seiner Frau aus der Stadt heimkehrte. Bei Gott, ein strammes, stattliches Paar, an dem hätte der alte Soldaten­könig Friedrich Wilhelm ganz sicher seine Freude gehabt!

Wo ich zu Hause sei, wurde ich gefragt. Nicht neugierig, aufdringlich, sondern angenehm teilnehmend. In Berlin, war die Antwort. Kenne ich, nickte der Mann auf dem Bock unb klaschte noch einmal so laut mit der Peitsche und nahm einen langen Zug aus der Pfeife unb seine Frau nickte mit sehr stolzem Gesicht ebenfalls! Was er ba gemacht habe, fragte ich nun. Solbat gewesen! Hollah, da war ich auf den Beinen unb bot ihm die Hanb nochmals hinüber: Grüß Gott, Kamerab! Unb er schlug ein, kräftig, bas ganze Gesicht glänzte vor Frenbe. Unb nun ging bas Plaubern los, weiter, immer weiter, bis wir im Dorfe waren unb vom Wagen kletterten.

Ah! welch angenehmes Gefühl! Balb saßen wir unter einer breitäftigen Linde, ein kräftiges Mal vor uns, und dazu ein großer K'ug mjt herzerfreuendem Rebensaft. Ich unb trank tüchtig unb meinem Wirt schien das zu ge­fallen. Zu ihnen halte sich noch ber Vater ber jungen Fran gesellt, ein alter wetterfester, knorriger Mann, ben zu ver­stehen mir nicht so ganz leicht war, aber es ging schließlich koch!Hol ben Kaiserkrug, Frau/ sagte ber junge Mann unb füll ihn mit bem Besten, heut, wo ein Kamerab hier ist, gehört sichs so. Unb ber prächtige Krug kam, ben ein silbernes Brustbilb des Kaisers schmückte.Alle Wetter," meinte ich,bas ist ein Staat!" ber Alte lachte zufrieden dabei. Aber was drinnen war, war auch micht von Pappe, und ich glaube, daß die junge Frau anfiirg, ihren Mann mit etwas besorgten Blicken zu betrachten, als sie wieder und wieder und wieder gehen mußte, den Krug füllen zu lassen.Aber Frau, heute, wo ein Kamerad da ist!" hieß es, und sie ging. Und wir drei chaben wacker aus dem

ist zugleich ordentliches Mitglied der Akademie des Bau­wesens. Das ruhige, objektive Urteil, das er wiederholt als Preisrichter hervorragender Konkurrenzen betätigte, die selbstlose Hingabe au die zahlreichen ihm bei Erhaltung der Königlichen Schlösser gestellten Aufgaben, insbesondere aber persönliche Liebenswürdigkeit im Umgänge und die durch den Vater schon angebahnten Beziehungen zum Hofe lassen die Wahl gerade dieses Architekten als eine beson­ders glückliche erscheinen. Von seinem Einflüsse dürfte am meisten zu erwarten sein, daß die Stellung des Kon­servators der Kunstdenkmäler durch die Bewilligung reicherer Geldmittel von einem schattenhaften Wesen zu wirklicher Bedeutung erhoben wird. Andererseits ist es zweifellos, daß, falls die von anderer Seite angeregte Organisation einer Kommission zur Erhaltung der Denkmale ins Leben treten sollte, Persius jeder dahingehenden Bestrebung, wenn sie der Sache selbst vorteilhaft zu werden verspricht, för­dernd entgegenkommen wird. Oberhofbaurat Persius ist wie wir vernehmen zur Zeit mit den Entwürfen für den Ausbau der Schloßapotheke bezw. des Schlosses, sowie einem solchen für den inneren Ausbau des Schlüter- scheu Schloßflügels in Königsberg beschäftigt.

Bromberg, 17. März. Die Bahnstrecke Brornberg- Dirschau ist durch Schneetreiben unpassierbar. TDer gestrige Kurierzug ist bei Klarheim entgleist, ber Heizer wurde dabei verletzt. Andere Züge lagen auf der Strecke Klar- heim-Laskowitz fest. Vor Eintritt der Nacht gelang es, dieselben bis zur nächsten Station zu schaffen; 100 Soldaten und 70 Arbeiter leisteten dabei Hilfe. Bis auf weiteres gehen die Kurierzüge von Schneidemühl beziehentlich Dirschau über Könitz.

Kiel, 17. März. Ein Maschinist ber kaiserlichen Werft namens Schwanz ist nach längerer Haussuchung wegen Verdachts des Landesverrats von Berliner Criminal- polizisten verhaftet worden.

Darmstadt, 17. März. Die erste Kammer trat dem Beschlüsse der zweiten Kammer wegen Erbauung einer Klinik in Gießen und Bewilligung ber durch ein 4 Prozent. Anlehen aufzubringenden Summe von 1248860 Mk. dafür bei.

München, 17. März. (Abgeordnetenhaus.) Bei dem Etat für Reichszwecke bekämpft Stamminger (klerikal) die Kolonialpolitik. Der Finanzminister betont die In­kompetenz des Landtags über Reichssacheu, bestreitet, daß nur Norddeutschland finanzielle Vorteile vom Reiche habe, und führt aus, der Export aus Bayern werde durch die Reichspolitik gefördert; die günstigen Bahnintraden, Stempelsteuern und Zölle bewirkten, daß die Schlußab­rechnung des Reiches zweifellos Bayern vorteilhaft sei. Der Minister legt ziffermäßig dar, daß Bayern 16 Mill, vom Reiche herausgezahlt erhalte. Nach längerer Debatte

Kruge auf die Gesundheit uuferes Kaisers genügten, so kräftig, daß nebenan lauschende, lachende Mädcheugefichter sichtbar wurden. Hab manch Eine von ihnen später bei Gelegenheit noch beim Tanze geschwenkt. Aber ick will nicht von Nebendingen mehr erzählen, als nötig, sondern die Hauptsache dieser ganzen kurzen Geschichte, nämlich die Ge­schichte des Kaiserkruges. Der Kamerad nahm einen tiefen Zug unb begann:

Wir haben nicht immer so srieblich neben einanber ge­sessen, ber Vater unb ich, Kamerab, wie heute. Er war sogar fuchstcufelswilb auf wilb; warum, weil ich in seine Tochter verschossen war, unb bie mich toieber gern hatte. Na man konnte sich ja auch als ehemaliger Garbemann sehen lassen. Aber der Vater! Ich war nun nicht bas, was man in Geschichten so einen Bruber Habenichts unb Nirgenb- wober nennt, justement bas Gegenteil. Wenn ich auf die Hosentasche schlug, bann klingelte es ba auch! Verstanden! Hab denn auch hei der Garde mein angenehmes Leben ge­habt. unb, weiß ber Himmel, mir Hais prächtig im bunten Rock gefallen. Auf bem Kreuzberg ist es freilich nicht ge- rabe immer schön, aber bie Berliner Mädels, na, die ver­stehen einen ordentlichen Garbemann*

Ein bebenkliches Husten klang ans bem Küchenfenster, hinter bem bie Hausfrau wirtschaftete.Ja so, Kamerab, ba noch einmal getrunken! Aber was ich sagen wollte. Na, ich will mich nicht besser machen, als ich bin, habe vor den brei Jahren von ben PrussienS gerabe nicht viel gehalten, aber nachher war ich boch wie umgewanbelt. Den Kaiser, ben Kronprinzen, bett alten Moltke habe ich gesehen, unb, Kamerad, dabei und bei dem ganzen Leben ist mir das Herz aufgegangen. Und jetzt soll mir einer noch ein Wort hier sagen! Aber der Vater meines Schatzes war mir seit­dem spinnefeind, einem Prnssten gebe er seine Tochter nicht, unb als ich trotzdem bei ihm vorsprach, zeigte er mir, wo der Zimmermann das Loch gelassen. Unb die Franzosen­schriften ftubierte er feitbem mit einem Eifer, als ob seiner