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Marburg, Sonntag, 14. März 1886.
XXI. Jahrgang.
O)litrljrflifd|r Jtitiinii
Ministers v. Schot; wie des Kultusministers v. Goßler bevor.
©«?<!# 10. März. Eine sonderbare Geschichte erzählt heute die hiesige nationalliberale Zeitung. Darnach habe der Geraer Stadtrat eine Ladung von für die hiesige Garnison bestimmtem Kommisbrot, welches in Erfurt gebacken wird, auf dem Bahnhofe wegen Nicht - Entrichtung der städtischen Eingangssteuer auf Viktualim mit Beschlag belegen lassen Das Garnisonskommando habe sich telegraphisch um Verhaltungsmaßregeln an das Kriegsministerium in Berlin gewandt, und dieses soll, wie nun die nationalliberale Geraer Zeitung berichtet, sofort geantwortet haben, es sei vom Stadtrat unverzüglich die Herausgabe- des beschlagnahmten Brotes zu verlangen, eventuell mit Gewalt zu erzwingen. Darauf habe es natürlich Magistratus nicht ankommen lassen und das Kommisbrot ausgeliefert. Wir halten die Geschichte in obiger Form nicht für wahrscheinlich.
Karlsruhe, 12. März, lieber das Befinden des Erbgroßherzogs wird folgendes veröffentlicht: Der gestrige Tag verlief befriedigend und es folgte ihm eine gute Nacht; auch heute zeigt das Fieber den gleichen mäßigen Grad und Charakter der beiden vorhergehenden Tage. In den übrigen Krankheitserscheinuilgen hat keine wesentliche Veränderung siattgefunden.
Stuttgart, 12. März. Der neue Landtag wurde heute durch den Prinzen Wilhelm eröffnet. Die Thronrede kündigt Vorlagen betreffend das Besteuerungsrecht der Gemeinden, landwirtschaftliches Nachbarrecht u. A. an. Die Selbstverwaltung der Gemeinden und Amtskörperschaften soll weiter entwickelt werden. Besonders wichtig sei der Entwurf eines Verfassungsgesetzes, mit dessen Vorlage die Regierung den Versuch machen wolle, zu einer anderen Zusammensetzung beider Kammern zu gelangen, wobei sie auf allseitiges Entgegenkommen vertraut.
München, 12. März Die Kammer nahm ohne Debatte einstimmig den Ausschußantrag an, dm König zu ersuchen, die Aufstellung des Standbildes Ludwigs I. anläßlich der Zentenariumsfeier in der Walhalla bei Regensburg zu genehmigen. Die Abgeordneten bewilligten hierfür 30000 Mk. Der Ministerpräsident hatte vorher die Genugthuung der Staatsregierung über diesen Beschluß ausgesprochen.
Stratzbnrg, 12. März. Die Session des Landesausschusses wurde nach Erledigung sämtlicher Geschäfte und nach Verlesung des den Schluß anordnenden Erlasses geschloffen.
««s der Berliner Gesellschaft.
(Schluß.)
Ball bei Hofe.
Wenn dielerfahrene Leute erzählen, daß an keinem Hofe Europas, Feste von ähnlicher Pracht gefeiert werden, wie «n bem »erhner, wollen wir es gern glauben. Das Hohen- iouernf4lD6 an der Spree birgt eine Fülle architektonischer xnb dekorativer Schönheiten, von der man auf flüchtigen Wanderungen durch einen kleinen Teil der Prunkgemächer utchtdieentsprecheude Vorstellung gewinnen kann und welche «ft in dem Strahlenmeer vieler tausend Kerzen zur vollen .^"ong kommt. Vieles trägt dazu bei, diesen Eindruck königlicher Pracht für benjenigen, der zum ersten Male eine ..großen Hoffestlrchkeiten mitmacht, zur höchsten lieber« sm1- Mächtig und ernst liegt bet weitaus»
gedehnte Würfel des Schlosses da, die heller leuchteten Fenster- reiben vermögen nicht, ihm den Charakter düsterer Größe
Ar ft10 aDL $ bie Wag nreihe der mehr welche nicht zu den eigentlichen Hofkreisen «^ören die Linden und die sckloßsreiheit entlang. Die 8 fe$“rtale be8 Trmmpfbogens stad geöffnet, Schutzleute hre0e*\?U$n<i»0em «nruf den Verkehr, der nch niuhiam durch die hohen Bogen schicht. Alles ist kalt tob trabe, die weichen Gasfl mimen werfen kaum einen flackernden Schein bis zu den Kapitalien der Säulen.
In dem großen Hofe dasselbe Bild, die Wagenreihe» toKen langsam ab. Diener in schweren Pelzen laufen hin tob her, einzelne Offizere huschen in langen Mänteln zwischen ben Wagen hindurch, Alles landet an einer kleinen, nur mott beleuchteten Thür. Die Mäntel bleiben unten und
bescheint täglich außer ae S3etitasm nach Sonn- und Seimegen. — Quartal» LöoimementS-P»eis bei der Srpeditivn 2*/« Mk.. bei ben Postämter 2 Mk. 50 Pfg. (excl. Bestellgelb). Jnseriionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Big. Reklamen für die Zeile 25 Pfg. .
Deutsches Reich.
. Berlin, 12. März. Der deutsche Handelstag ist im Bürgersaale des Rathauses zusammengftreten. Staatssekretär v. Bötticher begrüßte denselben mit einer Ansprache, worin er einen Rückblick auf die fünfundzwanzigjährige Geschichte des Handelstages warf und hervorhob, so sehr auch die Meinungen über dasjenige, was dem Handel frommt, auseinandergingen, eins solle man im Auge behalten: das Streben, einen Einigungspunkt zu finden und fid) ruhigen Blickes nicht blos auf den Kreis der eigenen Lokalinteressen zu beschränken, sondern darüber hinaus auch die konkurrierenden Interessen anderer Berufszweige im Stuge zu behalten. Tie wirtschaftliche Lage sei ja leider uichk sehr günstig; es gehe im Handel und Verkehr wie überall: die Wogen gehen auf, sie gehen ab. Man dürfe sich den Blick nicht trüben lassen durch gewisse Depressionen, die an sich vielleicht geeignet sein könnten, Sorge 311 veranlassen. Aber die Anzeichen seien ja vorhanden, daß Handel und Wandel sich wieder heben. Er (der Minister) hege die feste Zuversicht, daß der wirtschaftliche Aufschwung nicht lange auf sich warten lassen werde, umsomehr, wenn man bestrebt sei, die Ursachen des Rückgangs zu erkennen und etwaigen Mängeln abzuhelfen. Nachdem sodann der Delegierte der Nettesten der Berliner Kaufmannschaft den Handelstag begrüßt, konstituierte sich das Düreau und trat die Versammlung in die Tagesordnung ein. — Die Kommission für die Beratung des Branntweinmonopols hat die den Kernpunkt der ganzen Vorlage bildenden beiden ersten Paragraphen, und zwar btn ersten mit 19 gegen 6, den zweiten mit 20 gegen 5 Stimmen abgelehnt und dann die weitere Beratung auf Dienstag vertagt — Die Reichstagskommission für den Gesetzentwurf betreffs der Rechtspflege in den deutschen Schutzgebieten nahm mit 8 gegen 4 Stimmen in zweiter Lesung das ganze Gesetz unverändert in der Fassung der ersten Beratung an. — Die „Germania" schreibt: „Bei der Mittwochs - Debatte über das Militär - Pensionsgesetz drückte der Abgeordnete Dr. Windthorst die Hoffnung aus, d»ll es gelingen werde, das Gesetz zu Stande zu bringen, unb zwar nicht blos der Offiziere wegen, sondern des Antragstellers wegen, dem eine Freude zu machen er jeder- Seit bestrebt sein werde. Der Abgeordnete Feldmarschall Graf Moltke ging sodann auf den von der Tribüne heruntersteigenden Zentrumsführer zu und schüttelte ihm dankbar die Hand." — Bekanntlich hatte der Minister v- Bötticher dem Reichstage am Sonnabend einen Brief des Reichskanzlers mitgeteilt, in dem derselbe versichert, daß er unverändert an dem Monopol festhalte; Herr v- Bötticher halte außerdem bemerkt, daß der Kanzler gehindert gewesen sei, an der Beratung des Branntweinmonopols teil zu nehmen, er hoffe aber bestimmt, daß die Verhandlungen in der Kommission, an die ja, wenn die Anzeichen nicht trügen, die Vorlage verwiesen werden wird,
Gelegenheit geben werde, seine Anschauungen über die Bedeutung und den Wert der Vorlage dort auseinander-
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition b Blatte-, sowie d.Annoncen-Bureaux von Haasenstein unb$oglec in Franlfurt a. M , Gaffel, Magdeburg und Wien; Rudolf Messe in Frankfurt ♦ a M , Berlin,München und Köln; ®. L. Daube und so. n Frankfurt a. M., Berlin, Ha nover u.Paris.
zusetzen und eventuell sie hier in der zweiten Lesung nach- znholeu." Schon am Dienstag Abend erklärte die „N. A. Ztg" in einem längerem Artikel, der Kanzler denke gar nicht daran, in die Kommission zu kommen, was solle er dort lhun? zur Belustigung der Herren Richter und Windthorst tauben Ohren zu predigen, das verbiete ihm seine Würde, sein Alter und seine Stellung. Die >/Nat.-Ztg." hatte auf den auf der Hand liegenden Widersprich zwischen jener Erklärung des Ministers v Bötticher und diesem Artikel der „91. A. Ztg." hingewiesen und gefragt, „ob derselbe vielleicht ein Symptom widerstreitender Strömungen in den höheren Luftregionen sei." Daran wird heute in einem Artikel der „N.A.Ztg." angeknüpft und zunächst gesagt, diese Auffassung der „Nat.-Ztg." sei „aus der Luft gegriffen"; dann aber fährt das Blatt fort: „Unser Artikel hatte den Zweck, dagegen zu protestieren, daß man dem Reichskanzler zumute, an der Arbeit einer Kommission sich zu beteiligen, von welcher unzweifelhaft feststeht, daß sie die Gesetzesvorlage, die sie beraten soll, zu Falle bringen will. Es wäre ein hoffnungsloses Unternehmen, in dieser Kommission ben Versuch einer Rettung des Monopols zu machen, und damit ist für uns, wie wir bereits in unserem früheren Artikel hervorhoben, die Frage der Beteiligung des Reichskanzlers entschieden. Der Brief des Fürsten Bismarck, welchen Herr von Bötticher in der neulichen Reichstagssitzung verlesen hat, war doch offenbar nicht dazu bestimmt, eine Verpflichtung des Reichskanzlers zur Teilnahme an den Kommissionssitzungen zu begründen, sondern er sollte lediglich konstatieren, daß der Fürst nach wie vor an dem Monopol festhält, und dieser Zweck ist erreicht. Wir glaubten, daß es nützlich sei, alles dies zu konstatieren. SSenn die „Nationalzeitung" unseren Andeutungen einen darüber hinausgehenden „symptomatischen" Charakter beilegt, so macht dies ihrer Phantasie alle Ehre; aber, sie wolle überzeugt fein, auf dem Boden der Thatsachen steht rhre Konjektur nicht." Wenn wir diese Notiz recht verstehen, so besagt sie, daß der Minister v. Bötticher mit feiner Mitteilung, der Kanzler werde in der Kommission erscheinen, seine Instruktion, die sich auf Mitteilung des Briefes des Kanzlers bezog, überschritten hat, da in dem Briefe, soweit der Minister ihn verlas, nichts davon stand, daß der Kanzler in die Kommission kommen wolle. Dies mrb in der obigen Erklärung der „N. A. Ztg." besonders betont. Dabei fallen aber die gebrauchten scharfen Ausdrücke der „Nordd. Allg. Ztg." auf: ihr Artikel habe den Zweck gehabt, dagegen „zu protestieren", daß man dem Kanzler „zumute , an der Arbeit der Kommission sich zu beteiligen. Unfere8 Wissens hat ihm das niemand zugemutet, hat überhaupt niemand davon geredet; dieser Ausdruck muß sich also wohl ebenso, wie der Protest aus jene Mitteilung des Munsters beziehen; um so bemerkenswerter ist aber die Rolle des Protektors, in welcher die „N. A. Z." in bezug' ttuj den Reichskanzler hier redet. — Der „Börs.-Kour." bringt heute das Gerücht, es stehe nicht bloß der Rücktritt des Ministers v. Bötticher, sondern auch der des Finanz- man beginnt ouf ben mit roten Teppichen belegten Stufen die Reise nach oben. Umgekehrt, tote bet anderen Bergbe- Inftigungen wird eS oben allmählig wärmer, die Vegetaliou torb üppiger, die Teppiche reicher. Noch ein Weg durch Dorzimmer aller Art, wieder öffnet sich eine Thür und nun tritt wan mttten hinein in das färbenglüheuste Bild, daS sich menschliche Phantasie ausmahlen kann.
.Wenn man in diesen Sälen von Pracht und Glanz spricht, so denke man nicht an den Glanz, den die Kunst des Augenblicks bei den schönsten Festen unserer Bühne ober unterer Künstler hervor zaubert. Hier ist die Pracht her Jahrhunderte, dieses M tall hat den Edelrost angesetzt, bet alles Schreiende und Störende hinwegnimmt und nur
°nd dauernde in köstl cher Einheit zusammen- fdimügt. Und welch eine Versammlung füllt diese Raume. Zunächst sieht man nur Unifo men. Garze Grupp n von i"Sen Offizieren bezeichnen den Eharakter des BallfesttS. Die Auszeichnung, welcher sie sich erfreuen, ist vielleiat die beneibenswerteste Jugend und männliche Schönheit, gehoben c®1?”3 5er Galauniformen. Kein Land hat ein WH aufgebot kraftst oh über männlicher Jugend, tote Deutschland und ihre Erscheinung giebt zumeist den Hos- baöen den Charakter unverwüstlicher Jugendfrische. Uniformen, wohin man sieht; hier ist endlich einmal eine Gruppe von Herren in schwarzem Frack, die goldenen Amtskttteu bezeichnen sie als Magistrat und Stadiv rornete, die Uni- fftat trägt Talare verschiedener Farbe, je nach den Fakul- 2« Feack erscheinen meist nur Künstler, Männer der Wissenschaft, Volksvertreter.
Jetzt kommt Bewegung in die Mass «, die Marschälle halten eine Gaffe frei, von der Hofgesellschaft, welche mit
Ausland.
Paris, 11. März. Kriegsminister Boulanger hat heute sein berühmtes Gesetz über Spionage auf den Tisch der Kammer gelegt und einige Blätter raten bereits den Deputierten, es sogleich ohne Beratung anzunehmen: sintemalen die Angelegenheit zur ausführlichen öffentlichen Besprechung zu „delikat" sei! Das mögen nun die Fran- thren Damen kommt, beginnen die Ersteren ben Saal zu passt-ren, an dessen unterem Ende sie dntreten. In strahlender Beleuchtung schreiten die Damen in feierlichem Gange die Gallerte entlang, bewundert von vielen hundert Männer« äugen. Immer lebendiger und reicher wird der Zug, in welchem zum hoffähigen Adel sich in größter Vollzähligkeit dos Personal aller Gesandtschaften gesellt, und nimmt dann Aufstellung im Weißen Saale. Jetzt vernimmt man in der Gallerte leichte Schläge. Die Hofmarschälle stoßen ihre mit goldenen Kronen besetzten langen Stäbe auf. Der Hof erscheint. Vorweg die Pagen, junge Ebelleute aus der Ka- bcttenanftalt in der Tracht der alten Brandenburgischen Zeit, aus dem Ende des 17. Jahrhunderts; tote Röcke, reichbesetzte Kniehosen, weiße Spitzenkravatten, ein schwarzer Sammethni mit weißen Federn, die Haare nach Möglichkeit geträufelt, bann eine Schaar von Gioßwürdenträgern des Hofes. Eine Bewegung, die durch den ganzen Sall geht, verkündet das Erscheinen der Kaiserlichen Familie, welche j tzt paarweise, huldvoll grüßend, die Gallerte entlang gebt; die Hofstaaten, Würdenträger und andere Adjutanten folgen. Hinter dem Zuge schließen sich die Wogen der Gäste und Alles strömt zum Weißen Saale, wo der eigentliche Ball stattfindet.
Das Ballsouper wird von den Allerhöchsten und höchsten Herrschaften in besonderen Räumen eingenommen, während die übrige, nach Hunderten zählende Gesellschaft zu ben Büffets eilt. Mit einem Schlage ist die heilige Ordnung gesprengt, find die Säle, in denen eben noch die strengste Stiqaette herrschte, dem Chaos überliefeck. An Tischen fehlt es fast gänzlich, die Tische für die Assietten, über die Jeder nnb Jede hier zu verfügen hat, find die eigenen Hände,
Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg n. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.
Expedition; Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlas von 51 ob. Sua. Sn* ’
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