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Marburg, Mittwoch, 10. März 1886.

XXL Jahrgai,,.

Erscheint täglich außer <* Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Quartal- Kbonnements-Preis bei bet Expedition 2'/« ML. bei den Postämter 2 'IRL 50 Sfg. (tret. Bestellgelbs. Jnsrrtionsgebübr für bie gespaltene Zeile 10 Pfa. Kellam n für die Zckk 25 Pfg.

OrchMk MiiW.

Anzeigen nimmt entgegen bie Expedition b Blattes, sowie b.Annoncen-Bureoux von Hoasenftein unlVoaler in Franlfurt a. M , Cassel, Magbeiurg unb Wien; Rudolf Moffe in Frankfurt a M-, Berlin,P-ünchcnund Köln: G. L. Daube und *o. n örantfurt c. M-, Brlin, Ha nover ».Paris.

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger s. L. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.

Expedition: Martt 21. Redaktion, Druck und Berlag von 2oh. Lug. Koch.

Zur Kolonialpolitik.

Wie alt ist die deutsche Kolonialpolitik? Noch nicht zwei Jahre. Diese Thatsache muß man sich gegenwärtig halten, wenn man einen Maßstav für das bisher Gelei­stete gewinnen will. Im Laufe dieser zwei Jahre sind Gebiete im ungefähren Gesamtumfange von etwa 50 000' Quadratmeilen teils unmittelbar unter deutschen Schutz gestellt, teils von deutschen Gesellschaften mit der bestimmten Absicht, den Kaiicrlichen Schutz nachzusuchen, erworben worden. Hierher gehören namentlich die außerordentlich ausgedehnten Erwerbungen der deutschen Ostafrikanischen Gesellschaft, die bisher nur für einen kleinen Teil ihrer Besitzungen einen Schutzbrief erhalten hat (27. Febr. 1885). Die Ausdehnung derselben auf weitere Gebiete muß aus­gesetzt werden, bis die zum Teil verwickelten Grenzver- hällnisse der Ostküste geordnet sind. In dieser Gegend stehen wir aber nicht, wie in einem großen Teile von Westafrika, auf geschichtslosem Boden. Ostafrika ist von Arabien aus seit einem Jahrtausend und mehr vielleicht in friedlicher wie in kriegerischer Absicht aufgesucht, kolo­nisiert und befehdet worden, wie das die Dinge gerade mit sich brachten. Die dortigen Besitzverhältnisse haben davon nicht unberührt bleiben können und mit diesen Ver­hältnissen, die allerdings nur auf den Küstenstrich des In­dischen Ozeans bis etwa zum Aequator Anwendung finden, muß jeder neue Kolonisator rechnen. Schon jetzt ist in­dessen ausgemacht, daß die Ostafrikanische Gesellschaft dieser Schwierigkeiten Herr werden und dann einen immer wachsenden Einfluß auf die Gestaltung der Zustände in Ostafrika gewinnen wird. Daß sie es soweit gebracht hat, wie sie jetzt schon ist, bedeutet einen Erfolg, den dir Zukunft ganz anders würdigen wird, als es die befangene und verbitterte Gegenwart vermag, dir in der Kolvnial- politik und ihren einzelnen Erscheinungen vielfach nur Material für Parteibestrebungen erblickt, während sich hier um einen Gewinn für die Nation als solche handelt. So angesehen ist das bisher Geleistete nicht gering, sondern außerordentlich groß. Mehr als die Grundlage für das Kommende zu legen, war nicht möglich. Die Grundlage ist in so umfassendem Maße gelegt worden, daß wir die weitere Entwicklung der Dinge jetzt mit Ruhe abwarten können. Bei eines Haares Breite wäre es dahingekommen, daß Deutschland jede Möglichkeit der Ausdehnung auf dem Kolouialgebiet abgeschnitten wurde.

In Kamerun hat sich buchstäblich um Stunden ge­handelt und in Ostaftika würde ohne die außerordentliche Thatkraft und Entschlossenheit des Dr. Karl Peters und seiner Freunde ebenfalls dafür gesorgt worden sein, daß wir dort nicht mehr hätten festen Fuß fassen können.

Die Fremden sehen die deutsche Kolonial - Entwicklung denn auch mit ganz anderen Augen an, als unsereFort­schrittler" daheim. Von der auf Unkenntnis gegründeten Mißachtung, wie sie Herr E. Richter zur Schau zu tragen gewohnt ist, findet sich in England keine Spur. Was

Gesprengte Sreunvschaft.

Rovellktte von Heinrich d'Lltona.

(Fortst-ung)

Nach einigen Tagen erschienen sie wieder vor dem K. Ä. Grenzpger. Düs mal strich derselbe sich befriedigt den mächtigen Schnur,bart und ließ die BUoen ihren Einzug in das Gebiet des kroatisch-slawonischen Königreichs halten, denn Panowies h-ckte seinem Freunde Bumbo einen faust­großen Ring durch die Ruse gezogen und ihm um den Hals eine schwere Eisenkette geschlungen.

Die Sicherheit des Kaiscistaates war gerettet! Aber mit welchen Opfern halte sich Panowicz die Erlaubnis znm Betreten ves fremden Bodens erkauft! Die Kosten zur Anschaffung des Ring.s und der Kette hatten ihm kein Kopfweh bereitet, er halle sie in weniger als drei Tagen zusammengebettelt. Ader daß er seinem Bumbo die Nase durchbohren und ihm um den Nacken das kalte Eisen schmieden lassen mußte, hatte ihm fast das Her, gebrochen. Bumbo auch!

Bumbo hatte zwar anfangs schwer gebrummt, aber das Blut, welches die angreifende Prozedur seiner Nase erpreßt hatte, war der Kitt zu noch engerer Befestigung oes Freund- schafisbandeS gewesen.

U d nun pilgerte das Paar von Ort zu Ort, kreuz und quer durch das K. K. Land der vielen Sprachen und bunten Trachten, und wo immer in Kroatien unb Dalmatien, in Ungarn oder Böhmen, in Steiermark oder Tirol ein Jahr­mai kltrubel die Leute zu Haufen rief, da tauchten auch Pauowrcs und Bumbo auf, gaben ihre Kunststücke zum Besten und hiettm dit Kreuzerernte.

Ein Strohlager vereinte daS Paar bei Nacht, ein Brot

dort sich regt, ist Haß unb Neid. Erst ganz neuerdings hat der Erforscher des Massai-Landes (am Kilima-Ndsckaro), Thompson, die Annexionen der Deutschen in Westafrika schändlich und niederträchtig" genannt. So redet man nicht über Dinge, die einem keine Besorgnis einflößen. Die Engländer sehen sehr wohl, daß ihr Einfluß an der Ostküste, zumal in Sansibar, neben dem deutschen auf bie Dauer nicht wird bestehen können. In einer Zeit, wo der außerordentliche Rückgang ihrer Handelsumsätze ihnen mit Rücksicht auf die Erhaltung eines.nach Millionen zählenden Stammes von Industriearbeitern aller Art die Behauptung aller Auslandsmärkte als eine Lebensfrage erscheinen läßt, spielt das in ihren Erwägungen eine be­deutsame Rolle. Ob sich diese Erwägungen nicht auch bei der Thätigkeit der Kommission spiegeln werden, welche eben jetzt damit beschäftigt ist, die streitigen Grenzverhältnisse an der Sansibar- und Suaveli-Küste zu ordnen, wird sich ja zeigen. Schon die Thaisache aber, daß sich diese Kom­mission hat in Bewegung setzen müssen, beweist, daß es sich um ernste Dinge handelt, nicht um dasSpiel für große Kinder", das unsere Kolonialpolitik nach den Aeußeruiigen Bambergers unb Richters ist unb vermutlich noch lange bleiben wirb. Denn mit solcher Naturgewalt können sich bie Erfolge auf biesem Gebiet freilich nicht Bahn brechen, wie sie es auf bem der deutschen Politik von 18661871 thaten. Das ist aber auch nicht nötig. Nachdem es gelungen ist, bie dringendsten Organisations­einrichtungen mit dem Reichstage zu vereinbaren, kann die fernere Entwickelung, wie gesagt, ruhig abgewartet werden

Deutsches Reich.

Berit«, 8. März. Der Bundesrat stimmte in seiner heutigen Sitzung dem Entwürfe eines Gesetzes, betreffend die Heranziehung der Militärpersonen zu den Gemeinde­abgaben, zu. DerReichsanz." meldet, daß, nachdem der ermländische Bischofsstuhl durch die mit Zustimmung der Regierung erfolgte Ernennung des Bischofs Krementz zum Erzbischof von Köln erledigt worden sei, das Dom­kapitel in Frauenburg den Generalvikar Dr. Thiel zum Bischof gewählt habe. Thiel habe durch päpstliches Breve vom 12. Februar die Bestätigung zur Ausübung des bischöf­lichen Amtes erhalten. Der Kaiser und König habe dem­nach Thiel durch Urkunde vom 2. März die nachgesuchte landesherrliche Anerkennung als Bischof von Ermland er­teilt. Die kirchenpolitische Kommission des Herrenhauses setzte eine Subkommission ein, welche aus den Herren Adams, v. Manteuffel, Miquel, Bischof Kopp und Graf zur Lippe besteht. In der am Sonnabend stattgehabten Sitzung der Kommission zur Vorberatung des Entwurfs über die Verlängerung des Sozialistengesetzes wurde mit der Spezial- diskussion der von dem Abg. Windthorst gestellten Ab­änderungsvorschläge begonnen. Gegenüber der Ausführung, daß der Antrag auf Aufhebung des Absatzes 2:Versamm-

stillte nach g thauem Werk ihren Hunger und aus einer Quelle löschten sie auf der Wanderung ihren Durst.

Nach einigen Jahren schloß sich eine glutäugige Walachin, welcher PanowieS ihrer Tanzkunst wegen und wegen ihres Tamdouiins seine Zuneigung geschenkt hatte, als dritte dem Bunde an. Bumbo aber blieb der Hauptv-rtraute der Freuden und Leiden seines Freundes Panowies.

Und wieder nach einigen Jahren unstäter Künstlersahrten war die glutäugige Walachin verschwunden. Die gemein­same Liebe zu der drolligen dreijäh'igen Jurieza, welche die Treulose dem Verratenen hinterlassen, bildete ein neue8 Band der Freundschaft zwischen Panowies und Bumbo. Jurieza teilte mit den Beiden bei Tage daS Brot und daS Wasser, bet Nacht das St oh in dumpfen Holzställen. Nur den Schnaps, für welchen Panowies seit dem Verschwinden der Walachin eine immer stärk-r heroortteiende Nckgung ent­wickelte, teilten Freund Bumbo unb Töchterchen Jurieza nicht mit bem Bärenführer.....

Jurieza hotte ei» halbes Dutzend Jahre zurückgelegt.

Sie schlug auf den Iah Märkten das Tambourin, warf die mit brennend-rotem Mouffelin umvick-lteu Beine in kecken Pirouetten pnd machte mit bem Sammelteller bie Runbe unter den Zuschauern, währenb Bumbo sich graziös ia den Hüften wiegte und Vater Panowies bett Dudelsack blies.

In dem kleinen Kurort Franzeck war Jahrmarkt.

Eine buntaemischte, schaulustige Menge hatte sich um die Bärenkünstlergefillschast g-sammelt. Freudig johlend die Jugend, still o rgnüat die 33 Her und Mütter, fpnbete das Publikum der Vorstellung seinen Beifall.

Allerdings !i ß der größere Teil der ergötzten Menge nicht immer den Worten des Beifalls die That der klingenden

hingen, bei denen durch Thatsachen bie Annahme gerecht­fertigt ist, daß sie zur Förderung der im ersten Absätze bezeichneten Bestrebungen bestimmt sind, find zu verbieten", sich rechtfertige, weil es wünschenswert sei, der Sozial­demokratie die Möglichkeit- zu geben, über ihre Ziele sich auszusprechen, da gerade die Unkenntnis dieser Ziele ihr günstig sei, legte derNat.-Lib.Korr." zufolge Minister v. Puttkamer dar, daß die verbündeten Regierungen dir sämtlichen Anträge für unannehmbar erklären und an der Ueberzeugung festhalten müßten, daß die große politische und moralische Verantwortung, welche das Gesetz ihnen auferlege, nut dann übernommen werden könne, wenn die Waffen des Gesetzes nicht abgestumpft würden. Das ganze Gesetz stelle sich dar als Bau, welchem ohne Schädigung des Ganzen auch nicht ein Stein entnommen werden könne. Die der deutschfreisinnigen Partei angehörigen Mitglieder der Kommission treten für Annahme der Wiudthorstschen Anträge ein, indem sie davon ausgeheu, daß das Gesetz nichts genützt, sondern geschadet habe. Der Antragsteller Windthorst giebt zu erwägen, ob es nicht weiser sei, wenn diejenigen, welche für Aufrechterhaltung des Gesetzes feien, den von ihm gestellten Anträgen zustimmten, da möglicher­weise ohne dieselben für das Gesetz eine Majorität nicht zu erlangen sein werde. Nach seiner Ueberzeugung blieben den verbündeten Regierungen auch bei Annahme seiner Anträge ausreichende Mittel, um gegen Ausschreitungen vorzugehen, aber die Mißstimmung werde schwinden, welche durch das Bestehen des Ausnahmegesetzes erregt werde. In gleichem Sinne sprachen sich noch andere Mitglieder des Zentrums aus, während Minister v. Puttkamer wieder- holt in eingehender Weise den Standpunkt der Regierungen begründete. Die Diskussion wiederholte im wesentlichen nur die Ausführungen, welche in der letzten Session der letzten Legislaturperiode (1884) in der damaligen Kommissionsberatung gegeben worden sind, auch die Ab­stimmung ergab das damalige Resultat: der Abänderungs­antrag wurde mit 12 gegen 7 Stimmen (Konservative und Nationalliberale) angenommen. Der Antrag zu 8 11 will das Verbot periodischer Druckschriften erst dann zulasten, wenn das Verbot einer einzelnen Nummer zum zweiten Male erfolgt ist, während nach dem Gesetz das einmalige Verbot einer einzelnen Nummer genügt. Minister v. Puttkamer führt aus, daß bei Streichung dieser Be­stimmung die sämtlichen Bestimmungen hinsichtlich der Presse wirkungslos gemacht werden würden. Der Antrag Windthorst wird auch hier mit 12 gegen 7 Stimmen angenommen. Der Etat des Ministeriums der geist­lichen, Unterrichts- und Medizinal-Angelegenheiten für das Jahr vom 1. April 1886'87 stellt sich in den Einnahmen (2858596 Mk.) um 276346 Mk. höher als der Etat pro 1885/86, hauptsächlich weil diejenigen aus dem öffent­lichen Unterricht (2187913 Mk.) 265 880 Mk., davon die Schullehrer - Seminare und Präparanden - Anstalten allein 252994 Mk. mehr ergeben. In den dauernden

Belohnung folgen. Um so reichere Ernte hielt jedoch bie kleine Sammle-in bei bem illustren Teil der Zuschauerschaft, welcher sich gleichsam als Parquetpublikum auf der Estrade des Kurhotels angesammelt hatte.

Bereits znm wiederholten Male machte daS luftig ge­kleidete Kind des Bosniers bei den Hotelgästen die Runde mit dem Teller. Wenige der Gäste vermochten der stummen Bitte der großen braunen Augen zu wiederstehen und schon hatte sich eine ansehnliche Menge größerer und kleinerer Silberstücke auf dem Teller angehäuft, als die Kleine mit einer zierlichen Verbeugung vor einet Dame Halt machte, deren vornehme Haltung auch ohne die Eleganz bet Toilette auf eine bevorzugte Stellung in bet Gesellschaft schließen liefe.

Es war bie Baronin von Allberg, welche mit bem Ge­mahl unb bem einzigen Töchter lein sich für bie Zeit be8 Somrnerurlaubs ihres Satten, eines höheren Mmistertal- beamten, aus der dumpfen Schwüle der Hauprstadt in die Frische des ttaultch - stillen Kurortes zurückgezogen hatte.

Mit dem Ausdruck mitleidigen Wohlwollens ruhte der Blick der jungen Frau auf bet jungen Vaganttn. Dann zog sie bie Börse. Bevor sie jeboch ihre wohlthätige Absicht auszuführen vermochte, fühlte sie sich am Arme sestgehulten.

.Ach, Mama, komm, lafe mich!" kam eS in brtngenbet Bitte aus bem Kirschmäulchen des Töchterchens, welches neben bet Mama mit gespanntester Aufmerksamkeit bem ®ange bet Vorstellung gefolgt war unb sich nun gebrängt fuplte, burch eigenhändige Belohnung ihrer Dankbarkeit für den gehabten Genufe Ausdruck zu verleihen.

(Fortsetzung folgt.)