Nr. »7.
Marburg, Dienstag, 9. März 1886.
XXI. Jahrgang.
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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.
Expedition Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Ang. Koch.
Aus dem Reichstage.
Die Fortsetzung der Monopoldebatte am Freitag und Sonnabend konnte nicht mehr das Interesse des ersten Tages haben, weil das Schicksal der Vorlage nach den Erklärungen des Abgeordneten Freiherrn v. Huene bereits feststand. Immerhin erregte es aber Aufsehen, als der Abgeordnete i>r. Buhl seine Ausführungen damit begann, daß er die Vorlage für unannehmbar erklärte, unannehmbar ohne jene Verschnörkelungcn und Arabesken, mit denen die Redner der Rationallibcralen in ähnlichen Fällen zu operieren pflegen.
Mit dem Aufsehen, welches diese ungewohnte Entschiedenheit hervorrief, sollte die nationalliberale Presse, sowie diejenige, welche der „ehemals herrschenden Partei" mehr over weniger „anverwandt und zugethan" ist, .sich begnügen. Daß sie die Rede ves Abg. Dr. Buhl aber obendrein noch als besonders „sachkundig" bezeichnet und von einigen „Mißverständnissen" rc. spricht, auf welche sich die Polemik des Finanzministers v. Scholz habe stützen müssen, beweist nur, daß sie selbst von der Sache nichts versteht. Wenn der Finanzminister dem Abgeordneten Buhl unter anderem nachweisen konnte, daß er die grundlegenden Bestimmungen der Vorlage, wie die über die Kontingentierung des Breunereibetriebes nicht kenne, so ist ein „Mißverständnis" hier doch wohl ausgeschlossen, wenn auch nur ein Schatten von Sachverständigkeit angenommen werden soll. Solche „Mißverständnisse" dürfen bei keinem Abgeordneten vorkommen, zumal wenn er als Fraklions- redner auftritt und im Namen einer ganzen Partei feierliche Erklärungen abgiebt. Der Fiuanzmiuister hätte unter diesen Umständen auch dann leichtes Spiel gehabt, wenn er am 5. dieses Monats nicht überhaupt besonders gut aufgelegt geweseu wäre. Er hatte einen glänzenden Tag. Der Abgeordnete Richter, mit dem er sich besonders eingehend beschäftigte, mag selten in so außerordentlicher Erregung gesehen worden sein. Schneidender Sarkasmus und wirkliche, nicht blos behauptete Sachverständigkeit vereinigten sich hier, um ihm die ganze Hohlheit und innere Unhaltbarkeit der Behauptungen darzulege.n, mit denen der FSrtschrittsführer tags zuvor das Haus zu blenden versuchte. Es war ihm das allerdings nicht gelungen, was der Finanzminister auch von vornherein annahm, indem er die Widerlegung nur von dem Standpunkte der Menge draußen für notwendig erklärte, welche den Rich- terschen Ausführungen am Ende doch Glauben schenken könnten, falls sie unwidersprochen blieben. Auch jetzt, nachdem das Monopolprojekt als solches seine parlamentarischen Aussichten verloren hat, behalten diese Darlegungen ihren Wert, weil sie die Methode der fortschrittlichen Wühlerei unübertrefflich kennzeichnen und an den Pranger stellen.
Von den folgenden Reden hatte nur die des Abgeordneten v. Kardorfi ein sachliches Interesse. Auch dieser Redner verhielt sich dem Regierungsentwurfe gegenüber
/ sNachdruck Oerboten.]
Gesprengte Freundschaft.
Rooeltttte oon Heinrich b’ÄItona.
Bumbo hieß er und aus den bosnischen Bergen stammte er.
Dort hatte ihn Panowtes, der ungekämmteste aller Bos, niakensöyne, eintS Tages auf der Sohle einer Felsschlucht eutoeckt.
Er hatte eben den struppigen Kopf aus den braunen Reisern seines Lagers zur Höhe gestreckt, als Panowies, der sechzehnjährige Tagelieb, neugierig die Nase über den Felsvorsprung hinab hing und sein Auge geradewegs den Kohlenaugen Bumbos begegnete, welche ihm wie ein paar glänzende Perlen entgegenglttzeiten.
Panowies hatte dic Lippen gespitzt, einen langgezogenen pfeifenden Ton von sich gegeben, rote er jedesmal zu thun pflegte, wen» der aufsichtslose Hammel irgend eines Nachbars in seinen Gesichtskreis trat, und war dann behutsam und gemächlich wie Einer, der noch nie in seinem Leben etwas zu versäumen gehabt Hut, zu dem jungen Bumbo in die Felsschlucht hinabgestiegen.
Es war das erste Mal, daß Bnmbo die Ehre eines derartigen Besuchs genoß und er wußte die Ehre wohl zu schätzen.
Panowies hätte kaum nötig gehabt, sich seiner Bunda zu entledigen, um den Findling hineinzuwickeln, Bumbo würde einer E nladung seines neuen Bekannten zum Mit- kommeu auch ohnedies kaum einen merkenswerten Widerstand entgegengesetzt haben. Er war gewohnt, in unverantwortlicher Weise von seinen Ettern vernachlässigt zu werden, ganze Tage durchstreiften sie Wach und Kluft, das Söhnchen dem Hunger und der Langeweile überlassend, und wenn sie
im Wesentlichen ablehnend, gab jedoch der Hoffnung, daß es gelingen werde, auf dem Boden einer Reichs-Konsumsteuer zu einer Verständigung zu gelangen, sehr entschiedenen Ausdruck. In wie weit diese Hoffnung in den Thatsachen begründet ist, läßt sich noch nicht übersehen. Nachdem aber drei Parteien im Hause sich wesentlich in diesem Sinne ausgesprochen, wird man von Unmöglichkeit und Aussichtslosigkeit nicht reden dürfen. In der That zeigten die Ausführungen der Herren von Huene, Dr. Buhl und v. Kardorff manches Verwandte, so viel jedenfalls, daß man den Beratungen der Kommission mit Spannung entgegensehen muß.
Deutsches Reich.
Berlin, 6. März. Der Kaiser ist durch anhaltende Heiserkeit verhindert, das Zimmer zu verlassen. Die Kon- tusionserscheinungen an der Hüfte sind in der Rückbildung begriffen und veranlaffen bei den Bewegungen weitaus nicht mehr so lebhafte Schmerzen, wie früher. Der Kaiser empfing heute militärische Meldungen und hörte den Vortrag des Generals v. Albedyll. — Das 1. und 2. Armeekorps werden in diesem Jahre kein Korpsmanöver haben, sondern nur das 15. Armeekorps (Straßburg), wohin sich auch der Kaiser zu begeben gedenkt. — Der heute gestellte Antrag Windthorst, betreffend die gerichtliche Vernehmung des Abg. v. Schalfcha wegen dessen Aeußerung im Reichstage am 10. Februar über die Thaler-Prägungen in der Schweiz und Südfiankreich für Rechnung zweier Berliner Häuser lautet folgendermaßen: Der Reichstag möge erklären, daß es unzulässig sei, daß ein Reichstagsmitglied wegen seiner Aeußerungen über Thatsachen, welche ihm in dieser Eigenschaft mitgeteilt worden sind, und welche er als solches dem Hause vorgetragen hat, dem Zeugnis-Zwangsverfahren unterworfen wird. — Das Gesetz über die Schul- Versäumnisse ist von der Kommission des Abgeordnetenhauses mit 13 gegen 6 Stimmen (des Zentrums und der Polen) unverändert angenommen worden. — Die kirchen- politische Kommission des Herrenhauses beendete heute die erste Lesung der Vorlage. Von Bischof Kopp waren mehrere Amendements gestellt, welche teils unverändert, teils modifiziert angenommen wurden. Schließlich wurde in der so veränderten Fassung die ganze Vorlage angenommen. — In der Kommission des Abgeordnetenhauses für das Ansiedelungsgesetz wurde der Antrag auf Einführung der Erbpacht mit 9 gegen 9 Stimmen abgelehnt. Für einen Antrag auf Bewilligung von nur 20 Millionen stimmten nur die Nationalliberalen. Der erste Paragraph, welcher 100 Millionen der Regierung zur Verfügung stellt, wurde mit 11 gegen 7 Stimmen angenommen. — Der „Nordd. Allg. Ztg." zufolge sollen die Oberhäupter des Msaralandes an der afrikanischen Ostküste (die Schechs von Gasi und Takaungu) die Afrika - Reisenden Gebrüder Denhardt ermächtigt haben, das Msaraland unter deutsche Schutzhoheit zu bringen. Das Gasigebiet sei ein viel umstrittenes: der
Abenc-s heto kchcten, tönte an sein Oh> statt zärtlichen Koselauts rauhes @t brumm. Warum sollte Bumbo also nicht gern einem Tausch seiner Lage zustimmen und was Wunder daß er sich binnen kurzer Zeit unter dem Dache seines neuen Freundes wie zu Hause fühlte!
Panowies war weit davon entfernt, sich viel auf feine Gelehrsamkeit einzubilden. Er hatte auch keine Veranlassung dazu. Das Einzige, worin ers zu Etwas Reellem gebracht hatte, war der Hammeldiebstahl. In allen anderen Wffsen- schaften war er noch nicht über die ersten Anfangsgründe hinausgelangt. Aber wenn ihm das schwarze Haar auch gleichsträhnig nm die Zähne hing, wie seinem Schutzbefohlenen aus der F lsschlncht, es zeigte sich doch bald, daß Bumbo manches von Panowies zu lernen vermochie.
Es war kaum ein Jahr vergangen, da wußte Bumbo bereits nach den schrillen Tö e«n des Dudelsacks auf zwei Seinen zu tanzen, sogar graz-ös zu tanzen. Er beineigte sich auf ein Zeichen Panowies rote der eleganteste Bojar und exerzierte auf Kommando mit der Flinte über der Schulter strammer tote ein türkischer Soloat. Und wenn Bumbo, um den L-ib den verrosteten Schl.ppsäbel des alten Panowies gegürtet, im Arm die alte Radschloßflinte, welche fein Freund zu diesem Z oeck von einem invalrben Serbenkämpfer für einen g sto lenen Hammel eingetauscht hatte, und auf dem braunen Kopi einen scharlachroten Fez, welchen ihn Panowies aus der abgelegte» gagya der Frau Mutter eigenhändig genäht hatte, im Schritt ueoen feinem Freunde marschierte und den Sand des Bauernhofes auf wirbelte, schaute die alte Panowies den Beiden mit mütterlichem Swlze nach, kniff den Gatten in den Arm und sagte:
„Nicht wahr, Alter, ein herrliches Paar die Beiden? Die würden zusammen in der Welt ihr Glück machenl"
Sultan von Witu erhebe Souveränetätsansprüche, ebenso der Sultan von Sansibar, auch die deutsch - afrikanische Gesellschaft behaupte, ein Besitzrecht darauf zu haben. Die deutsche Regierung werde den Schutzanträgen voraussichtlich erst näher treten, wenn die Untersuchungen der in Sansibar tagenden internationalen Grenzregulierungs-Kom- mission abgeschlossen sind.
— 7. März. Der Kaiser hat der Gemahlin des russischen Botschafters, Gräfin Schuwaloff, in diesen Tagen eine große Aufmerksamkeit erwiesen und derselben dadurch eine große Freude bereitet, daß er der Botschafterin sein eigens für diese gemaltes Porträt, Brustbild, welches den Monarchen' in der Uniform des 1. Garderegiments zu Fuß darstellt, zum Geschenk gemacht hat. Der kostbare Rahmen trägt auf dem oberen Teil die auf einem goldenen Lorbeerzweig ruhende deutsche Kaiserkrone in massivem Gvlde und am unteren Rande auf goldenem Bandeau die in dieses eingravierte Widmung. — Der Kaiser empfing heute den Minister von Puttkamer. — Zur Familientafel waren sämtliche in Berlin und Potsdam anwesende Mitglieder der Königlichen Familie zugegen. — Dienstag findet bei den Majestäten im Weißen Saale des Schlosses der übliche Fastnachtsball statt. — Im Reichskanzler - Palais fand heute nachmittag eine Sitzung des preußischen Staatsministeriums unter dem Vorsitze des Fürsten Bismarck statt. — Die Mitglieder der kircherr- politischen Kommission des Herreuharrses waren für heute zum Diner beim Präsidenten Herzog v. Ratibor geladen. — Die Kronprinzlichen Herrschaften wohnten am Sonnabend dem Ballfest beim russischen Botschafter bei. — Heute war der Kronprinz bei der Prüfung der Schüler der städtischen Fortbildungsschule in Berliir zugegen.
_— Die „Nordd. Allgem. Ztg." schreibt: In einigen Blättern wird der Beschluß der für die Beratung der kirchengesetzlichen Vorlage eingesetzten Kommissiorr, ihre Beratungen als „vertraulich" zu behandeln, so dargestellt, als ob derselbe etwas außergewöhnliches, den parlamentarischen Interessen und Gewohnheiten Widersprechendes sei. Solchen Darstellungen "gegenüber möchten wir darauf Hinweisen, daß, der Tradition des Herrenhauses entsprechend, überhaupt sämtliche Kommissiousberatungen als „vertrauliche" betrachtet werden müssen. Wenn davon in den letzteren Jahren in einzelnen Fällen abgewichen worden sein sollte, so würde solches Verfahren nur als ein abusus gegenüber dem alten guten Brauche anzusehen sein. Wenn daher die jetzige Kommission ihre Verhandlungen als „vertrauliche" betrachtet wissen will, so hat die Kommission darin keinerlei exzeptionellen Beschluß gefaßt, sondern sie hat damit nur dardn erinnern wollen, daß die alte Tradition aufrecht erhalten werden sollte. An und für sich entspricht es ja auch dem Charakter einer Kommissionsberatung, daß dieselbe als eine „vertrauliche" betrachtet werden muß, und daß, wenn auch selbstredend andere Mitglieder der betreffenden parlamentarischen Körper-
Als im Herbst desselben Jahres, welches sich bereits tm Sommer durch sein filziges Verhalten gegenüber den Mais- felbern bei dem alten Panowies in Mißkredit gesetzt hatte, eine tückische Seuche die Viehställe des Dorfes bis auf das letzte Ferkel und baS fünfte Lamm entvölkerte, trat Panowies senior dem Sprößltng das Eigentumsrecht an dem Dudelsack ab, händigte ihm einen Dolch ein und eine Pfeife und wies dann auf die weitgeöffnete Hoflhür. Die alte Bäuerin hing dem Sohn einen Sack um den Nacken, in welchem sich zwei Maisbrote befanden. Ueber den breiten Rücken des Bumbos legte sie ein breites Seil, an dessen Enden je ein mächtiger Topf mit Honig und Hammelfett baumelte. Dann erteilte sie Panowies und Bumbo ihren Segen und wies auf die in grauem Nebel gehüllten Serge des Nordens.
So zog das Freudenpaar in die Wett.
An dem rauschenden Wasser der Save machten sie Halt. Drüben wtnkre der sctwarz-gelbe Grenzpfahl.
Panowiez stieg ins Wasser — er brauchte keine Strümpfe anszuziehen — und tauchte einigemal unter. Bumbo schaute vom Ufer aus verwundert dem seltsamen Beginnen der Fr nndes zu und schüttelte sich vor Grausen. Er hatte Panowicz noch nie baden sehen, und als fein Freund aus dem Wasser stieg, glaubte Bumbo ihn kaum wieder zu erkennen. Dann zogen die Beiden über den Fluß.
Vor dem schwarz-gelben Grenzpfahl hielt ihnen ein K. K. Grenzwächter das Bayonet quer über den Weg, und dem Bosnrakenjüngling wurde bedeutet, daß die Sicherheit der K. K. österreichen Staaten den Einmarsch der beiden Freunde nicht so ganz bedingungslos gestatte.
Panowies und Bumbo machten an der Grenze kehrt.
(Fortsetzung folgt.)