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Marburg, Sonnabend, 6. März 1886.

XXI. Jahrgang.

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'd. n rantfutt a. M-, B rlin, Ha nover ».Paris.

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg n. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.

Expedition Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Äug. Loch.

Auch für den Monat März nehmen alle Postanstalten Bestellungen auf die

Oberhessische Zeitung nebst ihren Beiblättern entgegen.

Denttches Reich.

Berlin, 4. März. Der Kaiser zeigte sich beim Vorbeimarsch der gestrigen Wache wieder am Fenster seines Palais. In beui Aussehen des greisen Monarchen deutete keine Spur auf den bedauernswerten Unfall, der ihn vor einigen Tagen betroffen hat. Wie sonst erwiderte der Kaiser die jubelnden Zurufe der Menge, mit der ihm eigenen milden Freundlichkeit. Die Kontusion soll da­durch erzeugt worden sein, daß sich das Degengefäß, als er auf die linke Seite fiel, ihm heftig in diese hinein­drückte. In der heutigen Sitzung deö Bundesrats gelangt der Antrag Preußens, betreffend den Gesetzentwurf über die Heranziehung in Offiziersrang stehender Militär­personen und zur Disposition gestellter Offiziere zu Ge­meindeabgaben zur Beratung, worüber demnächst Beschluß gefaßt wird. In Sachen des neuen Offizierpensions- Gesetzes verlautet, daß, ehe im preußischen Landtage eine Vorlage betreffs der Kommunalbesteuerurtg eingebracht wird, dem Reichstage ein kurzer Gesetzentwurf zugehen soll, durch welchen die Bestimmungen des Erlasses vom 22. Dezember 1868 betreffs der Kommunalsteuerfreiheit aufgehoben werden. Der Bundesrat stimmte dem AuL- schußberichte über den Gesetzentwurf wegen Abänderung der Gewerbeordnung zu. DerReichs-Anz." publiziert die Ernennung des Regierungspräsidenten v. Tiedemann (Bromberg) zum Mitgliede des Staatsrates. Wie schon berichtet, fand am Dienstag beim Reichskanzler Fürsten v. Bismarck ein parlamentarisches Diner statt. Rach Beendigung der Tafel, an welcher die Frau Fürstin wegen Unwohlseins Glicht teilnahm, fand, wie diePost" berichtet, eine sehr animierte Unterhaltung statt, welche sich nach kurzer Besprechung der wirtschaftlichen Verhältnisse und Waldkulturen auf den fürstlichen Gütern der Währungs- ftage zuwandte und bei diesem Gegenstände verblieb, bis die Gesellschaft sich trennte. Die Abgeordneten v. Schalscha und v. Mirbach verteidigten mit großer Lebhaftigkeit ihre bekannten Anschauungen über die Einführung der Doppel­währung durch jnternatisnalen Vertrag, selbst ohne den Beitritt von England. Der Fürst Bismarck legte in ein­gehender Weise seine Anschauungen dar, welche allerdings zur 3eit für die Bestrebungen der Bimetallisten nicht be­sonders günstig zu sein scheinen. Er kam zurück auf das bereits früher gebrauchte Bild von der Bekassinenjagd, auf welcher er sich in Acht nehme, an solchen Stellen weiter zu schreiten, wo Gefahr drohe. Für einen Privatmann oder Abgeordneten sei es leicht, sich an einer Agitation zu

Söhne eines Stammes.

Bon einem Lee»Oifizier.

(Schluß)

Acht Monate später trafenDonau" und Gazelle wieder auf der Roede von Smyrna zusammen. Dort waren sie nicht die einzigen Vertreter ihrer Flaggen, denn von öster­reichischer Seite lag das prachtvolle PanzeischtffKastore" vor der Hauptstadt Kleinasiens, von Deutfdser SetteKronprinz und Friedrich Karl." Auch andere Nationen waren wegen des russisch-türkischen Krieges vertreten, Italien hatte ein Geschwader entsendet, ebenso auch Frankreich. Ein merk­würdiger Zufall wollte es, daß-sich unter den französischen Schiffen auch der AvisoLe Bouvet" befand, in dessen un­mittelbarer N he das deutsche KanonenbootMeteor" vor Anker ging. Die beiden Fayrzeuge hatten sich im Jahre 1871 vor Havana hart in den Haaren gelegen, der Kampf toutbe aber wegen der gehemmten Manövrierfähigkeit der Schiffe damals nicht ansgetragen. Was Wun er also, daß sich die Besatzungen mit herausfordernden Blick u maßen und nicht übel Lust verspürten, den damals unentschiedenen Streit auszusechten.

Der deutsche Geschwader - Ehef machte, nichts Gutes ahnend, dem ftänzösischen Admiral den Vorschlag, die Mann­schaften nicht an einem und demselben Tage zu beurlauben, was dieser zurückwies. Der Sonntag kam heran, und die Sckildwache wurde mit der Ermahnung, keinen Streit zu beginnen, im Notfälle sich aber tapfer zu halten, ans Land geschickt. Die meisten Leute suchten sofort die sogenannte deutsche Brauerei" vor der Stadt auf, während der Rest etwa 30 Manu, demKaffs Paolo" an der Marina zuschlenderte.

beteiligen für Bestrebungen, welche unser ganzes wirt­schaftliches Leben doch in eine recht schwierige Lage bringen könnten. Er selbst in seiner verantwortlichen Stellung müsse vorsichtiger sein. Die Nachteile, welche aus der Doppelwährung für unseren internationalen Verkehr ent­stehen müßten, namentlich so lange England nicht daran denke, sich an einem internationalen Doppelwähtungsver- trag zu beteiligen, seien sicher; dagegen könne er sich nicht davon überzeugen, daß die Vorteile, welche sich die Anhänger der Doppelwährung davon versprechen, wirlich eintreten würden. Erst nach 9 Uhr entfernten sich die letzten Gäste. Die Kommission des Reichstags, welcher der Gesetzentwurf über die Verlängerung des Sozialistengesetzes zur Vorbe­ratung überwiesen ist, trat gestern abend zu ihrer ersten Sitzung zusammen. Außer dem Präsidenten von Wedell- Piesdorf wohnten auch zahlreiche Nichtmitglieder den Kommissionsverhandlungen bei, die verbündeten Regierungen waren durch Minister von Puttkamer und Staatssekretär von Bötticher vertreten. Es wurde zunächst in eine Gene­raldiskussion eingetreten, an welcher Minister v. Puttkamer sich nur in geringem Maße beteiligte. Herr v. Bötticher gab die Erklärung ab, daß der Bundesrat noch keinen An­laß gehabt, die vom Abg. Dr. Windthorst gestellten An­träge in Erwägung zu ziehen, .er glaube nicht, daß diese Amendements acceptabel seien. Im Uebtigen wurden in der Debatte lediglich dieselben Gesichtspunkte geltend ge­macht, welche bereits in der ersten Lesung im Plenum zur Sprache gebracht worden waren. Nach etwas über zwei Stunden wurde die Generaldebatte geschlossen. Am Sonn­abend soll in die Spezialberatung eingetreten werden Die Kommission des Reichstags für die ländliche Unfall­versicherung hat gestern die erste Lesung der Vorlage be­endigt.

Greifswald, 2. März. Laut aus Stettin einge- troffeuer Nachricht sind die vomVulkan" für Rechnung der griechischen Regierung erbauten Torpedobote, welche Ende Januar den Hafen von Swinemünde verließen und von denen zwei, wie erinnerlich, schon gleich in der Ostsee erhebliche Havarie erlitten, vor einigen Tagen glücklich im Piräus eingetroffen Sie sollen sich auf der hohen See glänzend bewährt haben.

Magdeburg, 4. März. Bei der Ersatzwahl zum Abgeordnetenhause wurde der Fabrikbesitzer Dr. Max Dürre (nat.-lib.) einstimmig gewählt.

Chemnitz, 4. März. Bei der gestrigen Ersatzwahl eines Reichstagsabgeordueten im neunzehnten sächsischen Wahlkreise erhielt bis jetzt Geyer (Sozialist) 8500, der sreikonservativc Farbenwerkbesitzer Zschirlich 7400 Stimmen. Die Resultate aus einigen Ortschaften fehlen noch.

Ausland.

Paris, 3. März. Morgen soll die Prinzenfrage in der Kammer zur Verhandlung kommen. Da die 180 Mitglieder der Rechten sowohl gegen den Antrag Duchös

Dort ging es schon hoch her. Englische und französische Marinetruppen saßen in großen Gruppen zutschen den Zi­vilisten; trotzdem sich auch Offiziere in dem Lokal befanden, wurde gezecht und gesungen, von den EngländernRed,white and blue," von den Franzosen die Marsaillaise. DirD.ufchen hatten, von den haßerfüllten Blicken der früheren Gegner verfolgt, kaum an dem einzigen freien Tische in der Ecke Platz genommen, so erging auch schon die Aufforderung an sie, sich gleichfalls hören zu lassen l Sie besannen sich einige Augenblicke, dann begannen sie dieWacht am Rhein".

Als fei eine Granate im Lokal geplatzt, so sprangen die Franzosen auf und im Nu standen sie den Singenden kampf­bereit gegenüber. Vergebens suchte ein alter Unteroffizier mit Hülfe des Wrrtes zu vermitteln; eine Flasch- flog sausend durch Die Luft und zerschellte an fernem Schad l. Das war das Signal zum Angriff. Tische und Stühle wurden umgesturzt und ihrer Fuße beraubt, die in den Händen der Seeleute zu furchtbaren Waffen wurden; die Offiziere, welche einsahen, daß es sich hier nicht um eine gewöhnliche Rauferei, sondern um einen durch den National­haß geschürten Kampf auf Tod und L den handelte, zogen blank und wenige Sekunden später floß Blut. Die Engländer räumten als neutrale Macht schl untgft das Feld, die Fran­zosen erhielten von außen Verstärkungen und drängten die Deutschen mit zehnfacher Ueberwacht in die Saalecke. Da hier kein Fenster war, aus dem sie entkommen konnten, gilt es, das Leben so teuer wie möglich zu verkaufen, ein Toter lag schon, von Messerstichen durchbohrt, am Boden, die Uebrigen trieften von Blut. Umsonst wurde Ersatz erwartet, die Kameraden waren weit fort und hatten keine Ahnung von dem was hier vorging, während die Feinde in immer dichteren Schaaren anrückten, um an den schon fast vehr-

auf sofortige Ausweisung der Prinzen, als auch gegen den Antrag Rivet, welcher der Regierung die Vollmacht erteilt, jeden Prinzen der Familien Bonaparte und Orleans nach eigenem Ermessen auszuweifen, stimmen und die Mit­glieder der Linken sich zersplittern werden, so wird wohl keiner der genannten Anträge durchgehen und alles beim alten bleiben. In diesem Falle soll aber eine Tagesord­nung eingereicht werden, welche das Recht der Regierung, die Prinzen fr 8 Landes zu verweist, bestätigt. Die Re­gierung wird sich infolge dessen jetzt ebenfalls für den Antrag Rivet aussprechen. Es bestätigt sich, daß der Finanzminister den Vorschlag machen wird, das Gleich­gewicht des Budgets durch eine Ausgabe von Schatz­scheinen und durch die Umwandlung der sechsjährigen Obligationen in dreiprozentige Renten herzustelleu. Der Minister wird sich zugleich, -und zwar im Einverständnis mit seinen Amtsgenossen, sowohl in dem Ausschuß, wie vor der Kammer gegen die von einer Gruppe von Depu­tierten vorgeschlagene Einkommensteuer aussprechen. I» Decazeville sind bisher keine neue Ruhestörungen vor­gekommen. Eine aus Giemenceau, Ernst Lefevre, Laisant, Lafont und Wickersheimer bestehende Abordnung der äußer­sten Linken begab sich heute zum Bautenminister, um mit ihm über die Lage in Decazeville zu beraten. Wahrschein­lich wird die Lage der dortigen Arbeiter noch einmal an die Kammer kommen. Gestern fanden auf der Reede der hyerischen Inseln Manöver mit zwei Torpedobooten statt. Sie griffen ein Panzerschiff an und es gelang ihnen, dasselbe mit einem nicht geladenenWhitehead" zu treffen. Heute gingen 18 in Toulon zusammengezogene Torpedobote zum Gesamtmanöver nach den genannten In­seln ab.

London, 4. März. DerStandard" meldet: Die Regierung autorisierte Lord Dufferin, die Einvsrleibung Birmas in Indien formell zu vollziehen, da die frühere Proklamation nur Fürsorge für die einstweilige Ver­waltung des Landes getroffen hat.

Glasgow, 3. März. Eine Versammlung schottischer Eisenwerksdesitzer beschloß die Eisenproduktion zu beschränken, vorausgesetzt, daß englische Eisenwerke dasselbe thun. Man nahm an, daß wenn das Haus Bolkow in Middlesborough zustimme, auch andere englische Häuser dem Beispiele folgen würden.

Haag, 4. März. In der Kammer brachte die Re­gierung einen Gesetzentwurf betreffs Konvertierung der 4prozentigen Schuld in eine 3 /-prozentige ein. Der Gesetzentwurf, betr. die Umwandlung der 4proz. Schuld in eine 3V Proz., gestattet den gegenwärtigen Inhabern von Titres deren Umwandlung bis Ende 1887 und ver­langt, daß-die Regierung ermächtigt fei, nach 1887 die 3^»Proz. Schuld zum Kurse von mindestens 97pCt. mit Vi Provision neu auszugeben.

Petersburg, 4. März. DasJournal de St. Petersbourg" schreibt: Es scheine bezüglich des türkisch-

lo'tn Gegner ihre Wut auszulassen. Da wurde plötzlich ein Fenster von außen etngestoßen, auch das zweite fiel unter wuchtigen Fußtritten klirrend in den Saal und in den Oeffnungen zeigten sich Marienemützen mit der goldenen AufschriftDonau und Kustozze".Hurrah, die Oester- reicher kommen", ging es von Mund zu Mund und richrig, die alten Freunde von der Sudabay überfliegen die Fenster- brüftungen und fi len den Franzosen in die Flanke. Deutsche Hiebe regnete es jetzt von allen Seiten, die alte Freundschaft war erneuert und wahrlich sie bewährte sich.

In zchn Minuten war der Saal geräumt; das vorher fo elegante Lokal glich einem Schlachtfeld. Jetzt tarnen auch die von den Kriegsschiffen eutfanden Patrouillen, starke Abteilungen türkiicher Soldaten marschierten auf, aber sie fanden nickts m hr zu thun, als die Toten und Verwundeten wegzuschoffen. Tags darauf wurden auf dem Adwiralsckiff die llrfteber des Streites, ein französischer Unteroffizer und ein Matrose, zu 20 und 15 Jahre Zuchthaus verurteilt, während Deutsche und Oesterreickee dem Sarge des erstochenen deutschen Matrosen folgten. Er ward mit allen militärischen Ehren auf dem Friedhöfe in Smy na in die Stuft gesenkt, nicht weit von den im Kampfe Gefallenen und in aller Stille beerdigten Franzosen. Ein Marmordenkmal gierte die Stelle: ein abgebrochener Mast mit einem Anker.

Halle a. S., 1. März. In der hiesigen Sttafanflalt ist am Sonnabend ein Sträfling gestorben, der 1872 wegen Mutter­mordes zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt war. Biszu seinem Tode hat der Mann geleugnet, die That begangen zu haben. Es war der Rentier Krieg von hier. Seine Mutter hat ihm s. Z. ein bedeutendes Ve-mögen, man spricht von 50 000 Thalern, hinterlassen, das seitdem für ihn verwaltet worden ist.