Rr. 31.
Marburg, Freitag, 5. März 1886.
XXI. Ja-rgang.
Si scheint täglich außer an Werktagen nach Sonn-und Feiertage«. — Quartal» AboimementS-Preis der der Expedition 2'/. MI., b« den Postämter 2 M. 50 Pfg (e$d. Bestellgelds. Jnsertionsgebübr fkr die aerpaltene Zeile 10 Pfg. sieuam n für die Zeile 25 Pfg.
OliechesKsche jcitimii.
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d- Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux vonHaasenstein undBoqler in Frankfurt a. Di, Cassel, Magdeburg und Wien; Rudolf Moffe in Frankfurt a M-, Berlin,^ ünchen und Köln; G. L. Daube und l'o. n Frankfurt a. M-, Berlin, Ha nover ».Paris.
Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.
Expedition- Markr 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Loch.
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Oberhessische Zeitung
«ebst ihr«, Beiblättern
entgegen.
Deutsches Reich.
Berlin, 3. März. Der „Post" zufolge äußerte Fürst Bismarck, als bei dem gestrigen parlamentarischen Diner die Währungsfrage zur Sprache kam, ein Privatmann oder ein Ageordneter könne sich leicht beteiligen an den Agitationen für Bestrebungen, welche unser ganzes wirtschaftliches Leben doch in eine recht schwierige Lage bringen könnten ; er aber in seiner verantwortlichen Stellung müsse vorsichtiger sein. Die Nachteile, welche die Doppelwährung dem deutschen internationalen Verkehre zufüge, so lange namentlich England nicht daran denke, sich an einem internationalen Doppelwährungs - Vertrage zu beteiligen, seien sicher, dagegen könne er sich nicht überzeugen, daß die Vorteile, welche sich die Anhänger der Doppelwährung davon versprechen, auch wirklich eintreten würden. — Die kirchenpolitische Vorlage, heißt es, wird von der Herrenhaus-Kommission in beschleunigtem Tempo erledigt werden, so daß das Plenum vielleicht schon in der nächsten, für den 15. März in Aussicht genommenen Sitzung in die Lage kommt, sich mit dem Bericht der Kommission zu beschäftigen. — Die Budgetkommission des Hauses der Abgeordneten setzte die Beratung des Extraordinariums der Archivverwaltung fort. Zu sehr eingehender Diskussion gab, nach der „Post", der Neubau für die Archive in Hannover Veranlassung, wohin auch die Archive aus Osnabrück und Aurich verlegt werden sollten. Der Vertreter der Staatsregierung erklärte, daß dieselbe sich entschlossen habe, das Osnabrücker Archiv daselbst zu belassen, nachdem der dortige Bischof bereit sei, auch das bischöfliche Archiv zur Benutzung freizugeben. Auch die Verlegung des ostfriesischen Archivs nach Hannover wurde von verschiedenen Seiten bemängelt, ebenso wie die großen Kosten des in Hannover in Aussicht genommenen Baues, und die Position wurde schließlich mit acht gegen sechs «Stimmen abgelehnt. Der zur Verlegung des Archivs von Magdeburg in Halle in Aussicht genommene Neubau wurde ebenfalls abgelehnt. — Zur zweiten Beratung desiKultus-Etats, dauernde Ausgaben, Kap. 121, Tit. 1, beantragt der Abg. Lasten „Die Königl Staatsregierung aufzufordern: a. Das Schullehrer - Seminar in Hadersleben bis zum 1. April 1887 nach Tondern zurückzuverlegen I und alsdann das Seminar daselbst in seiner früheren Gestalt mit einer deutschen und einer dänischen Abteilung wieder herzustellen; b. anstatt des Seminars in Hadersleben daselbst eine auf die weitere Fortbildung der Schuljugend berechnete Realschule mit dänischer Unterrichts
sprache zu gründen und zu unterhalten und c. die dazu erforderlichen Mittel in den Etat 1887/88 einzustellen". — In der vorgestrigen Sitzung der 15. Kommission (Antrag Kropatschcck) ivard die Generaldiskussion zu Ende geführt. Während ein Mitglied der Zentrumspartei sich etwas wohlwollender als seine Kollegen dem Antrag gegenüber aussprach, ihn aber zunächst auf die Vollanstalten begrenzt wünschte, trat ein freisinniges Koinmissionsmitglied gegen den vorgeschlagenen Entwurf auf. Derselbe sei ein Eingriff in die autonome Verwaltung der Kommunen; der Antrag laufe dem Interesse der Lehrer sogar zuwider, da die Kommunen von nun an sich viel weniger entgegenkommend, z. B. beim Ausbau unvollständiger Anstalten, erweisen würden. Konservative und national liberale Mitglieder traten diesen Ausführungen wiederum entgegen. Der Abg. Kropatschcck selbst brachte Material zur Kenntnis der Kommission, um einerseits darzulegen, wie groß die Mißstände bei einzelnen Schulen bereits jetzt seien und um andererseits die Befürchtung einer allzugroßen Mehrbelastung der Kommunen zu entkräften. Die Notwendigkeit, gerade die unvollständigen Anstalten mit unter das Gesetz zu stellen, hob er aufs entschiedenste hervor, darin lebhaft vom Abg. Sepffardt (Magdeburg) unterstützt. Nach Schluß der Diskussion ward ein Antrag des Abg. von Oertzen angenommen, der vom Ministerium statistisches Material, betr. die jetzigen Ausgaben sämtlicher nichtstaatlichen höheren Lehranstalten für Gehalt und Wohnungsgeld der Lehrer, deren eventuelle Steigerung auf Grund des Antrages Kro- patscheck, die sinanziellen Verhältniffe der Kommunen verlangt. Das Material hoffte der Regierungskommissar in ungefähr vier Wochen zur Verfügung stellen zü können. — Unter dem Eindrücke des Kropatscheckschen Antrages, so wird der „Voss. Ztg." geschrieben, hat die Stadtoerordneten-Ver- sammlung zu Grünberg sich bereit erklärt, die Zahlung von Wohnungsgeldzuschüssen an die Lehrer des Realgymnasiums zu genehmigen, wenn der Staat die Hälfte des auf 4800 Mk. jährlich bezifferten Zuschusses deckt.
— Der „Deutschen Reichspost" (Stuttgart) legt gegenüber den übertriebenen Agitationen gegen das Branntwein- Monopol ein Branntweinkleinverkäufer feine Gedanken über das Monopol. Derselbe sagt: In Württemberg wird, neben der beträchtlich erhöhten Branntweinsteuer und neben den nicht unerheblichen Konzessionsgebühren für die Erlaubnis zum Branntweinschank und Kleinverkauf, noch eine besondere jährliche Abgabe vom Ausschank und Kleinverkauf von Branntwein in Quantitäten bis zu 20 Litern erhoben. Sie richtet sich nach der Größe des Absatzes an Trinkbranntwein und Spiritus zu technischen Zwecken. Die Steuerbehörde übt aber keine Kontrole über den Bezug und Absatz der Kleinverkäufer und Wirte; was dieselben von Spirituosen in ihr Haus bringen, braucht nicht, wie Wein und Most, einen steueramtlichen Ladschein, auch wird eine periodische Untersuchung über das verkaufte Quantum, wie dies beim Wein und Most durch den vierteljährigen
sog. Abstich geschieht, nicht vorgenommen. Vielmehr wird der steuerpflichtige Absatz des Einzelnen nur schätzungsweise ermittelt und zu diesem Zweck von den Steuerpflichtigen eine Angabe über ihren Absatz eingefordert. Es liegt auf der Hand, daß hierbei eine ungleichmäßige Besteuerung unvermeidlich ist und insbesondere, daß Diejenigen, welche in ihren Angaben nicht gewissenhaft sind, gegenüber den Anderen einen unberechenbaren Vorteil haben. Mit dem Monopol wurde diese Abgabe und die damit verknüpften Mißstände ganz wegfallen. Wir sind nun weit entfernt, diejenigen Kleinverkäufer und Wirte, welche gegen das Monopol sind, deshalb in die Kategorie derjenigen zu stellen, welche ssich durch unrichtige Angabe ihres Verbrauchs einen Nutzen machen; auffallend aber bleibt es, daß auf diesen Punkt bis jetzt nicht schon energischer hingewiesen wurde. In dem Monopol-Entwurf haben wir gelesen, daß Gastwirten, Restaurateuren, Cafetiers rc. der Ausschank und Kaufleuten der Verkauf von Branntwein auch ferner soll gestattet werden können, nur die eigentlichen Schnaps- schenkcn, die bekanntlich enormen Profit machen, sollen beschränkt werden. Der reelle Wirt und der reelle Kleinverkäufer hätte also von dem Monopol den Vorteil, daß die Konkurrenz der Winkelkneipen und der Winkelläden wegftele und die Kleinverkaufsabgabe beseitigt würde. Warum soll er also gegen das Monopol sein? Noch einen Punkt müssen wir hervorheben. Wir haben vorher auf die Ungleichmäßigkeit der Kleinverkaufsabgabe hingewiesen. Nun sind ja die Meisten darüber einig, daß die Spirituosen eine höhere Besteuerung rechtfertigen. Glauben die Gegner des Monopols, daß mit höherer Steuer die Ungleichmäßigkeit der Abgabe kleiner oder weniger drückend werde? Im Gegenteil, eine höhere Steuer würde die geschilderten Uebelstände nur noch vermehren und den Spirituosenverkauf immer mehr in ein unreelleres Fahrwasser treiben. Die Kleinverkäufer sollten deshalb das Monopol mit Freuden begrüßen. Unb sollte auch dem einen oder «nbern eine Verkaufslizenz unter bem Monopol nicht erteilt werben, so fragen wir: ist nicht bei ber heutigen Konkurrenz unser Gewinn vielfach so klein, daß wir auf den Verkauf nicht allzu großen Wert legen? Im Gegenteil, in unserem eigenen Interesse, wie im Interesse der Gesamtheit halten wir eine Reduktion der Verkaufsstellen recht wohl für zulässig. Auch in Rücksicht auf die Qualität der Spirituosen darf man wohl darauf Hinweisen, welch elender Mischmasch den Leuten zuweilen für theures Geld geboten wird. Gewiß würde auch von diesem Gesichtspunkte aus das Monopol von Vorteil für das Volk im Allgemeinen sein, da man doch wissen würde, was man für sein Geld bekommt. — Fürst Bismarck hat in seiner letzten Rede im preußischen Abgeordnetenhaus am 29. Januar für den Fall der Ablehnung des Monopols auf eine W irtschafts- lizenzabgabe von jährlich etwa 140 Millionen hingewiesen, und hinzugesetzt: „Ich glaube, daß die Schenkwirte sich
Söhne eines Stammes.
Bon einem See-Offizier.
Km 2. März 1877 lief die deutsche Korvette „Gazelle" auf ihrer Reise nach der syrischen Küste die Sudabay in Kreta an. Der Aufenthalt in der schönen, von bewaldeten Höhen umgebenen Bucht war nicht so angenehm, als man erwartet hatte. Wegen ber revolutionären Kundgebungen her Kretenser war von der türkischen Regierung der Belagerungszustand Über die Insel verhängt worden, und an der Küste standen, kaum einen Stemwurf von einander entfernt, Doppelposten und in der Bay lag ein türkisches Fahrzeug, bereit, den Hafen mit Torpedos zu blockieren. Auch auf dem Lande sah es keineswegs gemütlich aus, es wimmelte von türkischen Soldaten, und Baschi-Bozuks wie Tscherkessen find keine angenehmen Gesellschafter. Für die Besatzung der „Gazelle" war es daher ein freudiges Ereignis, als eines Tages ein Kriegsschiff unter rotweißer Flagge hereingedampst kam, die österreichische Korvette „Donau." Kaum war der übliche Salut gewechselt, so wurde ein reger Bootverkehr zwischen den Schiffen eröffnet, Kommandanten und Offiziere besuchten einander, nur die Mannschaften biteben sich noch fremd.
Es war, wie gesagt, zu Anfang März. In den blühenden Thälern der Insel grünten bereits die Platanen und reiften die Orangen, auf den Bergen lag aber noch eine dicke Schneedecke, die fich in der Nacht zuweilen bedenklich vergrößerte. Dabei fegten kalte Winde durch die Bergschluchten, so unverhofft und heftig, daß man Tag und Nacht bereit fein mußte, Kette zu stecken oder noch einen Anker fallen p lassen.
Eines Abends war das Wetter besonoers orohend, ber wachthabenbe Offizier der „Gazelle" warf besorgte Blicke nach den schwarzen Wolken, die von den Bergen herunter» hingen und überzeugte fich öfter durch Beobachtung der stets über Bord hängenden Notleine, daß das SL'ff nicht treibe. Auf der Mittelwache, zwischen 12 und 4 Uhr Nachts, ging es wirklich los. Eine rasende Boe fiel von den Bergen in die Takelagen der „Gazelle" und der „Donau", welche fich in die Ankerketten legten, als wollten fie dieselben zerreißen. Die Wache der „Gazelle" machte die Rüstanker klar zum Fallen und sah, als dies geschehen war, in die Nacht hinaus, ob fit der Himmel noch nicht aufhelle. Dies that er nun malitiöserwei'e nicht, ober ein anderer Lichtstrahl tauchte aus dem Dunkel auf, die „Donau" zeigte ein Blaufeuer am Heck.
Der wachthabende Offizier eilte auf die Back, um nach der Ursache des Signal-s zu forschen; gleichzeitig gab er Befehl, die Vorbereitungen zur Erwiderung des SigualeS zu treffen.
„Die „Donau" treibt!*, rief plötzlich ein Mattose, und wie ein Lauffeuer verbreitete fich die Nachricht am Deck. Richtig, es zeigten sich zwei, drei weitere Blaufeuer am Heck der Korvette, und da kam fie auch schon heran.
„Alle Mann auf!", hieß cs jetzt. Die Freiwache kam an Deck geüürzt, die Geschütze wurden eingerannt, die Backspteren beigeklappt unb bann erwartete man bett Zusammenstoß.
Es ging glücklicher ab, als man hoff'» durste. Die „Donau" trieb frei vor bem Bug ber „Gazelle", fie geriet aber mit ihren Parbuneu in bie äußere Hand bes Rüst
ankers unb legte sich längsei'. Auf beiden Schiffen sprangen die Matrosen in die Rüstung unb auf bie Verschanzung, man suchte ben ungebetenen Besuch auf jede Weise wteber los zu werben.
In jebem anderen Falle wäre es bei bem nächtlich eu Renbezvons zu Hanbgreiflichkeiten gekommen, aber hier ging es, nachdem man die Situation erkannt hatte, sehr friedlich zu. Wie die Dinge lagen, konnten vorläufig höchstens zehn Mann der beiden Schiffe in Thätigkeit kommen, um die „Donau" wieder frei zu mache»; warum hätten fich die Uebrige» nicht in ber Zwischenzeit unterhalten unb auf nächsten Sonntag einlaben sollen? Allerbings hatte es mit ber Unterhaltung einen Haken, benn ber Dalmatiner versteht kein Plattbeutsch; immerhin fanben sich, besonbers unter ben Chargi°rien, Deutsch-Oesterreicher genug, bie, als bie Schiffe endlich frei waren, herrüberriefen: „Also nächsten Sonrtag, Landsleute."
Man hielt Wort, und am nächsten Sonntag hatten die Korvetten fast ihre Mannschaften ausgetauscht; auf der „Gazelle" g<ng es hoch her bei Hamburger Grog und auf ber „Donau" war man bei schäumenbem Schwechater Bier nicht minber fidel. Die Leute unterhielten sich, wie alte Freunde, man fang heimatliche Lieder, wobei wiederholt die Thatsache konstatiert wurde, daß „Gott erhalte unseren Kaiser" unb „Deutschlanb, Deutschland über Alles" zu einer Melodie paßten. Alle fühlten, daß fie Söhne eines Stammes seien, und die herzlichsten Händedrücke besiegelten beim Abschiede die Freundschaft.
(Schluß folgt.)