Är. St
Marburg, Mittwoch, 3. März 1886.
XXI. JahkMg.
ObechcUlhe ZitiiW
wissenhaftcr Staatsmann könnte anders handeln, um so weniger, als es sich hier um Entschließungen handelt, die sich nicht etwa wie ein falscher Schachzug in der internationalen Politik mit rascher Geistesgegenwart wieder gut machen lassen. Das einmal Geschehene wirkt unfehlbar nach, und daß es in diesem Falle außerordentlich tief wirken _ müßte, sieht jedermann. Bei alledem hoffen wir unsererseits natürlich, daß der Schritt, den wir von unserem Standpunkte für notwendig hallen, gethan werden wird, so lange er der leidenden Landwirtschaft zumal noch Nutzen bringen kann. Eine bestimmte Frist vermag hier natürlich niemand anzugeben. Wenn man die Sachverständigen aus den verschiedensten Teilen oes Reiches — besonders _ dem Osten aber hört, gewinnt man den Ein- druck, daß ja diese Frist keinesfalls eine lange sein kann.
Ei« „guter" Kauf.
Baron Henri Barossy war Offizier bei einem Husaren, regimrnt in Pest »nd, mehr noch, der Bräutigam deS blendendschönen Fräuleins Bertöa von Horstenau, einer Waise, die zurückgezogen bei ihren Verwandten lebte. Der Baron war reich und geliebt, also glücklich, und wenn ihn nur etwas verstimmen konnte, so war eS die hartnäckige Weigerung seiner Braut, die kostbaren Geschenke anzunehmeu, ntt denen er fie überschütten wollte. „Nach der Hochzeit", wendete sie ein, „werde ich alles dankbar von dir annehmen, aber vor- her--ich bitte dich, laß mich, wie ich bin!" Eines
Tages aber war eS Baron Barossy doch gelungen, die Einwilligung seiner Brant zu erhalten, ihr ein „billiges" Arm- band schenken zu dürfen. Aber ganz gewiß sollte es nur eiue solche Summe kosten dürfen, für welche Fräulein von Horstenau selbst es hätte erwerben können.
Am Abend desselben Tages war große Gesellschaft im Hause des Regimentskommandanten. Kaum daß Fräulein von Horstenau mit ihrem Verlobten eingetreten war, ergab fich für die Frauen und Mädchen ein überaus anziehendes Thema des Gesprächs und der Bewunderung. Beitha trug eiu Armband von so unvergleichlicher Schönheit und Kostbarkeit, daß dasselbe aller Aufmerksamkeit erregte. ES war alleS in allem nichts weiter, als ein Solitär auf einen stilisierten Reifen ausgesetzt; aber das Ganze war so zart und delikat und doch wieder so solid und gediegen zugleich gehalten, daß es füglich entzücken mußte. Das herrliche Stück ging alsbald von Hand zu Hand.
„Es ist aus M.'S Atelier; Henri hat eS mir heute vou der Landesausstellung gebracht."
„SS muß eiue stattliche Summe Gelder gekostet haben", bemerkte weniger delikat als vorlaut ein naives, blutjunger Fräulein.
Auch für den Monat März nehmen •Ke Postanstalten Bestellungen auf die
Oberhessische Zeitung
«ebst ihre« Beiblätter«
entgegen.
Ein Schlag ins Wasser.
Die Börsenblätter verstehen es vortrefflich, mit angeblich zuverlässigen Aeußerungen einflußreicher Personen zu „arbeiten", unter denen der Reichskanzler selbstverständlich voransteht. Wer beobachten gelernt hat, weiß, daß diese Methode, roie daö ja übrigens ganz natürlich ist, vor allem in „kritischen Zeiten" zur Anwendung kommt, das heißt wenn irgend ein Börscnintereffe gefährdet scheint. So wimmelte es z. B. kurz vor der Entscheidung in der Börsensteuer-Frage, im Frühjahr 1885, von sog. „authentischen Mitteilungen über die Abneigung des leitenden Staatsmannes gegen die Pläne des börsenfeindlichen Agra- riertums", und so macht man es gegenwärtig in der Währnngsfrage; für uns ein Beweis, daß die Lage von den Matadoren der „Goldpartei" nicht mehr für ganz „zweifelsohne" gehalten wird. Zn diesem Punkte wandeln die Nationallibcralen bekanntlich auch ganz und gar die Wege der „Deutschfreisinnigen", es kann daher nicht Wunder nehmen, daß es ein nationalliberaler Abgeordneter gewesen sein soll, dem gegenüber nach einem durch die ganze Presse gegangenen Gerücht Fürst Bismarck jüngst einen das Herz der „Goldmänner" hoch erfreuenden Ausspruch über b. h. gegen den Bimctallismus gethan. Wie die „Nordd. Allg. Ztg." jetzt schreibt, ist dieser Ausspruch selbst Thatsache, allein man hat ihn sich dermaßen zu- rechtzumachen gewußt, daß er um seinen Sinn gekommen ist. Rach jener liberalen Behauptung hätte der Reichskanzler gesagt, wenn er „auf die Bekassinenjagd gehe, so müsse er sich zwar auch in neblige Sümpfe begeben, kenue aber genau die Stellen, wo die Bekassinen anzutreffen und auch zu schießen feien; nur in solche Sumpfwiesen begebe er sich in diesem Falle." Dies hatte man sich so zurechtgelegt, daß Fürst Bismarck die Wahrungsfrage für einen Sumpf ansieht, wo es keine Bekassinen giedt. Nun kommt aber die „Nordd. Allgem. Ztg." und erklärt diese ganze Version kurz und gut für „sinnlos". Der Reichskanzler habe nur gemeint, daß er daö Gelände, wo er Bekassinen zu jagen beabsichtige, vorher zu untersuchen pflege. „In welcher Beziehung diese Bemerkung zu der Währungsfrage steht", fügt das Blatt hinzu, „brauchen wir wohl nicht weiter darzulegen". In der Thal bedarf es dessen nicht. Fürst Bismarck will keinen entscheidenden Schritt chun, ehe er sich über Die Folgen derselben völlig klar geworden ist. Bei der ungeheuren Verantwortlichkeit, die er zu tragen hat, ist das selbstverständlich. Kein ge-
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Deutsches Reich.
Berli«, 1. März. Der „Reichs-Anzeiger" meldet: Der Kaiser ist durch die erlittene Kontusion, welche übrigens in günstiger Weise verläuft, noch zu fernerem ruhigen Verhalten genötigt. Die Geschäfte und Vorträge bei dem Kaiser nehmen ihren ungefiörteit Fortgang. — Fürst Bismarck erließ Einladungen zu einem parlamentarischen Diner für nächsten Dienstag. Auch das Reichstagspräsidium ist geladen. Angaben über erneutes Unwohlsein des Reichskanzlers sind daher uiibegrfmbet. Sonntag nachmittag fand unter seinem Vorsitze eine längere Ministerberatung statt, die wohl der Kirchenpolitik gegolten haben dürfte. — In die Kommission des Abgeordnetenhauses für die Polenvorlage, betreffend die Kolonisation, sind gewählt die Abgeordneten v. Holtz, Freiherr v. Erffa - Wernburg, vou Colmar-Meyenburg, Wolff, Bohtz, v. Rauchhaupt, v. Tiedemann, Wehr, Jäckel, Seer, Hagens, Eiineccerus, Weber, v. Hüne, Hartmann, Sperlich, Szmula, Kantak, Chla- powski, Dirichlet, Simon. — Die Kommission für die Polen-Vorlage, betreffend das Dienstverhältnis der Volksschullehrer, besteht aus den Abgeordneten Graf v. Schwerin- Putzar, Sack, Steinmann, Graf zu Limburg - Stirum, v. Oertzen, v. Haugwitz, v. Zedlitz - Neukirch, v. Bitter, Weffel, Kennemann, Wehr, Vygen, Hobrecht, Francke, Porsch, Spahn, Zaruba, v. Stablewski, Rozanski, Meyer (Breslau) und Seyffarth. — Die „Nordd. Allg. Ztg." sagt, die serbische Regierung weigere sich noch, den türkischen Gegenentwurf für den serbisch-bulgarischen Friedensvertrag, der im übrigen das nämliche wie der serbische Entwurf besage, anzunehmen, weil in demselben auch vou der Wiederherstellung der freundschaftlichen Beziehungen zwischen Serbien und Bulgarien die Rede sei. Danach dürfte man schließen, daß in Belgrad noch immer ein hoher Grad von Erbitterung gegen Bulgarien herrsche, der auch nach der dortigen Anschauung die Wiederherstellung deS äußerlichen Friedens zunächst noch kein Ende machen soll. — Admiral Knorr mit dem Kreuzergeschwader ist am 27. Febr.
»Nicht doch, im Gegenteil", lagte Bertha, „Henri hat eS wohlfeil, sogar sehr wohlfefl gekauft!"
„Das wäre eigentlich nicht einmal das Schlechteste daran, wenn es zu einem vernünftigen Preise erschwinglich wäre", meinte der Oberst, dessen Gemahlin ganz besonders von dem Armbande entzückt schien.
„Henri hat zweihundert Gulden dafür gkgeben", sagte Bertha einfach.
„Donnerwetter", rief der Oberst, „das ist ja ganz unbegreiflich ! Erlauben sie das Ding nochmals für einen Augenblick, gnädiges Fräulein, wenn ich bitten darf!"
Er betrachtete den Schmuck von allen Seite», legte ihn dann galant wieber nm den Arm ber Eigentümerin unb trat zu Henri, der in der Nähe mit einigen Herren plauderte. „Wirklich nur zweihundert Gulden haben Sie für das Prachtstück gegeben, Herr Kamerad?"
Henri war ein wenig betreten nnd antwortete nichts, als ob er im Augenblick nicht verstanden hätte, wovon die Rede sei. Der Oberst aber nahm fein Schweigen für einfache Bestätigung und rief: „Das ist wahrhaftig ganz unerhört." Dann zu feiner G mahlin gewandt, fugte er: „Amalie, mein Kind, morgen vor mittag gehe ich zu M. Wenn er noch ein ähnl ches Stück bat, lege ich es dir zu Füßen!"
Henri bekam in diesem Moment einen heftige» Hnsten- anfall und wendete sich rasch ab, um ein bedeutend langes und verlegenes Gesicht zu verberge».
* * *
Am nächsten Morgen war Baron Henri Barossy einer der ersten Besucher in M.S Pavillon. Er erwartete ziemlich ungeduldig den Ches des Geschäfts und nahm ihn, als er endlich eintrat, sofort beiseite.
„Lieber Herr M., Sie müssen mir einen Gefalle« th«»!" „Bitte, Herr Baron, ich stehe zu Diensten", erwiderte der Kaufmau» höflich.
bei Sydney eiugetroffen. — Die Rede des Bischofs Dr. Kopp im Herrenhause wird in den Blättern vielfach erörtert und allgemein als ein sehr bedeutsames Ereignis aufgefaßt. So sagt die „Kreuzzeitung": „Die Rede wird nicht verfehlen, in katholischen Kreisen einen tiefen Eindruck zu machen. Hattö sie in ihrer Beziehung zur Polenfrage nur eine symptomatische Bedeutung, so muß sie für die Hoffnung auf die endliche Beendigung des kirchenpolitischen Streites durch die Sicherheit, mit welcher der Bischof den Frieden in Aussicht stellte, im katholischen Volke eine erfreuliche Stärkung zur Folge haben. — Die „Post" meint: „Wir geben der Überzeugung Raum, daß die einfachen, von wahrhaft christlichem Geist durchwehten Worte des Bischof« von Fulda einen Markstein bilden werden, vou dem aus die friedlichen Entwickelungen der Verhältnisse zwischen der katholischen Kirche und Preußen ihren Ausgang nehmen werden. Zwischen sich und dem Zentrum hat der Bischof von Fulda das Tafeltuch am Sonnabend bereits angeschnitten." — Die „Vossische Zeitung" meint gar: „Die Pflichten der Vaterlandsliebe unb ber patriotischen Ge- finnung überhaupt, wie Herr Dr. Kopp sie auf ber Tribüne des Herrenhauses verkündete, werden den Lesern ultramontaner Zeitungen vermutlich wie etwas ganz Neues bei solcher Gelegenheit erscheinen; sie werden sie zu der Frage drängen, wo denn der Gegensatz zwischen klerikal und nationalliberal plötzlich geblieben sei, wenn selbst ein Bischof die patriotischen Motive eines nationalliberalen Antragstellers zu den seinigen macht." Die „Germania" sagt kein Wort.
Hamburg, 27. Febr. Die Handelskammer hatte heute „Einen ehrbaren Kaufmann" nach der Börsenhalle berufen unb ber Versammlung in Sachen des Branntweinmonopols folgende von derselben einstimmig angenommene Resolution vorgelegt: „In Anbetracht, daß ein jedes Monopol die freie privatwirtschaftliche Thätigkeit einengt beziehungsweise aufhebt, und daß mit Rücksicht auf die bei zunehmender Konkurrenz sich immer schwieriger gestaltenden Erwerbsverhältnisse des Einzelnen die Erhaltung privater Gewerbszweige auch im Interesse ber Gesamtheit bringend geboten ist, erklärt sich die Versammlung „Eines Ehrbaren Kaufmannes" gegen das geplante Branntweinmonopol, und ersucht alle maßgebenben Faktoren, auf eine Ablehnung ber bem Reichstage zugegangenen betreffenden Vorlage hinwirken zu wollen."
Dresde«, 27. Febr. Vor einigen Tagen fand hier in Anwesenheit von Vertretern ber Staatsregierung unb gewerblicher Interessenten bie erste Sitzung eines der durch das Unfallversicherungsgesetz geordneten Schiedsgerichte, nämlich desjenigen der sächsischen Textflberufsgenoffenschaft statt. Dieser erste Einspruchsfall lag so, daß ein Kutscher in einer Färberei bei Ausübung seiner Pflicht des HauS- thürschlusses stürzte und sich verletzte. Durch Hinzuttitt von Blutvergiftung starb der Mann nach 6 Tagen. Die
„Erinnern Sie sich des Armbandes, welches ich geftem bei Ihnen gekauft?"
»Ganz gewiß, Herr Baron!"
„Haben Sie noch welche von der Art?"
„Jawohl, Herr Baron! Ich kann noch mit drei Stück dienen!"
Henri schien an dieser Auskunft nicht sonderlich entzückt zu fein; er biß fich auf die Lippen und fagte: „Wir verstehen einander doch wohl? Ich meine jenes Armband, welches ich gestern hier von Ihnen für 200 Gulden gekauft habe!"
„Entschuldigen, Herr Baron, für ...."
Henri preßte dem Juwelier seinen Handschuh auf den Mund und sagte hastig: „Sie verstehen wich nicht, lieber M. Ich sage Ihnen, ich habe gestern ein Stück von diesen Armbänder» hier — da liegen fie ja noch im Etui — für zweihundert Gulden getauft! Wissen Sie, Verehrtester, ich habe mit jemand einen kleinen Scherz gemacht unb möchte nun nicht, das heißt, ich möchte nicht, daß — daß mir die Freude verdorben würde. Bitte, wenn also heute im Laufe deS Vormittags ein Oberst zu ihnen kommen sollte, um ein gleiches Brazelet zu kaufen, fo kostet es zweihundert Gulden; bitte, abgemacht!" (Schluß folgt.)
— (Giant's Tochter verlobt.) Earl Cairns, der Sohn des vor Kurzem verstorbenen konservativen Lorb- kanzlers von England, hat fich mit Fräulein Adele Graut, einer Tochter deS b-rftorbenen Generals Grant, verlobt. Die Hochzeit wird im Juni d. I. in London staitfinden. warl Cairns war als Viscount Garmi yle vor mehrere» Jahren mit der Echanspielerin Fortescue verlobt, welches Verhältnis indeß auf Wunsch feiner Eltern rückgängig ge» wacht wurde. Als Entschädigung für die entgangene Giafen- none erhielt Fräulein Fortescue bekanntlich die Summe von 10000 Pfd. St.