Skr. Sl.
Marburg, Dienstag, 2. März 1886.
XXI. Jahrgang.
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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg n. Kirchham. - Illustriertes Soimtagsblatt.
Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Berlag von Joh. Aug. Koch.
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Deutsches Reich.
Berlin, 26. Febr. Der Kaiser hat sich durch einen Fall auf bem letzten Hofball eine Kontusion an der linken Hüfte zugezogen, welche zwar an sich nicht erheblich ist, doch für die nächste Zeit ein ruhiges Verhalten erforderlich macht. — Die „Nordd. Allg. Ztg." bespricht die täglich auftauchenden Projekte betreffs der Reform der Branntweinsteuer durch Erhöhung der Maischraumsteuer oder durch Einführung der Fabrikatsteuer und sagt dann, die Regierung verwerfe die Besteuerung im Stadium der Fabrikation, weil diese Besteuerung unbillig und unzweckmäßig sei; bei der Erhöhung der Maischraumsteuer, wie bei der Fabrikatsteuer müsse der Abgabepflichtige die Steuer vorschußweise zahlen und werde steuerpflichtig zu einem Zeitpunkte, wo er sein Produkt noch nicht in den Verkehr gebracht habe, was mit einer gerechten und gesunden Steuerpolitik unvereinbar sei. Dem Branntwein- genusse könne man aber dann erfolgreich steuern, wenn der aus dem Stadium der Fabrikation in das Stadium des Konsums getretene Branntwein besteuert werde. Die Aufgaben, welche die Regierung im Auge habe, ließen sich nur durch das Monopol oder die Lizenzsteuer lösen; dadurch sei es möglich, eine gerechte Erhebung der Steuer zu sichern und zugleich der Ueberhandnahme des Branntweingenusses entgegenzutreten. — Die Generalversammlung des Vereins der deutschen Spiritusfabrikanten hat heute nach langen und zum Teil wieder sehr stürmischen Debatten mit 267 gegen 120 Stimmen die von ihrer Kommission vorgeschlagene Resolution angenommen, welche sich im Prinzip für das Monopol ausspricht, aber erhebliche Abänderungen des jetzigen Entwurfs vorschlägt. Zu diesen Abänderungen gehört, daß die Monopolverwaltung den Brennereibesitzern obligatorisch Dorschüffe gewähren und daß die Betriebserweiterungen und Neuanlagen von Brennereien dem Bevölkerungszuwachs angepaßt werden sollen. In der Majorität befanden sich 230 Kartoffelbrenner , 3 Spiritushändler, 7 Kornbrenner, in der Minorität 52 Kartoffelbrenner, 32 Spiritushändler, 22 Kornbrenner. Es haben aber sehr viele mit abgestimmt, die zu keiner dieser Kategorieen gehörten. — Die „Nordd.
Zur neuen Orthographie.
Jüngst hat mir ein Freund seine Nöte geklagt. Der sich mit der neuen Rechtschreibung plagt. „O, hilf mir, was fang' ich mit t-h an? Das ist'S, was ich nioimer begreifen kann. Dic Thür hat immer noch ihr h, Das Tier steht ohne solches da. Nicht Regel seh' ich hier, noch Sinn, Wo fällt h weg, wo stell' ich's hm?" Also mein Freund. Doch ich darauf: Merke auf.
Besteh dir zuerst der Fremdwörter Heer; Darin ist's geblieben ganz wie bisher.
Thee, Theater, Orthographie, Apotheke und Diphtaerie, Die Haden alle ibr h behalten In neuer Schreibung wie in der alte». Bei Wörtern, die wir als deutsche betrachten. Mußt du vor allen Dingen beachten: Ein h nach t ist Dehnungszeichen, Zn kurzen Silben muß es weichen. Nimm dir, zum Beffpiel, einen Turm; Sein u ist kurz, just wie in „Sturm", „Turrm", nicht „Tuurm" spricht mau aus, 'Drum fällt das Dehnungszeichen aus. Denk dir ’nen Wirt. Ov lang er sei. Ob kurz und dick: 's ist einerlei. Gesprochen wird °r kurz, wie „Hirt"; Drum ohne h schreib' einfach Wirt. Dann kommt von Wörtern eine Menge, In denen der Vokale Länge Sckon ohnehin ist offenbar. Daß h hier unnütz wär', ist klar. Die Doppellauter: au, eu, ei Und e - i, t - e noch dabei Sind immer lang; das merke dir Und schreibe ohne h Teil, Tier,
Teer, verteidigen, daS Ta», Miete, teuer und der Tau.
Allg. Ztg." tadelt das Verhalten des griechischen Premierministers DelyanniS, welcher eine mündliche und vertrauliche Aeußerung des deutschen Gesandten darüber, daß der englische Kabinettswechsel keine Aenderung der englischen Politik gegenüber Griechenland herbeiführe, den athenischen Zeitungen mitteilte und durch den griechischen Gesandten in London darüber mehrmals anfragte. Die „Nordd. Allg. Ztg." meint, das Verfahren des griechischen Ministers sei nicht geeignet, demselben das Vertrauen der Mächte zu erhalten, und es müsse dahin führen, daß Griechenland durch seine Schuld die Sympathieen anderer Kabinette verliert. — Die Kommission für den Befähigungsnachweis beendigt heute die zweite Lesung ihrer Beschlüsse. Auf Antrag des Abgeordneten Ackermann wurde die Definition des Handwerks im Gegensätze zur Fabrik, welche in erster Lesung beschlossen worden war, einstimmig wieder abgelehnt. Ein Versuch, eine anderweitige Definition festzustellen, wurde nicht gemacht. Die Bestimmung über den Betrieb eines selbstständigen Gewerbes durch Frauen wurde dahin abgeändert, daß den Nachweis für die Befähigung diejenigen Frauen nicht zu führen haben, welche allein oder nur mit ihren Familienangehörigen für Frauen und Kinder Arbeiten anfertigen. Die frühere Faffung: „ohne Gehilfen" wurde von dem Abg. Auer mit dem Hinweis darauf beanstandet, daß den Berliner Arbeiterinnen unter Führung der Frau Dr. Hoffmann diese Regelung der Sache Anlaß zu lebhaften Agitationen geben würde. § 14h erhält auf Antrag des Abg. Ackermann folgende Fassung: „Vorstehende Bestimmungen über den Nachweis der Befähigung gelten auch für den Inhaber eines Handelsgewerbes, welcher Waren handwerksmäßig anfertigt oder für den zum Zweck der Anfertigung solcher Waren bestellten Vertreter." Eine Gesamtabstimmung über die Beschlüffe fand nicht statt, dagegen wurde beschlossen, über den Befähigungsnachweis einen besonderen Bericht an das Plenum gelangen zu taffen und mit der Abfassung desselben den Abg Letocha zu beauftragen. Es wurde indessen Vorbehalten, die Anträge zu § 100 e der Gewerbeordnung (Vorrechte bewährter Innungen) zunächst zu beraten und in Verbindung mit den Einträgen über Befähigungsnachweis an das Plenum zu bringen. — Die Kommission des Reichstags für das Sozialistengesetz wird ihre Arbeiten nächsten Mittwoch beginnen. — Eine gemischte Deputation der städtischen Behörden für Ausschmückung des Rathauses beschloß heute unter Vorsitz des Oberbürgermeisters in einer mehrstündigen Sitzung, den Maler Mühlenbruch zur Einreichung einer ausführlichen Farbenskizze aufzufordern; die Deputation behielt sich jedoch die Entscheidung über die Ausführung
Des Feldes Tav, das Tau auf dem Schiffe Sind freilich ganz verschied'ne Begriffe, Doch ist in beiden das h verpönt, Leun au ist immer an sich schon gedehnt.
Nun bleibt noch der Wörter große Zahl Mit t nach einfachem, langem Vokal, Auch hier hat das ministerielle Belieben Der Anhängsel unnütze Rotte vertrieben.
Rat und raten, Rätsel, rot, Rute, Pate, Lot und Not, Armut, Reichtum, Glut und Flut, Atem, Blüte, Wert und Wut, Sie alle find zu dieser Zeit Von der Last des h befreit
T-h bleibt in spärlichen Resten erhalten. Die sich von selber zu Reimen gestalten. Willst du mt diesen den Kops dir beschweren, Kannst du der sonstigen Weisheit entbehren:
Thun, That, Unter than, Tbor, Thüre, Thräue, Thran, Thal, Thaler, Thron, Töpferthon.
Du fiehst's: von der früheren Legion Thut's weniger als ein Dutzend schon.
Nun richte dich fein nach der neuen Lehre, 4 amit fick himrieden dein Reichtum mehre; Denn schreidst du an einem h eine Sekunde, Macht's auf dreitausendsechshnndert ’ne Stunde; Die kannst du zu nützlicher Arbeit verwenden. Und wenn gar an allen Orten und Enden Ein j-der, wer immer die Feder hält, Sich aller entbehrlichen h enthält, O welch' eine Anzahl von Monden und Jahren Läßt dann sich in deutschen Landen ersparen! Und jede Minute Zeit ist Geld, Und Geld regiert die Erdenwelt. H. F.
vor und beschloß, ferner bezüglich der Ausschmückung des Vorraumes vom Magistrats-Sitzungssaal die Aussührung der inzwischen begutachteten Konkurrenzbilder zu übertragen an Maler Scheureuberg für Gruppe L: „Thile Wardenberg" und „Niederwerseu des Raubrittertumes durch den Kurfürsten" und an Vogel-Düsseldorf für Gruppe II.: „Empfang der Resugies durch den großen Kurfürsten" und „Die städtischen Behörden nehmen in der Rikolaikirche zum ersten Male das Abendmahl in beiderlei Gestalt". Sämtliche Skizzen zu den Bildern auf den Supraporten sollen einer vollständigen Umarbeitung unterworfen werden. — Durch mehrere Zeitungen geht die angeblich von dem hiesigen Berichterstatter der „Magdeb. Ztg." her- stammende Notiz, daß Fürst Bismarck vor kurzem einem nationalliberalen Abgeordneten gegenüber bei Besprechung der Forderung der Bimetallisten, daß die deutsche Reichs- regierung in internationale Verhandlungen wegen der Doppelwährung sich einlaffen solle, die Aeußerung gethan habe, „wenn er auf seinen Gütern auf die Bekassinenjagd gehen wolle, so müsse er sich zwar auch in neblige Sümpfe begeben, kenne aber genau die Stellen, wo bie Bekassinen anzutreffen und auch zu schießen seien; nur in solche Sumpfwiesen begebe er sich in diesem Falle". Fürst Bismarck hat, wie die „Nordd. Allg. Ztg." bestimmt versichert, diese völlig sinnlose Aeußerung nicht gethan, vielmehr hat er sich dahin ausgesprochen, daß er, wenn er auf die Bekassinenjagd gehe, ein Terrain, welches ihm nicht genau bekannt sei, nur betrete, nachdem er es vorher sondiert habe. In welcher Beziehung diese Bemerkung zu der Frage des Bimetallismus steht, brauchen wir wohl nicht weiter darzulegen.
Ausland.
Wien, 27. Febr. Die Einigung der Großmächte über das bulgarisch-türkische Abkommen ist nunmehr erzielt, vor allem steht jetzt fest, daß der Fürst von Bulgarien als solcher der Generalgouverneur von Ostrumelieu, und zwar ohne Zeitbeschränkung ist. Um das jetzt erreichte Einverständnis auch äußerlich kundzuthun, hat jetzt Italien den Mächten folgenden Vorschlag unterbreitet: Die Vertreter der Mächte in Konstantinopel sollen der Pforte eine gemeinsame Erklärung überreichen, wonach sie sich mit dem zwischen der Pforte und Bulgarien geschloffenen Abkommen unter Einfügung der beiden russischen Aenderungen, denen zufolge der Name de« Fürsten Alexander fortfällt, der Fürst von Bulgarien vielmehr als Generalgouverneur von Ostrumelieu — und zwar ohne Beschränkung auf Zeit — bezeichnet wird und die getroffenen Verabredungen über die der Türkei zu bietende bulgarische Heeresfolge gestrichen werden, einverstanden erklären. Die Pforte soll ermächtigt werden, dieses Abkommen in dieser Form alsdann sofort zu veröffentlichen. Die endgültige.Genehmigung des Abkommens soll später gleichzeitig mit der Genehmigung der im organischen Statut zu bewirkenden Aenderungen in einer besonders einjuberufenben europäischen Konferenz erfolgen. Zu biesem italienischen Vorschlag haben fast schon alle Großmächte ihre Zustimmung erteilt. — Die Friedens« verhanblungen in Bukarest nehmen den besten Verlauf. Der Abschluß wirb jetzt allstünblich erwartet. — Die „Politische Korresponbenz" meldet aus Belgrad: Garaschauin erklärte bem türkischen Gesandten, Serbien könne ben von bet Pforte vorgeschlagenen Friedensartikel nicht annehmen, weil von serbischer Seite bereits ein Vorschlag gemacht sei, welcher den Wünschen der Mächte nach baldigem Abschluß des Friedens entspreche und weil man glaube aus Rücksicht auf die Mächte, welchen der serbische Vorschlag mitgeteilt sei, keine Aenderung annehmen zu sollen, bevor die Mächte sich darüber ausgesprochen hätten.
Paris, 27. Febr. In Deeazeville ist ein neuer Strike ausgebrochen, welcher fast den ganzen Ort umfaßt. Die Strikenden verlangen die Entlassung des Ingenieurs Blazy und Erhöhung der Löhne, und drohen im Weigerungsfälle die Feuer auszulöschen. Es sind Truppen abgesandt, um dies zu verhindern. — Die Kammer der Deputierten genehmigte denMadagaskar-Vertrag mit 459 gegen 29Stimmen.
London, 28. Febr. In dem heutigen Termin vor bem Polizeigericht beantragten bie Sozialistenführer Hyndrnan unb Genossen bie Vorladung von Entlastungszeugen, darunter ben ehemaligen Polizeiches Henderson. Die Sache wurde schließlich aus nächsten Mittwoch vertagt.
Birmingham, 27. Febr. Nachdem die strikenden Arbeiter der Schraubenfabrik von Nettlefold noch etwa 1000 andere Arbeiter gezwungen haben, sich an dem Strike zu beteiligen, begaben sie sich nach Birmingham, wo sich eine andere Fabrik Nettlefolds befindet. Eine starke Polizei-