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«r. so.

Marburg, Sonntag, 28. Februar 1886.

XXI. JihrgMz.

Erschein! täglich außer an Werktagen nach Senn- und Feiertagen. Quartal- WmnnementS-VreiS bei der Expedition 21/« Ml., bei den Postämter 2 Ml. 50 Pfg- (excl. Bestellgeld). Jns«tionsgebübr für die gespaltene Zeile 10 Bfg. Retlamn ti'ir die Zeile 25 Pfg.

OllchksKslhk jfitmig.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d Blatte», sowie dAnncncen-Bureaux von Hoasenstein undVogler in Frankfurt a. M , Gaffel, Magdeburg und Wien Rudolf Mvffe in Frankfurt a M-, Berlin,Manchen und Köln; G. L. Daube und öo. n örankiurt a. M-, Berlin, Hannover u.Paris.

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg n. Kirchhain. - Illustriertes Sountagsblatt.

Expedition-. Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.

Auch für den Monat März nehmen alle Postanstalten Bestellungen aus die

Oberhessische Zeitunq

«ebst ihren Beiblättern

entgegen.

Deutsches Reich.

Berlin, 26. Febr. Nach einem dein Magistrate mit» geteilten Reskripte an die Oberpräsidenten hat sich der Minister des Innern nach Anhören aller Oberpräsidenten gegen die Zulässigkeit des Checkverkehrs bei Sparkassen unter einander ausgesprochen. Die Abendblätter sagen, der Abgeordnete v. Meyer (Arnswalde) sei aus der kon­servativen Fraktion ausgetreten. Die Reichstagskom­mission zur Beratung des Gesetzentwurfs, betreffend die Rechtspflege in den deutschen Schutzgebieten, nahm in erster Lesung die Anträge der Subkommission mit dem Zusatze an, daß die etatsmäßige Behandlung der Einnahmen aus den Schutzgebieten einer gesetzlichen Regelung vorbehalten bleibe. Die Begründung der fünften Polenvorlage, die das Fortbildungsschulwesen behandelt, lautet wie folgt: Unter den Maßregeln, welche der zunehmenden Ausbrei­tung des polnischen Elementes im Osten des Landes Ein­halt zu thun und den Bestand, sowie die Entwickelung der deutschen Bevölkerung sicher zu stellen vermögen, ist die Förderung des deutschen Schulunterrichts von entscheidender Bedeutung. Für die Arbeiterbevölkerung aber, deren Kinder hauptsächlich auf die Volksschulen angewiesen sind, wird durch dasjenige, was der Staat zur Hebung der letzteren anzuordneu verniag, ein ausreichender Schutz gegen die Einwirkung polnischen Wesens noch nicht gewonnen. Es ist häufig beobachtet worden, daß selbst die in den deutschen Schülern dieser Anstalten gepflegten Grundlagen deutscher Sprache und Gesittung sehr bald nach dem Austritte aus der Schule durch den Einfluß polnischer Umgebungen völlig unterdrückt worden sind. Deshalb ist es von Wichtigkeit, daß die Fortbildungsschule nach Möglichkeit Boden gewinnt, um namentlich bei den deutschen jugendlichen Arbeitern, bis diese völlig erwachsen sind, die in der Volksschule in ihnen entwickelten Elemente deutscher Bildung weiter zu pflegen und vor der Vernichtung zu bewahren. Bisher ist die Errichtung solcher Schulen der Initiative der Gemeinden überlassen geblieben, während sich der Staat auf die Be­willigung von Zuschüssen für einen Teil derselben beschränkt hat. Infolgedessen sind in Westpreußen und Posen nur an sehr wenigen Orten Fortbildungsschulen entstanden. Was hier jetzt nachgeholt werden muß, ist von solcher Be­deutung,', daß die Erfüllung dieser Aufgabe von den Ge­meinden in Landesteilen mit gemischter Bevölkerung nicht zu erwarten ist; soll sie mit Erfolg gelöst werden, so ist dies nur dadurch zu erreichen, daß der Staat die Errich­tung und Verwaltung der Fortbildungsschulen übernimmt und die dazu erforderlichen Geldmittel hergibt. Es wird

Adria««.

Eine altvenetianische Geschichte. Nenerzählt von Ott« v. Breits chwert-

ISchluß.)

Jetzt möcht Ihr keine Aehnlichkeit in meinen Zügen finden, mit dem einstigen Dogen Venedigs/ sagte er;und zn früh habe ich diese Stadt verlassen, zu sehr hat das wilde Leben mich verändert, als daß mich Jeder ei kennen sollte. Und doch giebt es Beweise, daß ich der lang vermißte Sohn Mancinis bin!* Mit Staunen blickten die Um­stehenden einander an.

Meine Geschichte,* fuhr er fort,ist in wenigen Worten erzählt, weil ihr Inhalt nicht mannigfaltig ist. Ich war ein widerspenstiger Sohn und verließ meinen Vater; ich war ein aufrührerischer Bürger und verschwor mich gegen meine Vaterstadt; denn die Versprechungen Sforzas nnd der Genuesen hatten mich verlockt. Den edlen Mancini zog ich in meine Umtriebe herein. Noch ein Tag und das Kriegs­volk, welches ich damals führte, wäre in die stolze Stadt eingedrungen und Mancini Euer unumschränkter Herrscher geworden. Der Graf Montalto riß mir den Sieg aus den Händen und überlieferte meinen Vater der Volksrache. Ich schwor ihm Rache und Vernichtung. Das Kriegsvolk ließ ich in Mailand und kam allein nach Venedig. Dort machte ich mich unter dem niederen Volke beliebt und be­reitete einen Aufstand vor, der in letzter Nacht hätte aus- brechen sollen. Mein erstes Ziel aber war, den Manu zu zerschmettern, der meines' Vaters Krone in den Staub ge­schlendert hatte.*

Ich wußte, daß er liebe; nnd so kränkte ich ihn durch eine Reihe von Ränken und Zuttägereien, die ihm Zweifel

beabsichtigt, in den Provinzen Westpreußen und Posen an etwa 115 Orten von mehr als 2000 Einwohnern und noch in einer Reihe kleinerer Gemeinden mit Gewerbebetrieb Fortbildungsschulen ins Leben zu rufen. Da die Kosten jeder solchen Anstalt jährlich mindestens 1200 Mk., nicht selten aber noch bis zur Hälfte mehr betragen, so ergibt sich ein Gesamtbedarf von jährlich rund 200000 Mark. Durch die Bestimmung in Absatz 2 § 120 der Gewerbe­ordnung, derzufolge die Gewerbeunternehmer ihren Arbeitern unter 18 Jahren die Zeit zum Besuche einer Fortbildungs­schule zu gewähren haben, ist bereits eins der Hindernisse, welche die Wirksamkeit solcher Anstalten beeinträchtigen können, unschädlich gemacht. Ebenso wichtig aber ist es in Gegenden mit einer Bevölkerung von gemischter Nationalität, daß die jugendlichen Arbeiter regelmäßig zu dem Besuche der deutschen Fortbildungsschulen ver­pflichtet und erforderlichenfalls angehalten werden; in dieser Beziehung entbehrt die Gewerbeordnung einer direkten Vorschrift, indem sie a. a. O. nur zuläßt, daß die Ver­pflichtung zum Besuche einer Fortbildungsschule, soweit dieselbe nicht landesgesetzlich besteht, durch Ortsstatut be­gründet wird. Da nun eine solche landesgesetzliche Be­stimmung bis jetzt fehlt, und auf die Einführung der Schulpflicht durch Ortsstatut in Gemeinden von über­wiegend^ polnischer Zusammensetzung nicht zu rechnen ist, so rechtfertigt sich die int § 2 des Gesetzes für den Ressort­minister vorgesehene Ermächtigung, die Arbeiter unter 18 Jahren an den mit einer Fortbildungsschule ausgestatteten Orten in Posen und Westpreußen zum Besuche dieser An­stalten zu verpflichten. Die auf Grund dieses Gesetzes zu leistenden dauernden Ausgaben werden so schleunig als möglich derart festgestellt werden, daß sie vom 1. April 1887 ab ordnungsmäßig in den Staatshaushaltsetat aus­genommen werden können. Bis zu diesem Zeitpunkte werden sie aus den bereitesten Staatsmitteln bestritten und außeretatsmäßig in der Rechnung nachgewiesen wer­den. _ DieMagd. Ztg." schreibt:Aus Herrenhaus- Kreisen verlautet, daß in naher Zeit ein vollständiger Friede zwischen der preußischen Regierung und der Kurie, also ein völliger Abschluß des Kulturkampfes zu erwarten sei. Man spricht davon, daß jüngst zu Köln bei dem Erzbischof Crementz eine Konferenz zwischen diesem und den Bischöfen von Trier, Dr. Korum, und von Fulda, Or. Kopp, stattgefunden hätte, wobei die Grunlagen eines vollständigen Ausgleichs verabredet worden wären. Bischof Kopp hätte es übernommen, den letzteren in die Wege zu leiten und bereits in dieser Richtung hier zu handeln begonnen. Wir übernehmen selbstverständlich für diese Gerüchte keinerlei Bürgschaft." Andere liberale Blätter berichten, daß in der Herrenhaus-Kommission die Kirchen­vorlage noch so abgeändert werden würde, daß sie die Zu­stimmung des Papstes finden werde. In der Währungs- ftage erfährt der Berichterstatter derMagd. Ztg." von einem Wort, das aus dem Munde des Fürstem Bismarck vor kurzem gegen einen Abgeordneten der nationalliberalen

an der Treue des lievenswerten Wesens beibringen sollten, an das seine Seele gebunden war.*

Ich trieb ihn an den Dogen zu ermorden; jedoch sein ebelmütiger Sinn schreckte vor diesem Gedanken zurück. Entschlossen, ihn den Trank der Rache bis auf den bittersten Bodensatz trinken zu lassen, suchte ich ihn sogar zur Er­mordung seiner Geliebten zu reizen, aber zu dieser Blutthat war er nicht zu bewegen. Sie war unschuldig, Graf Mon­talto, sprach er, zu diesm sich wendend, so gewiß, als ich jetzt Eure Verzeihung erflehe. Die Geschichte, welche Euch mrt ihr in Zerwürfnis brachte, war von mir erfunden. Der Jüngling, welcher soeben erst vor ihr auf den Knieen lag, war meiner Genossen Einer, dem sie Zuttitt gewädrte, weil es schien, als bringe er Nackricht von Euch. Alles war Täuschung auf meiner Seite, Alles Ehre, Wahrheit und Treue auf der Eurigen und ans derjenigen Eurer verehrten Dame.*

Mit einem Seufzer schloß der Beichtende sein Bekenntnis, das seine weichenden Kräfte erschöpft zu haben schien. Mon­talto blickte ihn lange sinnend an und sagte bann:

»War cs Eure Haub, bie mich verräterisch mit beut Dolcke traf?*

Nein, ich habe Niemanben je anders, als von vorn angegriffen/ antwortete der Sterbende.

»Der Schuft, welcher Euch den Stoß von rückwärts versetzte, ist nicht mehr zur Stelle. Ich hörte ihn in den Kanal springen. Ich hatte eine stolz-re Rache für Euch ausei sehen, Graf Montalto! Heute Nackt sollte Eure Flotte in Flammen aufgehen, sollten unsere Geschütze Euren Palast in Trümmer legen, Eure Anhänger niederschmettern, und dann wollte ich allein Euch gegenübertreten mit scharfer

Partei fiel. Als die Unterhaltung sich auf die Forderung der Bimetallisten richtete, daß die deutsche Reichsrcgierung in internationale Verhandlungen wegen der Doppelwährung sich eintaffen solle, begegnete der Reichskanzler diesenr Ein­wurfe mit folgendem Gleichnis: Wenn er auf feinen Gütern auf die Bekassinenjagd gehen wolle, so müsse er sich zwar auch in neblige Sümpfe begeben, kenne aber ge­nau die Stellen, wo die Bekassinen anzutreffeu und auch zu schießen seien; nur in solche Sumpfwiesen begebe er sich in diesem Falle.

München, 26. Febr. Im Abgeordnetenhause be­sprachen bei der fortgesetzten Beratung des Justizetats die Abgeordneten Orterer, Geiger und Frankenberger den preußischen Antrag, betreffs Abänderung des Paragraphen 22 des Reichspreßgesetzes (sechsmonatliche Verjährungsfrist bei Preßvergehen) und sprachen die Erwartung aus, die bayerische Regierung werde hierzu nicht mitwirken. In dem von dem preußischen Regierungskommissar im Reichstage gemachten Vorschläge, dem Kaiser zur Entschädigung unschuldig Ver­urteilter einen Dispositionsfonds zur Verfügung zu stellen, erblickt der Abg. Geiger einen Angriff auf die Justizhoheit der. Einzelstaaten. Der Justizminister erklärte, über die Abänderung des Paragraphen 22 schwebten die Verhand­lungen noch im Bundesrate. Die Erklärung des preußischen Kommissars sei ohne Beschluß der verbündeten Regierungen erfolgt. Schließlich wurde der garize Etat erledigt.

Ausland.

Paris, 25. Febr. Der 24. Februar, der Jahrestag der Revolution von 1848, ist ohne die geringste Ruhe­störung , verlaufen. Selbst im Saale Levis, wo Fürst Krapotkin seit seiner Begnadigung zum ersten Male wieder sprach, fehlten diesmal bie stürmischen Auftritte, durch welche sich die Anarchistenversammlungen auszeichnen. Die Versammlung war von ungefähr 3000 Personen besucht, darunter namentlich viele Russen und Polen. Vor dem Saale und auf dem in der Nähe liegenden Boulevard wimmelte es von Schutzleuten und Geheimpolizisten und in der Bürgermeisterei von Batignolles und auf dem Saint-Lazare-Bahnhof hielten sich Pariser Stadtsoldaten zu Pferd und zu Fuß zum Eingreifen bereit. Die Ver­sammlung wurde pünktlich Schlag 81/? Uhr eröffnet. Ferro, der Bruder des in Satory erschossenen Kommunarden, führte den Vorsitz. Neben ihm saßen Fürst Krapotkin und Luise Michel. Die Persönlichkeit Kropotkins ist ' keineswegs auffallend; er ist klein, die schönste Zierde des etwas geröteten Gesichts bildet ein langer brauner Bart, eine mächtige Glatze scheint die Stürme vergangener Zeiten anzudeuten. Die Augen verdeckt eine große Brille." Der Fürst spricht ein flüssiges Französisch, wenn auch mit etwas fremdem Tonfall, seine Stimme ist ziemlich stark, sodaß man ihn im ganzen Saale deutlich verstehen konnte. Als Krapotkin sich zum Sprechen erhob, ertönte eine drei­fache Beifallssalve.Ich habe", so meinte er,keinen Beifall verdient, denn ich stehe hier als Fremder, um die

Waffe, um Euer Blut zu »ergießen an dem Orte, wo Euret­wegen meines Vaters Blut auf dem Marmor des FußbobeuS vergossen warb.*

Er hielt inne. Seine Kraft war zu Eube. Seine Augen verbrehten sich unb bekamen einen starren Ausdruck. Ein Röcheln unb er war tot.

Montalto athmete auf. Die dunklen Schatten bes Miß­trauens wichen von seiner Seele. Seine Wunde heilte rasch. Es zeigte fick, baß ber Brief, über welchen Adriana geweint hatte, nur von einer unerschütterlichen Liebe zu ihr sprach. Auch sie erwachte neu zum Leben unb zur Freude des Daseins, und dem greifen, edlen Justiniani war es beschieden, noch am Ende seiner ruhmvollen Laufbahn liebliche Enkel aus dem Bunde Montaltos und Ad-ianas berboraeben zu sehen.

Gedenket der armen Mensche«!

Der Frühling steht wohl vor der Thür, Dock kann er nickt herein. Es starrt Natur in Schnee und Eis, Wie lange wird's noch sein?!

Seit Monden ruht die Maurerkell, Es ruht das Zimmerbeil.

Das bare @db ist längst dabin, Das Brot auf Borg kaum feil.

Unk wa kommt Holz und Kohlen her, Und warme Kost und Kleid? Ihr Reichen thut die Säcke auf Unb übt Barmherzigkeit. Die ihr so warme Herzen habt Wohl kür der Vöglein Not, Vergeßt die armen Menschen nicht: Gebt euren Brüdern Brot! H.