Nk. 48.
Marburg, Freitag, 26. Februar 1886.
XXI. Jahrgasz.
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OttMlhk Mmg.
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Deutsches Reich.
Berlin, 24. Febr. Dem Abgeordnetenhause ging ein Gesetzentwurf zu, betreffend die Errichtung und Unterhaltung von Fortbildungsschulen in Westpreußen und Posen. Danach sollen dem Handelsminister jährlich 200000 Mk. für den gedachten Zweck zur Verfügung gestellt werden. Die Arbeiter unter 18 Jahren sollen an Orten, wo Fortbildungsschulen errichtet werden, zum Besuche derselben verpflichtet werden. Die auf Grund dieses Gesetzes zu leistenden Ausgaben sind vom 1. April 1887 ab in den Etat aufzunehmen. Den Motiven des Gesetzentwurfes zufolge sollen Fortbildungsschulen in den gedachten Provinzen an etwa 115 Orten von über 2000 Einwohnern und ferner in einer Reihe von kleineren Gemeinden mit Gewerbebetrieb errichtet werden. — Die Kommission des Reichstages zur Vorberatung des Gesetzentwurfs, betreffend die Verlängerung der Gültigkeitsdauer des Gesetzes gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie besteht aus den Abgeordneten: v. Helldorff, Dr. Hartmann, v. Köller, Freiherr v. Manteuffel, Graf v. Kleist-Schmenzin, Prinz zu Carolath - Schönaich, Graf v. Ballestrem, Graf v. Hompesch, Fritzen, Graf von und zu Hoensbroech, Graf v. Praschma, Dr. Windthorst, Di. Hänel, Dr. Baumbach, Dr. Meyer (Halle), Mayer (Württemberg), Kroeber, Grohö, Dr^Marquardsen, Ur. Meyer (Jena) Dr. Tröndlin. — Der „Sozialdemokrat" läßt seinen Grimm über die Verlängerung des Sozialistengesetzes in folgender Drohung aus: „Wir können nur diejenigen", heißt es, „die dabei mitwirken (an der Verlängerung nämlich), unserer lebhaftesten Erkenntlichkeit versichern. Die Sozialdemokraten haben ein gutes Gedächtnis, dessen dürfen sie überzeugt sein. Im übrigen gehen wir unseren alten Weg fest und unerschütterlich weiter. Mögen unsere Gegner thun, was sie wollen, um keines Haares Breite lassen wir von unseren Grundsätzen abhandeln. Auch der Tag wird nicht ausbleiben, wo der allmächtige Kanzler im Kampfe mit der Sozialdemokratie sein inneres Sedan findet — er und feine Mitschuldigen. Und alles Leid und alles Elend, welches vas---Polizeigesetz über unsere Mitkämpfer gebracht,
alle Opfer an Leben und Lebensglück werden dann — unvergessen sein." Ucbrigens ist das Blatt, wie Herr Bebel im Reichstage, der Meinung, daß das Zentrum ganz allein die Verlängerung des Gesetzes verbürge. „Die Deutschfreisinnigen dürfen sich diesmal mit Seelenruhe als Catone des Rechtsgedankens ausspielen."
Avriana.
Eine altvenetianiiche Geichlchtr. Neuerzahlt »en 0 tte v. Breits chwert.
(Fortsetzung.)
Vincentio gab sich anscheinend alle Mühe, die schwarzen Gedanken aus Montaltos Sinne zu bannen. Er tröstete ihn mit Vernunjtgründen und gestand schließlich, daß seine Begierde, das Wahre an der Sache zu erfahren, ihn bewogen habe, den Buffo halb durch Geschenke, halb durch Drohungen zu Aufschlüssen zu bewegen. Derselbe gab nämlich zu, die Plane des jungen Dalmatiners genau zu kennen. Diesen Abend, sagte endlich Vtncentio, „soll mir, seiner Zusage gemäß, der Buffo Gelegenheit verschaffen, selbst Zeuge des Empfanges des Dalmatiners durch «signora Adriana zu sein. Der Buffo hat es übernommen, Schildwache für den Sillschleicher zu stehen, und ich sollte, ehe der Mond aufging, ans einen Punkt gestellt werden, „wo ich diese treulose Braut und ihren Buhlen treffen könnte."
Moutalto wurde durch diese Worte zu neuer Lebens- Energie entflammt. Er stellte sich gerade und gebieteriich vor dem Improvisator auf und machte ihm mit Entschiedenheit zur Pflicht, jeoeu Versuch zur Störung jener Zusammenkunft zu unterlassen. „Wenn ein treuloses Weib mich hintergangen hat, mag sie sinken, wie ihr Geschick und Sinn es mit sich bringt; sie ist nicht wert, einen Ehrenmann zum Sklaven oder zum Verbrecher zu machen."
„Tann ist Alles wieder gut," sagte Vincentio, „und der Doge ist seines Lebens sicher!"
„Nein," entgegnete Montalto dem Spöiter; „ich verachte nur die Wege des Verrats, und seine Würde macht ihn noch unnahbar für die Rache einrs Unterthans. Tie Stunde der Vergeltung wird aber doch noch schlagen. Ich war nicht rrcht bet Sinnen, als ich daran dachte, ihn aus dem Throne zu erstechen!"
Kiel, 22. Febr. Die hier erfolgte Verhaftung des Redakteurs Pro hl vom „Kieler Tageblatt" hat das größte Aufsehen erregt. Dieselbe erfolgte auf Grund des Verdachtes, ca. I1/» Jahre an Sarauw Korrespondenzen über sekrete Marineangelegenheiten geliefert zu haben. ^Polizei- Direktor Krüger aus Berlin war am Morgen hier eingetroffen und hat gemeinsam mit dem Polizeimeister, Stadtrat Lorenzen, die Jnfafticrung vollziehen lassen. Dieselbe erfolgte auf der Straße, nachdem sämtliche Briefschaften mit Beschlag belegt waren. Direktor Krüger war bereits wiederholt in Geschäften in Kiel und soll 1882 Sarauw hier beobachtet haben.
Ausland.
Pest, 24. Febr. (Unterhaus.) Indem er die Interpellation wegen der landwirtschaftlichen Krise beantwortete, erklärte der Handelsminister, daß der internationale Oekonomenkongreß nichts neues zur Sanierung proponiert habe, womit sich die Regierung nicht schon beschäftigt hätte. Der Minister verweist auf die vorjährige Zolltarifnovelle und darauf, daß Tisza schon vor anderthalb Jähren ein Handelsbündnis der mitteleuropäischen Staaten als das beste Schutzmittel gegen die überseeische Konkurrenz angeregt habe. Die Regierung habe sich mit der Frage auch beschäftigt, als Deutschland die Initiative ergriff, doch seien Schwierigkeiten entstanden, welche die Verwirklichung der Idee verzögern. Gleichzeitig mit deni Ausgleichsgesetze werde ein allgemeiner Zolltarif vorgelegt werden, welcher auf denselben Grundlagen beruhe, wie die vorjährige Zollnovelle.
Rom, 17. Febr. Bekanntlich wurde hier vor einigen Monaten ein gewisser Graf de Dorides, Mitarbeiter mehrerer französischer klerikaler Blätter und, wie sich nun herausstellte, geheimer politischer Agent der klerikalen Partei, unter der Anklage verhaftet, gegen die Sicherheit Italiens konspiriert und italienische Staatsangehörige zur Teilnahme an dieser Verschwörung verleitet zu haben. Gleichzeitig mit ihm wurden 2 bisher unbescholtene Persönlichkeiten, die Gebrüder de Vechio, verhaftet, von denen der eine ein ziemlich hochgestellter Beamter des Marine- arsenälö von Spezzia, der andere, der unter dem Namen della Bolena ein auch außerhalb Italiens bekannter Schriftsteller war, beide unter der Anklage, Dorides Taten und Pläne über maritime Einrichtungen und die Küstenbefestigung Italiens geliefert zu haben. Der bisherige Verlauf des Prozesses scheint diese Anklagen zu rechtfertigen und namentlich Graf Dorides scheint arg kompromittiert, da aus den ihm abgenommenen Papieren erhellt, daß er wirklich ein klerikaler Agent war und gegen Italien konspiriert habe, und inehrere hochgestellte, dem Vatikan nahestehende Personen sollen durch die Korrespondenz arg bloßgestellt sein. So veröffentlicht z. B. die hier Erscheinende „Tribuna" aus den Prozeßakten einen an
Noch eine Weile währte diese peinliche Umerhaltunq. Vincentio erging sich in Schmeicheleien für den Grafen, dcn das Volk schon im Geiste auf dem Dogensessel thronen sehe. Er hätte Montalto gern verführt, einen Bei such zu machen, sich an Justiniani zu rächen, indem er sich selbst, auf die Volks- und Soldatengunst bauend, die Dogcnwürde eroberte.
So weit ließ Montalio sich nicht hinreißen; dagegen willigte er zuletzt ein mit dem Improvisator in eine Gondel zu steigen, um die Annäherung des geheimnisvollen Dalmatiners an die Signora im Dogenpalast zu beobachten.
Der Mond begann über den Baumwipfeln Friauls emporzusteigen, als die Gondel des Grafen langsam und schweigend den G-oßen Kanal hinabglitt. Vincentio gab den Ruderern die Stelle an, wo ein enges Gewölbe in den Kanal mündete, das unter einem der schönsten Paläste hindurch führte. Als die Gondel in das Gewölbe eingebogen war blieb sie eine Weile in tiefem Dunkel, bis eine Lampe aus einer Vertiefung in der Wand schimmerte. Hier wurde die Gondel verlassen, mit dem Auftrag, des Grafen Rückkch: abzuwarten.
Vincentio zündete eine kleine Laterne an, die er bei sich trug, und zeigte dem Grafen einen gemauerten Fußpfad, auf welchem mau unter dem Palaste weiter gehen könnt-. Das Gewölbe war durch Ocffnungeu unterbrochen, die das Geräusch eines Festes herunterdrängen ließen. „Wir find j-tzt unter des Ratsherrn Varint Palast", sagte der Improvisator; „er hat große Gesellschaften zu sich geladen." Am Ausgang des Gewölbes nach einem freien Hofraum sah man jetzt eine dunkle Gestalt vorübergleiten. „Das ist unser Mann, der Buffo," erklärte Vincentio „er steht auf seinem Posten, als Spion, und was hier im Palaste vorgeht, das erlauscht er oder er erfährt es von der Dienerschaft. Di geheime Polizei wird im lohnen.
(Fortsetzung folgt.)
Dorides von einem klerikalen Agenten gerichteten Brief aus welchem klar hervorgeht, daß es sich wirklich nm eine gegen die Sicherheit und Existenz Italiens gerichtete Verschwörung handelt. * Es scheint sich um einen an einem Punkte der mittelländischen Küste auszuführenden Hand- ftteich zu handeln, zu welchen: Behufe Dorides das nötige Material, nämlich statistische Daten über die maritime stärke Italiens, Pläne von maritimen Besatzungen, Schutzvorrichtungen il s. w., lieferte, welche ihm seinerseits, wenigstens teilweise, von den Gebrüdern de Vechio geliefert und von ihm nach Paris den dortigen Leitern der Verschwörung zugeschickt worden. Die Sache hat hier ungeheures Aufsehen erregt und kam in der Kammer zur Sprache, da der Abgeordnete del Giudice den Justizminister Tajani interpellierte, ob der in der „Tribuna" veröffentlichte Brief wirklich echt sei, was der Justizminister be- statigte. Trotz der Aussichtslosigkeit, ja geradezu Lächerlichkeit einer solchen Verschwörung besteht dieselbe also wirklich und wurde im Schatten und unter dem Schutze des Garantiegesetzes vorbereitet und von Personen unterstützt, welche die italienische Gastfreundschaft genießen und bisher in dem Rufe standen, Freunde Italiens zu sein. Man erwartet im Laufe des Prozesses noch weitere Enthüllungen, die volleres Licht über diese dunkle und unsaubere Geschichte zu verbreiten imstande sein werden.
, 24. Febr. Der Bericht der Kommission über die jüngsten Ruhestörungen im Westend kritisiert scharf das Verhalten der Polizei und bezeichnet die Vorkehrungen der Polizei bezüglich der Kundgebungen auf dem Trafalgarsquare als unzulänglich und ohne Umsicht entworfen; der Bericht kommt zu dem Resultate, daß die Verwaltung und Organisation der Polizei eine gründliche Untersuchung erheische. Der Polizeichef Henderson erklärte vor der Kommission, er habe die Absendung von huiidert Polizisten nach Pallmall angeordnet, um dem Treiben des Pöbels zu steuern, aber irrtümlich seien die Polizisten nach Mall und deni Buckinghampalast, anstatt nach Pallmall, gesendet worden.
Belgrad, 24. Febr. Im Verfolg des jetzigen Standes der Hriedensverhandlungen zwischen Serbien und Bulgarien wurden hier die militärischen Bestellungen sistiert.
Athen, 24. Febr. Der neue türkische Gesandte, Feridon Bey, überreichte am Dienstag dem Könige sein Beglaubigungsschreiben und drückte die Wertschätzung deS Sultans für den König, sowie den Wunsch des Sultan« aus, die guten Beziehungen mit Griechenland aufrecht zu halten. Der König erwiderte, indem er die gleichen Ge- sinnungen und Wünsche ausdrückte.
Hessen-Rafla«.
Marburg, 24. Febr. Es wurde bereits unseren Lesern mitgeteilt, daß in nächster Woche der hiesige Akademische Konzertverein in zwei Konzerten den 100jährigen Stiflungstag der ersten hiesigen musikalischen Gesellschaft zu feiern beabsichtigt. Einige Nachrichten über diese Gesellschaft von vor hundert Jahren teilen wir nachstehend mit. Nach den revidierten Statuten von 1787 war die Gesellschaft eine geschloffene und sollte nach dem vorhergegangenen Statutenentwurf aus 24 ordentlichen Mitgliedern bestehen, unterzeichnet sind jedoch die Statuten von 153 Mitgliedern. Die Konzerte fanden bei den Mitgliedern im Hause nach einer zu verlosenden Reihenfolge jedesmal Sonnabends statt und wurde sich dazu an dem bestimmten Ort um 3 Uhr nachmittags versammelt und Glockenschlag 4 Uhr mit der Musik der Anfang gemacht, präzis 7 Uhr abends wurde dann wieder geschlossen. Der jedesmalige Hospes (Lokal- geber) hatte für einen schicklichen Ort, für Feuerung, Lichter und Bier zu sorgen, außerdem durste von demselben nichts gereicht werden, und mußten diejenigen, welche Tabak rauchen oder sonst etwas genießen wollten, sich dergleichen mitbringen oder für ihr Geld holen laffen. Da nun aber das Wechseln des Lokals zu manchen Unannehmlichkeiten führte, wurde bestimmt, daß derjenige, der zu den Konzerten ein schickliches Zimmer einräumte, auf so lange zum Ehrenmitglied ernannt werde und von allen Beiträgen rc. befreit bliebe. Fremde Gäste konnten zu den Konzerten eingeführt werden, von Einheimischen hatte der Hospes nur das Recht einen Ga>t gratis einzuführen, für weitere mußten 4 Albus (etwa 38 Pfg.) Eintrittsgeld gezahlt werden. Jedes Mit-
hatte in dem Konzert 1 Albus (etwas weniger als 10 Pfg.) zu zahlen, außerdem aber noch einen monatlichen Beitrag von 8 Albus (75 Pfg.). Jeder Neuaufgenommene mußte einen Gulden Eintrittsgeld und 4 Albus für den Aufwärter zahlen. Die Aufnahme erfolgte durch Abstimmung und mußte der zur Aufnahme Präsentierte drei- viertel der abgegebenen stimmen für sich haben. — Zur