Nr. 46.
Marburg, Mittwoch, 24. Februar 1886.
XXI. Jahrgang.
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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger s. d. Kreise Marburg n. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.
Expedition- Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Ang. Loch.
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Oberhessische Zeitung
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Nene Arbeiterkrawalle in Landon.
Seine Ercellenz der Herr Staatssekretär des Innern, Mr. Childers, sprach am vergangenen Donnerstag im englischen Parlament die Versicherung aus, es würden keine neuen Ruhestörungen wieder vorkommen, da alle Vorsichtsmaßregeln in genügendem Maße getroffen seien. Auf diese Worte Mr. Childers haben die Londoner Sozialisten, richtiger sind es Kommunisten und Anarchisten, am Sonntag die Quittung erteilt. Im Hydepark in London fand am Sonntag nachmittag, wie schon in der vergangenen Woche angekündigt war, eine neue sozialistisch-kommunistische Massenversammlung statt, welcher etwa 20000 Personen beiwohnten. Drei Wagen mit roten Fahnen waren aufgefahren und von diesen hielten die Führer der Bewegung ihre Ansprachen an die Menge. Sie hoben hervor, daß die Bewegung der revolutionären Arbeiter eine riesengroße geworden sei, die zum Blutvergießen führen würde, wenn die Regierung keine Besserung der sozialen Lage der arbeitenden Klasse vornehme. Es wurden mehrere Resolutionen angenommen, welche sich gegen die Negierung aussprachen, weil sie keine Vorsorge zur Beschäftigung brotloser Arbeiter getroffen und in denen die Einführung einer nur achtstündigen täglichen Arbeitszeit gefordert wurde. Die Versammlung dauerte etwa eine halbe Stunde. Zwei der Fahnenwagen entfernten sich dann, nur der dritte, auf welchem sich der Kommunist Burns befand, blieb am Platze. Burns forderte ganz offen die Menge zur Revolution auf, seine Worte wurden mit lauter Zustimmuug ausgenommen. Jetzt schritt aber die Polizei ein, belegte den Wagen mit Beschlag, verbot das Weiterreden und zerstreute die Menge. Mr. Burns schwieg, er hatte auch nicht nötig, noch mehr zu sagen. Bei der Rückkehr der Arbeitermassen in ihre Quartiere ging der Tanz richtig wieder los. Zn den Häusern wurden die Fenster eingeworfen und der Versuch gemacht, auch gegen die Ministerialgebäude in gleicher Weise vorzugehen. Hier behielt die Polizei die Oberhaus und drängte die Tumultanten zurück. An der Westminster- brücke hielten aber die Letzteren Stand, da sie zahlreichen Zuzug erhalten hatten und drängten ihrerseits die Polizei zurück. Und nun nahmen die Skandalscenen wieder ihren Anfang. Die Fenster wurden eingeschlagen und eingeworfen, einzelne Läden zu plündern begonnen, bis dann endlich die Polizei Verstärkung erhielt, die Straßen säuberte und zahlreiche Verhaftungen vornahm.
Adriana.
•ine attvenettanische Geschichte. Reuerzählt von O tto v. Breits chwert.
(Fortsetzung.)
Aber nur so lange Adriana bewußtlos war, dauerte dieses Mißtrauen an. Als sie zu sich selbst kommend, mit einem liebevollen Blicke, dankbar lächelnd zu ihm aufsah und ihr Vertrauen zu ihm wenigstens durch die Sprache der Augen, durch ihre ganze hingebende Haltung kuudgab, da fühlte er, daß er Unrecht thäte, Adrianas Unschuld in Zweifel zu ziehen, und er seufzte nur innerlich: ach, wenn sie endlich sprechen wollte!
Adrianas Dienerinnen fanden sich ein. Movtalto selbst hatte in der ersten Bestürzung über die Ohnmacht nach ihnen gerufen; er überließ die Teure ihrer Pflege und ging tief» betrübten Herzens hinweg.
Noch in der Nackt ward ihm aus dem Dogenpalast ein Schreiben, deffen Schriftzüge von Adrianas Hand waren und das ihn doch so schwer verwundete, wie es nie die Waffe eines grimmigen Feindes gekonnt hätte. In wenigen Zeile» war darin die ttefste Teilnahme für Moutaltos Glück ausgesprochen, er aber von seinem Eheversprechen entbunden und ersucht, »die unglückliche Adriana zu vergessen."
Ein hitziges Fieber ergriff Montalto, nachdem er Tag und Nacht über diese glückvernichtende Botschaft gebrütet und sich in vergeblichem Sinnen und Spüren nach dem Grund all dieser befremdende» Vorgänge, erschöpft hatte. Die ganze Stadt trug Leid ob seiner Erkrankung. Seine glänzenden Thaten, sein mutiges, pattiotisches Auftreten, seine gewinnende Erscheinung, verbunden mit dem biedersten Charakter, hatten ihn zur Freude und Hoffnung des Volkes gemacht. Die Soldaten hatten zu seinem Feldherrutaleut das höchste Vertraueu, und Justiuiant bezeugte die Wichtigkeit, ktueu solchen Maun der That und des Rates im Kampfe
Die Londoner Blätter und auch Mr. Gladstone haben sich in der vorigen Woche so angestellt, als habe der ganze Lärm nicht viel auf sich, als sei eine ernsthafte Revolte in Alt-England unmöglich. Mr. Gladstone wird jetzt seine Zuversicht bedeutend herabslimmen müssen. Für einen Kenner dcr englischen Verhältnisse kann kein Zweifel darüber bestehen, daß diese Bewegung weniger eine sozialistische, als eine kommunistisch-anarchistische ist, eine Bewegung, bereit Ziel die nackte Revolution, Raub, Plünderung und Zerstörung ist. Eine Stadt wie London birgt arbeitslosen und erst recht arbeitsscheuen Gesindels nach Tausenden, ein Pack, mit dem sich ein oroentlicher Arbeiter überhaupt nicht einläßt. Beim ersten Exzeß war notorisch eine Masse Diebesgefindel unter den Versammelten, die ihre Fingerfertigkeit beim Ausraumen der Läden gezeigt haben, und auch diesmal wird ähnliches Gelichter nicht fern gewesen sein. Daß von dieser Bande brotlose Arbeiter mit fortgerissen sind, ist ganz natürlich, die Rot kürzt bei Manchem das Gewissen, und in London herrscht viel Rot, die Klagen sind laute nnd allgemeine.
Mr. Childers, der Herr Minister des Znnern, behauptete, die getroffenen polizeilichen Maßnahmen genügten vollkommen Sie genügen nicht, das haben die letzten Szenen bewiesen, und die Ursache wird darin zu suchen sein daß der Herr Minister und seine Kollegen dazu, sicb scheuten, einzugestehen, daß auch in London der Kommunismus sein Haupt erhebt. Es sollte nur ein Pöbelerzeß gewesen sein, deshalb wurden keine ernsten Maßnahmen ergriffen. Die ganze Geschichte am Sonntag wäre wahrscheinlich vermieden worden, wenn ein Regiment Militär zweckmäßig postiert war; vor Bajonetten und Säbeln hätte der Pöbel Furcht gezeigt. Aber das kann John Bull um alles in der Welt nicht thun, wie darf den Jemand wiffen, daß es bei ihm nicht um ein Haar breit besser ist, als anderswo? England ist seinen ganzen Verhältnissen nach kein Land, in das Gesetze, wie das Sozialistengesetz in Deutschland, hineinpassen. Hat doch in England kein Polizeimann das Recht, das Haus eines Bürgers zu betreten. „Mein Haus ist meine Burg!" sagt der Brite. Das ist alles sehr schön, aber auch im freien England bricht die tolle Zeit an, und deshalb wird die Regierung die notwendigen Sicherheitsmaßregeln ergreifen müssen, so unbehaglich dies Zugeständnis auch John Bulls Unfehlbarkeit sein mag. Es hilft nichts, es muß gesagt werden, die sozialen Zustände in London sind trauriger, bedenklicher, als die in Paris oder Berlin, Wien rc
Energie und Strenge gegenüber dem Pöbel, der unter der Maske ehrlicher Arbeiter den tollsten Unfug aufstellt, sind unbedingt notwendig und dazu wird Gladstone sich bequemen müssen. Es war schon eine Unklugheit von ihm, daß er die Kommunistenführer laufen ließ, die nach Kräften nun weiter gehetzt. Dieser Kurzsichtigkeit folgt die Strafe.
gegen Sforza zur Sette zu haben. Graf Montalto selbst aber dachte nicht mehr an Kriegszüge noch staatliche Würden. Die Entmutigung, welche er als Bewerber um Adriana erlitten hatte, schwebte wie eine düstere Wolke über seinem Dasein und machte eS ihm öde und gleichgiltig. Er war kaum wieder zu Kräften gelangt, als er eifrigst nach Adriana fragte. Wlan sagte ihm, sie sei bleich, unglücklich, weine viel und wolle sich in ein Kloster zurückziehen. Justiniani aber, ihr greiser Vater, bereue bitterlich den Augenblick, da er fein friedliches Thal Paradies in Dalmatien verlasse», um i» eine Welt, die von Heimtücke untergraben und verbittert sei, zurückzukehre». Wäre n'djt die Kunde von großen feindseligen Rüstungen der Genuesen und anderer Gegner »ach Venedig gelangt, der alte Feldherr hätte die Dogenwürde niedergelegt und wäre mit seinem bleichen Kinde nach Dalmatien zurückgekehrt.
Montalto schwebte eine Zeitlang zwischen Leben und Tod. Er kam nur langsam wieder zu Kräften, weil die Gedrücktheit seines Gemüts auch die Energie des körperlichen Organismus minderte. Einige Aufheiterung verdankte Graf Montalto nur der Musik und oft wurde der Säuger Vin- centto an sein Krankenlager gerufen, nm mit Gesang und Sattenspiel die Seele des Leidenden zu erquicken. Die Mannigfaltigkeit der Talente deS jungen Mannes, die Lebhaftigkeit seiner Erzählungen und musikalischen Vorttäge nahm den Grafen sehr für den beliebten Improvisator ein.
EineS Abends als Vincentio wieder zu Graf Montatto kam, fand er den Kranken in höchster Aufregung, und wagte ihn um die Ursache zu befragen. Der Graf warf einen Brief auf den Tisch und rief: „Hier ist die Erklärung von Allem, was mich elend gemacht hat. — Oder sollte auch hier weibliche Falschhest im Spiele sein?"
Vincentio laS de» Brief. Er war ohne Unterschrift und besagte, daß die Schreiberin desselben, eine zu Adriana« Umgebung gehörende Dame die Ursache de» BerlöbniS-Ab-
WaS aber die wirklichen brodlofen Arbeiter anbetrifft, so kann England es sich eher, als jeder andere Staat, einige Millionen für öffentliche Arbeiten bis zum Herankommeu befferer Zustände kosten lassen. Die englische Regierung wird große Wachsamkeit entfalten müssen; zu ihr kam der Anarchismus zuletzt, aber er kam am stärksten.
Deutsches Reich.
Berlin, 22. Febr. Der Kaiser hat dem Deutsche» Lehrerverein in England ein Geschenk von 500 Mark gemacht. — Der dem Bundesrate vorgelegte Gesetzentwurf über den Verkehr mit Kunstbutter bestimmt, daß die Geschäftsräume und die Gefäße, in welchen Kunstbutter feilgehalten wird, die deutliche und unverwischbare Inschrift: „Verkauf von Kunstbutter" tragen müssen. Kunstbutter im Sinne des Gesetzes sind alle der Milchbutter ähnliche Zubereitungen, deren Fettgehalt nicht ausschließlich der Milch entstammt. Wie sich aus der Begründung der Vorlage ergiebt, beträgt die Gesamtproduktion der Kunst- butter in Deutschland jährlich 15 Millionen Kilogramm im Werte von 18 Millionen Mark. — Zur Beratung der Instruktionen für die Kommission, welche mit der Ausführung des KolonifationsgesetzeS in den Ostprovinzen betraut wird, treten demnächst die Abteilungen des Staatsrats für das Innere und die Landwirtschaft zusammen. — Die „Nordd. Allg. Ztg." kann anläßlich der Zeitungsmeldungen, welche die mutmaßliche Entwendung eines Gewehres des dritten Garde - Grenadier - Regiments mit der Anwesenheit eines unbekannten Offiziers in sächsischer Uniform in Verbindung bringen, heute nochmals mitteilen, daß sehr eingehende Ermittelungen nichts ergeben haben, woraus zu schließen wäre, daß die in der Offizierskleidung gesehene Person sächsische Abzeichen getragen hätte. — Den Mitgliedern des Reichstags ist nunmehr der von dem Abgeordneten Spahn erstattete Bericht der VIII. Kommission über den von dem Abgeordneten Lenzmann eingebrachten Gesetzentwurf, betreffend die Entschädigung für unschuldig erlittene Untersuchungs- und Strafhaft, zugegangen. Die Kommission unterbreitet darnach dem Plenum zwei ausgearbeitete Gesetzentwürfe: der eine betrifft die Entschädigung für unschuldig erlittene Strafen, der andere charakterisiert sich als Novelle zur Strafprozeßordnung und ergänzt oder verändert deren Vorschriften über die Wiederaufnahme des Verfahrens. Beide Entwürfe wurden in der Kommission einstimmig angenommen. Der gegenwärtige Entwurf des Entschädigungsgcsetzes unterscheidet sich von dem durch die 1884er Kommission beschlossenen dadurch, daß er sich auf alle Strafen, nicht nur auf die Freiheitsstrafen, erstreckt, daß der Vermögensschaden nicht umschrieben ist durch den Schaden in Bezug auf Ver- mögeiiSverhältniffe, Erwerb und Fortkommen; daß ferner nicht blos Absicht, sondern auch grobes Verschulden den
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brnches zufällig eudeckt habe und zwar in einem geheimen Bericht, der Adriana zugekommen, wonach Montalto sich insgeheim mit einer schönen Jüoin von Ferrara vermählt hätte. Dieses Ereignis sollte während eines seiner früheren Feldzüge stattgefunden haben, auch sei plötzlich eine junge Frau von fdiener Schönheit in Venedig angelangt, welche mit Signora Adriana eine Unterredung hatte und ihr jeden Zweifel an dem Bestehen des geheimen Ehebündnisses benahm. Außer Stande, gegen Montalto eine Anklage der Treulosigkeit und her Entehrung ihrer Familie ansznspreche» habe Adriana sich entschlossen, Stillschweigen zu beobachten und ihre Enttäuschung im Kloster der Santa Maria Dolorosa in Sardinien zu verbergen.
Vincentio lächette, als er de» Brief wieder auf den Tisch legte. Der Graf fragte ihn nach der Ursache dieses Lächelns und er antwortete: „es ist ein anonymer Brief!'
„Wohl wahr; aber er hat den Anschein, die Wahrheit zu sagen!" antwortete der Graf.
„Allerdings;" gab Vincentio zur Antwort, „wenn auch die Falschheit fick gewöhnlich in das Gewand der Wahrheit hüllt. Ich erblicke in der Sache ein pfiffig ausgesonnenes, keckes Lügengewebe, das leider sein Ziel nicht verfehlt hat, und der Schlauheit deS Kopfes, worin es ausgeheckt wurde, so viel Ehre macht, als eS dem schlechten Herz°n Desjenigen zur Schmach gereicht, der daraus einen Fallstrick für zwei edle, ahnungslose Liebende gemacht hat. ES ist doch wohl nichts Wahres an der HeirathSgeschtchte von Ferrara?"
„Nicht eine Silbe!" beteuerte Montalto, indem er auf feine Kissen zurücksank.
«Die BoShett der Erfinder dieser Geschichte übersteigt in der That alles Maß!" sagte der Improvisator.
(Fortsetzung folgt.)