Skr. as.
Marburg, Dienstag, 23. Februar 1886.
XXI. Jahrgang.
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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger s. d. Kreise Marburg n. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.
_____________________________________________ Expedition. Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
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Deutsches Reich.
Berlin, 20. Febr. Ihre Majestät die Kaiserin und Königin hat in Anerkennung der aus dem Deutschen Kriegerbunde hervorgegangenen und ferner zu bildenden Sanitätskolonnen der Unterstützungskasse des gedachten Bundes die Summe von 1000 Mk. übersandt. — Angeblich steht die Berufung des preußischen Staatsrats bevor. Im Bundesrat haben der „Post" zufolge Bremen und Hamburg gestern prinzipiell gegen, die süddeutschen Staaten vorbehaltlich der Reservatrechte für das Monopol gestimmt. Dem Bundesrate ist auch der angekündigte Gesetzentwurf, betreffend den Verkehr mit Kunstbutter zugegangen. — Der „Reichsanz." meldet: Die Direktoren des Auswärtigen Amts Berchem und Hellwig wurden zu Mitgliedern des Staatsrats ernannt. — Bezüglich der Nachricht, daß anläßlich der kriegerischen Ereignisse in Birma zwei in Mandalay wohnhafte Deutsche ermordet worden seien, erfährt die „Nordd. Allg. Ztg." aus sicherer Quelle, daß bei der Besitznahme der Stadt durch die Engländer sämtliche dort wohnhaften Deutschen unversehrt vorgefnnden worden sind. Auch unter den im Innern des Landes ermordeten Europäern sollen keine Deutsche gewesen sein. — In der Reichstagskommission für deii Befähigungsnachweis wurde auf Antrag der Abgg. v. Kleist-Retzow und Gen. in § 14g bestimmt, daß der besondere Nachweis der Befähigung in dem Falle des Ueber- gangs zu einem verwandten Gewerbe oder in dem Falle des gleichzeitigen Betriebs eines solchen nicht erforderlich sei. Welche Gewerbe als verwandte anzusehen seien, bestimmt die betreffende Handwerkerkammer, oder, wo solche nicht besteht, die Oberverwaltungsbehörde. Ebenfalls auf Antrag des Abg. v. Kleist-Retzow wurde eine Bestimmung angenommen, wonach die Vorschriften über die Lehr- und Gesellenzeit und das Lebensalter auf Frauen nicht anwendbar find, wohl aber müssen dieselben in den im Gesetz vorgesehenen Fällen den Befähigungsnachweis führen oder einen Stellvertreter stellen. Dagegen soll der Befähigungsnachweis nicht erforderlich sein für diejenigen Frauen, welche ohne Gehilfen für Frauen und Kinder Arbeiten verfertigen. In betreff der Witwen wird bestimmt, daß der nach § 46 der Gewerbeordnung zu bestellende Stellvertreter den Befähigungsnachweis zwar nicht zu führen hat, wohl aber das vierundzwanzigste Lebensjahr erreicht und die gesetzliche Lehr- und Gesellenzeit absolviert haben muß.
Adri««».
Eine altvenetianische Geschichte. Reueizählt »en 0tto v. Breits chwert.
lFortsetznng.)
Justtniani ward bald wieder hergestellt, den« seine Verwundung, so ernst sie zuerst schien, war nicht lebensgefährlich. Die eifrigsten Forschungen nach dem Tdäter fanden statt; aber es schienen überirdische Kräfte mit dem Verbrecher im Bunde zu sein; denn es war den Sbirren nicht möglich, auch nur eine Spur von ihm ausfindig zu machen. Adriana war unverändert in Anmut und edler Denkweise; aber die blühende Frische war noch nickt auf ihre Wangen zurückgekehrt und Montaltos scharfer Blick, — der Blick eines Liebenden, dem der Stachel der Eifersucht nicht mehr ganz fremd ist, sah manchmal einen Schatten düsterer Sorge über ihre sonst so klare Stirne gleiten. Beide liebten einander so innig als je; aber die Unbefangenheit und himmelsheitere Fröhligkeit ihrer ersten Liebestage war entschwebt, wie der zarte Faibeustaub mit rauher Hand von den Schmetterlings- Flügeln gewischt werden kann. Ernster ja leidenschaftlicher mochten ihre Gefühle geworden sein, aber es mischte sich etwas Schmerzlich-Süßes und Träumerisches in sie, ein unwiderstehliges Bangen vor dem Unheil das sie bedrohte, vor den Ränkeschmieden, die sie im Finstern umschleichen und ihrem Glücke Fallen stellen möchten. Um aus dieser gedrückten Stimmung herauszukommen, nahm Graf Mon- talto mit Freuden den Auftrag des Dogen an, eine Expedition gegen die maurischen Seeräuber von Tanger zu befehligen. Sein frischer Soldatenmut erwachte wieder, als er sich an Bord des Schiffes von zuverlässigen Genossen umgeben sah. Mit kurzem Soldatenabschted hatte er Adriana verlassen; eine stille Thräne, die er von ihrer zarten Wange küßte, sagte ihm, mit welcher Innigkeit sie für ihn empfinde,
Ausland.
Paris, 20 Febr. Die Regierung hat sich dahin schlüssig gemacht, daß die für das Jahr 1889 projektierte Ausstellung eine universelle sein soll, an welcher sich alle Nationen beteiligen können. — Die Jnitiativkommission der Deputierlenkammer beriet gestern unter Zuziehung der Minister den auf Ausweisung der Prinzen gerichteten Antrag und hat denselben, entsprechend den von den Ministern dargelegten Ansichten, mit 10 gegen 7 Stimmen abgelehnt. Mit 11 gegen 6 Stimmen wurde hierauf. ein Antrag Rivets angenommen, welcher dem Ministerium das Recht zur Ausweisung der Prinzen verleiht, falls die Umtriebe der Prinzen die Sicherheit des Staates gefährden sollten. Bei den Beratungen der Jniliativkommissiou wies der Ministerpräsident Freycinet nach, daß der Antrag auf Ausweisung der Prinzen inopportun sei, die Lehauptungeu von der Existenz eines Komplottes entbehrten jeder Begründung. Was die Verlegung der Kavallerieregimenter von Tours anbelange, so sei dieselbe durch unangemeffenes Verhalten von Angehörigen dieser Regimenter hervorgerufen, indem dieselben sich geweigert hätten, den Präfekten zu grüßen. Die jüngst stattgehabten Wahlen bewiesen, wie leicht das Land die Anhöhe, von der eö bei den Wahlen vom 4. Oktober v. I. herabgestiegen sei, wieder erklommen habe. Die Kammer dürfe volles Vertrauen haben zu der Energie der Regierung und zu der Lebensfähigkeit der Republik.
London, 20. Febr. In der Plenarversammlung des liberalen Wahlkomitees von Chelsea, worin gegen 300 Personen anwesend waren, machte Dilke genaue Mitteilungen über den Crawfoxdschen Ehescheidungsprozeß und gab aus zahlreiche Fragen Auskunft. Die Versammlung nahm schließlich eine Resolution an, dahin gehend, daß die Versammlung nach Kenntnisnahme der Erklärungen Ditkes gern dem Dementi zustimme, welches Dilke den gegen ihn erhobenen Anschuldigungen entgegengesetzt, und daß ihr Vertrauen zu Dilke ungemindert sei. — Nach hier vorliegenden offiziellen Nachrichten ist das russische Geschwader in der Suda-Bay eingetroffen.
Dublin, 20. Febr. Der neue Vizekönig von Irland, Graf Aberden, hielt heute hier seinen Einzug, wobei er von allen Volksklassen herzlich empfangen wurde. Auf College-Green entstand ein unbedeutender Exzeß dadurch, daß anläßlich eines von Studenten ausgebxachten Hochs auf die Königin der Pöbel unter Hochrufen auf Parnell über die Studenten herfiel, welche sich mit Stöcken verteidigten. Beiderseits sind einige leichte Verwundungen voxgekommen.
und ihn im Geiste zu fernen Gestaden und in gefährliche Kämpfe mit feindlichen Menschen und Elementen begleite.
Dann war er mit dem wohlgerüsteten Geschwader hinans- gefahren, seinen Mut, seine Kriegseifahrung und sein Soldatenglück neu zu erproben. Und dieses Glück blieb ihm so treu, wie die holde Braut in Venedig. Mit eroberten Piratenschiffen int Schlepptau kehrten feine Schiffe in die Lagune zurück und die Bevölkerung wetteiferte mit dem Rate, Ihm Ehre und Lobpreisungen zn widmen.
Graf Montalto hatte kaum dem erlauchten Rate der Republick feine Siegesberichte erstattet, als er klopfenden Heizens feine Braut zu begrüßen eilte. Er fand sie bleich und in gedrückter Gemütsstimmung. Wohl beglückte ihn das selige Aufleuchten ihrer Augen, als er sie innig ans Herz schloß; aber es entging ihm nicht, daß alsbald wieder ein melancholischer Zug ihr schönes Antlitz verdüsterte, und es ergriff ihn eine beklemmende Sorge, die ihn trieb, sie um Angabe ihres Kummers zu bitten. Adriana gab zunächst allgemeine G-Ünbe ihrer trüben Stimmung an und fragte ihn nach den Erlebniffen des SeekriegS-Zuges. Aber Montalto ließ sich nicht so leicht zufrieden stellen und es gelang ihm, feiner Braut das Geständnis zu entreißen, daß einige, Montalto s-lbst betreffende Vorgänge während seiner Abwesenheit ihr besonderen Schmerz bereitet hätten. Genaueres wollte Adriana nicht angeben. Als er in sie drang, begann sie za weinen, was ihn zuletzt unwillig machte. Er empfand eS als eine Kränkung, daß Adriana ihm nicht mehr Vertraue« erwies, und stand auf, daS Zimmer zu verlaffe«; aber der Blick, welchen die Dulderin dem Scheidend-« zuwarf, ei« Blick voll Liebe, aber auch voll schmerzlicher Empfindung durch hinschwindeude Hoffnungen verursacht, dazu die unver, gleichltche Schönheit dieser in Thräne« schwimmende« dunkle« Auge« selbst, brachte feinen Entschluß, den Beleidigten zu spielen, ins Wanken. Er kehrte zu ihr zurück und beugte
20. Febr. Der „Agence Havas" zufolge tauchten in den Beratungen der Friedens-Konferenz neue Schwierigkeiten auf. Serbien weigert sich, das Anerbieten Madjids und Geschowö, wonach es seine schriftlichen Vorschläge gleichzeitig mit den bulgarischen Vorschlägen vorlegen soll, anzunehmen. Mijatovic erhielt auf ein diesbezüglich gestern «ach Belgrad gerichtetes Telegramm heute von Garaschanin die Mitteilung, daß die Antwort Serbiens auf jenen Antrag ihm im Laufe des Abends zugehen werde. Mijatovic verständigte hiervon Madjid und Geschow. Die Delegierten verschoben daraufhin die heutige offizielle Sitzung auf morgen. Geschow erhielt formelle Instruktionen, sich zurVorlegung schriftlicher Vorschläge nur dann bereit zu erklären, wenn Mijatovic gleichzeitig die seinigeu vorlege.
Athen, 20. Febr. Das „Reuter'sche Bureau" meldet: Die dem englischen Admiral, als dem Oberbefehlshaber des aus de« Schiffen der Mächte, kombinierten Geschwaders erteilten Instruktionen sollen im wesentlichen dahin gehen, alle erforderlichen Maßregeln zu ergreifen, um unter scharfer Ueberwachung der griechischen Flotte jede Kollision zwischen türkischen und griechischen Kriegsschiffen zu verhindern. Die Befehlshaber der Schiffe derjenigen Mächte, welche im Einvernehmen mit England handeln, sind angewiesen, in entsprechender Weise vorzugehen. Eine neue Kollektivnote ist bis jetzt der griechischen Regierung nicht überreicht worden. Der hiesige englische Gesandte wurde von Lord Rosebery angewieseit, sich die letzte Kollektivnote auch weiter als Richtschnur dienen zu lassen. Man nimmt an, eine neue Kollektivnote solle nur ergehen, wenn ans den Berichten des englischen Admirals hervorgehe, daß eine Aktion zur See dringend geboten und zu befürchten sei, daß ein Zusammenstoß zwischen den Schiffen Griechenlands und der übrigen Mächte erfolgen könne. In diesem Falle würden die Mächte der griechischen Regierung gegenüber sich von jeder Verantwortlichkeit für etwaige Folgen lossagen. Inzwischen dauern die Vorstel- lungett der Mächte fort, um Griechenland zu einem Eingehen auf die gestellten Forderungen zu bewegen.
Hessen-Nassau.
Marburg, 22. Febr. Wie Wiener Blätter berichte«, hat das Professoren-Kollegium der philosophischen Fakultät an der Universität Wien dem Unterrichtsministerium als Nachfolger _ Eitelbexgers auf der Lehrkanzel für Kunstgeschichte unseren Landsmann, den Professor Dr. Karl Justi in Bonn vorgeschlagen. Dr. Iusti ist einer der hervorragendsten Kunstgelehrten Deutschlands. Er studierte ursprünglich in Marburg Philosophie und Theologie und wandte sich erst später der Kunstforschung zu. Nachdem er sich längere Zeit in Italien aufgehalten hatte, wurde er 1867 Professor der Kunstgeschichte in Marburg, ging 1871 nach Kiel und wurde 1873 nach Bonn berufen.
ein Knie vor ihr, faßte ihre beiden Hände mit den seinigeu uud bat sie recht treuherzig, ihm Alles zu sage«, was ihr edleS Gemüt so tief bekümmere.
Adriana zögerte noch immer, ihre Eröffnungen zu machen und als Montalto wie ein Verzweifelter die Hand zum Schwur erheben wollte, nicht eher zu ruhen, bis er daS Geheimnis ihres Herzen« ergründet habe, da erfaßte ein Schauer die trauernde Jungfrau und sie ergriff seine Hand um ihn vom Schwure abzuhalten. So saßen sie nun wieder, die Hände vereint, in stummer, schmerzvoller Zärtlichkeit. Ein fünfter Seewind wehte Blüthendüfte durch das offene Fenster und Montaltos Stirn ruhte auf den reichen dunklen Locken, welche Adrianas Hals und Schulter umfloflen. Er schaute auf und fragte: „Du willst nicht sprechen?* — „Ich kann nicht!" seufzte Adriana, und nicht im St-nbe, in fein von leidenschaftlicher Bewegung flammendes Auge zu blicken, sank sie in die Kiffen des Ruhebettes, ihr Antlitz verbergend und tief und bitterlich schluchzend, bis sie plötzlich ganz stille ward und von ihren Gefühlen überwältigt, ohn- mächtig und bleich zur Seite sank.
I« höchster Beängstigung hob Graf Montalto die Bewußtlose empor und trug sie ans offene Fenster, um ihr frische Lust zn verschaffe«. Es dämmerte schon; aber man sah eine Gondel den Kanal heruntergleiten, die vor dem Palast hielt, bann war es, als ob aus den dichtbelaubten Bäumen, die vor ben Fenstern standen, ein Lauscher sich herunterließe und in der Gondel Aufnahme fände. Ma« hörte ein Hohngelächter als die Gondel von dem Gestade abstieß.
Graf Montalto «ahm diese Vorgänge nickt so gleichgiltig auf, seine eifersüchtige Phantasie brachte das H chngelächter und bie Belauschung in unmittelbaren Zusammenhang mit dem Geheimnis das Adriana ihm verbarg.
(Fortsetzung folgt.)
Portsmouth, 20. Febr. Der Herzog von Ediii- burg ist heute auf dem Transportschiffe „Tamar" nach Malta abgereift, um ben Oberbefehl über das Mittelmeergeschwader zu übernehmen.