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Rr. 48.

Marburg, Sonnabend, 20. Februar 1886.

XXI. Jahrgang.

Erscheint tSglich außer au Werktag« nach Sinei- und Feiertagen. Quarrab Äbouuements-Preis bei der Expedition 21/« Ml., bei den Postämter 2 Ml. 50 Psg. (excl. Bestellgeld). Jnse^ionsgebübr für dir gespÄtme Zeile 10 Psg. Rellam r. für die Zeile 25 Pfg.

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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg n. Kirchham. - Zstustriertes Sonntagsblatt.

Expedition Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Ang. Koch.

Deutsches Reich.

Berlin, 18. Febr. Der Bundesrat hat in seiner heutigen Plenarsitzung dem Gesetzentwurf, betreffend das Branntweinmonopol, zugestimmt. Die Reichstagskom. Mission zur Vorberatung der Anträge, für eine Reihe von Handwerken die Forderung eines Befähigungsnachweises aufzustellen, setzte heute ihre Arbeiten mit der Diskussion des § 14 e fort. Derselbe wurde angenommen und damit bestimmt, daß der vorgeschriebene Befähigungsnachweis auch durch ein Zeugnis einer staatlich anerkannten gewerblichen Unterrichtsanstalt nach den Bestimmungen der Bundes­regierung ersetzt werden kann. Der nächste Paragraph (14 k) wurde erst nach langer und lebhafter Debatte mit einem Amendement v. Kleist - Retzow angenommen. In dieser Fassung fordert der Paragraph eine dreijährige Lehrlings­zeit, eine dreijährige Gesellenzeit, und das 24. Lebensjahr als Vorbedingung für die Zulassung zur Meisterprüfung und überläßt dein Bundesrat die Bestimmung darüber, unter welchen Verhältnissen eine Prüfung bei einer kür­zeren vorausgehenden Arbeitszeit als Lehrling und als Geselle, wie bei einer anderen Ausbildung als in dem betreffenden Handwerk zulässig sein soll". Verteidiger dieser Bestimmung waren die Abgg. Ackermann, v. Kleist- Retzoio, Letocha, Hitze und Haberland, welcher letztere be­werbe, daß Hunderttausend!! von Handwerkern in der For­derung des Befähigungsnachweises einig seien. Abgeordneter Schneider bezeichnete diese Behauptung als eine Uebertrei- bung, da nach dem offiziellen. Bericht des deutschen Jnnungö- tages daselbst nicht 150 000, sondern 90 000 Handwerker vertreten gewesen seien, und immer dieselben Personen unter verschiedenen Bezeichnungen und von verschiedenen Orten aus die Forderung nach dem Befähigungsnachweis wiederholten. Diejenigen Handwerker, welche anderer Ge­sinnung wären, verhielten sich zumeist deshalb schweigend, weil sie unter den gegenwärtigen wirtschaftlichen Verhält­nissen ein Gesetz wie das vorliegende für unmöglich hielten. In ähnlichem Sinne äußerten sich auch die Abgeordneten Meyer-Jena, Baumbach, Papellier und Auer. Geheimrat Lohmann betonte die mangelnde Präzision in dem Kleist- Retzowschen Anträge, der indes, wie bereits bemerkt, an­genommen wurde. Ein Amendement Dieden, die Dauer der Lehrlingszeit von dem einzelnen Gewerbe nach seinen besonderen Verhältnissen vorschreiben zu lassen, wurde ab- gclehnt. Das im neuestenMilit.-Wochenbl." enthaltene Monats - Avancement enthält außer einer Anzahl Ver­änderungen in den höheren Chargen wenig Beförderungen. Die durch Pensionierung und den Tod mehrerer Generale und Regiments-Kommandeure frei gewordenen Stellen sind sofort wieder besetzt und ist dies meist geschehen, ohne daß die in die Stelle Eingerückten eine höhere Charge erhalten hätten. So ist es gekoinmen, daß nur eine Beförderung zum Generalleutnant, eine Charakter-Verleihung als General­leutnant und eine Beförderung zum Generalmajor statt-

Adriana.

Eine altvenetianische Geschichte. Neuerzählt von Otto v. Breits chwert.

(Fortsetzung.)

Graf Montalto war besonnen genug gewesen, durch einen rasch angelegten Notverband dem Biutverlust des Dogen Einhalt zu thun. Dann übergab er den Verwundeten, der inzwischen wieder zum Bewußtsein gekommen war, den her- beieileuden Aeizten und Chirurgen. Justiniani wurde sorg­fältig auf sein Lager gebettet, und während die Aerzte mit ihm beschäftigt waren, sah mau seine treuesten Anhänger teils in ängstlicher Spannung des Ausspruchs der Heilkun­digen harren, teils auf den Knien liegend, Gebete für seine Errettung gen Himmel senden. Nur Eine, die Nächste am Herz-n JustiniamS, wurde im Kreise der Vertrauten, die um daS Lager des Dogen waren, vermißt: .Adriana l

Wenige Augenblicke, bevor Justiniani wankenden Schrittes und blutüberströmt in den Saal trat, hatte sie denselben verlassen, und vergebens strengte Montalto sich an, sie in dem-Palaste ausfindig zu machen. Man suchte nach ihr in den Gärten, die vom Monde hell beleuchtet waren, aber auch hier ward sie nicht gesehen. Eben, als Montalto zum Palast zurückkehrend, an ein Dickicht üppiger Blattpflanzen heranttat, sprang ein Manu in Gondoltertracht aus dem Dunkel, bestieg eine kleine Gondel, deren Tau er abschnitt und ruderte eilig davon. Eine zweite Gondel lag bereit, Graf Montalto sprang in dieselbe, um den Fliehenden zu verfolgen; aber wer beschreibt sein Entsetzen, als er auf den Polstern im bedeckten Gehäuse der Gondel eine weibliche Gestalt bleich und regungslos ausgestreckt sah, und in ihr Adriana erkannte. Die' Geistesgegenwart verließ Montatto nicht; er rief nach Dienerschaft und die her beigebrachten BelebungSmtttel machten, daß Adriana bald die Augen aus»

gefunden hat. Ferner sind erfolgt 3 Beförderungen zu Oberstleutnants, 11 zu Majors, 34 zu Hauptleuten bezw. Rittmeister», 23 zu Premier-Leutnants und 116 zuSekond- Leutnants. Abgegangen sind 4 Generalmajors, 2 Oberstleut­nants, 3 Majors, 9 Hauptleute bezw. Rittmeister, 3 Premier­leutnants und 8 Sekondleutnants. Im Beurlaubtenstande haben 49 Beförderungen zu Offizieren stattgefuuden, während 101 Offiziere der Reserve und Landwehr ausgeschieden sind. Die Herstellung des neuen Militärgewehrs wird, nach Meldungen verschiedener Blätter, in den Königl. Gewehr- fabriken zu Erfurt, Spandau und Danzig mit außer­gewöhnlicher Beschleunigung betrieben, so daß z. B. in Erfurt täglich über 200 Stück fertiggestellt werden. Hieran wirken auch die Arbeiter der Werkstätten für Militärschießwaffen in Suhl mit, wo etwa zum 1. April einzelne Gewehrteile, wie Ringe, Ringiedern u. a. in Arbeit gegeben werden sollen. Es sind eine Million Gewehre er­forderlich, wozu mehrere Jahre Arbeitszeit gehören. Das neue Gewehr bleibt im Kaliber dem Mauserschen gleich, wird indessen vollständig neu gebaut. Es enthält eine Patrone im Laufe und acht Patronen im Magazin. Ein Artikel desA. f. H.", betreffend das angebliche Ver­schwinden eines Versuchs - Gewehrs in Spandau, brachte die Angabe, daß die am 28. Januar abends in der Schloß- kaserne zu Spandau gesehene Persönlichkeit die Uniform eine«sächsischen Offiziers" getragen habe. Wie wir von zuverlässiger Quelle erfahren, ist diese Behauptung voll­ständig aus der Luft gegriffen.

Der Antrag Dr. Kropatscheck auf Annahme eines Gesetzentwurfs, betreffend die Gleichstellung der Lehrer an den nichtstaatlichen höheren Lehranstalten mit denen an Anstalten staatlichen Patronats, ist gestern im Abgeordneten­hause nach einer eingehenden Beleuchtung der Verhältttisse, die zu dieser Forderung derausgleichenden Gerechtigkeit" führen, durch den Antragsteller und nach einer weiteren warmen Befürwortung des Gesetzentwurfs durch den Abg. von Haugwitz einer besonderen Konstnission von 21 Mit­gliedern überwiesen. Die Aussichten für ein Zustande­kommen des Gesetzes scheinen indessen leider nur gering zu fein; denn bei den Rednern der anderen Parteien mit Ausnahme der Nationalliberalen Seyffardt (Magdeburg) und von Schenckeudorff überwogen dieBedenken", denen gegenüber die mit der Kritik parallel laufenden Be­teuerungen des Wohlwollens für den betreffenden Stand und der Sympathieen für denGrundgedanken" des An­trages um so weniger von Bedeutung erscheinen können, als wir nirgends auch nur einen Versuch zu verzeichnen haben, die bemängelten Vorschläge des Antrages durch andere zu ersetzen. An sich urgierten die Bedenken der Zentrumsredner, besonders die zu fürchtende übermäßige Belastung der Kommunen, die der ihnen beitretende frei- konservative Abg. Schmidt (Sagan) durch die Konstatierung, daß andererseitsauch der Staat kein Geld übrig habe",

schlug. Sie blickte verwirrt und ängstlich um sich und wies dann schweigend auf ein Blatt Papier, daS ihrer Hand ent­sunken war. Darauf stand in kurze« Worten die dringende Bitte ausgesprochen, Adriana möge dem Briefschreiber eine kmze Unterredung gewähren, wenn ste einem abscheulichen Verbrechen vorbeugen wolle, daS gegen den teuersten Gegen­stand ihrer Liebe geplant sei.

Als Montalto daS Billet gelesen und die Dienerschaft hinweggesandt hatte, vermochte er nicht eine Anwandlung von Gfersucht zu unterdrücken. W ichen Preis hatte der unbekannte Brief schreiber für die Verhinderung des Ver­brechens verlangt? Welche Freiheiten hatte er sich heraus« genommen? Das waren die peinlichen Fragen, welche sich ihm auf die Lippen drängten und bewirkten, daß Adriana in Thränen ausbrechend sagte:O Graf Montalto, heget kein Mißtrauen gegen mich; wäre ich Euch nicht in voller Treue ergeben, stünde nicht daS Vertrauen zu Euch in meiner Seele unerschütterlich fest, so müßte ich es vielmehr sein, die einen schwarzen Verdacht gegen Euch hegen würde, als gegen den Mann, der meinem Vater nach dem Leben trachtet". Montaltos Stolz und reines Bewußtsein ließen ihn bei diesen Worten erstaupt aufblicken und empört zurückweichen. Aber Adriana lächelte mild und reichte ihm ihre Hand. Sie erzählte kurz, was vorgefallen war. Beim Empfang des geheimnisvollen Briefchens war sie ungewiß, ob es sich um threS Vaters oder Montaltos bedrohtes Lebe« handle. Sie war in die Innern Gemächer getreten, wo der Bote wartete, der das Billet überbracht hatte. ES war ein Jüngling in Tracht eines Pagen. Er sagte, sein Auftrag gehe dahin, die Tochter des Dogen vor einer Verschwörung zu warnen, die gegen ihren Vater gerichtet sei. ES handle fich dabei, die Regierung zu stürzen und Montatto zum Dogen zu er» heben, der selbst mit der Sache einverstanden fei.

vervollständigte während wenigstens soviel aus den Ausführungen des Antragstellers wohl allerseits hätte klar werden können, daß eS sich bei einem großen Teile der in Betracht kommenden Kommunen vielmehr um die Frage des guten Willens, als um die der Leistungsfähigkeit handelt und daß andererseits auch eine erhebliche Erhöhung des Staatszuschusses durch eine etwas schärfere Prüfung des Bedürfnisses bestimmt vermieden werden könnte. Dem deutschsreisinnigen Redner Dr. Laugerhans war selbstver­ständlich vor allem der Gedanke desEingriffs in die Freiheit der Kommunen" unsympathisch wie denn die Vergewaltigung" zur Zeit das gangbarste parlametltarische Schlagwort bei uns ist. Diesem Freiheitsideal, welches praktisch die ärgsten Unzuträglichkeiten schafft und bestehen läßt, werden es denn wohl auch die der Willkür preisge­gebenen Lehrer an den nichtstaatlichen höheren Lehranstalten zu danken haben, wenn sie sich mit Ansprüchen, deren Billigkeit und innere wie äußere Berechtigung niemand bestreitet, auch weiter abgewiesen sehen und soweit es andere Momente sind, welche beispielsweise den Abgeordneten Schmidt-Lagan, den Mitantragsteller des Gesetzes betreffs der Elementarlehrer-Peusionserhöhung, veranlassen, gerade für die Lehrer an den nichtstaatlichen Lehranstaltenkein Geld", oder wenigstens für den Antrag Kropatscheck im wesentlichen nur Bedenken zu haben, überlassen wir es gern den Interessenten, diesen Motiv, n auf den Grund zu gehen. Wir glaubten allerdings bisher, die Tendenz, den akademisch gebildeten Lehrer vor der Entwickelung eines zu starken Selbstgefühls auf gründ einer materiellen Lage und äußeren Stellung, die au diese Gefahr heranführt, zu bewahren, beschränke sich in der freikonservativen Fraktion aus Herrn Dr. Delbrück. <

Von welchen Grundsätzen sich der neue öster­reichische Kultusminister von Gautsch leiten läßt, ist noch immer nicht klar zu erkennen. Bei den letzten Verhand­lungen über den Schuletat hat er sich im Reichsrate einer­seits gegen die Wünsche der Italiener in Südtirol ausge­sprochen, welche die deutschen Klassen des Gymnasiums zu Trient beseitigt wissen möchten, während er andererseits den Czechen und Slovenen, die nicht minder an der Aus­rottung der Deutschen arbeiten, obwohl sie ohne dasselbe viel hilfloser wären, als die Italiener, keinen entschiedenen Widerstand leisten zu wollen scheint. Vielleicht kommt das noch, wenn Herr von Gautsch, der eine außerordentlich schwierige Stellung hat, mehr orientiert ist. De» Slaven gegenüber muß er allerdings vorsichtiger sein, als mit den Italienern, die im Reichsrat keine Rolle spielen Daß ein klares und festes System in der Sprachenfrage aber not­wendig ist, leidet keinen Zweifel. Die Bedenken, zu welchen der Rückgang der Deutschen im Heere bereits Anlaß ge­geben hat, sind von der ernstesten Natur. Läßt man den Slaven aber freie Hand, so kann ein Schaden entstehen, der vielleicht gar nicht wieder gut zu machen wäre

Als Adriana in zorniger Zurückweisung dieser Anklage ihres Virlobten ausbrach und sich anschickte, den Boten ver­haften lassen, öffnete sich, auf ein Signal des Pagen, eine verborgene Thüre, vermummte Männer, mit blauten Dolchen bewaffnet, traten ein, knebelten Adriana, damit sie nicht laut um Hilfe rufen konnte, und trugen sie durch einen geheimen Gang nach dem Canal. Adriana wurde in eine Gondel gelegt, welche fich in Bewegung setzte, und gegenüber dem Gemach mit offenen Fenstern hielt, in welches Justiniani, um frische Luft zu schöpfen, manchesmal au« dem heißen Saale zu treten pflegte. Mit Grauen sah hier Adriana die Vorbereitung zum Mord. Sie sah ihren Vater in das Ge­mach taten und über den Garten unter seinen Fenstern Hin­blicken, während der Mörder im Schatten der Bäume zu einem Standorte schlich, von wo er einen sicheren Schutz zu haben glaubte. Ste suchte sich los zu bringen, aber ei­serne Fäuste hielten fie zurück,.und zu ihrem Entsetzen flüsterte man ihr zu:Was hier geschieht, das nützt Mon­taltos Sache!" Alsbald ertönte der Schuß. Adriana sah ihren Vater die Arme erheben auS Schreck und Ent» setzen über die feige, mörderische Thal; fie glaubte, als seine Gestalt vom Fenster verschwand, er sei sterbend zu­sammengesunken, und ihr eigenes Bewußtsein schwand dahin; fie fiel in Ohnmacht.

Montaltos offener Sinn und seine ernste Liebe zu Adri­ana bannten nach dieser Erzählung den Verdacht aus seiner Seele, daß sie einem andern ihre Gunst gewährt, doch blieb ei« finsterer Schatten des Unbehagens von diesem nächtlichen Abenteuer in dem Gemüte des Grasen zurück. Offenbar gab es ränkevolle böswillige Menschen in Venedig, die eS darauf abgesehen hatten, ihn in den Äugen seiner Braut zu erniedrigen und ihn dem Dogen verdächtig zu machen als einen insgeheim ehrgeizigen, nach der höchsten Gewatt strebendengHeuchler. (Fortsetzung folgt)