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-rfcheint tä,lich außer an Werktagen nach Sonn- und Keiertagen. — Quartal- Ldonnemeuts-Dreis bei der Expedition 2*/« Mk., bei den Postämter 2 Mk. 50 Bfg. leid. Bestellgeld». Jujertion-gebühr für bk odBalteue Zeile 10 Pf-. Reklamen für die Zeile 25 Pfg.

Marburg, Sonntag, 14. Februar 1886.

XXI. Jahrgang.

WechejW jcitiiiig.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blatte», sowie d-Annoocen-Bureaux von Haairnstein undVogler in Frankfurt a. M , Caffel, Magdeburg und Wien; Rudolf Moffe in Frankfurt a M-, Berlin,Vüncheuund Köln; G. L. Daube und i‘o. n »rankfurt a. M-, B> >lin, Hannover u.Pari».

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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. 6. Kreise Marburg n. Kirchhain. - Zllustriertcs Sonutagsblatt.

Expedition Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Loch.

Vom Sozialistengesetz,

ba6 heißt, von der Annahme ober Ablehnung ber Ber- längerung ber Giltigkeitsdauer des Gesetzes, hängt bas Schicksal ber Reichstagssession ab. Die Borlage ist ber Volksvertretung bereits zugegangen, unb die Entscheibung kann also nicht allzulange mehr auf sich warten lassen. Wir geben beshalb den Wortlaut bes neuen Gesetzent­wurfes unb ber dazu gehörigen Begründung, auf welche bei den bevorstehenden Debatten Bezug genommen werden wirb. Die Vorlage selbst besteht nur aus einem einzigen Paragraphen unb lautet: „Die Dauer ber Geltung bes Gesetzes gegen bk gemeingefährlichen Bestrebungen ber Sozialdemokratie vom 21. Oktober 1878 wirb hierdurch bis zum 30. September 1891 verlängert." Die Begrün­dung, welche dem Entwurf beigegeben ist, ergiebt sich in den folgenden Zeilen:

„Durch die zweimalige Verlängerung ber Geltungs­dauer des Sozialistengesetzes ist von Seiten ber gesetz­gebenden Gewalten des Reiches einerseits die Thatsache zur Anerkennung gelangt, daß das Gesetz seinem Zwecke, gegen die auf den Umsturz der bestehenden Staats- und Gesell­schaftsordnung gerichteten sozialdemokratischen Bestrebungen einen Damm aufzuführen, erfolgreich gedient hat, anderer- seitS die Ueberzeugung von der Notwendigkeit der einst­weiligen Fortdauer der in die Hände der verbündeten Re­gierungen gelegten außerordentlichen Vollmachten ausge­sprochen. In beiden Beziehungen ist seit ber letzten, im Jahre 1884 erfolgten Erstreckung des Gesetzes bis zum 30. September 1886 bie Sachlage unverändert geblieben. Weder ist es den Gegnern des Gesetzes gelungen, in ber überwiegenben Mehrheit ber Nation den Glauben an seine für das Gesamtwohl ersprießlichen Wirkungen zu erschüt­tern, noch läßt sich behaupten, daß diese Wirkungen sich bereits in dem Maße fühlbar gemacht hätten, um einen definitiven Verzicht auf bie Handhabung der zum Kampfe gegen die Umsturzbestrebungen bestimmten Waffen schon jetzt als zulässig erscheinen zu lassen.

Wenn die früheren gesetzgeberischen Verhandlungen dieses als die bisherige gemeinschaftliche Ueberzeugung der verbündeten Regierungen unb des Reichstages festgestellt haben, so wird nur die Frage aufzuwerfen fein, ob etwa seit dem Erlaß des letzten Verlängerungs-Gesetzes that- sächliche Momente in bie Erscheinung getreten finb, aus denen die Folgerung gezogen werden könnte, daß die Be­dingungen für bas Fortbestehen jener Ueberzeugung nicht mehr vorhanden seien. ES könnten als solche Momente in Betracht kommen, einmal daS Anwachsen der Zahl der sozialdemokratischen Abgeordneten bei ber letzten Reichs­tagswahl, sodann die Ermordung des Polizeirats Numpff in Frankfurt a. M. Wenn — so wird argumentiert werden — bas Sozialistengesetz weber bas durch bie nach­stehende Zahl der sozialdemokratischen Reichstagsabgeord­neten erwiesene Aufschwellen der Bewegung, noch die Ver-

Adria na.

Eine alivenettanifche Geschichte. Reuerzählt von Otto e. Breits chwert-

(Fortsitzung.)

Auch die Dienerschaft bestand meist aus alten Soldaten und man glaubte, wenn man in seinem Palast Aufnahme fand, in das Hauptquartier eines mächtigen Heerführers zu treten. JustiniantS hohe stattliche Gestalt, nicht gebeugt durch die Last der Jahre und das feurige Auge, daS in feinem martialischen Angesichte blitzte, unterstützte dieses Eindruck. Fest war fein Sch-itt, ungeachtet des Schnees der Haare und soldatisch flmk seine Bewegungen.

Montalto verlas b.n Auftrag, welchen der Hohe Rat von Venedig ihm erteilt hatte. Justiniaui hörte sehr auf­merksam zu, gab jesoch keine Atwort, und als Montalto prüfend das Angesicht des alt' n Feldherrn ins Auge faßte, konnte er auf seinen Zügen nichts als den Ausdruck der vollkommensten Fassung unb der nnzei stör baren, stolzen Ge­mütsruhe finden. Ein Gefühl der V.rlegenheit, gemischt mit Ehrfurcht, überkam den Abgesandte» des Rats. Er kam sich vor, wie ein Mann des Altertums, der ein Orakel in wichtiger Sache befragen sollte und keine Aeußernng ihm zu en:locken vermochte.

Endlich bat er Justiniani geradezu nm einen Bescheid. „Heute Abend nicht, Graf Monlalio!' war die kurze Antwort. Rach einer Pause, und gleichsam begütigend, um seine sp-öde Haltung nicht Mißdeutungen auszusetzen, sagte Justiniani: „Man darf dem Hohen Rate nicht die Mißachtung eines eiligen Bescheides erweisen. Ja Herr Graf, werdet diesem Hanfe die Ehre nicht verweigern, Euch als Gast zu beher- bergen. Bevor Ihr scheidet, erfolgt mein Entschluß!" Mon­talto sah, daß jedes Sträube» g.gen die Anschauung In, stinianiS vergeblich wäre und so «ahm er denn für stch und

Übung anarchistischer Attentate zu verhindern im Stande gewesen, so ist damit seine Erfolglosigkeit bewiesen, so liegt es klar vor jedermanns Augen, daß sein etwaiger Wert für beit Schutz der bestehenden Staats- und Gesellschafts­ordnung außer Verhältnis steht zu den schweren politischen Bedenken, welche jedes Ausnahmegesetz, geschweige denn ein gegen die ungehinderte Ausübung wichtiger Freiheiten ge­richtetes, erregen muß. Bei den Einwänden ist indessen entgegenzuhalten, daß ein Gesetz nicht um deswillen von vornherein als unnötig zu verwerfen ist, weil es den von ihm erwarteten Erfolg nicht vollständig erzielt hat. Die verbündeten Regierungen sind jedesmal bei der Vorlage der die Verlängerung des Sozialistengesetzes bezweckenden Entwürfe von der Ueberzeugung ausgegangcn, und sie haben auch gegenwärtig keinen Anlaß, an dieser Ueber­zeugung nicht festzuhalten, daß gegenüber^ den Zuständen, in welche Deutschland ohne den Erlaß des Sozialistengesetzes durch die ungehinderte Entfaltung der Umsturzbestrebungen geraten sein würde, die heutige durch dieses Gesetz und seine energische Handhabung geschaffene Lage, ungeachtet des nur teilweise erreichten Zieles immerhin als eine sehr hoch anzuschlagende Verbesserung betrachtet werden muß. Freilich sind die Führer oer Sozialdemokratie aus dem Reichstage nicht verschwunden; sie sind sogar in doppelter Anzahl in demselben erschienen. Aber es wird nicht fehl­gegangen sein, wenn man annimmt, daß, was die sozialdemokratische Bewegung an Breite gewonnen, sie an Zn'ensität und revolutionärer Ironie wenigstens zum Teil erngebüßt hat. Die großen Massen ber hinter den sozial­demokratischen Abgeordneten stehenden Wähler beginnen die ernsthafte Beteiligung ihrer Vertreter an den Aufgaben der legislativen Gewalten, namentlich zur gesetzgeberischen Lösung der sozialpolitischen Probleme der Gegenwart, zu verlangen. Es muß an der Hoffnung festgehalten werden, baß vor dem Ernste dieser Aufgaben bie revolutionären Tendenzen auch bei ber Parteileitung allmälig in den Hintergrund treten, oder wenn nicht, die zur Zeit den sozialdemokratischen Führern blindlings folgenden Massen zur Einsicht gelangen werden, daß auf dem Wege der ge­waltsamen Aenderung der bestehenden staatlichen und ge­sellschaftlichen Ordnungen kein Heil für sie zu erwarten ist. Es wäre aber eine Illusion, zu glauben, daß dieser Zeit­punkt bereits gekommen oder auch nur in naher Aussicht stehend sei. Deshalb vermögen die verbündeten Regierungen ihrerseis die Verantwortung dafür nicht zu übernehmen, im gegenwärtigen Augenblick durch den Verzicht auf die ihnen anvertrauten außerordentlichen Vollmachten den Agitationen ber Nmsturzpartei wiederum Thor und Thür zu öffnen. Durch diese Erwägungen rechtfertigt sich der Vorschlag einer anderweiten Verlängerung des Gesetzes gegen bie gemeingefährlichen Bestrebungen ber Sozial­demokratie um fernere fünf Jahre." — Das ist die Be­gründung, kurz im Verhältnis zur Wichtigkeit des Gesetzes.

sein G folge die gebotene Gastfreundschaft an. Dieselbe wurde in fürstlicher Weite geübt. Juntuiani wurde allmählich wärmer, als er mit seinem Gast an der Tafel dem feurigen Dalmatiner Weine zugesprochen hatte. Der alte Feldherr zollte dem jüngeren Kriegshelden verdiente Lobsprüche. Oft schon hatte er von Montaltos That-.u gehört und sich ge. wünscht, ihn persönlich zu sehen. Durch seefahrende alte Freunde war Justiniani davon unterrichtet worden, was die V-netianer erkühnen. „Vor vierzig Jahren," sagte Justiniani zu Montalto, „bähe solch ein Sforza noch nirgends in Italien einen Speer zu schwingen stch erlaubt. Wir habe» den Vater deS j tzigen Herzogs in die Apeninnen gejagt und ihn gezwungen, sich dort mit Wölfen uno Bären, den natürlichen Genoffen eines Banditen, Unterhaltung zu suchen. Er war der schlimmste Raubritter, den man zwisch-n Mailand und Neapel nur auftreiben konnte. Aber ach, tote stehen die Dinge heute so ganz anders als dazumal!'

„Ja', bemerkte Montalto, „der Hei zog Sforza trägt heute sein Diadem mit Stolz unb begehrt, unser Meister genannt zu werden. Käme es nur auf die Tapferkeit der Venetianer an, so wäre ich sicher, daß wir jeden Edelstein au» seiner Krone herausbrechen würden. Aber der Mann hat Gold unb weiß tS zu schenken. Auf der Lagune, fürchte ich, schwimmen Gondeln, die ganz andere Frachten tragen, als galante Kavaliere und bezaubernde Damen. Ich fürchte sehr, Man eint war nicht der einzige Verräter! Er war nur Einer von den schwach Befundenen und Bestochenen!'

„Ich habe ihn wohl gekannt', gab Justiniani funkelnden Blickes zurück. „Seine natürlichen Anlagen schienen ihn für GioßeS zu bestimmen; aber der Ehrgeiz machte ihn un- » rnünstig. Er war mein vertrautester Freund unb ich war ihm bebülflich Stufe um Stufe im öffentlichen Leben zu erklimmen, bis er zur öde sten Höhe deS Staatsdienstes ge­laugte. Aber ich sah, daß seine Seele du G-mtsch von

Auf ber anderen Seite muß mau sich aber auch sagen, baß bie Ansicht über die Frage im Reichstage bereits fest- steht, unb baß daran weder lauge, noch kurze Begründungen etwas ändern werden. Wer gegen die Verlängerung ist, ist schon jetzt dagegen, wer dafür, schon jetzt dafür.

Deutsches Reich.

Berlin, 12. Febr. In der gestern unter dem Vor­sitz des Staatsministers, Staatssekretärs des Innern von Bötticher abgehaltenen Plenarsitzung nahm der Bundesrat von den vorgelegten Aktenstücken über bie beutschen unb französischen Besitzungen an der Westküste von Afrika unb in der Südsee Kenntnis unb beschloß, bie allgemeine Rech­nung über ben Reichshaushalt für das Etatsjahr 1882 83 dem Ausschuß für Rechnungswesen zu überweisen. Hierauf wurden mehrere Eingaben, betreffend bie Befreiung einzelner Betriebe von der Unfallversicherungspflicht, sowie eine Ein­gabe wegen Errichtung weiterer Schiedsgerichte für eine Berufsgenossenschaft erledigt. — Beim Fürsten Bismarck sand am Mittwoch wieder ein parlamentarisches Diner statt, über welches bie „Post" berichtet, daß zu demselben Reichstags- und namentlich LandtagSabgeordnete fast aller Parteien Einladungen erhalten hatten. Das Präsidium des Abgeordnetenhauses war durch Herrn v. Köller und Herrn v. Benda vertreten — Herr v. Heereman war verhindert — die Schriftführer waren fast vollzählig ver­sammelt, bis auf bie Herren Quast und Jmwalle, und bie Quästoren v. Silbermann unb Franke vervollständigten den Gesamtvorstanb bes Abgeorbnetenhauses. Wie auch beim ersten Diner war bas Alter für bie Reihenfolge entscheidend. Herr v. Köller, als Präsident, hatte bie Ehre, bie Frau Fürstin zu Tisch zu führen. Auf ber anberett Seite hatte Herr Reichensperger Platz genommen. Auf ber rechten Seite bes Fürsten saß Herr von Benba, als Vizepräsibent, auf ber linken Seite Herr Kennemann als ältestes Mitglieb ber Gesellschaft. Frau Gräfin Rantzau wurde von Herrn v. Benda geführt und hatte Herrn Worzewski auf der anderen Seite als Tischnachbar. ES folgten bie anderen Herren in der Weise, daß die Enden ber Tafel auf ber einen Seite mit Graf Rantzau unb Dr. Rottenburg, auf ber anberett mit Graf Bismarck unb Herrn v Kurowski besetzt waren. Aus dem Abgeordneten- hause waren unter anderen erschienen von den Konserva­tiven die Herren v. Köller, v. Liebermann, Graf Saurma, Herr v. Rauchhaupt, Graf Stimm, v. Puttkamer-Gr. Nipkau waren kurz vorher von Sr. Majestät dem Kaiser zur Tafel befohlen worben. Die Freikonservativen waren vertreten burch bie Herren v. Dziembowski, Kennemann, Vopelius, Schmidt-Sagau, Schreiber (Nordhausen), Barth, v. Bolan. Von Nationalliberalen waren auwesenb Herr v. Benda, Dr. Gneist, v. Eynern, Dr. Mithoff, vom Zentrum Dr. Reichensperger, Freiherr v. Huene, Prinz Arenberg, von ber freisinnigen Partei Herr Worzewski.

Größr und Treulosigkeit sei. Um Doge zu werden, ist er zuerst an mir zum Verräter geworden; um noch mehr zu fein, als Doge, hat er Venedig betraten. Hätte er oberster Herrscher Italiens zu werden vermocht, so wäre er bereit gewesen, dafür alle Welt zu hintergehen. Und doch ist er eine ungewöhnliche und großartige Erscheinung gewesen, voll prächtiger Gedanken und voll Energie, sie zur That zu machen. Nun ist er gefallen: bitte erzählt mir von seinem Hingang!

Montalto berichtete kurz die ergreifende Skeue, deren Augenzeuge er gewesen. Der alte Feldherr war tief er­schüttert, er barg das Haupt in seinem Mantel unb meinte. Montalto achtete diesen edlen Schmerz und fühlte erhöhte Achtung vor ber Größe des Geistes, ber in solcher Weise Beleidigungen vergeben konnte. Da ertönte draußen lustiger Hörnerklang. Justiniani sprang auf. „Dos sind meine Jäger!' sagte er, „das heißt meine Hausgenossen und Kriegs- Kameraden, die vom edlen Waidweik vermutlich mit reicher Beute h-imkehren. Wir haben wenig männliche Vergnügen hier, lieber Graf; so müssen wir mit den Freuden der Jagd im mit'.en Forste vorlieb nehmen, kommt laßt unS ein Abendritt machen und die Heimkehrenden begrüßen!'

Der Ritt führte die zwei tapferen Männer wieder in­mitten der römischen V:lln- unb Palastruinen auS Diokle- ttans Zeit, welche Montalto schon beim Kommen mit Ehr­furcht vor ber Machtfülle und Kunstgröße ber antiken Reiche betrachtet hatte. Justiniani fad in ben trümmerreften eine Mahnung an bie B rgänglichkeit aller Herscherwacht und alles GlanzeS. Dann wurde» die beutebelabentn Jäger begrüßt, die de« frohen Klang ihrer Hörner von ben Thal- toänben Widerhalles ließen.

(Fortsetz«»« felgt)