srr. 81.
Marburg, Mittwoch, 10. Februar 1886.
XXI. Jahrgang.
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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. L. Kreise Marburg n. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.
ExpWition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh Aug. Loch.
Das Sozialistengesetz.
Die von der preußischen Regierung dem Bundesrat unterbreitete Vorlage, das Sozialistengesetz, das Gesetz -egen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie, welches am letzten September d. Js. seine Giltigkeitsdauer verliert, um weitere 5 Jahre — bis zum 30. September 1891 — zu verlängern, ist von den verbündeten Regierungen sofort angenommen worden. Am Sonnabend, den 3". Januar, kam der Antrag in den Bundesrat, nach vier Tagen wurde er bereits genehmigt und ist nun zur Uebergabe an den Reichstag bereit, wahrscheinlich in dem Augenblick, wo diese Zeilen in die Hände des Lesers kommen, auch schon an das Reichsparlament abgegeben. Wollte der Reichstag, so könnte er schon in der nächsten Woche die Beratung beginnen. So schnell wird man nun allerdings nicht an das Gesetz herantreten, es hängt zu viel von seiner Annahme resp. Verwerfung ab, al« daß sich nicht jeder Reichsbote noch einmal reiflich überlegen sollte, welche Stellung er zu der Vorlage einnimmt. Einzelne Parteien sind ja zum Für oder Wider im Voraus entschlossen, aber bei anderen steht der Entschluß noch nicht so fest, und diese werden sich sträuben, sobald an die endgiltige Entscheidung heranzutreten.
Die Schnelligkeit, mit welcher die Vorlage im Bundesräte erledigt worden ist, beweist am besten, daß die Reichsregierung dem Sozialistengesetz den Vorrang vor dem Branntweinmonopol lassen will. Bei dem ersteren giebt e« nur ein Entweder — Oder, anderer Ersatz ist nicht zu schaffen; hingegen hat ja der Kanzler wiederholt geäußert, des Branntiveinmonopoles halber werde er keinen Krieg mit dem Reichstag anfangen, es bleibe immer noch eine Lizenzsteuer auf Bier und Branntwein in den einzelnen Bundesstaaten als Ausweg übrig. Bei dem Sozialistengesetz gilt aber nur: Biegen oder Brechen, und es kann gar kein Zweifel darüber obwalten, daß die Ablehnung der Vorlage die Reichstagsauflösung zur Folge haben wird, ja haben muß, denn nur die Neuwahlen können die Möglichkeit auf eine solche Zusammensetzung des Reichstages bieten, welche die Annahme des Sozialistengesetzes verspricht Etwas anderes giebt es nicht.
Nach der neuen Vorlage nun scheint eö fast, als ob die Reichstagsauflösung nicht so ganz außerhalb des Bereiches der Möglichkeit steht. Die Regierungen machen nicht nur die geringste Aenderung der Gesetzesbestimmungen, sie schlagen auch sofort eine Verlängerung von 5 Jahren vor. Wird hieran genau festgehalten, so kann man schon jetzt sagen, daß die Ablehnung erfolgt. Von den Mitgliedern der Zentrumspartei wird sich auch diesmal ein Teil wohl bereit finden lassen, für den Entwurf zu stimmen, aber nur sehr, sehr wenige würden eine Verlängerung von 5 Jahren acceptieren. Im vorigen Jahre wurde eine Verlängerung des Gesetzes um 2 Jahre verlangt, man be- SM. i- , - iiüü.7". ~ . -----
Adriana.
Sine altvenetianische Geschichte. Neuerzählt von Dtto v. Breits chwert.
(Fortsetzung)
Allerdings hatte der Doge, als er mit Verstärkung kam, den Herzog von Mantua zurückgedrängt, ihm Bagage und Gefangene abgenommen; aber als er seinen Sieg weiter verfolgen wollte, war unversehens ein fremdes Heer unter einem kriegskundigeu General über ihn hergefallen und hatte zuerst Verirrung, dann Flucht, Verwundung und Tod in die Reihen der Venetianer gettagen. So erklärte sich das ferne dumpfe Geräusch, und als es rot aufflammte, am Horizont, da war die Citadelle von Fustna zum großen Teil in die Luft gesprengt worden.
Mau mag sich wohl denken, daß in dieser Schreckensnacht nicht viele Augen in Venedig sich zum Schlummer schlossen. Der große Rat war eiligst zusammengetreten und verharrte fortwährend in angstvoller Beratung. Unheimlich läutete eS vom Thurme San Marcos; Boten liefen und ruderten nach allen Richtungen, und die Volksmenge, welche trotz tiefer Nacht von den Gestaden nach Fusiua hinüberschaute, sah noch manchen Schuß aufleuchten, hörte uoch fernen Geschützdonner und erblickte von Zeit zu Zeit ein Schiff mit Verwundeten, das in den Kanälen von Venedig Bergung suchte.
Bet Tagesanbruch sah man ein einzelnes Schiff an der Küste hinfahren, obwohl es rott Mörsern und Kanonen be« schoflen wurde. Boote sah man von diesem Schiff abstoßen und ihm nahen. Von Venedig wurden zwei Galeeren beordert, daS gefährdete Schiff eivzuholen; aber ehe sie noch die Anker gelichtet hatten, sah mau das große Schiff eine mächtige Breitsette nach seinen Gegnern an der Küste ab- feuerv und daun rasch auf Veuedig zusegelu, mtt allen
willigte nur eine solche von einem Jahr Hat man damals die Forderung der Regierung nicht erfüllt, so wird daS jetzt erst recht nicht der Fall sein, wo sich die Gegensätze im Reichstage so ungemein verschärft haben. Tritt aber nicht eine größere Anzahl von Zentrumsmitgliedern für das Gesetz ein, so ist sein Schicksal ohne weiteres besiegelt.
Fürs erste läßt sich erwarten, daß man im Reichstage versuchen wird, Abänderungen einzelner Bestimmungen der Vorlage herbeizuführen, was im vorigen Jahre schon Herr Windthorst versuchte. Sagt die Regierung aber nicht ja dazu, so werden diese Abänderungen stehts abgelehnt werden. Die Konservativen und Nationalliberalen werden sie verwerfen, weil die Regierung dagegen ist, die Freisinnigen, Volksparteiler und Sozialisten, weil sie überhaupt das Gesetz nicht wollen, und damit wäre die Majorität da. Die Regierung behauptet in der Begründung der Vorlage, sie brauche das Gesetz noch, weil es gute Dienste gegen die Sozialdemokratie gethan; man wird darüber im Reichstage lange hin und her disputieren und die Reihe der „großen" Sitzungen damit wieder einmal anbrechen, aber soviel steht jetzt schon fest, entschließen sich die verbündeten Regierungen nicht mindestens zur Abänderung der Geltungsdauer, so ist für die Vorlage keine Aussicht, die schon im anderen Falle gering genug ist.
Deutsches Reich.
Berlin, 8. Febr. Der Antrag der bimetallistischen Reichstagsabgeordneten, die Regierung zu Verhandlungen mit England und anderen Ländern wegen Einführung der internationalen Doppelwährung aufzufordern, ist wegen ungenügender Unterstützung unterblieben. Das Zentrum bereitet einen Antrag vor, welcher die Regierung zum Studium der Währungsfrage auffordert. Der bekannte Antrag Struckmann zur Frage des Petroleum - Faßzolles ist in zweiter Lesung mit 9 gegen 3 Stimmen angenommen worden. — Die Kolonialgesetzgebungs - Kommission des Reichstages, welche die Vorlage über die Rechtspflege in den deutschen Schutzgebieten zu beraten hat, hielt gestern abend ihre erste Sitzung ab. Es handelte sich hauptsächlich nm die Frage, inwieweit der Reichstag bei der Kolonial gesetzgebung mitzuwirken habe. Die Vorlage sieht bekanntlich nur ein Verordnungsrecht des Kaisers und des Bundesrats vor. Der Abg. Hänel schlug vor, an die Spitze des Gesetzes den Satz zu stellen: „Die Schutzgewalt in den Kolonien übt der Kaiser aus", und forderte ein Mitwirkungsrecht des Reichstages nur für das Gebiet des bürgerlichen Rechts, des Strafrechts und gerichtlichen Verfahrens, verzichtete auch auf die Zustimmung des Reichstags für jede einzelne Verordnung, wenn nur ein nachträgliches Widerspruchsrecht anerkannt werde. Aehnlich sprach sich auch der Vertreter des Zentrums aus. Auch der nationalliberale Vertreter, Meyer - Jena, erkannte die
Flaggen am Maste, was einzelne Stimmen ans den verdüsterten Volksmaffen heraus zu patriotischen Zurufen ermunterte, bis der Anblick der Blutenden und Getöteten an Bord des Schiffes die Rufer zu traurigem Stillschweigen und banger Erwartung schlimmer Kriegskunde bestimmte.
Als das Schiff an der Treppe vor dem Dogenpalast angelangt war, verließ dasselbe ein Offizier, der zum großen Rat geführt zu werden verlangte. Ein Verwundeter folgte dem Offizier auf dem Fuße nach, und die Volksmafle wich ehrfurchtsvoll zurück, um den Beiden eine Gasse zu offnen.
Der Offizier stand in der Blüthe des männlichen Alters. Sein verbundenes Haupt ließ auf eine Verwundung schließen und herabträufelnde Blutstropfen bestätigten diese Vermutung. DaS Gesicht war edel, von alt-römischem Gepräge, die Gestalt statuenhaft schön und vornehm, das Auge blitzend, die Geflchtszüge von Kraft und Entschlossenheit zeugend. Er war ein venetianischer Kriegsheld, der so lange im Osten gekämpft und der Vaterstadt gedient hatte, daß er fast ein Fremdling in Venedig geworden war. Jetzt hatte er im Kriege der Venetianer gegen den Herzog von Mantua und den Pabst mitgestritten. Sein Name war Graf von Mon« talto, und eS war eine lange Reihe tapferer Thateu, welche diesem Namen Ehrfurcht erweckenden Klang gegeben hatten. Der Heerkörper, welchen Montalto führte, war der Schrecken des Feindes. AIS in der letzten unglücklichen Schlacht der Doge floh, und der zweite Befehlshaber getötet wurde, fiel dem ritterlichen, kriegskundigen Grafen Montalto die Aufgabe zu, Heer und Schiffe zurückzuf ühreu und ihm war eS zu danken, daß der Rückzug überhaupt noch ausführbar war, daß so viele Verwundete nach der Hauptstadt zurück- gebracht werden konnten.
Der grauende Morgen fand de« großen Rat noch eifrig beschäftigt, über die Schrecknisse des Vorabends und der Nacht zu beraten. Schon hatte der Doge Manciui in langer
Mäßigung dieser Vorschläge an, wenn er auch gegen die Regierungsvorlage prinzipielle Bedenken nicht habe. Die Regierungsvertreter beobachteten noch Zurückhaltung. — In der Zuckersteuer-Kommission sprach sich die Regierung gegen jede Art der Melasiebesteuerung und überhaupt gegen alle vorliegenden Abänderungs-Anträge aus. Es soll versucht werden, unter den Antragstellern eine Verständigung her- beizuführen. — Die Reichstagskommission zur Beratung der Ackermannschen Anträge zur Gewerbeordnung hielt am Freitag Abend und Sonnabend Vormittag Sitzungen ab. Die „R.-L. K." berichtet über die Verhandlungen folgendes: Von einer Generaldiskussion wurde abgesehen. Bei S 14a entwickelte sich eine längere Diskussion über den Befähigungsnachweis, in der Konservative und Zentrum die Anträge verteidigten, während die Vertreter der Reichspartei, Nationalliberale, Deutschfreisinnige und Sozialdemokraten dieselben bekämpften. Neue Gesichtspunkte von Bedeutung wurden bei der Beratung nicht geltend gemacht; die Debatte bewegte sich im wesentlichen in denselben Bahnen, welche sie im Plenum eingeschlagen hatte. Der Vertreter des Bundesrats, Geh. Rat Lohmann, erklärte, eine prinzipielle Stellung zu der Frage des Befähigungsnachweises im Namen der verbündeten Regierungen nicht nehmen zu können. Wohl aber stelle er der Kommission seine Mitwirkung in technisch-legislatorischer Hinsicht zur Verfügung, um eine entsprechende Gestaltung des Gesetz - Entwurfs herbeizuführen. Er ging dann auf Einzelheiten der Vorlage ein und zeigte namentlich, wie die darin in Aussicht genommene Spezialisierung der Gewerbe unbestimmt und ungenau, wie die Grenze des Handwerks gegenüber der Fabrik einerseits, gegenüber der Hausindustrie andererseits völlig unklar sei, wie der Betrieb von Nebengewerben dadurch fast unmöglich gemacht werde. Er verbreitete sich ausführlich über die unzweckmäßige und bedenkliche Art, in welcher die Prüfungsorgane gebildet werden sollten und legte dar, daß nach Maßgabe des Eiitwurfes Personen, welche in der Lehrlingsanstalt der königlich preußischen Eisenbahnverwaltung als Schlosser ausgebildet werden, künftig nicht im Stande wären, das Schlossergewerbe als selbständige Meister zu betreiben. Kurz, seine Ausführungen enthielten eine schneidende, man kann fast sagen, vernichtende Kritik der Anträge in ihrer jetzigen Gestalt. Nach Schluß der Debatte wurde Abs. 1 des § 14a, der den Befähigungsnachweis vorschreibt, mit 11 gegen 9 Stimmen angenommen. — Dem Herrenhause ist der Gesetzentwurf, betreffend die Kirchenverfassung der evangelischen Kirche im Bezirke des Konsistoriums zu Cassel, zugegangen. — Die „Rh.-W. Ztg." ist in der Lage, mit- zuteilen, daß die Türkei der Friedr. Kruppschen Guststahl- Fabrik in Essen Anträge auf Lieferung von annähernd 1000 Kanonen — Feld- und Küstengeschütze verschiedenen Kalibers — erteilt hat. Für die Fertigstellung dürfte ein Zeitraum von zwei Jahren erforderlich sein. Die
pathetischer Rede die Einzelheiten der unerwarteten Katastrophe erzählt, welche über die veuetianische Armee hereiu- gebrochen war und hatte seine Meinung dahin abgegeben, die Republick möge, so bitter eS auch ihrem Selbstgefühl erscheinen wöge, Gesandte als Friedensvermiitler abordnen. Der Augenblick war furchtbar. DaS Blut der vornehmsten venetianischen Familien war in diesen verhängnisvollen Schlachten vergossen, die Armee des Staates mit Verlust und Schande aus ihren letzten Positionen auf dem Festland verttieben worden. Die Landhäuser des Adels an der Brenta waren in der Gewalt der Plünderer. In einem Tage konnte die ganze Feindesmacht über Venedig herfalle» und die Königin der Städte mit all ihrer glorreichen Pracht im wütenden Anstürme vernichten.
Eben war man im Begriffe zür Abstimmung über den Antrag des Dogen zu schreiten, als ein Offizier eintrat, um das Gesuch des Grafen Montalto um eine sofortige Audienz zn melden. In Anbetracht der Dringlichkeit, welche der Graf seiner Bitte beimaß, wurde die Audienz gewählt. Montalto betrat, von einigen seiner Hauptleute begleitet, ein, und sein Erscheinen rief ein unwillkürliches Murmeln der Bewunderung hervor. Nach den furchtbaren Anstrengungen, die er durchgekämpft hatte, war sein Antlitz bleich, und als er das rote Barett abnahm, dessen Smaragdschmuck er von einem Mauren-Bey erbeutet hatte, während der Rei- herbusch, der es zierte, einem arabischem Emir abgerungen war, — und als er sich verbeugte vor dem hohen Kollegium von Edlen, da schien er dem Hinsinken nahe vor Ermüdung und Blutverlust. Sein roter Mantel war die Hülle eines verwundeten Armes, und der Morgenstrahl, der jetzt ins Ratsgemach fiel, zeigte die Blutspnren auf dem goldgestickten Koller.
(Fortsetzung folgt.)