Marburg, Sonnabend, 6. Februar 1886.
Nr 81.
XXI. Jahrgang.
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Expedition- Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
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Oberhessische Zeitung
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K3T Soweit der Vorrat reicht, wird den Neubestellungen ein Wandkalender für 1886 beigefügt.
Die Jnt-r-ffengleichh-it von Industrie und Landwirtschaft
kann für unbefangen prüfende Beurteiler zwar kaum einem Zweifel unterliegen; dennoch fehlt es nicht an Versuchen, die hieraus naturgemäß zu ziehenden praktischen Folgerungen zu vereiteln und an dem guten Einvernehmen, das sich bei uns zwischen beiden Berufsständen herausgebildet hat, zu rütteln. Wenn es noch eines Beweises zu gunsten der Jntereffengleichheit von Industrie und Landgestaltung bedürfte, so würde er durch die jetzige Gestaltung der wirtschaftlichen Lage in dem Musterstaate der Freihändler, England, erbracht werden. Dort befinden sich sowohl die Landwirtschaft als die Industrie in einer schweren Krise, die mit ihrer vollsten Wucht auf den arbeitenden Klaffen der Bevölkerung lastet und in London ganz neuerdings Massenkundgebungen unter dem Rufe: Gebt uns Brot oder Arbeit, hervorgerufen hat. Am deutlichsten zeigt sich dort die Wirkung der Wechselverhältnisse der beiden großen Pro- duttivstände in der Thatsache, daß die berühmten Werkstätten für Fabrikation landwirtschaftlicher Maschinen in der Grafschaft Suffolk, die bis vor kurzem einen Stock von 2600 Arbeitern beschäftigten, jetzt nur noch für knapp 1800 Beschäftigung haben und auch für diese nur mit beschränkter Arbeitszeit. Ursache deffen ist die verminderte Kaufkraft der Landwirte. Letztere sind angesichts des stetig fallenden Preises ihrer Erzeugnisse schlechterdings nicht in der Lage, für Meliorationen, für Beschaffung und Vervollständigung ihrer Maschinen und Geräte so viel Geld auszugeben, als unter den günstigeren Konjunkturen der Vergangenheit. Auch die Jahresausweise derjenigen Eisen- bahnlinien, welche den Verkehr der hauptsächlichsten Weizen erzeugenden Distrikte Englands mit der Hauptstadt und den übrigen Zentren des städtischen Verbrauchs vermitteln, weisen wegen verminderter Frachtgelegenheit einen merklichen Ausfall auf. Und jede Verminderung der Produktion setzt einen entsprechenden Prozentsatz von Arbeitern außer Nahrung. ^Jn richtiger Erkenntnis der Wurzel des landwirtschaftlichen Uebels mehren sich denn auch jetzt in England die Stimmen derer, welche einem innigeren Zusammenschluß der industriellen und landwirtschaftlichen Jntereffenten- kreise das Wort reden.
Anfang der nächsten Woche beginnt im Feuilleton eine höchst spannende größere Original Erzählung „Adriana* von Otto von Breitschwert.
Reue Epistel vom richtigen Adressier-«.*)
Ein sogenannter Hochgenuß
Ist das Geschäft als Pegasus: Auf Knüppeldämmen spät nud früh Gehetzt, gezerrt, bald hott, bald hüh. Und dann zu solcher Qualen Lohn AuS allen Ecken Spott und Hohn. Voll Mitleid ließ ich drum im Stall Das Unglücksroß auf jeden Fall, ,
Wär diesmal nicht die Not zu groß, Nicht ringsum schier der T.....loSl
Denn schrecklich ists doch ohne Frage, Wenn in Berlin jetzt alle Tage Achttausend Briefe treffen ein, Die lottrig adressiret sein! — Ist sie ein Forschrttt unsrer Zeit Die Adressierungs-Lässigkeit?
Ist sie der Dank für Postreformen, Universal - Versendnngsnormen s Paßt solcherlei für unser Land, Wo einer Weltpost Wiege stand? Geziemts dem ächten deutschen Manu, In alter Zeiten Schlendrian Zu äußern: „Sei die Post nur groß: Ich leg die Hände tit den Schooß!?' Denn diesmal find es nicht die Frauen, Nein Männer, die mit ungenauen Adressen leichthin, sonder Wähle», Die Post und ihre Leute quälen!
Und wen trifft^hier zumeist die Schuld,? —
♦) Abgedruckt in der „Deutschen Verkehrs-Zeitung* Ar. 5 vom 29. Januar 1886. Weitere Verbreitung erwünscht. ES gilt der Abhilfe eines wirklichen Notstandes!
Deutsches Reich.
Berlin, 4. Jan. Der Bundesrat erteilte heute dem Anträge Preußens wegen Verlängerung der Gültigkeitsdauer des Sozialisten-Gesetzes seine Zustimmung. — Die „Nordd. Allgem. Ztg.", indem sie auf die Erklärung des Reichskanzlers im Abgeordnetenhause am 28. Januar zurückkommt, daß es für seine persönliche Auffassung wohl gar keinen Kulturkampf gegeben haben würde, zitiert gegenüber dem vom Zentrum erhobenen Widerspruche die Reden des Reichskanzlers vom 30. Januar, 9. Februar, 10. Febr. und 6. Juli 1872, aus denen mit hinreichender Deutlichkeit hervorgehe, daß dem Reichskanzler bei der Aufhebung der katholischen Abteilung und der Einbringung des Schulaufsichtsgesetzes der Gedanke an einen Kulturkampf fern- gelegen habe. — Bei dem bei dem Fürsten Bismarck vorgestern stattgehabten „parlamentarischen Diner" äußerte in Bezug auf das Branntwein-Monopol der Fürst die bereits im Abgeordnetenhause dargelegte Auffassung, daß, wenn das Monopol nicht bewilligt würde, die Regierung sich in anderer Weise werde behelfen müffen. Die Gastwirte, so meinte der Herr Reichskanzler, würden dann erst ihren Schaden erkennen, denn die Regierung würde die Lizenzsteuer Vorschlägen und wohl auch durchsetzen; alsdann würde die Lage der Gastwirte, aber auch die der Konsumenten schlechter sein. Der Arbeiter würde sein Gläschen Branntwein für höheren Preis in schlechterer Qualität erhalten. Die Fabrikatsteuer erklärte der Herr Reichskanzler für nicht annehmbar, da sie von den Brennern nicht ausgehalten werden könne. Nach dreistündigem Beisammensein verabschiedeten sich die Gäste um 8l» Uhr. Fürst Bismarck, welcher im Ganzen sich körperlich wohl zu fühlen schien, hatte im Laufe des Gesprächs auch betont, daß er nur mit großer Anstrengung im Stande sei, den anstrengenden Anforderungen des Dienstes nachzukommen. Weder Minister noch Mitglieder des Bundesrats waren unter den Geladenen. — Die Kommission des Reichstags zur Vorberatung der folgenden Anttäge: 1. des von den Abgeordneten Ackermann, Biehl, Dr. Hartmann, Hitze, Dr Kropatscheck, Letocha eingebrachten Gesetzentwurfs, betreffend die Abänderung der Gewerbeordnung vom 1. Juli 1883 (Befähigungsnachweis), 2. des von den Abgeordneten Grafen v. Behr-Behrenhoff und Lehren eingebrachten Gesetzentwurfs, betreffend die Abänderung der Gewerbeordnung (SS 100e, 154), besteht aus den Abgeordneten: Ackermann, Vorsitzender, Dr. Baumbach, Freiherr v. Buol-Berenberg, Schriftführer, Diedeu, Gebhard, Gerlich, Schriftführer, Graf, Haberland, v. Kehler, Stellvertreter des Vorsitzenden, v. Köller, Kraecker, Letocha, Löwe, Lohren, Lucius, Dr. Meyer (Jena), Dr. Papellier, v. Rheinbaben, Rödiger,
Den Bauern nicht! Mit Lammgeduld Malt er die Aufschrift, wenn auch schief, Gewissenhaft auf seinen Brief.
Der Mann vom Handwerk thuts ihm nach, Schreibt Alles deutlich und gemach.
Der Krieger, wie der Held der Feder;
Kurzum, von Allen fast ein Jeder, Nur nicht der Kaufmann, der vergeudet Des Postmanns Zeit, die Geld bedeutet.
Daß Wandel nötig, liegt am Tage; Nur wie, das ist die große Frage. Versuchen will ich, sie zu lösen; Drum hört, ihr Guten und ihr Bösen!
Was die Briefschreiber in Berlin und andere« großen Städten thun sollen.
Nichts leichter! Jeder Mann und Frau Satire jeden Brief genau,
Setz ausnahmslos die Wohnung bei, Wie hier: „W-, Holzplatz Nummer 3.* (Sollts Einem nicht zu schreiben paffen, So kann er fichs ja drucken lassen.)
Und wer da glaubt, es könne je Dies schädigen sein Renommöe, Vermeint: es klinge jetzund feiner Ohn Platz und Nummer, — solcher Einer (Haut ihm!) des dumme» Schnacks fich schäm er; Ist nimmer Kaufmann, höchstens Krämer!
Was Diejenigen thun sollen, so Briefe nach Berlin und anderen großen Städten schreiben.
'S ist wieder einfach! Wort für Wort Bemerken in der Aufschrift, — Ort, Nebst Straße, Nummer, — wies der Brief DeS Freundes ins Gedächtnis rief.
(Zudem beim grünen Strand der Spree
Vergessen nicht das ,0*, „W*, ,c*l)
Graf v. Schlieffen, Dr. Schneider. — Das sechste Verzeichnis der dem Reichstage zugegangenen Petitionen enthält gegen 150 Petitionen zu Gunsten der Anträge Ackermann und Biehl, betreffend Abänderung der Gewerbe- Ordnung (Befähigungsnachweis der Handwerker und Gewerbetreibenden). Eine Anzahl von Petitionen beschäftigen sich mit der Bereitung von Bier und Wein, teils in streng juristischem Sinne, teils von weniger strengen Grundsätzen ausgehend. Für die Doppelwährung sind diesmal nur 25 Petitionen eingegangen. Dagegen wird ein gesetzliche» Verbot des Hausierhandels bezw. Abänderung der betreffenden Paragraphen der Gewerbe-Ordnung von mehr als hundert Petitionen aus Handwerkerkreisen beantragt. Obligatorische Legitimationspflicht für alle gewerblichen Arbeiter beantragen ebenfalls über 100, besonders von Innungen ausgehende Petitionen. Gegen Einführung des Branntweinmonopols sind über 150 Petitionen eingelaufen, namentlich von Gastwirten, Destillateuren und Handelskammern. — Die Budgetkommission des Abgeordnetenhauses setzte in ihrer gestrigen Sitzung die Beratung des Extraordinariums der Bauverwaltung fort und genehmigte die erste Rate von.150000 Mark für den Neubau eines Regierungs- Gebäudes in Münster gegen die Stimmen des Zentrums. Nach längerer Diskussion wurden auch 600000 Mark als erste Rate zum Neubau der Langen Brücke und zur Ueberführung der Saarmunder Straße bewilligt, ferner zur Verbesserung der Abwässerungsverhältnisse in Wilhelmshaven 290000 Mark. Die Kommission ging demnächst zur Beratung der Etats der Berg-, Hütten- und Salinenverwaltung über und erledigte denselben ohne erhebliche Diskussion. — Der frühere Abgeordnete v. Unruh ist heute gestorben.
Dresden, 4. Jan. Die Kammern bewilligten die beantragte laufende Unterstützung; 8000 Mk. jährlich für Arbeiterkolonien und 5000 Mk. zur Förderung des Handfertigkeitsunterrichts.
Darmstadt, 4. Febr. Es ist folgende Interpellation des Abg. v. Rabenau in der zweiten Kammer eingelaufen: Hat die Regierung prinzipielle Stellung zu dem von Preußen im Bundesrate eingebrachten Gesetzentwurf, betreffend das Branntweinmonopol, genommen, eventuell welche? — Ferner ist noch ein Antrag von Wasserburg, Franck und Pennrich eingegangen: die Regierung zu ersuchen, den hessischen Vertreter im Bundesrate anzuweisen, gegen das Branntweinmonopol zu stimmen. — Die Kammer verwarf die Ueber« nähme der Vorschulen der Gymnasien auf Staatskosten.
' Raöland.
London, 4. Febr. Wie das Bureau Reuter erfährt, hat die Königin folgende Ministerliste genehmigt: Glad-
In Zweifelsfällen nehmt nur auch Ein gut Adreßbuch in Gebrauch, Zumal beim Stadtverkehr, nur sehe Man auf deS Buches Jahrgang, ehe Dem „dicken Freund* man schenkt Vertrauen, Sonst kann man furchtbar sich verhauen. Für Leute ganz berühmter Sorte, Die weltbekannt, — sind diese Worte Natürlich nicht bestimmt. Indessen Erscheints vielleicht nicht zu vermessen, Zu hoffen, daß auch jene Sphären (Noblesse oblige!) Gehör gewähren.
Wie würde im Gesellschaftsleben Grad solches Beispiel Anttieb geben!
Schlußerrnahnung an Alle.
Befolgt ihr diesen Schrei der Klage, Wintt euch nur Vorteil, ohne Frage; Der Post ists schließlich einerlei, Kriegt ihr den Brief um Neun, um Drei, Vielleicht auch gar nicht. — Ihr allein Steht aus des Wartens Qual und Pein; Euch wird die Möglichkeit benommen, Beim Wettbewerben mit zu kommen; Müßt dieserhalb am Ende sehen Ei» blühend HanS zu Grunde gehe». Und Alles, — well ein kleiner Brief Ohn richtige Adresse lief.
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Hall auS, geplagter Pegasus, Die Ruhe winkt, wir find am Schluß Ein Wort nur noch: von frohem Hoffe«, Daß meinem Ruf die Herzen offen, Daß Der und Jener läßt nun bleibe« Sein flüchtiges Adressenschreiben, Daß nicht vergebens war mein Ritt;
So wünscht von Herzen
Karl A. Schmitt.