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Nr. 80.
Marburg, Freitag, 5. Februar 1886.
XXI. Jahrgang.
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Zur Besiedelung im Osten.
Die von dem Reichskanzler angekündigten Maßregeln zum Schutze des Deutschtums im Osten beginnen eine Flut von Vorschlägen hervorzurufen, zu denen sich die in Posen, Westpreußen u. s. w. wohnenden Deutschen natürlich in erster Linie berechtigt glauben. In gewissem Sinne mit Recht. Wer Brauchbares geben will, muß vor allem mit dem Boden vertraut sein, auf dem er sich bewegt. Andererseits läßt sich aber nicht verkennen, daß die Parteistellung auch in diesem Falle' vielfach das Urteil beeinflußt, wie die Verschiedenartigkeit der Ansichten zeigt, welche über Pläne der Regierung laut werden, je nachdem sie aus konservativer oder liberaler Quelle stammen. Im allgemeinen sind die Liberalen geneigt, die Schulfrage in den Vordergrund zu stellen, während die Konservativen mehr den Einfluß der Kirche betonen. Auf dem agrarischen Gebiete nimmt man gewöhnlich an, daß sich die Konservativen für die Stärkung des Großgrundbesitzes interessieren, während die Gegner von HauS aus mehr mit dem kleinen Besitzer zu sympathisieren vorgeben u. s. w. Uns scheint es nicht schwer, hier die richtige Mitte zu finden. Wie es weder auf die Schule noch auf die Kirche allein ankommen kann, sondern darauf, daß beide zusammenwirken, so darf doch vernünftigerweise auch nicht von einer Bevorzugung des großen oder des kleinen Grundbesitzers die Rede sein, sondern beide müssen gekräftigt werden, soweit sie in deutschen Händen sind oder in solche gelangen können. Was die Ueberlegenheit der Polen im Osten bildet, ist ihr kräftiges Nationalgefühl. Dieses Nationalgefühl aber ist ihnen deshalb und insofern eigen, als sie ein Herrenvolk bilden; dem polnischen Bauer hat unseres Wissens noch niemand ein besonders ausgeprägtes nationales Bewußtsein nachgerühmt, einen polnischen Mittelstand in unserem Sinne aber dürfte es auch heute noch kaum geben. Der Herrenstand — Fürst Bismarck sagt: der Adel — ist also der eigentliche Träger der nationalen Ideen im Osten. Wer ihn durchgreifend bekämpfen will, darf ihm nicht blos kleine Leute deutschen Stammes entgegenstellen, die kein ausgeprägtes Nationalgefühl besitzen, sondern vor allem auch solche Elemente müssen dabei sein, die vom deutschen Standpunkte ihrerseits das Herrenbewußtsein vertreten, das heißt gebildete deutsche Großgrundbesitzer sind. Daß sich der Lösung gerade dieser Aufgabe besondere Schwierigkeiten in den Weg stellen, ist freilich nicht zu verkennen.
Die mißliche Lage der Landwirtschaft und der deutschen Großgrundbesitzer der genannten Art kann es kaum rötlich erscheinen lassen, sich im Osten anzusiedeln, es sei denn, daß ihnen besondere Vorteile geboten werden können, was noch nicht ausgemacht erscheint. Die Ansiedelung deutscher Bauern Wt sich jedenfalls leichter durchführen. Wir glauben aber wie gesagt nicht, daß dieses Mittel, wenn es vereinzelt bleibt, den gewünschten Erfolg haben würde. Wenn sich Großgrundbesitzer und Bauern gegenseitig aufeinander stützen, wird es gehen, sonst schwerlich.
Deutsches Reich.
Berlin, 3. Febr. Der Kaiser hat für das Heim für deutsche Erzieherinnen in Paris die Summe von 100000 Mark an den Schatzmeister des Komitees, Herrn von Hansemann, gesandt. — Die „Nordd. Allg. Ztg." veröffentlicht ein Schreiben des Reichskanzlers, worin derselbe für die ihm anläßlich der Debatte im Abgeordnetenhause zugegangenen zahlreichen Zustimmungsadressen und Telegrammen seinen verbindlichsten Dank ausspricht. — Dem Reichstage sind ein, zwischen dem Staatssekretär Grafen Herbert v. Bismarck und dem französischen Botschafter Baron v. Coureel am 24. Dezember v. Js. über die deutschen und französischen Besitzungen in Westafrika und in der Südsee vereinbartes Protokoll, sowie die Noten über die deutsch - afrikanische Niederlassung Colins (Hamburg) und über den Häuptling Mensa in Portoseguro zugegangen. Danach verzichtet Deutschland an der Biafra- Bai zu Gunsten Frankreichs auf alle Souveränetäts- und Protektoratsrechte über die Gebiete südlich des Kampo- FlusseS; Frankreich entsagt allen Gebietsansprüchen nördlich derselben Linie. An der Sklavenküste anerkennt Frankreich das deutsche Protektorat über das Tongogebiet und entsagt allen Rechten auf das Gebiet von Portoseguro und Kleinpopo, anerkennt auch das deutsche Protektorat über dieses Land. Eine gemischte Kommission soll die Grenze der beiderseitigen Gebiete, die von einem Küstenpunkte zwischen Kleinpopo und Ahowey ausgeht, festsetzen. An der Küste von Senegabien entsagt Deutschland allen Ansprüchen auf die Gebiete zwischen dem Rio Nunez und Mellacarce namentlich bezüglich Koba und Kabitai. In der Südsee verpflichtet sich Deutschland, nichts zu unternehmen, was Frankreich an der Okkupation der „Inseln unter dem Winde", sowie der Neuhebriden hindern könnte; dagegen sagt Frankreich die Wahrung aller der Colinschen Gesellschaft in Koba und Kabitai zustehenden Rechte zu, namentlich auch die Gleichstellung mit den französischen Gesellschaften bezüglich der Handelsfreiheit, des Bodener- werbs, der Steuern, Zölle und Abgaben. Deutschland sagt dem Könige Mensa in Portoseguro für dessen Lebensdauer dieselbe Stellung zu, welche derselbe bisher gegenüber Frankreich genoß. — Die Budgetkommission des Abgeord
netenhauses nahm in ihrer Abendsitzung am Montag ohne besondere Diskussion die im Etat der Justizverwaltung für die Land- und Amtsgerichte ausgewvrfenen Positionen an. Die Beratung der extraordinären Ausgaben, die für eine Reihe von Bauten (teils Gerichtsgebäude, teils Gefängnisse) gemacht werden sollen, gab, wie die „N. Pr. Ztg." berichtet, zu keinen bemerkenswerten Verhandlungen Anlaß. Es handelt sich meist um fernere Raten für schon im Gange befindliche größere Bauten oder um unbedeutende Neu- bez. Neparaturbauten. Nur für Gefängnisse in Glatz, Duisburg und St. Vith sind erste Raten für größere Bauten in den Etat gestellt. Die Kommission erklärt sich mit allen Positionen einverstanden und ging dann über zur Beratung des Extraordinariums der Bauverwaltung, in welchem, wie alljährlich, bedeutende Mittel, 8232300 Mark zur Regulierung der Wafferstraßen und Förderung der Binnenschiffahrt gefordert werden. Ueber den Stand der Arbeiten an den einzelnen in Rede stehenden Strömen: Weichsel, Nogat, Elbe, Weser, Rhein, Memel, Reuß, Atmath, Warthe, Havel, Saale, Unstrut, Ems und Mosel — für die Oder werden keine Mittel gefordert — giebt eine dem Hause zugegangene Nachweisung ausführliche Auskunft. Unter Bezugnahme auf dieselbe wurden alle geforderten Summen bewilligt, nachdem die zahlreich in der Kommission anwesenden Kommiffarien des Ministeriums für die öffentlichen Arbeiten über die einzelnen Ströme und die für sie geforderten Summen auf Anfragen Auskunft gegeben hatten. — Weiter fanden die für Seehäfen und Seeschiffahrts-Verbindungen geforderten Summen mit zusaminen 770 000 Mk. die Billigung der Kommission. — Ohne Diskussion nahm die Kommission dann die als fernere Raten geforderten Summen für Wegebauten im Regierungsbezirk Merseburg und für die Bauten am Regierungsgebäude in Breslau, Posen, Lüneburg und Stade an, und erkannte mit Majorität die Notwendigkeit an, zum Ausbau der Dienstwohnung für den Oberpräsidenten in Hannover in dem Gebäude der Finanzdirektion die Mittel zu bewilligen. — Vor der Beratung des Extraordinariums gab die im Ordinarium vorgesehene Gehaltserhöhung der Königlichen Bau-Inspektoren um je 600 Mk. Anlaß zu einer längeren Besprechung, in der allseitig die Notwendigkeit dieser beabsichtigten Gehaltsaufbesserung anerkannt wurde. Die Diskussion drehte sich vornehmlich um die Frage, ob das von der Regierung beabsichtigte Verbot der Uebernahme aller Privatarbeiten seitens der Bau- Inspektoren gerechtfertigt sei; dasselbe wurde mehrfach als ein unbilliges bezeichnet. — An dem heutigen parlamentarischen Diner bei dem Fürsten Bismarck nahmen neben dem Reichskanzler, der Fürstin Bismarck, dem Grafen Herbert Bismarck, dem Grafen und der Gräfin Rantzau teil die Reichstags- resp. Landtags-Abgeordneten Pilgrim, Zastrow, Cuny, Tiedemann, Metzler, Minnigerode, Böttcher,
Fürst Bismarck als Parlamentsredner.
(Schluß.)
Wo zehn andere Redner ein Abstraktum wählen würden, da greift Bismarck nach dem Wort, bei dem das Auge etwas sieht. Daher denn auch seine Neigung zur Bildersprache, zu schlagenden Vergleichen. Des trockenen Tons wird er leicht satt und am liebsten rettet er sich aus der überstaubten, spinnwebgrauen Aktensprache in die Sprache, die am meiste» Erdduft an sich hat: in die des Landjunkers, der er trotz Fürstenkrone und Reichskanzlerwürde im tiefsten Wesen ge- bliebcn ist. Welche nichtssagende Abstrakta auf „ung", „ignng" und „igkeit" hätte jeder städtisch erzogene uud unsinnlich denkende uud sprechende Parlamentarier herausgesucht, um den an sich sehr einfachen oder gar falschen Gedanken auszudrücken, daß die Fortschrittspartei die Borbereitung bilde für die Sozialdemokratie. Allenfalls hätte er noch gesprochen von dem Boden, den die eine der anderen bereite, ohne bei „Boden" nur entfernt an etwas Erdiges, LebenschaffendeS zu denken.
Der „Boden" ist dem aschgrauen Stubenparlamentarier etwas ganz Unsinnliches geworden, er sagt: Der „Rechts, hoben", der „Boden der Umfassung", ohne sich das mindeste dabei klar vorzustelleo. Man hat es so ost vor ihm gesagt und man wird es so tausendfach nach ihm sagen; eS hat gar nichts zu bedeuten, klingt aber immer noch ganz nett. Fürst Bismarck dagegen nennt die Fortschrittspartei die „Vorfrucht" der Sozialdemokratte uud — gerecht oder ungerecht — jeder, der auf dem Lande lebt oder gelebt hat, versteht das Bild, er sieht den EntwickelungSgang, und fortan hastet dieser Vergleich an den beiden Parteien, „so gerne sie ihn auch abschütteln möchten."
„Abschütteln", — auch so ein Bismarck'scheS Wort des Augenblicks, ist in feiner Verbindung mit den „Rockschößeu
des Centrums", an denen angeblich „der Bismarck-Atten- thäter Kullmann hängen" sollte, sehr bekannt geworden.
„Sein Vortrag leidet," sagt man oft, „unter der Undeutlichkeit seiner Stimme." Das ist nicht richtig; er spricht sehr scharf artikuliert; aber er spricht ungleich, bald laut, bald leise. Er vergißt offenbar zuweilen, daß er zu einer großen Menschenmenge und in einem weiten Raume mit schlechter Schallverteilung redet. Oft genug spricht er die allerbesten Sachen wie für sich allein, ganz unbekümmert darum, ob irgend einer außer dem ihm rechts zunächst fitzenden Minister oder dem links lauschenden Stenographen eine Silbe davon verstanden hat. Diese ganz verschieden bemessene Stärke der Stimme bildet die Verzweiflung der Abgeordneten, der Tribünen und selbst der scharfohrigen Stenographen.
Nur in diesem Sinne gilt er den letzteren für den technisch schwierigsten Redner, durchaus nicht wegen seiner Schnelligkeit. Bismarck wird von sehr vielen Rednern an Redegeschwindigkeit weit überttoffen. Die Durchschnittsziffer per Minute beträgt bei ihm 250 Silben, während 300 uud selbst 350 Silben in der Minute noch nicht die höchste Schnelligkeit im Reichstage bezeichnen.
Welches Uebergewicht dem Fürsten Bismarck auch als Sprachbeherrscher, seine Kenntnis von Menschen und Dingen und eine sehr umfangreiche Belesenheit gewährt, das zeigt wohl jede Debatte und am meisten solche, in denen er offenbar im Unrecht oder sonstwie im sachlichen Nachteil ist. Die geniale Art, mit welcher er aus allen Zeitläuften der Geschichte Beweise für seine Ansichten zusammenträgt, im I Fluge und ganz nebenbei, gewiß oft nur mit dem Schein der Jmprovisatton — die sehr glücklichen Treffer im Citire», wobei ihm Latein, Französisch und Englisch so geläufig sind, wie Deutsch — eine unerschütterliche Geistesgegenwart und Schlagferttgkett in der Erwiderung, worin ihn vielleicht nur Eugen Richter übertrifft, — mtt all dem ausgerüstet, kamt
er des Sieges oder doch eines Rückzuges mit vollen militärischen Ehren auf dem Kamfplatze des Reichstagcs stets sicher sein.
Wenn er an dem durch ihn historisch gewordenen vordersten Platz des BundeSratStischeS, rechts vom Präsidenten, sich erhebt und in den Hüften zurechtrückt, die Hand mit dem Notizenblatte nervös zuckend, die Flügel der kurzen, trotzigen Nase gebläht, sprühenden Anges, und dazu sechs Schuh emporgercckt, so wüßte auch der Fremdling, der ihn zum ersten mal sähe und seinen Namen nie gehört, wenn das denkbar wäre, — daß dieser Mann den Blitz des zündenden Wortes zu schleudern vermag. Wir aber, die wir uns Deutschlands Geschicke seit bald einem Menschenalter Überhaupt nicht mehr ohne ihn vorstellen können, — wir sehen hinter dieser hünenhaften Mäuuergestalt hochaufgerichtet den Erfolg, uns alle und ihn selbst, den Schöpfer und den Sohn des Erfolges, mächtig überragend. Und wenn er spricht, so hören wir, wenn wir die Augen schließen und den sterblichen Mann nicht sehen, etwas wie den starken Flügelschlag der Geschichte unseres Vaterlandes.
In einigen Jahren wird der Saal, darin so oft und in so bedeutungsvollen Stunden diese Stimme erklungen, vielleicht verschwunden sein, oder e8 wird statt des deutschen Reichstages das preußische Abgeordnetenhaus darin tagen. Um dieselbe Zeit, wohl gar schon früher, wird eine Sitzung sein, von der es heißen wird, in ihr habe Bismarck zum letztenmale gesprochen. Aber noch den kommenden Geschlechtern wird cs gesagt werden — das spricht fich vom Vater fort auf den Sohn — daß „weder in diesem noch in dem neuen Saale, den mau jetzt draußen vorm Thor aufrichtet, ein Redner ist, dem Fürsten Bismarck gleich an Knust der Rede, wie an KraftI" sDr. Eduard Engel im Rh. CI