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Marburg, Donnerstag, 4. Februar 1886.
XXI. Jahrgang.
Erscheint täglich auhrr ex Werktage« nach Sann- und Feiertagen. — Quartal. Sbonnements-Dreis bei der Expedition 2*/« Mk. bei den Postämter 2 Mk. r« Bfg. (erd. Bestellgeld,. Jnsertionsgebübr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. AeKam n für die Zeile 25 Pfg.
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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Conntagsblatt.
Expedition Markt 21. — Redaktion, Druck und Berlag von Joh. Aug. Koch.
ür die Monate Februar und März werden von allen Postanstalten Bestellungen auf die
Oberhessische Zeitung
mit deren Beiblättern angenommen.
H3T Soweit der Vorrat reicht, wird den Neu- kkstellungen ein Wandkalender für 1886 beigefügt.
Die feige Fahnenflucht der Opposition.
Wer noch im Zweifel über die nationale Bedeutung der Polenfrage war, wird durch die großen Reden des Fürsten BiSmarck am 28. und 29. Januar eines Besseren belehrt sein. Er legte an der Hand der Geschichte in einer auch für den Kurzsichtigsten nicht mißzuverstchenden Weise die Unerläßlichkeit und Beibehaltung unserer heutigen Ostgrenze im Interesse der Sicherheit des Staates und Reiches und die Gefahr klar, welche aus den sich immer mehr ausbreitenden polnischen Elementen unter der Leitung eines jeder Zeit zum Aufruhr bereiten Adels und einer von den großpolnischen Ideen beherrschten Geistlichkeit namentlich für etwaige auswärtige Verwickelungen erwächst. Die Beseitigung des ausländischen Zuzugs, welcher den Zündstoff in jenen Landesteilen ungebührlich vermehrt und die deutsche Bevölkerung aus dem Lande drängt, ist aus diesem Grunde ein Gebot der Staatsnotwendigkeit, das nicht nach vereinzelten Härten bei der Ausführung beurteilt werden darf. An der Rückverweisung der ausländischen Polen sollen sich aber int Geiste der kraftvollen und erfolgreichen Politik Friedrich des Großen und des von Grolmann und Flottwell beratenen Friedrich Wilhelm UL Maßregeln zur Verstärkung der sicheren deutschen Bevölkerung durch planmäßige Ansiedelung deutscher Landwirte und Bauern, zur Wahrung der deutschen Kultur durch Hebung der Schule und Verwendung der besten Kräfte unter den Beamten und Lehrern in jenen Landesteilen anschließen. Liegt die Kolonisation auch schon insofern im Interesse der arbeitenden Bevölkerung, als sie die in der Landwirtschaft überschüssigen Arbeitskräfte abzieht und die industriellen vor ihrer Konkurrenz bewahrt, so haben gerade die breiten Schichten der Bevölkerung, welche von kriegerischen Verwickelungen am Schwersten betroffen werden, den größten Wert auf die Durchführung einer Politik zu legen, welche die Sicherung des Staats und Beseitigung einer steten Kriegsgefahr bezwecken. Das Andenken an die preußischen Soldaten und Landwehrleute, welche als die Opfer einer verkehrten Politik der Milde und Großmut gegen die Polen bei Unterdrückung des polnischen Aufstandes von 18 >8 bluten mußten, lehrt uns die Weisheit unserer Staatsleitung erkennen, welche mit kräftiger Hand der Wiederkehr solcher Vorfälle vorzubeugen bestrebt ist. Was aber soll man über die Kurzsichtigkeit, über den Mangel an Interesse für die Sicherheit des eigenen Landes und Volkes bei einer Opposition sagen, welche sich nicht scheute, auf eine Reihe teils entstellt wiedergegebener, teils
Fürst Bismarck als Parlamentsredner.
(Fortsetzung.)
Indessen, wäre Bismarck selbst nicht der mächtigste Staatsmann der Erde und hätte er selbst ein kräftigeres Parlament zu seinem Schallboden, als den Reichstag, — immer noch wäre er ein Redner, der fich Gehör erzwingen würde durch seine Redekunst.
Es hat ja eine Zeit gegeben in Bismarcks parlamentarischer Vergangenheit, wo er „gar nichts" war, nichts als ein wenig begüterter, nicht hoch verschwägerter und bevetterter märkischer Landjunker und ein Abgeordneter der preußischen Kammer, wie neben ihm mehr als vierhundert andere auch. Und schon damals hat er fich Aufmerksamkeit erzwungen durch die Gewalt seiner Redekunst, mehr als durch die siegreiche Macht seiner Gründe.
Bismarck ist vielleicht der einzige Redner im Reichstage dessen Reden zur deutschen Litteratur gehören, — wobei ich immer wieder betone — wesentlich ihrer künstlerischen Beherrschung der Sprache wegen. Das klingt für den oberflächlichen Leser und den gelegentlichen Zuhörer Bismarck'scher Reden vielleicht übertrieben oder gar falsch angesichts der berüchtigten Häufigkeit der Fälle, in denen „Bismarck aus der Konstruktion fällt." Man darf sogar sagen: die Nicht- vollenduug der Sätze — im Schul - Kauderwelsch: das Ana- kolüth — ist daS bezeichnenste äußerliche Merkmal des BiS- marck'schen Redestils. Aber es giebt Anakoluthe und Ana- koluthe!
Es hat einmal eineu anderen Redner des Reichstags gegeben, den viele Leute für einen der großen, manche gar für einen der größten Redner erklärten. Er ist ein todter Maua, uud da er du guter Mensch, wenn auch kein weiser
völlig erlogener Vorgänge hin die preußische Regierung zu tadeln, weil sie mit kräftiger Hand für die Sicherheit des Landes und Volkes sorgte? WaS soll man von einer Opposition denken, welche in einer Frage der Sicherung unserer Ostmarken das Ausland gegen die Regierung Preußens ins Feld führt? Der Freisinn ist eben unverbesserlich; wie er ohne Bismarcks Staatskunst 1863 Preußen in einen europäischen Krieg gedrängt und zur Lösung seiner deutschen Aufgabe unfähig gemacht, wie er vermöge des famosen Virchowschen Abrüstungsantrages von 1869 Preußen und Deutschland wehrlos der französischen Eroberung preisgegeben hätte, so spielt er noch jetzt ein frevles Spiel mit der Sicherheit Deutschlands, mit Gut und Blut seiner Bewohner, um dem Kanzler gegenüber seinen Diachtkitzel Arm in Arm mit Welfen, Polen und Dänen auszulassen. Nach der vernichtenden Kritik seines Gebahrens fand er den Mut freilich nicht mehr, gegen daS in dem Antrag Achenbach liegende Vertrauensvotum zu stimmen und verließ unter dem Vorwande einer Geschäftsordnungsfrage in feiger Fahnenflucht den Kampfplatz. Das deutsche Volk aber kann Gott danken, daß seine Geschicke von einem Herrscher und einem Staatsmann geleitet werden, welche getreu den Traditionen des Hohen- zollernhauses, sich ganz dem Wohle, der Ehre und Größe des Vaterlandes geweiht haben.
Deutsches Reich.
Berlin, 2. Febr. Se. Majestät der Kaiser hat der Stadt Kulm ein Gnadengeschenk von 6000 Mk. gemacht, als Beisteuer zu den Kosten, welche die Renovation der dortigen katholischen Pfarrkirche, deren Patron die Stadtgemeinde Kulm ist, verursachte. Dieses hochherzige Geschenk ist bereits durch den Landrat v. Stumpfeldt an den Magistrat ausgezahlt worden. — In der Begründung des bekanntlich dem Bundesrate vorgelegten Gesetzentwurfs, welcher die Ausprägung eines Zwanzigpfennigstückes in Nickellegierung bezweckt, ist folgendes ausgeführt: Es wird zuvörderst darauf hingewiesen, daß an Zwanzigpfennig- i stücken, welche nach dem Münzgesetze vom 8. Juli 1873 bisher nur in Silber auszuprägcn waren, bis Ende 1876 im ganzen 35717 923 Mk. hergestellt sind, daß aber von der Fortsetzung dieser Ausprägung abgesehen ist, weil sich schon damals herausstellte, daß die Unterbringung dieser Silbermünzen in den Verkehr, namentlich in Norddeutschland, erheblichen Schwierigkeiten begegnete. Bei der Reichsbank sammelte sich von diesen Münzen eine für den Verkehr nicht verwendbare Reserve von erheblichem Betrage an, und auch bei den öffentlichen Kaffen zeigte sich ein Anwachsen der Bestände in dieser Münzsorte. Demzufolge wurde durch Bundesratsbeschlüffe vom 23. Oktober 1878 und 11. Mai 1883 ein Gesamtbetrag von 8 Millionen Mark in Zwanzigpfennigstücken zur Einziehung gebracht und demnächst in andere mehr gangbare Silbermünzsorten umgeprägt. Infolge dieser Umprägung und des Abgangs
Politiker gewesen, so sei ihm die Nachrede leicht. Eduard Lasker war einer der allerschlechtesten, jedenfalls einer der styllosesten und inkorrektesten Redner, die je ein sprachlich empfindliches Ohr beleidigt haben. Die Unzahl seiner Ana- koluthe entsprang der Unklarheit des Gedankens und der Eitelkeit, möglichst kunstvoll zu sprechen. Diese Absicht rächte sich dadurch, daß statt der Kunst — die Geschraubtheit in seinen Reden herrschte und dazu — wenigstens in den nicht verbesserten Reden — eine Schlampigkeit des Ausdrucks wie des SatzbaneS, daß Einem körperlich elend dabei werden konnte.
Bismarcks Anakoluthe kommen zum geringste» Teile auf ein Versagen des Rede-GedächtnisseS bei langen Sätzen; zum weit überwiegenden Teile sind sie der Ungeduld eines Mannes entsprungen, der außergewöhnlich schnell und schwunghaft denkt und eS doch nicht der Mühe wert hält, alle Bindeglieder sorgsam zurechtzureden zwischen dem ersten Gedanken und dem zweiten. Die Zunge kommt nicht mit, wenn dieses mächtige Hirn arbeitet. Oft genug habe ich die Beobachtung gemacht, wie Bismarck gegen das Ende des Satzes schon dessen Folgerung sich im Kopfe zurechtlegte und wie dann die Zunge, nicht mehr von der Denkkraft unterstützt, sich abquälte, ganz mechanisch, wie tastend, den Satz zu vollenden. Dabei pasfiren ihr denn allerhand wun- derliche Irrtümer, ja sie spricht, während der Kopf den folgenden Satz denkt und in Worte kleidet, geradezu Sinnloses oder doch Falsches, dekltuirt uud konjugirt unrichtig, läßt irrtümlich ein „nicht" weg oder setzt eines hinzu, bis der Redner in seiner Ungeduld uud Verachtung gegen die Kleinarbeit und auch gegen das Lob der Korrektheit deu ganzen Satz sich selber überläßt uud vorwärts eilt, um Schritt zu hatten mtt dem eilenden Gang der Gedanken.
der als nicht mehr umlaufsfähig eingezogenen Stücke hat sich der Umlauf an Zwanzigpfennigstücken auf rund 27 Vt Mill. Mark vermindert. Trotzdem hat der Rückfluß dieser Münzen zu,den öffentlichen Kaffen nicht nachgelaffen, vielmehr bis aufs neue ein Teil der Bestände der Reichsbank als unverwendbar in Reserve gelegt werden müssen. Auch die Um» wechselung von Zwanzigpfennigstücken gegen Reichsgoldmünzen bei den laut der Bekanntmachung vom 19. Dezember 1875 bestimmten Einwechslungsstellen hat im Vergleich zu derjenigen anderer Silbermünzen einen besonders starken Umfang gewonnen, worüber die Motive des Gesetzentwurfs den näheren Ausweis in Ziffern gewähren. Diese Umstände bestätigen die auch anderweit gemachte Wahrnehmung, daß die Abneigung gegen das jetzt geltende silberne Zwanzigpfennigstück wegen seiner Kleinheit und Unhandlichkeit namentlich in den Kreisen der kleinen Gewerbetreibenden und der Handarbeiter, welche in ihrem Verkehr hauptsächlich auf das Kleingeld angewiesen sind, stark und nachhaltig verbreitet ist. — Der Minister der öffentlichen Arbeiten macht in einem Zirkularerlaß vom 26. v. M. darauf aufmerksam, daß bei der Festsetzung der dem Zivilbeamten- Pensionsfonds zur Last fallenden Pensionen bezw. der gesetzlichen Witwen- und Waisengelder Kriegsjahre nur in dem Falle anzurechnen sind, wenn der Beamte im Heere, in der preußischen oder kaiserlichen Marine oder als Zivilbeamter den dafür maßgebenden Voraussetzungen genügt hat. Dagegen ist eine solche Anrechnung gemäß § 17 des Zivilpensionsgesetzes vom 27. März 1872 ausgeschlossen, insoweit der Betreffende vor seiner Uebernahme in das Staats- bezw. Reichsbeamtenverhältnis in einem nur privatrechtlichen Dienst- oder Arbeitsverhältnis anläßlich eines Feldzuges dienstlich verwendet worden ist. — Die einem Geschäfts- oder Fabrikinhaber erteilte polizeiliche Genehmigung zum Besitz von Sprengstoffen erstreckt sich nach einem Urteil des Reichsgerichts, IV. Strafsenats, vom 21. November v. I., nicht ohne weiteres auch auf sein Geschäfts- und Dienstpersonal, selbst wenn der Gewahrsam der Sprengstoffe durch dieses Personal zu den mit dem Besitz verbundenen geschäftlichen Zwecken des Prinzepals unbedingt notwendig ist; vielmehr ist es Sache des Richters, festzustellen, in welchem Sinne der Erlaubnisschein erteilt worden, und auf welche Personen sich die erteilte Erlaubnis nach der ausdrücklichen oder aus den konkreten Umständen zu entnehmenden Willensmeinung der Polizeibehörde erstreckt. Zulässig aber ist die Ausstellung einer allgemeinen polizeilichen Erlaubnis zu dem Besitz von Sprengstoffen dem die Genehmigung Nachsuchenden nicht nur für seine Person, sondern auch für seine Vertreter oder Gehilfen, Arbeiter, Dienstboten, Fuhrleute und Transporteure. — Dem Reichstage ist das Protokoll vom 24. Dezember 1885, betreffend die deutschen und französischen Besitzungen an der Westküste von Afrika und in der Südsee, mit dem bezüglichen deutschen und französischen Notenwechsel zugegangen. — Die „Kreuzzeitung" schreibt: An den zu-
Am glücklichsten ist Bismarck als Redner, wenn er unvorbereitet spricht. Je besser durchdacht uud je reichlicher mit thatsächlichem Material um panzert seine Rede, desto holperiger, ungraziöser der Vortrag, am schlimmsten, wenn er beim Sprechen in der Diplomaten-Mappe oder im Minister-Portefeuille kramt, und geradezu langweilig kann er ‘ werden, wenn er Attenstücke verliest. Aber auch dann weiß er die Langweile durch irgend eine beißende Zwischenbe- merkuug zu unterbrechen and in den trockensten Aktenstyl eine erquickende Arabeske aus dem Eigenen einzuflechten.
Unvorbereitet, kann er htnreißen, andere uud fich selbst. Dann kommt auch am ehesten der Geist über ihn, der die Zunge beflügelt und fie Dinge sagen läßt, von denen er wohl manches nachher gern zurücknähme. Vorbereitet, stockt uud stammelt er am meisten; — auSholeud zum Schlage einer Erwiderung, für die nur die flüchtigste Bleistiftnotiz, auf ein Blatt hingeworfeu, einen Anhalt gewährt, spricht er nicht nur am schnellsten, sondern auch am gewähltesten und doch markigsten.
Bismarcks Organ ist nicht sehr biegsam und umfaßt keine große Tonleiter, eS klingt gerade nicht wie Holz aber auch nicht wie wohttöuendeS Metall. Meist bewegt sich die Stimme in Tonlagen, die für einen älteren Mann als zu hohe bezeichnet werden muffen. Im Ton hat er am meisten Sehnlichkeit mit Virchow. DaS würde sich noch deutlicher zeichen, wenn Virchow ebenso schnell spräche wie Bismarck.
Bismarcks AuSdrncksweise ist grundverschieden von der gewöhnlichen ParlamentSrede. Entsprechend seiner realis- ttschen, mit greifbaren Zielen und praktischen Mitteln ar- bettenden Polttik wählt er seinen Wortschatz mit angeborener Vorliebe ans dem Sinnfälligen.
(Schluß folgt.)