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Marburg, Dienstag, 2. Februar 1886.
XXI. Jahrgang.
Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn-und Feiertagen. — Quartal- Abonnements-Preis bei der Expedition 21/« Mk., bei den Postämter 2 Mk. 50 Pf;, (excl. Bestellgeld). Fnsertionsgebabr für die zelyaltene Zeile 10 Pfg. Äeklamen für die Zeile 25 Pfg.
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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain.—Illustriertes Sonntagsblatt.
Expedition - Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von J oh. Aug. Koch.
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H3* Soweit der Vorrat reicht, wird den Neubestellungen ein Wandkalender für 1886 beigefügt.
Deutsches Reich.
Berlin, 30. Jan. Dem Bundesrate ging ein Gesetzentwurf, betreffend die Ausprägung von 20-Pfennig- Münzen in Nickellegierung, zu, wodurch eine Abänderung des Munzgesetzeö notwendig wird. Der Gesetzentwurf ist damit motiviert, daß die silbernen 20-Psennigstücke sich als unpraktisch erwiesen haben und im Verkehr nicht beliebt seien. — Dem Bundesrat ging, hiesigen Blättern zufolge, der Antrag auf Verlängerung des Sozialistengesetzes zu. — Die Ausschüsse des Bundesrats haben heute die erste Sitzung über das Branntweinmonopol abgehalten. An derselben nahm der bayerische Finanzminister v. Riedel teil. Die Ausschußberatungen werden mindestens zwei Wochen dauern. Von grundsätzlichen Aenderungen der Vorlage ist nicht mehr die Rede. Frühere Gerüchte, wonach die Regierung auf die Verlängerung des Sozialisten- Gesetzes verzichten oder doch Modifikationen desselben Vorschlägen sollte, werden durch die Thatsache widerlegt, daß jetzt beim Bundesrat die einfache Verlängerung auf 5 Jahre beantragt worden ist. — In der Reichstagskommission für den Antrag, betreffend die Verzollung der Petro- leumfäffer hat der Abgeordnete Struckmann folgenden Antrag eingebracht, der Aussicht auf Annahme haben dürfte. Derselbe beantragt, den § 2 des Zolltarifs folgende Bestimmung hinzuzufügen: „Die Umschließung, deren Gewicht bei der Verzollung der Ware in das der letzteren selbst mit eingerechnet ist, unterliegt, mag die Verzollung der Ware nach Bruttogewicht oder nach Nettogewicht erfolgen, einer weiteren besonderen Verzollung nicht. Ist die Umschließung derart, daß sie als fabrik- oder handelsübliche Verpackung nicht anzuerkennen ist, und ist zugleich der auf ihr ruhende Zoll höher, als der auf der Ware selbst ruhende, so tritt, selbst wenn an sich eine Verzollung der Ware unter Zuzug des Gewichtes der Umschließung vorgeschrieben ist, eine getrennte Verzollung der Ware und Umschließung nach Maßgabe des auf jeder derselben ruhenden Zollsatzes ein. Werden Waren, welche nach dem
Ja oder Nein?
Eine Geschichte aus dem Neapolitanischen.
(Schluß.)
Die Bande verließ den Ort und löste sich auf. Michele Lampt stellte sich selbst den Gerichten als Mörder des alten Engländers, saß ein Jahr in Untersuchungshaft und wurde dann von den Geschworenen — gewöhnlicher Fall in Süd- Italien — als nichtschuldig und wahnsinnig erklärt. Er ging frei aus. Aber Michele Lampi war ein gebrochener Mann mit zerstörtem Hirn und geknickter Seele. Nicht vom Knall seiner Büchse, nur von feinem wahnsinnigen Gelächter, voll Selbstverhönung und Verzweiflung erklangen noch die Gebirgsschluchten.
In diesem Augenblick erscholl Hufgetrappel und Stimmen« gewirr auf dem Hofe. Der Capitano hielt inne mit seiner Erzählung und wir traten an die Ballustrade, welche die Plattform des Hauses gegen den Hof hiu begrenzte. AIS wir hinunter sahen, brachen wir in ein herzliches Lachen aus, denn ein Pensionär des Hauses, Mr. Whike war eben hoch zu Maultier eingettoffen, aber du lieber Himmel, in welchem Zustande. Auf den Hals seines Tieres vorgeneigt, hielt er denselben mit beiden Händen umklammert, daß das arme Tier fast erstickte. Die Fühlung mit den Bügeln hatten feine Schuhe längst verloren und er faß mehr auf der Schulter des Tieres, als im Sattel. ES kostete einige Mühe, ihn aus dem Sattel zu heben und halbwegs aufrecht auf die Sohlen zu stellen.
„Was ist Ihnen geschehen, was ist Ihnen zugestoßeu?" bestürmte man ihn von allen Setten. Aber bleich und verstört, mit zittemteu Gliedern, seiner Zunge nicht mächtig, stand er da. Wir führten ihn gleichsam die Terrasse hinauf setzten ihn unter ein blühendes Orleaudergebüsch. Dort kam er nach ünd nach zu sich und konnte uns Folgendes berichten: _
Mr. White hatte sich des Morgens einen Führer ge- Nommeu und war mit ihm über Gragnano den beschwerlichen Weg hinaufgestiegen zur Höhe deS Passes — Sant-Angelo a Quida heißen die Bauern den Ort — um sich an der wilden Natur des Gebirges zu laberu Dort nun, in der Schlucht, wo rechts die langgestreckte La Parata aufchwillt,
Bruttogewicht zu verzollen sind, oder Flüssigkeiten im zum Transport derselben eigens eingerichteten Land- oder Wasserfahrzeugen ohne anderweitige Umschließung eingeführt, so ist behufs der Verzollung dem unmittelbaren Gewicht der Ware selbst ein der gewöhnlichen Verpackungsart entsprechender, vom Bundesrate festzustellender Gewichtszuschlag hinzuzufügen.
— 31. Jan. Der „Moniteur de Nome" schreibt, daß der Reichskanzler sich zu einer erweiterten Revision der Maigesetze entschlossen habe, um in der Frage des Branntweinmonopols die Unterstützung des Zentrums sich zu sichern; beide, die Revision der Maigesetze und das Branntweinmonopol, würden gleichzeitig in Beratung genommen werden. Die „Nordd. Allgem. Ztg." bemerkt hierzu: Wir sind in der Lage, diese Mitteilung des römischen Blattes als eine irrtümliche zu bezeichnen. Das Branntweinmonopol und die Revision der Kirchengesetze stehen in gar keinem Konnex zu einander. Ersteres gehört vor das Forum des Reichstags, die Revision der Maigesetze muß von dem Landtage beraten werden, und es liegt nicht in der Absicht der Regierung, beide Vorlagen in irgend welche Abhängigkeit von einander zu bringen. Sie wird weder die Konzessionen, die sie auf dem Gebiete der Maigesetze machen kann, den katholischen Untertanen des Königs für Reichstagsvoten verkaufen, noch auch, um die Reichsfinanzen zu verbessern, irgend welche unentbehrlichen Rechte preisgeben. Das, was sie glaubt auf kirchenpolitischem Gebiete nachgeben zu können, wird sie freiwillig geben und hätte es schon seit Jahren gegeben, wenn nicht die aggressive Haltung der Zentrumsfraktion stets derart gewesen wäre, daß man die Konzessionen der Regierung als Ergebnis der Bedrohung und Beschimpfung, die die Regierungspolitik von dieser Seite her erfuhr, hätte auf- faffen können. Nicht nur ihre Würde, sondern auch das Staatsintereffe verbieten es der Regierung, dem Anschein Raum zu geben, als ob eine feindliche und drohende Haltung das Mittel wäre, um ihr Konzessionen abzuzwingen, die sie nicht freiwillig im Staatsintereffe gegeben haben würde. — Der Direktor der Staatsvogtei, Herr von Bennigsen-Förder, ist heute gestorben.
Straßburg, 30. Jan. Bei dem Statthalter fand heute ein Diner statt, welchem die Mitglieder des Landes- Ausschusses und die Spitzen der Behörden beiwohnten. In seiner Ansprache erinnerte der Statthalter daran, daß er selbst einer parlamentarischen Körperschaft angehörte, er
während links das massenhafte Gestrüpp des Piano di Perillo herüberwuchert, geschah ein Entsetzliches.
Aus den Büschen hervor brach plötzlich eine wilde düstere Riesengestalt, von dunklem Mantel umflattert, den zerlumpten Filz tief über die umbuschten Augen herabgezogen. Mit einem wahren Siebenklafternschritt — so erzählte Mr. Mhite — stand der Unhold vor dem nichtsahnenden Wanderer, hielt ihm eine Pistol vor die Brust und rief mit Donnerstimme: „Ist Dein Rock grün oder blau? Ja oder Nein?"
Der überraschte Brite konnte sich int Momente des ersten Schreckens über den Sinn oder Unsinn der grotesken Frage wohl nicht klar werden, nur die furchterregende Betonung derselben war ihm deutlich genug, und noch mehr das Knacken des Hahues vor seiner Brust.
„Ja!', stöhnte er also aufs Geradewohl, denn wer würde wohl einem solchen Frager mit keckem Nein zu begegnen wagen? Der Schwarze aber, wie er das „Ja" vernahm, senkte seine Pistol, schlug eine teuflische, wilde Lache auf, daß die ganze Schlucht wiederhallte und war plötzlich verschwunden mit einem einzigen Schritt, wie er gekommen. Mehr tot als lebendig, erreichte Mr. White feinen Wohnort; ein Glück, daß das Maultier den Weg kannte, denn der Führer hatte sich nur zu rasch aus dem Staube gemacht und den Juglese seinem Schicksale über« lassen.
„Der verrückte Michele war's", sagte der Kapttano gleichmütig. „Das ist so seine Art. Mit einet ungeladenen Pistole weglagert er in dem Gebirge, dessen Schrecken er einst gewesen, und häll die Fremdlinge an mit einer beliebigen sinnlosen Frage, die regelmäßig mit „Ja oder Nein?" schließt, obgleich sie wedn mit Ja noch mit Nein zu beantworten ist. Natürlich antwortet ihm jeder mit Ja, worauf er ein schrilles Gelächter ausstößt und verschwindet. Er ist eine Art Sphinx dieses Gebirges und gibt jedem ein Rätsel auf; dabei ist er ganz ungefährlich. Jedoch glaube ich, daß er zuletzt doch noch seinen Oedipns finden wird, der ihn in der ersten Ueberraschung über den Hansen schießt. Armer Teufel!"
vertraue auf den gesunden Sinn und die politische Erfahrung des Landesausschuffes; er wolle kein politisches Programm entwickeln; denn selbst ein Staatsmann, der die Macht habe, Versprechungen zu erfüllen, wisse nicht, ob die Verhältnisse deren Durchführung gestatteten. Wer aber, wie er, mit Faktoren rechnen müsse, die außerhalb der Sphäre seiner Einwirkung ständen, müsse doppelt vorsichtig sein. Das beste Programm sei eine gute Verwaltung, darin erblicke er zunächst seine Aufgabe, er werde sie zu erfüllen suchen mit Gewissenhaftigkeit und Pflichtgefühl, mit dem Gefühle des Dankes für das Vertrauen, das das Land ihm entgegengebracht habe.
Ausland.
Rom, 30. Jan. (Deputiertenkammer.) In Beantwortung einer Anfrage Maurigi's erklärte der Minister des Auswärtigen, Graf Robilant: Italien werde in Massauah auf dem von ihm betretenen Wege fortschreiten. Die Organisation daselbst werde sich allmälig vollziehen; es bedürfe Zeit, um die Verfassungsmäßigkeit dieses Besitzstandes zu regeln; man sei gegenwärtig im Begriffe, nach Maßgabe der gewonnenen Erfahrungen die Justiz- Verhältnisse zu ordnen. Der Minister deutete an, was in dieser Richtung bereits geschehen sei und erklärte, die Regierung habe nicht die Absicht, die Aktion auszudehnen oder deren Charakter zu ändern; man werde sogar, sobald dies immer möglich sei, die Garnison verringern und dies werde ein Beweis für das erlangte Ansehen sein. Die Mission des Generals Pezzolini sei nur die Erfüllung eines vom Könige dem Negus von Abyssinien gegebenen Versprechens, als ihm die Besetzung Massauah's angezeigt worden sei. Die Mission habe einen politischen Charakter, nämlich den, die freundnachbarlichen Beziehungen mit Abvssinien enger zn knüpfen und dem Negus begreiflich zu machen, daß Italien mit ihm in guter Eintracht zu leben wünsche und nicht dulden würde, wenn er seinerseits anders vorginge. Der Umstand, daß ein General an den Negus abgesandt worden, habe nichts Erstaunliches; sei doch von Seiten Englands ein Admiral an ihn abgeschickt worden. Was die Konsular-Jurisdiktion in Massauah angehe, so werde man sich, wenn es nötig werde, zu ihrer Regelung mit den Mächten zu verständigen suchen. Der Interpellant Maurigi dankte dem Minister für die gegebenen Aufklärungen.
Paris, 30. Jan. (Senat.) Ravignon bringt einen Artikel des „Röpublieain franeais" zur Sprache, welcher den Konservativen die Ermordung des Präfekten Barvme zuschreibt und fordert die Repuplikaner zur Widerlegung auf. Der Justizminister Demole tadelt den Artikel, fügt jedoch hinzu, daß die Leidenschaftlichkeit der Sprache bis zu einem gewissen Grade in der provozierenden Haltung des royalistischen Journals von Landes ihre Erklärung finde. Ravignon erwidert, er erhebe gegen die Regierung den Vorwurf, daß sie sich zum Mitschuldigen des Artikels des republikanischen Blattes mache, indem sie den Druck desselben zuließ. (Lebhafte Protestattou auf der Linken.) Schließlich nahm der Senat mit 197 gegen 66 Stimmen eine Tagesordnung an, welche die Erklärungen des Justiz- ministers billigt. — Die französischen Kardinäle Guibert, Caverot und Desprez haben an den Präsidenten Grevy ein Schreiben gerichtet, in welchem sie gegen die Anschuldigungen protestieren, die in der ministeriellen Deklaration wider den französischen Klerus erhoben werden. Das Schreiben konstatiert den Ernst der Lage vom religiösen Gesichtspunkte aus, tadelt die vereinzelten Handlungen einiger Geistlichen, welche in dem Wahlkampfe die ihnen durch ihr Amt gezogene Grenze vergessen konnten, und weist des weiteren darauf hin, ba§, der Papst erst vor kurzem daran erinnert habe, wie die Kirche keine Regierungsform an sich ablehne. Das Schreiben schließt: Dies wirb stets die Regel für unsere Haltung gegenüber dem Staate sein und wir können nicht gestatten, daß man unsere Liebe zum Vaterlande und unsere Hingebung an dasselbe verdächtige.
London, 29. Jan. Bei der Ersatzwahl in Süd- Edinburg wurde für den verstorbenen Liberalen Harrisfon der Liberale Childers mit 4029 Stimmen gewählt, gegen den Konservativen Polwarth, der 1730 Stimmen erhielt. Die Königin betraute Gladstone mit der Bildung des neuen Kabinetts. — Gladstone, welcher sich am Montag nach Osborne begiebt, hielt heute nachmittag eine Beratung mit den Führern der liberalen Partei ab. Wie verlautet, hat Gladstone eingewilligt, in das Kabinet zu treten.
Bllkareft, 30. Jan. Der König unterzeichnete ein