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Marburg, Sonnabend, 30. Januar 1886.
XXI. Jahrgang.
Erscheint täglich außer an Wer klagen nach Sonn- und Feiertagen. — Quartal» Ubonnements-Drers bei bet Expedition 2*/< W! . bet wg Postämter 2 'Bit. 50 (excl. 'Beft.^gelb). qmsertions»ebübr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. Seftom n für die Zeile 25 Pfg.
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Anzeigen nimmt entgegen bie Expedition b Blattes, sowie b.Annoncen-Bureaux von Hoasenstein unbPogler in Frankfurt a. 9)i, Caffel, Magdeburg urb Wien; Rudolf Moffe in Frankfurt a M,Berlin,Vünchenund Köln; G. L. Daube und *'o. n Sranksurt a. M-, Berlin, Hannover u.Paris.
Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.
Expedition- Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
Äür die Monate Februar und März werden von (j allen Postanstalten Bestellungen auf die
Oberhessische Zeitung
mit deren Beiblättern angenommen.
Soweit der Vorrat reicht, wird den Neubestellungen ein Wandkalender für 1886 beigefügt.
Deutsches Reich.
Berlin, 28. Jan. Die Reichstagskommission für den Bau des 'Nord Ostsee-Kanals setzte gestern abend zunächst die Debatte über § 3 (Kanalabgaben) fort. Abg. Brömel hatte beantragt, daß die Festsetzung des Abgabentarifs durch Gesetz erfolgen solle, während die Regierungsvorlage diese Festsetzung lediglich durch den Bundesrat bewirkt wissen wollte.' Aus der Debatte ist nur hervorzuheben, daß Staatssekretär v. Bötticher den Antrag zwar als unzweckmäßig bekämpfte, aber die Erklärung abgab, daß nach seiner persönlichen Ansicht das Gesetz hieran nicht scheitern könnte. Eine längere Diskussion entstand über die Frage, ob der Bundesrat auf Grund seiner Stellung als ausführende Instanz an und für sich zur Erhebung solcher Gebühren berechtigt sei, wenn nicht das Gesetz selbst eine andere Bestimmung treffe. Diese Frage wurde vom Staatssekretär von Bötticher bejaht, von den Abgg. Dr. Hänel, Brömel und Francke verneint. Ein solches Recht zur Erhebung von Gebühren sei durchaus nicht in der Reichsverfassung begründet, vielmehr müsse in jedem einzelnen Falle dem Bundesrat die Ermächtigung hierzu erst erteilt werden. Schließlich wurde der Antrag Brömel mit 12 gegen die 6 Stimmen der Konservativen (Abg. Dr. Hammacher fehlte) angenommen, nachdem vorher noch durch ein Amendement des Abg. v. Schlieckmann die Abgabefreiheit der „zur Verwaltung" gehörigen Schiffe gesichert worden war. $ 3 hat nunmehr folgende Fassung erhalten: „Von den nicht zur kaiserlichen Marine und zur Verwaltung gehörigen Schiffen, welche den Kanal benutzen, ist eine entsprechende Abgabe zu entrichten; die Festsetzung des hierfür zu erlassenden Tarifs bleibt weiterer gesetzlicher Regelung vorbehalten." § 4: „Die vom Reich auf Grund dieses Gesetzes alljährlich zu verwendenden Beträge sind in dem Reichshaushaltsetat des betreffenden Jahres aufzunehmen", passierte ohne Debatte, und schließlich wurde das ganze Gesetz einstimmig angenommen. Zur Diskussion gelangte alsdann noch die folgende vom Abg. Hasenclever vorgeschlagene Resolution: „Die verbündeten Regierungen aufzufordern, bei Uebertragung des Kanalbaues an den preußischen Staat die Bedingung zu stellen, daß die bei dem Bau des Kanals beschäftigten Arbeiter mindestens den in der Provinz Holstein üblichen durchschnittlichen Tagelohn erhalten." In der Debatte wurden im wesentlichen dieselben Gesichtspunkte vorgebracht wie bei der ersten Erörterung. Bei der Abstimmung siel die Resolution mit allen gegen die Stimme des Antragstellers. — Die Kommission für den Antrag Jazdzewski beschloß, die Annahme
Ja ober Nein?
Eine Geschichte aus dem Neapolitanischen.
Ich saß auf dem flachen Dache der schönen, englischen Pension oberhalb Castellaware am Golf von Neapel und starrte nachdenklich hinab in die azurnen Gewässer und hinauf in die azurnen Lüste, deren vereinter Abendhauch mir kühlend um die Stirn fächelte. Es wurde eine Art Kriegsrat gehalten, ob es denn ratsam sei, morgen um Tagesanbruch die siebenstündige Fußwanderung nach Amalfi hinüber zu unternehmen. Die Partie war lockend genug. Immergrüne Eichen- und Kastanienwälder wechseln ab mit halbstundenlangen kühnen Treppenfluchten über romantische Steinwände. Nur leitet ist der Weg nicht ganz sicher. Es kann Einem leicht passieren, daß man an einen immergrünen Eicheuast gehängt und bann von den Herren Briganten als Zielscheibe für schlechte Witze und gute Kugeln benutzt wird. Auch kann man ins Gebirge geschleppt und nur um ein Lösegeld von so und so viel Tausend Lire wieder freigelassen werden, womit sowohl der Waldesschatten, als auch die Sonnenglut zu teuer bezahlt wäre. Kein Wunder daß wir uns die Sache reiflich überlegten.
Der gute, dicke Eapitauo der Carabinieri von Castellaware, der mit uns zusammen gespeist hatte, suchte uns zu beruhigen. Seit 1865 sei ja kein Mensch ermordet worden, und er wolle uns gern ein halbes Dutzend Sarabinieri zur Sicherheit mitgeben, obwohl dieselben keine Patronen verschießen würden. Im schlimmsten Falle würden wir dem verrückten Michele begegnen, der zwar.„so thut, als ob er so thäte," aber auch nichts weiter.
„Was ists, mit dem verrückten Michele?" fragten wir
des § 187 des Gerichtsverfassungsgesetzes in folgender Fassung zu empfehlen: Wird unter Beteiligung von Personen verhandelt, welche der deutschen Sprache nicht mächtig sind, so ist ein Dolmetscher zuzuziehen. Die Führung eines Nebenprotokolles in einer fremden Sprache findet nicht statt.
München, 28. Jan. In der Abgeordnetenkammer erklärt der Minister auf die Interpellation des Abg. Kopp, betreffend das Branntweinmonopol: Der Entwurf sei vorläufig noch nicht einmal im Bundesrate festgestellt und bewege sich überdies auf einem Gebiete, bezüglich dessen ein baierisches Reservatrecht bestehe. Die Regierung werde dem sowohl vom Standpunkte der Finanzgebarung des Reiches, der Einzelstaaten und der Gemeinden, als auch von landwirtschaftlicher Seite sehr beachtenswerten Monopol- Entwürfe ihre größte Aufmerksamkeit zuwenden. Falls der Entwurf aus den Beratungen des Bundesrats und Reichstages derartig gestaltet hervorgehe, daß seine Einführung in Baiern wünschenswert oder notwendig sei, werde die Regierung nicht ermangeln, vor Abgabe einer zustimmenden Erklärung den Landtag im Hinblicke auf die bei der Beratung der Versailler Verträge gegebenen Zusicherungen zu befragen.
Ausland.
Wien. 28. Jan. Wie die „Polit. Korresp." meldet, wird Fürst Alexander als Gouverneur von Rumelien zum Mufcher ernannt, den Titel eines Pascha führen und demnächst eine Reise nach Konstantinopel zur Huldigung feines Lehnsherrn antreten, dabei jedoch nicht den Fez, sondern den Kalpak des türkischen Reitergenerals tragen, der dem bulgarischen Kalpak gleicht. Burgas erhalte eine türkische Besatzung unter dem Befehl des Fürsten Alexander, ferner verpflichte sich Bulgarien, auf Verlangen ein Hülfs- korps zu stellen, über dessen Höhe die Angaben zwischen 50= und 80000 Mann schwanken. Alle grundlegenden Punkte gelten geregelt; die verfassungsmäßige Vereinigung durch Delegationen wäre zufolge der „Polit. Korresp." noch nicht völlig vereinbart. Nach der „Neuen Freien Presse" würde Alexander der Stellvertreter des Sultans für Rumelien und hätte seinerseits den Generalgouverneur zu ernennen. Serbische Kreise wiederholen, daß ein Vertrag mit Griechenland nicht bestehe; jedoch würden Serbien und Griechenland gemeinsam vorgehen, wenn die Friedensverhandlungen erfolglos bleiben. Den Anlaß biete ein türkischer Treubruch, da die Pforte formell versprochen habe, daß sie die Teilnahme der ostrumelischen Truppen am Kriege nicht gestatten werde. Gegenüber der bulgarischen Ableugnung wurde neuerdings bestätigt, daß 80 Unteroffiziere und 16 Offiziere auf der Reise von Rußland nach Sofia durch Bukarest gekommen sind. — Der Wasserstillstand des Marosflusses im Arader Kräder Koinitat ist in raschem Sinken begriffen; die Gefahr ist von den schwer bedrohten Orten Lippa und Radna abgewendet. Die Bewohner kehren in die Dörfer zurück.
London, 28. Jan. Lord Nowton, welcher im Auf-
Alle, ein Stuck neupolitaniicher Romantik witternd. Der Copitano ließ sich nicht lange bitten und erzählte Folgendes:
In den sünziger Jahren war Michele Lampt von Sca- rinakojo einer der gefährlichsten Banditen Unter - Italiens. Er war eine Art König von Neapel, sein Zepter war die Büchse, seine Krone der Kalabreser, fein Thron der Monte- Sant-Angelo, seine Residenz.... überall und nirgends.
Er war ein schöner Bandit, schwarz wie der Teufel und heiß wie eine zweitägige Lava. Sein Wort war Tod, so sagten die Grundbesitzer vom Monte Pendolo und Monte Albino; aber sein Kuß war Leben, so sagten die Mädchen und jungen Frauen. Das Gold zog sein Blei an, wie das Eisen der Magnet, die fettesten Lords fielen in feine Metze: an feinen Händen klebte viel Blut, aber er brauchte doch keine Handschuhe zu tragen, denn König Ferdinand war ein guter Herr und die Excelleuzeu in Neapel ließen mit sich reden.
Eines schwülen Nachmittags rollte eine dreispännige gedeckte Kalesche auf der staubigen Chaussee vom Flecken Battipaplia zum nahen Flusse. Am Ufer hielt das schweißtriefende Dreigespann, um von dex Fähre übergeholt zu werden, aber nicht die Fähre kam, sondern hinter dem halbzertrümmerten Landpfeiler der nahen Brücke stürzte eine bewaffnete Schaar hervor. Der Kutscher warf sich in Todesangst anss Gesicht, Schüsse knallten und ein alter Herr, der aus dem Wagen gesprungen war, lag tot in seinem Blute.
Michele Lampi riß den Wageuschlag auf. In der Ecke lag laut schluchzend ein junges Mädchen. Das heftige Weinen hob und erschütterte die feinen Formen und strömte sichtbar durch alle Fiebern des Mädchens, und in ihrem
trage des Kabinetts den Beschluß, zu demissionieren, der Königin überbringen sollte, erhielt im Augenblicke der Abreise ein Telegramm, wonach die Königin wegen der vorgerückten Stunde wünschte, daß die Abreise auf heute verschoben werde. — In Haydon wurde anstatt des zum Richter ernannten Grantham der konservative Herbert mit 5205 Stimmen zum Mitglied des Unterhauses gegen den Liberalen Bayton gewählt, welcher 4458 Stimmen erhielt. — In radikalen Kreisen wird der Eintritt Hran- villes, Roseberys, Spencers, Kimberleys, Chamberlains, Childers und Mundellas ins neue Kabinett als sicher hergestellt, Trevelyan, welcher in der irischen Frage unbeugsam ist, hofft man durch vorläufige Offenlassung des Home Rule-Programms zu gewinnen. Die besorgniserregende Abwesenheit von 57 Liberalen bei der Abstimmung, worin ein Widerspruch gegen Gladstones irische Absichten erkannt wird, erklären die Radikalen dahin, daß die Einpeitscher nur dreifach, nicht vierfach unterstrichene Einladungen unterschrieben hatten, — Die griechische Flotte ist gestern bei der Insel Milo angekommen. Die englische Flotte wird am Sonntag folgen; ihr Endziel ist Kreta, und zwar zunächst die Suda-Bai.
Kopenhagen, 28. Jan. Anläßlich des königlichen Erlasses vom 26. Januar, wodurch die Regierung ermächtigt wird, die fortlaufenden Staatsausgaben zu leisten, brachte die Linke im Folkething heute einen Antrag ein, worin sie gegen diesen Erlaß als einen angeblichen Ver- fassungsbruch protestiert.
Belgrad, 28. Jan. Mijatovic ist am Sonnabend zu den Friedensverhandlungen nach Bukarest abgereist.
Athen, 28. Jan. Das Ministerium soll gestern abend erklärt haben, es werde sich dem Willen Europas fügen und vor seinem Rücktritte die Geschäfte noch fortführen.
Hessen-Nassau.
Marburg, 29. Jan. In dem gestrigen Konzert des Fräulein Kurzrock und der Herren Herzog, Soldau und Lorch fanden wir den Rus, der den beiden erstgenannten Künstlern vorausging, im großen und ganzen bestätigt doch schien die Stimme der Fräulein Kurzrock unter dem für Sängerinnen so nachteiligen Witterungseinfluß zu leiden, auch war die Wahl der Lieder keine besonders geschickte, immerhin sand die verehrte Künstlerin von dem gerade nicht sehr zahlreich anwesenden Publikum lebhafte Anerkennung. Herr Herzog hätte zum Beginn des Konzerts auch eine andere Piesse als die Beethoveusche Sonate wählen sollen, mindestens hätte dahin eine Sonate für Klavier und Geige oder ein Trio gehört, das eine ober das andere hätte die Teilnahme für das Konzert gewiß weit mehr angeregt. Viel Fertigkeit und Virtuosenspiel entfaltete der Künstler in der „Aufforderung zum Tanz" von Weber-Tausig, und wurde dafür auch mit lebhaftem Beifall belohnt. — Von unseren beiden heimischen mitwirkenden Künstlern spielte Herr Svldan eine Para-
reichcu, goldigen Haar spielte heiter und lachend ein Strahl der heißen kampanischen Sonne.
Ein unheimliches, brennendes Feuer sprühte in Micheles Augen auf. Seine Lippen zuckten, aber er schwieg doch; trotzig warf er den Schlag zu, stieg auf den Bock, hieb tu die Pferde ein und jagte dem Gebirge zu.
Mit gellendem Hilferuf fuhr jetzt ein blonder Mädchenkopf zum Schlage hinaus. „Vater, Vater l" aber die Kugel eines hinterdrein sprengenden Räubers fauste ihr dicht am Kopfe vorbei, so daß sie erschreckt in ihren rollenden Kerker zurückwich.
Am Fuße des Gebirges wurde Halt gemacht; Michele Lampi zwang fein Opfer, den Wagen zu verlassen und ein Maultier zu besteigen. So gings durch pfadlose Hochwasser» schlachten, über Blöcke und Geröll bergan. In einer Felsen- einöde endigte der Weg. Dahin wurde alle Bente geschafft auch die englische Miß.
Michele Lampi stand vor dem Mädchen, das sich müde auf einen Felsen niedergelassen hatte und verschlang fie mit glühenden Augen.
„Nenne mein Lösegeld, Mörder," sagte das Mädchen mit abgewandtem Gesicht, „ein Federzug von mir verschafft eS Dir.'
„Madonna," entgegnete der Ränder, „es bedarf hier keines Federzuges, sondern nur der Hand. Gold und Silber hat Michele Lampi genug, er braucht das Eure nicht. Euer Lösegeld aber, Madonna, das seid Ihr selbst." Wie von einer Natter gestochen wandte sich das Mädchen plötzlich au den Mann, einen Blick glüheuster Verachtung warf sie ihm zu, dann aber stieg das Bild ihrer Lage in seiner ganzen Hoff, mmgslosigkeit vor ihr auf und bewußtlos sank sie zu Boden.
(Schluß folgt)