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Marburg, Donnerstag, 28. Januar 1886.

sr*. 93.

XXI. Jahrgang.

trfdKint täglich außer es Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Ouartal- Lbvnnements-Preis bei der Expedition 2*/i Ml, bei den Postämter 2 'BH. 50 Pfg. texcl. Best-llgeldj. Insertionszebabr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. Kellam n für die Zeile 25 Pfg.

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Anzeigen nimmt entgegen die Expedilion d Blatte-, sowie d.Ännencen-Bureaur von Hoasenstein undVogler in Franlsurt a. M. Cassel, Magdeburg und Wien, Rudolf Moste in Frankfurt a M., Berlin,München und Köln; G. L. Daube und *' o. n iirantfurt a. M. B- rlin, Hannover u.PariS,

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain.Illustriertes Sonntagsblatt.

Expedition Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.

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Atür die Monate Februar uird März werden von ö allen Postanstalten Bestellungen ans die

Oberhessische Zeitung

mit deren Beiblättern angenommen.

Soweit der Vorrat reicht, wird den Neu- bestellungeu ein Wandkalender für 1886 beigefügt.

Zur Lage.

Während die liberale Presse sich einerseits in wohl­feilem Spott darüber ergeht, daß man auf konservativer Seite durch die jüngste Erklärung des FinanzininisterS von Scholz gegen die internationale Doppelwährung ver­stimmt ist unterläßt eben dieselbe Presse es anderer­seits nicht, jede, auch die kleinste Kundgebung zu sammeln, welche sich so oder so gegen den Bimetallisinus verwerten läßt. Danrit zeigt sie unwiderleglich, daß sie ihrer eigenen Versicherung durchaus kleinen Glauben beimißt, wonach nun alles zu Ende und die Goldwährung bis ans Ende der Dinge gesichert sein soll. Die Unruhe dauert fort und wir denken, daß das seine guten Gründe hat. Für die einzige Quelle alles wirtschaftlichen Nebels halten wir die Währungsverhältnisse keineswegs. Wenn in der konser­vativen Presse hervorgehoben worden ist, daß die Ein­führung der internationalen Doppelwährung von den Ver­tretern der Landwirtschaft zur Zeit als das einzige Aus­kunftsmittel angesehen wird, so ist der Accent hier auf das:zur Zeit" zu legen. Wir können nicht immerfort mit neuen Zollerhöhungen kommen, von denen wir über­dies überzeugt sind, daß sie ohne Zuhilfenahme der inter­nationalen Doppelwährung nicht die erwartete Wirkung haben Weshalb nicht, ist bei den jüngsten Verhandlungen über die Notlage der Landwirtschaft im Reichstage und im Abgeordnetenhause eingehend dargelegt worden, daß wir nicht wieder darauf zurückzukommen brauchen. Der Ab­geordnete Bamberger hat diese Gründe in seiner Rede am 22 d. M. zwar in sehr wegwerfendem Tone behandelt und ihre Widerlegung in nahe Aussicht gestellt. Vou dem Vater der deutschen Goldwährung läßt sich aber nichts anderes erwarten, teilte Gründe, die wir von der De­batte des 6. März 1885 übrigens hinreichend kennen, werden deshalb niemand überzeugen, der nicht schon von vornherein überzeugt sein will, sei es, daß sein doktrinäres Wesen ihn dazu führt, sei cs, daß er durch sein In­teresse an die Goldwährung geknüpft ist, oder daran geknüpft zu fei» glaubt, wie das auch sehr häufig vorkommt. Wenn Ur. Bamberger meint, die Bime­tallisten sollten Gott danken, daß sie keine Gelegenheit bekämen, ihre Grundsätze praktisch anzuwenden, weit die Bankerotte derselben die unmittelbare Folge sein würde, so ist das von seinem Standpunkte sehr unzweckmäßig gehandelt. Das Gegenteil sollte er herbeiwünfchen, weil in wirtschaftliche» Dinge» zumal Probieren über Studieren geht. Darauf wird er freilich die Antwort zur Hand

sNachbruck verlöten.)

Durchs Wasser.

Humoreske von Karl Schoch.

Es war im Frühling anno Domini 18... In der alten Musenstadt Marburg, die so herrlich an ihren Burgberg angelehnt, bespült von den silberhellen Wellen der Lahn enb umschirmt von waldgeschmückten Höhen, war mit dem neuen Semester frisches Leben erwacht, lieber den Marktplatz stolzierten wieder die Studenten, die bunten Mützen auf den wallenden Locken, mit den langen Pfeifen und den rie­sigen Reitstiefeln mit Pfundspoien. Die ehrsamen Philister besprachen schon wieder am Stammtisch die neuesten Stück­lein, die von den lustigen Bursch n allnächtlich vollführt.

Dicht unter dem Schloß, in dem mit altertümlicher Giebel- front geschmückten Haufe, zu dem mehrere Steintreppen führten, wohnte die verwitwete Frau Dr. Schwarz.

Das gemütliche Erkerzimmerchen, das sie zu vermieten hatte, mit bei blauen Tapete und den Blumenbrettchen vor den hellen Fenstern war von jeher ein seitens der Söhne her ahna mater vielbegehrtes Studierstübchen gewesen. Die Aussicht war entzückend und die Frau Doktor wartete ihrer Hausgenossen fast wie eine Mutter. Freilich hielt sie streng darauf, nur honette Herren zu haben; am liebsten nahm sie die Jünger der Gottesgelehrtheit oder der Philosophie, hatte doch einst auch ihr Seeliger vom Katheder herab seinen lauschenden Schülern mit hoher Begeisterung die Lehren Platos und anderer doziert.

Ihrem diesmaligen Mieter nun war die würdige Matrone ganz besonders zugethan.

Benzy GiulaS war feit dem Frühjahr aus seiner Heimat, fern in der weiten Putzta Ungarns, nach Marburg gekommen, um sich daselbst theologischen und philosophischen Studien

haben, daß er das Land nicht die Kosteir eines solchen Experimentes tragen lassen wolle, aber das ist eine wohl­feile Ausflucht. Wenn den Fanatikern der Goldwährung nicht um den Ausgang bange wäre, würden sic vor dem Versuche nicht zurückscheuen. Als e8 seiner Zeit galt, ihr System einzuführen, das damals doch arrch einen Sprung ins Unbekannte bedeutete, haben sie gar fein Bedenken ge­tragen, diesen Sprung zu thun.

Deutsches Reich.

Berlin, 26. Jan. Der Kaiser konferierte heute nachinittag mit dem Reichskanzler. Dem Herrn Reichs­kanzler ist, wie bereits mitgeteilt, von der Straß­burger Studentenschaft nachstehendes Telegramm zuge­gangen:Straßburger Studeiitenschast, zur Feier der Wiedererrichtung des Deutschen Reiches bei feierlichem Kommerse versammelt, sendet denr deutschen Manne des Rates und der That, der Treue und der Zähigkeit be­geisterten Heilruf." Die Größe des Fürsten findet ein immer begeistertes Echo in dem lebhaften Empfinden der akademischen Welt, die offen oder geheim, in überwäl­tigender Majorität zu den bewundernden Anhängern des Fürsten und damit der Regierung, ganz im Gegensatz zu ihren vorhergehenden Generationen, zählt. Der Jugend gehört die Zukunft, und so wird dieser Umschwung der politischen Durchschnittsgesinnung auf den Hochschulen noch eine reiche Saat reifen, wenn erst dieselben Männer, die jetzt noch an ihrer geistigen Ausbildung arbeiten, zu politischen Leiter» des deutsche» Volkes berufe» sein wer­den. Dann wird sich daö in der Geschichte ost zu beach­tende, versöhnende Schauspiel wiederholen, daß die Ideen eines großen Mannes, bekämpft und ringend mit der Gegenwart, noch eine glänzende Nachblüte erfahren. Un­serer akademischen Jugend wird auch im Alter »och der Keru leuchten, der die gährenden Ansichten ihrer Stndenten- zeit geleitet hat, sie wird lebenslang mit einer unvertilg­baren Dankbarkeit für die nationale» Erfolge unserer jetzigen Regierung eine streng monarchische, eine bewußt christliche, eine unerschütterlich deutsche Gesinnung zu be­wahren wissen. DieVoss Zig." schreibt:Der Prinz Albrecht hat es verstanden, in der kurzen Zeit seiner Re­gentschaft die Zuneigung der Braunschweiger vollständig zu erobern. Selbst enragierte Welsen geben zu, wen» nun doch einmal der Herzog von Cumberland von der Regierung ausgeschlossen werde» solle, der Regent kein besserer als der Prinz Albrecht habe gefunden werden können. Die bekannte liebenswürdige Art und Weife, die allen Hohenzvllern eigen ist, hat auch hier ihre Wirkung nicht verfehlt. Die Gegensätze treten aber auch gerade in dieser Beziehung im Vergleich zu dem verstorbenen Herzog, der cs bekanntlich geradezu vermied, sich irgendwo öffent­lich zu zeigen, gar zu auffallend hervor. Hofbälle, Weih- nachtsbescheeruiigen armer Kinder im Schlosse in Gegen­wart des Prinzlichen Paares, Fahrten im offenen Wagen

und sogar Fußwanderungen durch die Stadt, die Anuahme zu Eiuladungen zu Gesangsaufführungen sind alles Dinge, die die Braunschweiger früher nicht kannten. Ma» be­gegnet überall nur dem Ausdruck völliger Zufriedenheit, daß die Dinge sich so gestaltet haben, und wenn der Vor­schlag gemacht würde, den Prinzen Albrecht definitiv als Herzog von Braunschweig anzuerkennen, so würde, wenig­stens aus der Bürgerschaft, kaum ein ernstlicher Einwand erhoben werden Die Bildnisse und Büsten des Prinzen nnd der Prinzessin sieht man in Braunschweig überall, nicht nur in Schaufenstern, Restauratationen und anderen öffentlichen Lokalen, sonder» auch vielfach in den Privat­wohnungen."

DieNordd. Allgern. Ztg." berichtet: Se. kaiserl. und königl. Hoheit unser Kronprinz feiert morgen, Mittwoch, den 27. Januar, sein fünfundzwanzigjähriges Jubiläum als Statthalter von Pommern. Am zweiten Geburtstage seines ältesten und damals einzigen Sohnes erhielt er folgende Kabinettsordre:Ew. königl. Hoheit habe Ich zum Statthalter von Pommern ernannt und will Ihnen hiermit an dem heutigen Tage, an welchen in der Geschichte Unseres Hanfes ein so freudiges Ereignis geknüpft ist, einen besonderen Beweis Meines väterliche» Wohlwollens zuwenden. Wilhelm." Die ersten Beglückwünschungen zur neuen Würde empfing der Kronprinz am 31. Januar seilens der sämtlichen pommerschen Abgeordneten zum Land­tage; wenige Tage später sandte die Stadt Stettin eine Huldigungsadresse. Es verging aber mehr als eine Jahr, daß der hohe Herr inmitten seiner treuen Pommern erschien. Am 15. Juli 1862 traf er mit seinen beiden Adjutanten, dem Oberstleutnant von Obernitz, dem jetzigen komman­dierenden General des 14 Armeekorps, und dem Major Grafen von Finckensteiu, der bei Vionville den Heldentod fand, ein, vereinigte alles, was hoffähig in Pommern ist, zu einem Galadiner im Schlosse und folgte abends einer Einladung der Stadt nach Frauendorf. Am 17. Juli ging er alsdann über Danzig nach Königsberg, um dort die Würde des Rector magnificentissimus und zugleich die Weihe des neuen Universitätsgebäudes zu vollziehen. Der Kronprinz bemühte sich, seine neue Würde als Statt­halter von Pommern nicht einen teeren Titel fein zu lassen, die geschichtlich überkommene Form gewissermaßen mit seinem Geist zu beleben. Er übernahm das Amt in dem Bewußt­sein, daß jedes Recht auch neue Pflichten auferlegt. Die Beziehungen zur Provinz wurden noch enger, als der hohe Herr am 18. Mai 1864 zum kommandierenden General des 2. Armeekorps ernannt wurde; er bekleidete diese Stellung bis zum 11. Juli 1870. Nachdem er bereits im Juli 1863 mit der erlauchten Gemahlin einen Monat in Putbus geweilt, kam er am 21. Mai 1864 von neuem nach Pommern, um in Stettin die Uebernahme des Generalkommandos zu bewirken. Die drohende Kriegs­gefahr fesselte damals den Kronprinzen an die Provinz; am 5. Juni traf König Wilhelm ein und hielt zum ersteu-

zu widmen. Schlank, mit schwarz n Locken und Augen, aus denen melancholische Schwärmerei und schalkhafter Mutwille zugleich strahlten, gewann er bald das Herz seiner sorglichen Wirtin. Wenn sie ihn einmal wegen einer durchschwärmten Nacht tüchtig ausschalt, dann summte er mit seiner an­genehmen Stimme halblaut eine Melodie. Und war ihre Predigt zu Ende, so schaute er sie stets so eigen an, daß sie ihm unmöglich lange gram fein konnte.

Merkwürdig! Auch ihre Nichte Käthchen, die Tochter ihres Bruders, schien Benzys Glutaugen einer näheren Be­sichtigung für recht wert zu eracht-n. Sie kam, feit er da, viel öfter zu ihrer Tante wie früher. Und bald geschah es auch, daß, so oft sie in der Nebeustube des Erkerzimmerchens weilte, jedeSmal die schlanke Gestalt Benzys ins Zimmer trat, natürlich ahnungslos, daß erstörte". Aber er vergaß doch oft, wieder zu gehen.

So ging das den ganzen Sommer, und nur die Arg­losigkeit der Frau Doktor sah nicht, daß die beiden es schließlich einzurichten verstanden, sie stets, wenn sie bei« sarnm.n, für einige Minuten aus dem Zimmer zu entfernen. Nur einmal war die gutmütige Alte etwas früher zurück­gekehrt und da sah sie zu ihrem Erstaunen die Lippen ihr- r Nichte in höchst verdächtiger Nähe von Benzys schwarzem Schnurrbart.

DaS wäre denn doch zu freundschaftlich!" erklärte sie energisch.Und wenn Benzy noch länger bei ihr wohnen bleiben wolle, dann möge er in aller Form bei Käthchens Vater um deren Hand anhalten."

Herr Mergel, Käthchens Vater, war, wie er sich selbst betitelte, eingebrannter Backsteinfabrikant" gewesen, hatte sich aber schon feit einigen Jahren vom Geschäft zurück­gezogen und huldigte nur noch mit vollster Hingebung seiner Lieblingsbeschäftigung, dem Angeln.

Nun, dem Ausspruch der Frau Doktor gegenüber mußte man sich in das Unvermeidliche fügen, und, nachdem Mama ins Vertrauen gezogen und deren Einverständnis ei langt, war Benzy bald täglicher Gast bei Mergels. Der Alte freilich konnte kein Zutrauen zu ihm fassen. Er nannte ihn immer einen schwarzen Zigeuner. Und als nun voll­ends Benzy endlich am Schluffe des Semesters wie auch seiner Studien ihm seine Wünsche eröffnete, geriet er ganz aus dem Häuschen.

Er würde feine Tochter nun und nimmermehr einem Halbbarbaren zur Frau geben. In Ungarn gäbe eS Mord- und Totschlag, auch sei die Türkei so nahe; sein Kind solle im friedlichen Hessenland bleiben."

Was thun? Papa Mergels Wille war bestimmend und es war ganz unmöglich, ihm beizubringen, daß man auch anderswo, als in seinem geliebten Hessenland, ruhig leben konnte. Seine Geographie reichte nicht weit und gar schon nicht über die Donau hinaus, die für ihn die Grenze euro­päischer Kultur bedeutete. Die nächste Folge seines Diktums war sogar, daß Käthchen nicht mehr allein znr Tante Doktor gehen durfte.

Was also thun? Unter olden Seufzern eröffnete Benzy seinem Freunde Fritz sein schwer bedrücktes Herz.

Weiter nichts?", meinte leichthin derkecke Fritz", wie er insgemein auf der Universität hieß, er war Noid- deutscher und zwar einer der wenigen, die sich damalsStu­dierens halber" in Marburg auf hielten und führte den nicht ungewöhnlichen NamenMeier", mit einemweichen Ei", wie er zu sagen pflegte.Weiter nichts? O, dir kann geholfen werden!"

Benzy mutzte ihm die Verhältnisse ganz genau auseinander­setzen. (Schluß folgt.)