Skr. 20
Marburg, Sonntag, 24. Januar 1886.
XXI. Jahrgang
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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg n. Kirchhain. - Illustriertes Loniitaasblatt.
Erptdition-. Martt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug Loch
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worden ist. ES nimmt sich viel vor und man wird abwarten müssen, ob cs alle seine guten Vorsätze durchführen kann. Keine neuen überseeischen Expeditionen sollen mehr unternommen, vielmehr nach Kräften gespart und versucht werden, in die Finanzen Ordnung zu schaffen. An die Einigkeit aller Republikaner wird dringend appelliert. Mit dem letzteren ist es nun schon nichts, denn der Zank in den Pariser Blättern treibt alle Tage kräftigere Blüten. Der total unfähige General Courcy ist au« Ostasien heimberufen worden. Die französische Republik kann in der That stolz sein auf ihre Generale in Tonking: hatte der Eine große Fehler gemacht, so brachte der Andere noch viel größere zu Wege. Ziemlich gespannt waren einen Augenblick die Beziehungen zwischen Paris und Madrid. Die spanische Negierung behauptete, daß auf französischem Gebiete die Karlisten ungestört sich zu einem neuen Einfalle vorbereiteten. Ministerpräsident Freycinet hat darauf den spanischen Botschafter aufgesucht und ihm mitgeteilt, daß alle Maßregeln ergriffen seien, um diesem Treiben entgegenzutreten.
Die Orientfrage hat die hohen europäischen Großmächte wieder einmal in Verlegenheit gebracht. Auf ihre dringende Aufforderung, abzurüsten, haben Serbien und Griechenland rundweg mit Nein geantwortet; Bulgarie,r hat wohl seine Bereitwilligkeit dazu erklärt, verlangt aber, Serbien solle gleichfalls abrüsten, oder die Großmächte sollten die Garantie dafür übernehmen, daß König Milan nicht abermals einen Krieg vom Zaun bräche. Die Mächte wollen nun nochmals in dringender Weise ihre Aufforderung wiederholen, mch russische Blätter lassen sogar durchblicken, es werde Gewalt angewendet werden, wenn man nicht pariere. Ob diese ernste Drohung Eindruck machen wird, bleibt abzuwartrn. Die Großmächte Haden den Balkanstaaten schon so oft vergeben« gedroht, daß die letzteren das Fürchten schier verlernt haben, wenigsten» vor dem Zorn der Großmächte. Die Friedensverhandlungen zwischen Bulgarien und Serbien sollen in Bukarest stattfinden. Bisher ist aber noch kein Anfang zu verzeichnen. Ain 1. März läuft bekanntlich der Waffenstillstand ab.
Die in voriger Woche mitgeteilte Nachricht, Rußland plane eine Massenausweisung preußischer Unterthanen au» seinem Gebiet, war eine Ente. Dagegen ist das Paßreglement bedeutend verschärft worden und dem Fremden stehen Chikanen in Menge bevor.
In Böhmen haben die Czechen auf dem Prager Landtage abermals eine weitere Einschränkung der deutschen Sprache versucht.' Zunächst sind sie nicht damit durchgekommen. Selbst das Ministerium Taaffe scheint also zu denken: „Zu viel, ist doch zu viel".
Heißer S1««.
Roman von Theodor Küster.
(Fortsetzung.)
Reinhard v. Brunner stand jetzt Ida gegenüber. Als Beider Augen sich trafen, da schraken sie «nwillkürltch zu- sammen.
War es denn möglich?! —
Dieser Gedanke durchbebte sie Beide.
„Mama, stehst Du," rief der Knabe, „hier ist der Onkel Reinhard, den ich so lieb Habel"
Verwundert blickte er dann von seiner Mutter auf seinen Freund und wieder auf Jene zurück.
Reinhard v. Brunner war erbleicht. — Erstaunt, wie einer überirdischen Erscheinung stehend, sah er seine Gattin an: daun wandte sein Blick sich dem Kinde zu — 3das Sohn! — nnd heiß, glühend drang ihm das Blut »um Herze» und drohte dieses zu zersprengen. —
Einen Augenblick war Ida fassungslos: dieses Wiedersehen war zu unvorbereitet über sie gekommen: der Man», deffen dichterisch- Arbeiten ihren Geist so viel beschäftigt, au dem und seinen Erfolgen sie einen so großen Anteil genommen — er war ihr Gatte . . . —
Ihr Herz jubelte auf. — ThrLneu des Glückes im Auge, streckte sie ihm beide Hände entgegen und mit vor Bewegung halberstickter Sttmme sagte sie:
, .Reinhard! — Du bist eS!? — Endlich, endlich habe ich Dich wieder!"
Daun zog fie ihr Kind zn ihm hin nnd freudigstolz «es sie:
.Er ist Dein Sohn!" —
Ganz fassungslos stand der starke Manu jetzt da. Er hatte den kleinen Reinhard in seine Arme genommen, weinte nud küßte das Kind — sein Kind — wiederholt.
«Mein Kind, mein Reinhard!" rief er, freudig und
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und begraben sein und denke, Du seiest auf dner langen gefahrvollen Reise gewesen, von der Du nun zu unser Aller Glück ungefährdet zurückgekehrt bist zu Mutter und Kind."
Tausend Dank für Deine Liebe, Deine Treue, meine Ida! unterbrach Reinhard mit tiefsinnigem Ausdruck und drückte die tteuliebende Gatttn an sein Herz. Ja seine» Augen leuchtete es auf von Glück und jubelnd rief er:
.Zu Weib und Kind kehre ich jetzt zu ück für immer und ewig! — Ida, hätte ich geahnt, daß ich so ei» edles, treues Weib mein Eigen nennen konnte, daß diese mich trotz meiner Verirrung immer mit Hingebung geliebt, ich hätte nie so, wie ich es gewesen, unglücklich werden können! — Doch die Jahre des Alleinseins und des Unglücks, die über mich gekommen, fie waren eben eine gerechte Strafe für mein Abweichen vom Wege des Rechten um» dafür (oll nun auch mein ganzes Zukunftsleben der Buße und dem Wiedergutmachen gewidmet sein; ich will zeigen daß ich einer solchen Gattin wert bin!" —
Ida war überglücklich —
Hand in Hand saßen die Wiedervereinten auf der kleinen Bank in dem lauschige» Versteck und der blondgelockte kleine Reinhard schmiegte sich an seines Vaters Knie. — Wer diese drei Menschen so gesehen, hätte er ahnen können, welches Geschick über ihnen gewaltet, welches Leid sie erduldet und — nun überwunden hatten? . . . —
Sie saßen lange, ohne darauf zu achten, daß es schon dämmerig ward und die Kurmusik längst aufgehört hatte, die Promenade längst leer geworden war; hatten sie sich doch so viel — so unendlich viel zu sagen nach so langer toterer Trennungsz-it! — Erst als Ida bemerkte, wie der kleine Reinhard müde geworden, sein Köpfchen senkte, da mahnte fie selbst züm Aufbruch.
(Fortsetzung folgt.)
die Monate Februar und MLrr werden von ü allen Postanstalten Bestellungen auf die
Oberhessische Zeitung
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Anzeigen nimmt entgegen bie Expedition b Blattes, sowie b.Annvncen-Bureaur von Haasenstein undBoaler in Frankfurt a. ü)l, Kassel, Magdeburg unb Wien, Rudoli Messe in Frankfurt ♦ o M, Berkin,^ ünchen und ft bin; G. L. Daube und ($o. in 3rank'mt o. M.
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Kolonialerwerbungen. Es wird sich ja schließlich wohl auch Spreu ergeben, aber hoffentlich auch verhältnismäßig gute Frucht. Zu der ersten Debatte gab Anlaß die Forderung von 300000 Mk. für die westafrikanischen Kolonien, die keinen direkten Widerspruch fand, aber aus formellen Gründen nochmals an die Budgetkommission zurückgewiesen wurde. Der zweite Anlaß war der Entwurf betreffend die Rechtspflege in den Kolonien, die durch Kaiserliche Verordnung geregelt werden soll, welche später dem Reichstage zur Kenntnisnahme unterbreitet werden wird. Man wünschte aber nachträgliche Genehinigung der Verordnungen und entschied sich dafür, die Sache reiflich in der Kommission zu erörtern, da hier eine Reihe staatsrechtlicher Fragen in Betracht kommen. Die Wiederaufnahme der Etatsberatung brachte sofort lebhafte Auseinandersetzungen über die Wirt- schaftspolittk. Im preußischen Abgeordnetenhause begann man mit der Etatsberatung, die gleichfalls zu einer allgemeinen Besprechung der wirtschaftlichen Lage Anlaß gab. Fürst Bismarcks Dankschreiben an den Papst für die Verleihung des Christusordens ist bekannt geworden. Es ist in demselben verbindlichen Ton gehalten, wie die Verleihungsurkunde des Papstes, ein neuer Beweis, daß die Beziehungen zwischen Berlin und Rom sich ganz außerordentlich gebeffert haben und daß wichtige Dinge auf kirchenpolitischem Gebiete bevorstehen.
Neber die Vorgänge auf den Samoainseln liegen bestimmte Nachrichten immer noch nicht vor. Zu irgend welchen Streitereien ist es jedenfalls gekommen, denn auch die Vereinigten Staaten von Nordamerika haben ein Kriegsschiff von ihrem Südseegeschwader dorthin dirigiert.
In London ist die feierliche Eröffnung des britischen Parlamentes durch die Königin Viktoria erfolgt; in den nunmehr beginnenden ordentlichen Parlamentsverhandlungen wird sich bald genug Herausstellen, ob das Ministerium L-alisbury im Unterhause eine geschlossene oppositionelle Majorität zu erwarten hat, indem ein Teil der Liberalen unter Gladstone mit den Irländern Hand in Hand geht. Gladstones Pläne auf Schaffung eines irischen Parlaments finden unter einem Teil seiner Anhänger entschiedenen Widerspruch; wie stark dieser Flügel ist, bleibt abzuwarten. Kann das Ministerium nicht durchdringen, so ist es ent- schloffen, das Parlament aufzulöscn und abermalige Neuwahlen auszuschreiben. — Vom Aufstande in Birmah vermutet gar nichts; das englische Armeekommando scheint es für gut befunden zu haben, alle Zeitungsberichterstatter zu entfernen. Gleiches Schweigen herrscht über die Dinge an der egyptisch-sudanesischen Grenze. Die Verhandlungen über die Reformen von Egypten dauern in Kairo fort; etwas Praktisches ist dabei bisher nicht herausgekommen.
Das französische Ministerium hat den Kammern sein Programm eröffnet, das mit großem Beifall ausgenommen schmerzlich zugleich bewegt. „Sieh mich an, mein Jung«, ich bin Dein Vater! — Sag „Vater" zu mir — ich bitte Dich darum!" —
Befremdet zuerst schaute der Kleine den bisherigen „Onkel" an; bann aber schmiegte er sich an ihn und sagte ernst:
„Bist Du der Papa, den Mama und ich so Heb haben, bann bleibst Du nun wohl auch bei uns unb reist nicht wieder fort ? — der liebe Gott hat Dich gewiß zu uns geschickt — ich weiß es, denn ich habe ihn ja jeden Abend darum gebeten — unb Mama auch." —
Gerührt lauschten beide Eltern den so natürlichen Worten beS Kinbes; ber Vater erfuhr aus benfelben, wie sehr er all biefe traurige Zett hindurch geliebt worden, wie unvergessen er war. —
Er blickte i» JdaS Gesicht unb bittenb sagte er;
„Ida, kannst Du mir verzeihen?.....—•
Unb laut schluchzend — aber vor Freude — umschlang sie den geliebten Mann unb ertoiberte zärtlich:
»Ich habe Dir längst verziehen, mein Reinharb! — Lange schon habe ich bie Stunde ersehnt, die mir gestatten würde, Dir das zu sagen, Dir Deine» Sohn zu geben, der uns nun auis Neue und — wohl unlöslich verbinden wird ... — Armer, lieber Mann, warum hast Du Dich selbst verbannt so lange Zeit hindurch?" —
Mit fanfter Hand strich Ida die dunklen Locken aus feiner hohen Sttrn. Wie viel er gelitten in all dieser Zett, das sah sie in feinen Zügen, die — sonst so heiter und lebensftoh — nun so ernst, so gedankenvoll waren.
„Ach, Ida!" erwiderte Reinhard; „könnte ich Dich doch noch einmal glücklich, recht glücklich machen!"
^Reinhard seufzte schwer und schüttette »ochdeuklich den Kopf.
„DaS kannst Du, Reinhard," sagte Ida, „nnd Du wirst es auch, uur Du allein! — Laß alles Andere vergesse»
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Unser Kaiser hat am Sonntag dem Ordens- unb Krönungsfest im Königlichen Schlosse zu Berlin während seines ganzen Verlaufes beigewohnt unb in der Woche wiederholt mit den Ministern konferiert, sowie bie regelmäßigen Vorträge entgegengenommen. An den schonen Tagen ist der Kaiser auch wieder spazieren gefahren. Das Gesamtbefinden ist fortdauernd ein gutes. Die Leibärzte richten ihre besondere Aufmerksamkeit daraus, den greifen Herrn vor Erkältungen zu bewahren, die bei den 89 Jahren des Monarchm nicht mehr so harmlos sind. Der Kronprinz und Prinz Wilhelm haben dem Kaiser wiederholte Besuche abgestattet, der auch die Präsidien des preußischen Herrenhauses und Abgeordnetenhauses in besonderer Audienz empfangen hat.
Die eigentliche Arbeitszeit in ber parlamentarischen Saison hat mit der Eröffnung des preußischen Landtages ihren Anfang genommen; gleichzeitig tagen noch der bayerische, sächsische, württembergische und badische Landtag und es ist also selbstverständlich, daß im Reichstage die Plätze nicht allzusehr besetzt sind. Es ist fast ein Fünftel aller Reichsboten, die auch in das preußische Haus gehören, und da es an interessanten Sitzungen in demselben nicht fehlen wird, so kommt der Reichstag nicht zum Besten fort, und der Rest seiner Mitglieder muß um so tapferer an die Arbeit heran. Ermüdend ist das gleichzeitige Tagen einer ganzen Reihe deutscher Parlamente ungemein, aber da es nun einmal so ist, muß die bittere Medizin schon mit der Miene möglichster Geduld genossen werde». Frische Arbeit beendet den unerquicklichen Zustand am schnellsten. Zwei ganze Sitzungstage hat der Reichstag der Debatte über die Polenausweisungen aus den preußischen Ostprovinzen geopfert, an der sich der Bundesrat nicht beteiligte. Wie zu erwarten war, erklärte sich mit den Ausweisungen die Majorität des Reichstages nicht einverstanden, während die Minorität (Konservative und Nationalliberale) die Maßregel verteidigte und sie nur im preußischen Abgeordueten- »me f i hause besprochen wissen wollte. Der Postetat und der Etat I, ®i des Reichsamtes des Auswärtigen wurden ohne große [ t Schwierigkeiten und fast unverändert angenommen. Zwei --Kolonialdebatten führte der Reichstag. Beide ergaben aber ' nichts weiter, als daß wir abwarten müssen, wie sich die wini, Kolonien rentieren werden. Jedes neue Geschäft will seine »angel Zeit zur Einrichtung haben, und dasselbe gilt von den
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