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Nr. 1».
Marburg, Sonnabend, 23. Januar 1886.
XXI. Jahrgang.
Erscheint täglich außer an Werktagen »ach Sonn- und vertagen. — Quartal. LdaunementS-Prei- bei bet Sroedition 2'/. Bit . bei kn Postämter 2 DU M) yfg. (excl. Best llgelb). ^nsertions ebübr für die seltene Zeile 10 Psg. Rkvem n für die Seile 25 Pfg.
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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.
Expeditione Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. «och.......... .......
Polen.
Die Reichstagsdebatte über die Polenausmeisungen aus den preußischen Ostprovinzen inacht fortgesetzt viel von sich redeil; sie hat vor allem das eine als sicher hingestellt, daß in den Gebieten polnischer Zunge, die zu Deutschland gehören, Zustände herrschen, die einer Abhilfe dringend bedürfen. Diese Anschauung teilt auch die preußische Re» gierung, denn sie hat bereits Maßnahmen angekündigt, welche dem deutschen Elemente wieder eine feste und breite Grundlage gegenüber dem Polentum geben sollen. Höchst wunderbar aber klang es, als voll sozialistischer Seite int Reichstage die Wiederherstellueg des Königreichs Polen empfohlen wurde. Diesen Wunsch hegen allerdings die Polen, und sie sprechen es ganz offen aus, daß sie seine Erfüllung mit allen „gesetzmäßig erlaubten Mitteln" anstreben.
Ist die Wiederherstellung eines Königreichs Polen inög- lich, ja überhaupt berechtigt ' Beantworten wir zunächst die erste Frage. Durch die verschiedenen Teilungen ist das frühere Polen an Rußland, Oesterreich und Preußen übergegangen. Mag man über die Maßregel der Teilung denken wie mau will, von preußischer Seite ist sie nicht direkt verschuldet, sondern von russischer. Hätten seiner Zeit Preußen und Oesterreich sich geweigert, polnische Gebiete ihren Ländern einzuverleibcn, so hätte Rußland alles genommen, und wäre dadurch vielleicht Herr in Europa geworden. Preußen - Deutschland und Oesterreich wären von dem russischen Koloß jedenfalls so uinfaßt, daß sie sich nicht hätten rühren können. Deshalb gebot die Staatsklugheit für die Regierungen von Wien und Berlin, die Teilung auch für sich auszunutzen. Gerade in Preußen find es aber die Polen, welche am lautesten die Wiederherstellung des Königreichs fordern, welches, das muß vor allein gesagt sein, mehr durch inneren Zwist, seine heillose Wirtschaft, als durch russische Ränke zu Grunde gegangen ist. Polen war nicht mehr existenzfähig, deshalb fiel es, und nicht anders ist es allen Staaten gegangen, die nicht von einem festen, nationalen Geiste regiert wurden. In Deutschland sprechen die Polen am unverhohlensten ihre Wünsche aus, und sie können cs, weil sie bei uns die meiste Freiheit haben. Wie steht es in Rußland? Dort sollte nur einmal eine ähnliche Agitation riskiert werden, Sibirien und die Knute würden dazwischen fahren, daß den Agitatoren Hören und Sehen verginge. Und Oesterreich? Dort haben die Polen in der Landesvertretung solchen Einfluß gewonnen, daß sie bei einem Wechsel nicht gewinnen, sondern nur verlieren würden. Auch dort schweigen sie also von ihren Zukunftsplänen. Preußen soll seine ehemals polnischen Gebiete herausgeben, damit aus ihnen ein neues Polenreich errichtet werden kann. Dasselbe müßte dann aber auch von russischer und österreichischer Seite gescheben, und daran ist nicht zu denken.
Soll Deutschland so schwach sein, ein paar polnischen Magnaten zuliebe, die in der neuen polnischen Wirtschaft^eine große Rolle spielen wollen, sich einen Nachbar zur Seite setzen, der Deutschland nur feindlich gesinnt sein würde? Das wäre geradezu eine Albernheit. Würde aber das große polnische Reich wieder entstehen, so wäre die weitere Folge die Verbindung mit den ihnen nahestehenden Tschechen, und es würde in Europa damit ein Hexenkessel geschaffensein, gegen den der Orient ein friedsamer Kochtopf wäre. Weil Europa den Frieden braucht, darum ist, mit einem Worte, die Wiederherstellung Polens unmöglich.
Ist die Wiederherstellung berechtigt? Wir beschränken diese Frage auf die jetzt deutschen, ehemals polnischen Gebiete und müssen sie da rundweg mit „Nein" beantworten. WaS ist den Polen geschehen? Was sie anderen haben zu Teil werden lassen. So sind z. B. Westpreußen und Ermland vom deutschen Ritterorden an Polen abgetreten worden oder haben vielmehr abgetreten werden müssen. Welches Recht haben die Polen also aus diese Gebiete? KeinS. Polen war ein Staat, der durch Eroberung, das Recht des Schwertes, groß geworden ist, das Recht, des Schwertes ist auch ihm gegenüber ausgeübt, verstärkt durch die Notwendigkeit, der polnischen Wirtschaft ein Ende zu machen. Tie Polen beklagen sich über ihre Stellung unter dem Deutschtum. Wie steht cs mit ihncu in Rußland? Wcßhalb gedenken sie nicht der Zeiten, wo sie über Deutsche geherrscht und wie sie dieselben behandelt? Sollte Gleiches mit Gleichem vergolten werden, es würde eine blutige Rechnung herauskommen. Die ehemaligen Gebiete der polnischen Krone, welche jetzt zn Deutschland gehören, sind deutsches Land geworden und werden deutsches Land bleiben, damit muß gerechnet werden. Niemand ist es bisher eingefallen, mit Zwang die Polen zu Deutschen zu machen, wie in Rußland die Polen zu Russen gemacht werden, aber die Polen müssen sich darin finden, sich Angehörige des Deutschen Reiches zu nennen und nicht Angehörige einer phantastischen polnischen Krone. Das Verhältnis, wie es jetzt in jenen Gegenden besteht, würde ein weit besseres sein, wenn nicht die großpolnische Agitation immer wieder und wieder die große Menge der Bevölkerung aufregte. Die Leute würden sich dann längst in die neue Lage gefunden haben. Aber die Agitation dauert fort, gewinnt sogar an Kraft und deshalb ist der Zeitpunkt gekommen, ihr entgegenzutreten. Wohin solches Treiben führt, sehen wir in Oesterreich, wo eine Nation auf die andere loszetert, und das wollen wir bei uns doch verhüten. _____________________________________
Deutsches Reich.
Berlin, 21. Jan. Der Bundesrat stimmte dem Ansschußautrage über den Antrag Hamburgs wegen Ab
änderung des $ 802 der Zivilprozeßordnung, betr. die Zustellung der Arrestbefehle an die Schuldner, sowie dem AuSschußbcrichte, betr. den Gesetzentwurf wegen Abänderung des § 137 des Gerichtsverfassungsgesetzes (Verweisung der Verhandlung und Entscheidung vor die Vereinigten Senate des Reichsgerichts), zu. — Die „Nordd. All gern. Zig" schreibt: Die „Vossische Zeitung" und der „Reichsbote" äußerten bei Besprechung der Karolinenfrage die Ansicht, daß eS der päpstlichen Vermittelung in derselben nicht bedurft habe. Die Redaktion der „Vossischen Zeitung" muß ein halbes Jahr lang geschlafen und ihr eigenes Blatt nicht gelesen haben, sonst müßte es ihr klar fein, daß e» sich bei dem Anrufen der päpstlichen Vermittelung nicht um das Objekt der Karolinen, nicht darum, ob dieselben dem einen oder dem anderen zuzusprechen seien, sondern um eine hochgradige Spannung zwischen Deutschland und Spanien handelte. Wenn die „Vossische Zeitung" ihre Nummern aus den letzten fünf Monaten liest, so wird es ihr klar werden, daß der Territorialbesitz der Karolinen an sich kein Gegenstand von größerer Wichtigkeit gewesen fei, als die Streitigkeiten, die in Westafrika, am Kap und im größeren Maßstab noch in Neu-Guinea zwischen Frankreich und England einerseits und Deutschland andererseits geschwebt haben, Streitigkeiten, die mit Leichtigkeit im Wege gewöhnlicher Korrespondenz und ohne jede Vermittlung geschlichtet werden konnten. Daß und warum die Sache zwischen Deutschland und Spanien anders lag, werden wir der „Vossischen Zeitung" allerdings nicht begreiflich machen, wenn sie es bisher nicht weiß und das Selbsterlebte vergessen hat Wir legen auch wenig Wert darauf, sie zu belehren; jeder Leser im Publikum weiß, wie hoch die Erregung zeitweise in Spanien gestiegen ist, wie bedrohliche Momente für unseren Frieden mit diesem befreundeten Lande und für besten eigenen inneren Zustand vorhanden gewesen sind, wie viele Organe der der „Vossischen Zeitung" und der „Germania" geistesverwandten Richtung in Spanien bemüht waren, diese Erregung neu zu beleben. Die Spannung zwischen zwei an sich auf gegenseitige Freundschaft angewiesenen Nationen beigelegt zu haben, ist das hohe und unbestreitbare Verdienst der päpstlichen Ver- mittelimg. Kein anderer als der Papst würde denselben Erfolg erreicht haben, es gehörte dazu die allseitige Verehrung, deren sich die Persönlichkeit Leo XIII. erfreut, und die besondere Begabung für die Geschäfte des Friedens, die diesem hohen Herrn nach Charakter und Wissen beiwohnen. — In der Zuckersteuer-Kommission des Reichstags machte sich bei der Generaldebatte im allgemeinen die Ansicht geltend, daß der Gesetzentwurf nur einen provisorischen Charakter erhalten möge. Die Vertreter der Regierung sprachen sich dagegen aus. Allseitig wurde die direkte oder indirekte Melastebesteuerung gewünscht. — In der gestrigen
Heißer Sinn.
Roman von Theodor Küster.
(Fortsetzung.)
Adele schüttelde leicht, wie nachdenklich den Kopf und erwiderte:
„Glücklich werde ich nicht eher sein können, Ida, als bis auch Du das verlorene Glück wiedergesunden hast. — Gott gebe, daß dies bald geschehe!"
Ida v. Brunner ahnte nicht, wie nahe ihr Gatte war. Hätte sie gewußt, daß der einsame Fremde dort oben in der kleinen Villa am Waldessaum, der Mann, den ihr kleiner Reinhard so schwärmerisch verehrte, derselbe sei, den sie liebte — zu Heben trotz seiner einstigen Verirrung nie auf« gehört hatte, sie wäre zu ihm geeilt und hätte ihn mit sich zu versöhnen gesucht durch die Liebe, die ihn ahnungslos hingezogen zu seinem eigenen Kinde. —
XV.
Reinhard v. Brunner war seinem Freunde und Arzte Walter Grell sehr dankbar, daß dieser ihn nach Bergenau hatte kommen lasten; er fühlte sich so frei, so wohl und zufrieden in dem reizenden Badeorte, wie nie zuvor, und er merkte auch sehr wohl, daß fein Aufenthalt dort feiner Gesundheit ungemein zuträglich war. Die frische, kräfttgende Verglast hatte auch aus seinAcußercs behbenb, erfrischend gewirkt: die fahle Bläffe, welche Doktor Grell so sehr erschreckt, als Reinhard eintraf, hatte sich bereits verloren und die gesunde Farbe, die an ihre Stelle getreten, nahm dem Gesicht Brunners den leidenden Ausdruck, den es vorher gezeigt hatte.
Er war ein intereffanter, schöner Mann, dem nur etwas Lebensmut fehlte, der zu gebeugt war, zu viel grübelte und den Menschen auswich, denen er'sich nähern sollte. Nur wenn fein kleiner — Namensvetter bei ihm war, dann ward
er ein Anderer: yeittr, gesprächig, seine Auge» glanzten; mit dem Knaben sich zu unterhalten, schien keine Zeit ihm zu lang und er spielte mit ihm in seinem Garten, gleich als sei er im Geiste in seine eigene Kindheit zurückversetzt. Alles Sinnen, alles Grübeln, jeden trüben Gedanken vergaß Brunner dann über der frischsprudelnden KindcSlust. Täglich fast kam der kleine Reinhard zu dem großen, und verging einmal ein Tag, der ihn nicht brachte, dann war der große Reinhard unruhig und fürchtete, der Knabe sei krank oder plötzlich abgereift.
Sein ganzes liebebedürftigeS Herz hatte er dem Kinde geschenkt: wie sollte es nun werden, so fragte sich Reinhard, wenn der Kleine und er sich doch eines Tages trennen mußte? — Wie würde er sich nach dem frischen, fröhlichen Knaben sehnen!? — Und dieser Tag konnte ja nicht ausbleiben — und ihm, Reinhard dem Aelteren, blieb bann wieder die Einsam!-it, die Leere, das Vergessensein, aus denen der Umgang mit dem kleinen Reinhard ihn so segensreich gezogen hatte.
In den Stunden ruhigen Nachdenkens mußte Brunner doch wiederholt daran denken und es sonderbar finden, daß Walter seit einiger Zeit gar nicht mehr in ihn drang, ihm seine Frau vorzustellen, ihn in seinem Hause zu begrüßen; auch that der Doktor so eigentümlich geheimnisvoll in Bezug auf feine Frau; er sprach niemals von ihr, auch nicht von Brunners Mutter und wenn Reinhard die Unterhaltung dahin lenkte, so wich der Arzt mit lächelndem Achselzucken einem Eingehen auf daS Thema aus, indem er bemerkte e§ fei durchaus wünschenswert und notwendig, daß der Freund zuvor ganz gesund und sich durchweg kräftige, damit er feine Mutter nicht durch fein leidendes Aussehen äng-
Doktor Grell ließ Bmnver, ganz dessen Neigungen entsprechend, sür sich und abgeschlossen von jeder Berührung mit der Badewelt leben; er hielt den rechten Augenblick
noch nrcyl für gekommen — war derselbe da, daun wollte er — Walter — den Zufall schon unterstützen, nm Reinhard mit Gattin und Kind zusammenzuführen.
Und jetzt, wo Adele schon seit mehreren Wochen verlobt war und Ida v. Brunner bereits an die Heimreise mit ihrem Knaben dachte, jetzt — war es in der That Zeit, und Walter und Ella zerbrachen sich den Kopf, wie wohl das Zusammentreffen der beiden Gatten am besten sich be» werkst-lligeu ließe.
Doch dem Zufall war es Vorbehalten, dieses Wiedersehen zuwege zu bringen, gewissermaßen um dieselbe Zeit, zu der der Arzt und seine Frau die Chancen desselben überlegten.
Es war ein lauer Nachmittag und Reinhard v. Brunner saß wie gewöhnlich in seinem grünen Versteck aus der Höhe, wo tr den kleinen Reinhard zuerst kennen gelernt bitte und von wo er die ganze Kurpromenade übersehen konnte. Er lauschte den Melodien des Kurochesters und seine Augen schweiften träumerisch über die reizende Landschaft hin.
Da tönte ihm plötzlich die so wohl bekannte Stimme seines kleinen Freundes ins Ohr und jubelnd eilte dieser auf den großen Onkel und Namensvetter zu.
„Onkel Reinhard!" lief der Knabe schon von Weitem; „ich wußte ja, daß Du hier bist und ich habe meine Mama mitgebracht — dort kommt fiel"--
Ida war noch einige zwanzig Schritte entfernt, sie konnte dos Gesicht des Freundes ihres Söhnchens nicht deutlich sehen, da es von einem großen Strohhute beschattet wurde. Der kleine Reinhard zog jedoch den „Onkel" an der Hand vorwärts, seiner Mutter entgegen. Diese war allerdings sehr gespannt, den Mann, von dem sie so viel gehört, den Schriftsteller Franz Fontaine, nun persönlich kennen zu lernen. — Sie trat deshalb den Beiden entgegen, um an ihn einige verbindliche Worte zu richten.
^Fortsetzung folgt.)