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Marburg, Freitag, 22. Januar 1886.
XXI. Jahrgang.
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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Countagsblatt.
Expedition Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
Deutsches Reich.
Berlin, 20. Jan. Die „Nvrdd. Allg. Ztg." sagt: Gegenüber der allgemeinen Teilnahme, mit welcher das RegierrrngSjubiläum des Kaisers im ganzen Königreiche gefeiert worden war, ist das Verhalten der Polen am 3. Januar höchst charakteristisch. Dem Domkapitel in Gnescir wurde seiner Zeit von der Negierung nahe gelegt, am 3. Januar in der Domkirche des Regierrrngsjubiläums in geeigneter Weise zu gedenken; das Kapitel beschloß jedoch, dieser Anregung nicht Folge zu leisten, da bei der augenblicklichen Lage der Diözese an dem Gottesdienste nichts geändert werden dürfe. — „Moniteur de Rome" und „Osservatore Romano" veröffentlichen das in französischer «Sprache abgefaßte nnb bereits auszüglich mitgeteilte Antwortschreiben des Fürsten Bismarck an.den Papst. Dasselbe lautet in der Uebersetzung: Sire! Der gnädige Brief, womit Eure Heiligkeit mich beehrte, hat ebenso wie der hohe Orden, der ihn begleitete, mir große Freude bereitet, und ich bitte Eure Heiligkeit, den Ausdruck tiefer Dankbarkeit entgegeiizunchmeu. Jedes Zeichen des Beifalls, das an das Frieoenswerk, bei dem ich mitgewirkt habe, sich kllüpft, ist mir um so wertvoller, als es meinem Herrn hohe Genugthuung bereitet. Eure Heiligkeit sagte in Ihrem Briefe, nichts entspreche dem Geiste nnb der Natur des Pontifikats mehr als die Entfaltnng seiner Friedensmission, und gerade dieser Gedanke leitete mich, als ich Eure Heiligkeit bat, das edle Schiedöamt in dem deutsch - spanischen Streite zu übernehmen, und der spa- mschen Regierung vorschlug, daß wir an das Urteil Eurer Heiligkeit appellieren sollen. Der Umstand, daß beide Nationen sich in Betreff der Kirche, die in Eurer Heiligkeit den obersten Beschützer verehrt, nicht in gleicher Lage befinden, tonnte niemals mein festes Vertrauen in die Erhabenheit der Gesinnungen Eurer Heiligkeit schwächen, die mir gerechteste Unparteilichkeit Ihres Urteils gewährleisteten. Die Beziehungen zwischen Spanien und Deutsch- laird sind derart, daß der Friede, der unter ihnen herrscht, durch kein dauerndes Auseinandergeheir ihrer Interessen, durch keine aus der Vergangenheit herrührende Eifersucht und durch keine aus der geographischen Lage hervorgeheirden Streitigkeiten bedroht wird; ihre guten Beziehungen würden nur durch zufällige unerwartete Momente gestört sein; es ist deshalb Gruno vorhanden, zil hoffen, daß die Friedens- stiftung Eurer Heiligkeit dauernde Wirkungen haben wird, und unter diese Wirkungen rechne ich in erster Linie die dankbare Erinnerung, die beide Parteien an den erhabeneil Vermittler bewahren werden. Was mich anbetrifft, werde ich immer nnb mit Eifer jede Gelegenheit, die mir die Erfüllung meiner Pflichten gegen meinen Herrn und mein Vaterland bietet, ergreifen, um Eurer Heiligkeit meine lebhafte Anerkennung und tiefe Ergebeirheit zu beweisen
Heißer Sinn.
Roman von Theodor Küster.
(Fortsetzung.)
Immer mehr waren unter diesen Gedanken Schmerz und Bitterkeit geschwunden; er begann sich auszusöhnen mit der Idee, vor der Hand bei Adele nur Achtung, nicht Liebe zu begegnen, lebte der Ueberzeuguug, diese letzere werde sich doch nach und nach einstellen. Auf alle Fälle vertraute sie ihm, und das mußte ihm einstweilen genügen. —
Kaum war der Graf in dieser Weise mit sich ins Reine gekommen und hatte seinen Entschluß gefaßt, so eilte er, als fürchte er eine Minute nur zu verlieren, nach Doktor Grells Villa.--
„Adele ist ein Weib, um dessen Liebe auch selbst nach der Hochzeit noch zu werben sich der Mühe lohnt," sagte der Graf, dem Arzt die Hand drückend; „und ich will nicht ruhen, bis ich ihr Herz gewonnen habe!"
„Glauben Sie mir, Ihre Treue, Zuversicht und Beständigkeit weiden belohnt werden, lieber Graf," antwortete hocherfreut Walter, „und bann werden Sie um so glücklicher sein."
Doktor Grell hatte in der That gefürchtet, Graf Dern- burg werde aus übergroßem Zartgefühl von einer Werbung um Adele zmucktteteu.
Schon am nächsten Tage ließ der Graf sich bei Fräulein v. Soden melden. Adele kannte den Grund seines Kommens und wenn auch weder zaghaft noch schüchtern, trat sie ihm doch befangener als sonst entgegen, ein tieferes Rot färbte ihre Wangen und machte sie schöner, begehrenswerter noch als sie es ohnehin war.
Ehrfurchtsvoll drückte der Graf die Hand, welche sie ihm gereicht, an seine Lippen und führte Adele zum Sopha; er selbst rollte sich einen Fauteuil in ihre Nähe und ließ sich ans demselben nieder.
Ich bin mit dein Ausdrucke der größten Hochachtung, Sire, Eurer Heiligkeit ergebenster Diener v. Bismarck. — Der Kultusminister hat an sämtliche König!. Negierungen und Provinzial-Schulkollegien nachstehenden, vom 15. d. M. datierten Erlaß gerichtet: „Das Gesetz vom 6. Juli v. I., betreffend die Pensionierung der Lehrer und Lehrerinnen an den öffentlichen Volksschulen, tritt mit dem 1. April 1886 in Kraft. Zwar ist es aus Grund dieser Bestimmung nicht zweifelhaft, daß diejenigen Lehrer, welche erst nach dem 1. April d. I. thatsächlich in den Ruhestand treten, an den Vorteilen des Gesetzes teilhaben, auch wenn die Entscheidung, daß sie in den Ruhestand treten, vor jenem Zeitpunkte getroffen war. Dagegen erscheint es nicht unzweifelhaft, ob diejenigen Lehrer, welche „zum" oder „mit" dem 1. April d. I. in den Ruhestand versetzt werden, auf die Benefizien des Gesetzes einen Anspruch haben, da ihre dienstliche Laufbahn mit dem 3 l. März 1886 abgeschlossen ist, und sie sich unter der Herrschaft des neuen Gesetzes nicht mehr in Aktivität befinden. Zur Verhütung möglicher Härten bestimme ich deshalb, daß kein Lehrer zum ober mit dem 1. April b. I. in ben Ruhestand versetzt wirb. Sofern bie Pensionierung eines Lehrers zu diesem Zeitpunkt bereits verfügt ist, ist unter sonstiger Aufrechterhaltung der Pensionsverfügung ber Eintritt in ben Ruhestand aus einen Zeitpunkt nach bem 1. April b. I. hinauözuschieben". — Reuerbingö tritt wieder die Regelung ber schon viele Jahre brennenden Apothekerfrage in ben Vordergrund. Eine zu- sriebenstellende Lösung kann wohl nur herbeigeführt werben, wenn sämtliche Apotheken entivedcr in Staats- ober Kommunal - Apotheken umgewandelt werben ober die Gewerbefreiheit auch auf diesem Gebiete eingesührt wird. Das Apothekergewerbe mit seinem vorgeschriebenen Bildungsgang und seinen vielfachen Modifikationen, jetzt schon unter staatlicher Aufsicht, wird sich eher als Staatsmonopol eignen, denn als freies Gewerbe. Das Reich konnte sich hier bald ein Monopol schaffen, mit welchem das Volk zufrieden und der Staat jährlich eine Einnahmequelle von vielen Millionen hätte. Dadurch würde die Stellung der Apotheker zu den Aerzten, besonders die der Landapotheker, eine bessere und dem Handwerk der Kurpfuscherei und des schon viel verurteilten Geheimmittelwesens könnte eher gesteuert werden. Die zweite Art der Lösung wäre die Einführung der Gewerbefreiheit. Rangiert der Apotheker mit Kaufleuten, bann wird wohl Freund und Feind ohne alle Sonder- und Hintergedanken sagen muffen, daß auch ihm volle Niederlaffungsfteiheit gebührt, wie beim Kaufmannsstande. Vielleicht bringen die Kölner Agitationen bald einmal Fluß in bie Sache. — Die „Berl. Polit. Rachr." konstatieren das mehrfach hervorgetretene Bestreben ausländischer Konkurrenten, sich in Deutschland durch eigene Beobachtung oder durch Emissäre über die bezüglichen Verhältnisse sowohl
Die Stimme des starken ManneS bebte, als er nun, auf ihr schönes Antlitz blickend, leise sagte:
„Wie sehr ich Sie liebe und verehre, Fräulein Adele* wissen Sie; mein ganzes Leben soll Ihrem Glück gewidmet fein, wenn Sie meine Gattin werden wollen. — Ich kenne das Geh-.imo.is Ihres Herzens — wenigstens in feinen Hanptzügen und will zufrieden sein mit dem Gefühl, welches Sie mir weihen können! — Mein alleiniges Streben soll es von heute ab fein, mir Ihr Vertrauen, Ihr Herz mehr und mehr zu gewinnen."
Adele drückte innig die Hand, welche Graf Dernburg ihr geboten hatte. Mit einem kaum hörbaren Seufzer erwiderte sie:
„Es schmerzt mich, Herr Graf, daß ich Ihnen nicht auch mein ganzes Herz zu bieten vermag. — Wenn ©'e zufrieden sind mit der höchsten Achtung und dem unbegrenztesten Vertrauen, die ein Mädchen einem Manne entgegenbringen kann, bann will ich Ihre Gattin werden; Sie so lieben, wie Sie es v-rdienen und eigentlich zu fordern berechtigt wären, das kann ich — für jetzt wenigstens — nicht!"
„Ich danke Ihnen, Adele," antwortete Graf Leopold, „schon für das, was Sie mir geben wollen!"
Er war sichtlich bewegt, hielt ihre beiden Hände in den feinen und blickte ihr lange und innig in die Augen. Es war ein warmer, herzlicher Blick, der auch ihn traf, und sein Herz begann heftiger, schneller zu klopfen: er hoffte jetzt mehr denn je, daß sie ihn doch noch lieben lernen werde.
Daun ging der Graf zu Adeles Vater und brachte bei diesem die formelle Werbung um die Hand feiner Tochter an. Als er dem alten Herrn sagte, daß Adele bereits ein« gewilligt habe, die Seine zu werden, und ihnen Beiden nur noch seinen Segen fehle, da strahlte Herrn v. Sodens Gesicht und überglücklich schloß er Dernburg in seine Arme.
„Adele ist mein gutes, edelgesinntes Mädchen," sagte
im allgemeinen als auch namentlich hinsichtlich solcher Pro- duktions- und Industriezweige, welche bei uns einen Aufschwung aufweisen, zu informieren, und führen im Anschluß an beregte Thatsache folgendes aus: „Diese Versuche, so schmeichelhaft sie an sich sein mögen, bieten doch zugleich eine gewisse Gefahr, denn zwischen der erlaubten und ben wechselseitigen Verkehrsbeziehungen sogar dienlichen Information einerseits und der Einblicknahme in die Einzelheiten gewisser Fabrikationsmethoden andererseits liegt eine Grenze, bereu Ueberschreitung naturgemäß aller und jeder Konkurrenz, ber inländischen sowohl wie der ausländischen, versagt ist, aber nur zu gern versucht wird. Die Gefahr solcher Grenzverletzung ist bereits mehrfach durch Vorgänge, welche über den Rahmen erlaubter und loyaler Jnsor- mationseinziehung weit hinausgehen, illustriert worden. Noch ganz kürzlich mußte ein ausländischer Industrieller aus einer deutschen Fabrikstadt ausgewiesen werden, weil er, nachdem ihm der gewünschte Zutritt zu einer dortigen Fabrik behufs Wahrung von Fabrikationsgeheimnissen versagt worden war, es nicht verschmäht hatte, mit der ausgesprochenen Absicht einer Schädigung des Besitzers durch Verwertung seiner Fabrikationsmethode, deinselben eine Anzahl Arbeiter abspenstig zu machen und dieselben auf eine Reihe von Jahren für feine im Auslande befindliche Fabrik zu engagieren. Ist auch dieser Versuch nur in geringem Maße gelungen, so bietet er doch erneuten Anlaß, die deutschen Fabrikanten zur Vorsicht zu ermahnen."
Hamburg, 20. Jan. Die internationale Fahrplankonferenz ist heute vormittag hier zusammengetreten. Die von dem Senator Lehmann Namens des Senats begrüßte Konferenz ist von 93 Vertretern der Eisenbahnverwaltungen und Dampfschifffahrtsgesellschaften besucht. Deutschland und Oesterreich-llngarn delegierten auch staatliche Vertreter. Der Sommerfahrplan tritt am 1. Juni in Kraft. Die Konferenz für den Wiitterfahrplan von 1886 '87 findet am 17. Juni in Amsterdam statt. Ein Antrag der Gotthardbahn auf einheitliche Bezeichnung der Nachtzeiten auf ben Fahrplänen würbe angenommen.
Ausland.
Wien, 20. Jan. Die „Pol. Korresp." melbet aus Belgrab als authentisch: Die Nachrichten, baß ber Verkehr für Privatpersonen auf ben serbischen Bahnen zum Zwecke von Truppentransporten eingestellt, sowie daß auf das die Abrüstung ablehnende Rundschreiben des Ministerpräsidenten Garaschanin die Einberufung des zweiten serbischen Aufgebotes zum 24. d. M. gefolgt fei, entbehren der Begründung. Die Wiedereinberufung der Truppen zum 24. Januar war gleichzeitig mit deren Beurlaubung angeordnet worden und steht mit der Note Garaschanins, welche die Abrüstung ablehnt, in keinerlei Zusammenhang.
er tiefbewegt; „Sie werden mit ihr schon glücklich und zn- friedm sein, lieber Graf!" —
Seine älteste Tochter selbst, die inzwischen auch in sein Zimmer gekommen war, küßte er zärtlich und herzlich und rief hocherfreut:
„Das hast Du brav gemacht, mein Kind! — Graf Dernburg hat es auch verdient, daß seine Liebe nicht unerwidert bleibt."
Adele v. Soden war nun Graf Leopold Dernburgs verlobte Brant und das schöne, so vorzüglich zusammenpassende Paar ward allgemein und aufrichtig beglückwünscht. Wenn Adele auch nicht so glückberauscht war, wie sonst eine glückliche Brant es zn fein pflegt, so konnte doch der Graf sich nicht beklagen; sie war ihm eine sanfte, liebenswürdige, ihm und seinen Interessen ganz sich widmende Gefährtin. Eine ruhige, glückliche Ehe mußte diese Verbindung zur Folge haben, welche zwei Menschen zusammenführte, die sich gut verstanden.
Auch Adele war es nicht so schwer, als sie sich vorgestellt t hatte, den Grafen als ihren demnächsten Gemahl zu betrachten. Sie gewöhnte sich an den Gedanken und mit inniger Erkenntlichkeit nahm sie die zarten Aufmerksamkeiten an, welche Dernburg ihr zu erweisen nicht müde ward.
Ida v. Brunner war ebenso erstaunt wie hoch erfreut, als sie — eine der Ersten — durch Adele selbst bereit Verlobung erfuhr. Zärtlich schloß sie bie Freundin an ihre Brnst.
„Du glaubst nicht, Adele, wie ber Gedanke mir stets so schmerzlich gewesen, daß Du um Dein Lebensglück betrogen worden," meinte Ida; „es lag dieser Gedanke immer einer Schuld gleich aus meiner Seele und es war mir zu Mute, als habe ich die Verantwortung dafür zu tragen. — Graf Dernburg ist ber Mann, ber Deiner würbig ist unb Dich gewiß auch recht glücklich machen wirb!" schloß bie junge Frau herzlich. (Fortsetzung folgt.)