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Marburg, Donnerstag, 21. Januar 1886.
XXI. Jahrgang
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OlikkhMk Jfituiip.
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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg n. Kirchhain. - Illustriertes Conntagsblatt.
Expeditione Martt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. «och.
Kolonisation in Deutschland.
Ein schon vielfach befürworteter Plan, der aber bisher immer wieder zurückgestellt worden ist aus — nun sagen wir aus Geldmangel — scheint sich nun doch seiner Ausführung mit starken Schritten zu nähern. Wir meinen die Kolonisation in Deutschland. Allerdings sind die Beweggründe, welche der Sache ein beschleunigtes Tempo gegeben, weniger wirtschaftliche, als vielmehr politische, und die Art der Ausführung weicht demzufolge von den früher gemachten Vorschlägeil ziemlich bedeutend ab; aber es ist doch ein starker Schritt zur Erfüllung der in dieser Beziehung gehegten Hoffnungen in Aussicht, und darauf komnit es vor allem an. Ist der Weg erst betreten, so stndet sich schon von selbst, was anfänglich weniger beachtet wurde.
In der Thronrede zur Eröffnung des preußischen Landtages sind Maßregeln in Aussicht gestellt, durch welche in den Ostseeprovinzen das deutsche Element gegenüber dem polnischen geschützt und gesichert werden soll. Das Polen- tum breitet sich in diesen früher gut deutschen Landesteilen mchr und mehr aus, und es scheint geboten, seinem Umsichgreifen durch Schaffung einer breiteren und festeren deutschen Volksschicht Widerstand entgegenzusetzen. Das Polentum soll nicht ausgerottet, aber es muß verhütet werden, daß Teile des Deutschen Reiches den Charakter des Deutschtums verlieren. Die Stärkung des deutschen Elementes in jenen Gebieten kann nicht von oben herab, sondern muß von unten herauf geschehen. Wir verstehen das so: Ein deutscher Großgrundbesitzer mehr kann für die Kräftigung des Deutschtums wenig wirken; der Bauer, der Handwerker, aus ihnen muß der Damm gebildet werden, welcher die polnische Sturzwelle aufhält, der verhindert, daß immer mehr deutsche Namen in polnische übergehen. Dem Deutschtum muß in den polnischen Gebieten fein Recht werden; wird es gekräftigt und gewinnt es wieder eine solide Unterlage, so wird die Germanisierung der Polen sich ganz von selbst vollziehen, ohne alle Härte und scharfen Maßregeln. Richt der Schloßherr modelt und ändert den Sinn des Volkes, nur das Volk selbst gewinnt das Volk; gerade eine Sicherstellung der arbeitenden Schichten ist notwendig, wenn deutsch seinem Wesen nach bleiben soll, was den deutschen Namen trägt.
Es ist mitgeteilt und bisher nicht widersprochen ivorden, daß eine der geplanten Maßnahmen zur Sicherstellung und Fundamentierung des Deutschtums in den dentchen Gebieten polnischer Zunge die Kolonisation Deutscher in diesen Gegenden, die Verpflanzung deutschen Elementes unter die polnische Bevölkerung fein soll. Diese Saat wird voraussichtlich eine solche sein, die gute Frucht bringt; die deutschen Kolonisten werden sich im Laufe der Jahre das ihnen von den Polen entrissene Terrain zurückerobern, nicht, das sei
vor allem betont, zur Unterdrückung des Polentums, sondern zur allmählichen Gewinnung desselben für das Deutschtum. Es fehlt nicht an Land, das mit entsprechenden Mitteln kultiviert werden kann, es fehlt nicht an Händen zur fleißigen Arbeit. Macht die preußische Regierung in dieser Beziehung bald übersichtliche Vorschläge, sie wird auf Zustimmung rechnen können.
Von der politischen Kolonisation, wie sie im Ostlande erfolgen soll, bis zur rein wirtschaftlichen im ganzeil deutschen Reich, auf welche schon lange hingewiesen ist, ist der Weg nicht allzuweit Die Regierungen sind daran nicht in größerem Maßstabe herangetreten, weil es an Geld fehlte. Die polnische Frage bricht dies Eis, und es wird hoffentlich immer weiter brechen, damit endlich mit der Kultivierung der unbebauten Landstrecken in Deutschland in umfassender Weise vorgegangen werden kann. Es ist ein Irrtum, wenn man annimmt, Deutschland sei altzudicht bevölkert, es sei kein Platz mehr vorhanden zur weiteren Niederlassung. Ziffernmäßig ist nachgewiesen, daß noch Millionen Morgen öd oder als Sumpfland daliegen. Es ist ein weiterer großer Irrtum, wenn man annimmt, das Land sei wertlos. Es birgt im Gegenteile Schätze; aber zur Hebung derselben ist die Ueberführung zur Kultur notwendig. Hierzu gehört Geld, und im Vorteil des Staates liegt es vor allem, dies Geld auszugeben. Es ist eine Kapitalanlage, die hohen Nutzen bringt, denn sie wandelt nicht nur unfruchtbares Land in ergiebige Fluren, sie erhält auch dem Staate eine große Zahl leistungsfähige Bürger oder führt ihm solche neu 511. Wir können in Deutschland kolonisieren, sehr viel kolonisieren und wenn die Aufgabe auch eine schwierige ist, so entspricht ihr doch der Lohn.
Die Jndustrielage und die in vielen Branchen herrschende Ueberproduktion wird naturgemäß die Zahl der industriellen Arbeiter einschränken und mancher, der vielleicht lieber zu Hammer und Zange griffe, wird sich mit Spaten und Pflug beschäftigen müssen. Nordamerika bietet uns in dieser Beziehung schon ein Beispiel: Tausende industrieller Arbeiter, die in ihrem Fache auf einen hohen Wvchenverdienst gerechnet, haben vergesfen, mit dem mangelnden Absatz, mit der daraus folgenden Arbeiterüberfüllung zu rechnen; sie blieben ohne Brot und mußten sich entschließen, landwirtschaftliche Arbeiter zu werden. Dieser Zustand der Industrie wird sich sicherlich bessern, aber die Zahl der Industriearbeiter wird sich trotzdem allmählich verringern müssen, weil die Maschinentechnik immer mchr vervollkommt wird, den Händen immer mehr Arbeit abnimmt. Man wird wieder mehr und mehr einsehen, daß die Erde nicht nur Eisen schafft, sondern auch Früchte und Lebensmittel aller Art.
Deutsches Reich.
Berlin, 19. Jan. Der Kaiser machte nachmittags eine Spazierfahrt, nahm den Vortrag des Grafen Herbert Bisinarck entgegen und empfing das Präsidium des Abgeordnetenhauses, welches darauf auch von der Kaiserin empfangen wurde. — Nach dem vom Kämmerer Runge in der heutigen Sitzung des Magistrats erstatteten Berichte soll die vom Magistrate beschlossene städtische Anleihe von 50 Mill, eine 4prozentige sein und mit einem Prozent von 1890 ab amortisiert werden. 25 Millionen sind für die Fortführung der Kanalisation in den nächsten 5 Jahren bestimmt, 5 bis 6 Millionen zur Erbauung fester Brücken, 6 Millionen für den Neubau des Polizeipräsidiums, 1 Million ist für ein drittes städtisches Krankenhaus, 26/io Million sind für eine Erweiterung der Wasserwerke und 11 Millionen für eine neue Markthalle, bezw. für die zu vollendenden Markthallen bestimmt. — Der Landtagsabgeordnete Karl Gärtner ist gestorben. — Staatsminister von Bötticher erwähnte bei der ersten Lesung der Nordostseekanal-Vorlage im Reichstage, daß sich Graf Moltke im Jahre 1880 günstiger über den Kanal geäußert habe, als im Jahre 1873, gab aber den Wortlaut der Aeußerung nicht an. Die „Hamb. Nachr." bringen ihn. In der Sitzung des Zentralvereins für Hebung der deutschen Fluß- und Kanalschiffahrt am 13. März 1880 äußerte sich der General-Feldmarschall bezüglich des Kanals u. a. folgendermaßen: „Ich habe damals (1873) gegen das Projekt gesprochen, weil ich der Meinung bin, daß es bedeutend nützlicher sei, diese Summe für die Vergrößerung der deutschen Flotte zu verwenden. Das Dahlströinsche Nordostsee-Kanalprojekt ist, so viel mir be kannt, von geringeren Dimensionen und mithin viel billiger. Allein der Landrücken muß auch bei diesem Projekt überschritten werden, ein Uebergang für drei Eisenbahnen muß geschaffen, hohe Entschädigungen an die Adjazenten müssen gezahlt werden rc, so daß ich auch die Kosten dieses Projekts für nicht im Verhältnis zu dem Nutzen erachte, den dasselbe Deutschland gewähren könnte......Mißlich er
scheint die Frequenz des projektierten Kanals. Im Winter wird der Kanal gewöhnlich zugefroren sein, und im Sommer, wenn kein Sturm zu befürchten ist, werden die Schiffe, um die Kanalabgaben zu sparen, durch den Sund fahren. Im Frühjahr und Herbst dürften aber so viel Schiffe durch den Kanal fahren, daß ich lebhaft befürchte, die Ueber- füllung des Kanals werde verhängnisvolle Kollisionen verursachen. Im übrigen bin ich der Meinung: die Regierung würde dem Konsortium von Kapitalisten, das den Bau des Nordostseekanals ausführen wollte, sehr dankbar sein, um dadurch Gelegenheit zu haben, mit Kanonenboten und Ausfallkorvetten durch den Kanal zu fahren. Ob der
Heißer Sinn.
Roman von Theodor Küster.
(Fortsetzung.)
Nun gehört Adele zu jenen tief und andauernd fühlenden Naturen, die schwer überwinden, und gerade diese ihre Charakter-Eigenschaft sollte, so denke ich, in Ihren Augen ein Empfehlungsbrief sein, denn sie verbürgt ehrenhaften Sinn, Aufrichtigkeit und Treue! — Und ich, mein Freund, bin fest überzeugt, daß Ihre aufrichtige Liebe verhältnismäßig wenig Zeit bedürfen wird, um Adeles Herz vollständig sich zu eigen zu machen. — Adele wird Sie lieben lernen «ad diese Umwandlung ihres Herzens zu Ihren Gunsten wird nur eine Frage der Zeit sein und bedingt werden durch die Art und Weise, in der Sie ihr geaenübertreten, durch die Rücksicht und Schonung, die Ste Ihrem etwas nervös erregten Seelenzustande zu Teil werden lassen. — Die besten Ehen sind bekanntlich die auf Achtung begründeten. Ich sage es unverholen; Adele bringt im Augenblick, indem fie Ihrer Werbung zustimmt, ein Opfer mit ihrem Herzen, wie sie es außer Ihnen keinem Mann bringen würde! — Schon dieser Umstand, für dessen Wahrheit ich Ihnen einstehe, muß Sie überzeugen, wie hoch Sie in Ihrer Achtung stehen! Ueberlaffen Sie alles Weitere der Zeit und Ihrem durch den Brautstand bedingten näheren Bekanutwerden und ich bürge dafür, meine Schwägerin wird Sie auch bald lieben und Ihnen demnächst trotz Alledem vor dem Altar mit ihrer Hand auch ihr Herz geben!" —
Bitter lächelte der Graf, dann rief er feurig, fast heftig: „Ach, Doktor, Liebe, heiße, innige Liebe, wie ich sie empfinde für Adele, und dagegen Achtung, kalte Höflichkeit — das paßt nimmer zusammen!" —
Er erhob sich schnell und durchmaß aufgeregt sein Zimmer. Dann blieb er nach einer Weile vor Walter Grell stehen, ergriff dessen beide Hände und sagte dringend:
„Lassen Sie mich mit mir allein, bester Freund: Sie sehen, ich bin im Kampf mit widerstreitenden Gefühlen,
Liebe und kalter Verstand müssen sich erst ausgleichen. Gehen Sie! Vor Abendrot noch bin ich bei Ihnen." —
Walter drückte warm des Grafen Hände: er hatte Mstleid mit ihm. — Dann ging er ohne ein weiteres Wort.
Wechselvolle Bilder waren es, welche an Dernburgs Seele vorüberzogen. Der Graf kämpfte einen schweren inner» Kampf durch. Konnte das Leben, so mußte er sich fragen, welches er unter solchen Verhältnissen an Adeles Seite führen würde, ein glückliches sein? — Und immer wieder mußte er sich sagen, daß ihr Dulden seiner Liebe ihm weit mehr Dualen bereiten werde, als wenn er ihr entsagte.
Allein was sollte er dann thun? — Auf sein einsames Schloß zurückkehren und ein ebenso einsames, freudeleeres Leben dort führen — er, der sich so sehr nach häuslichem Glück sehnte? —Wie oft hatte er sich sein Leben auf dem prächtigen alten Stammsitze in den herrlichsten Farben ausgemalt, sich im Geiste in einem schönen, glücklichen Familienkreise gesehen! —
Er dachte an all die Frauen, deren Portraits im Ahnensaale seines Stammschloßes hingen; dort, auf der großen Dernburg, im Gebirge, konnte der Tourist, der sich das Schloß zeigen ließ, schöne, ja reizende weibliche Gestalten bewundern und auch minder schöne sah er, ja selbst solche, die auf das Prädikat „häßlich, oder „abstoßend" Anspruch erheben durften. — Auch strenge, kalte, ebensowohl wie sanfte, liebliche Gesichter wärest in der zahlreichen Ahnen- Portrait-Gallerie verteten. — Graf Leopold wußte sich wiederum fragen: „Haben sie Alle ihre Eheherrn geliebt, als sie sich mit ihnen vermählten? —
Mesalliancen waren in seiner Familie bisher nicht vorgekommen; die Verbindungen waren ausnahmslos standesgemäße gewesen. Ob die Herzen immer den Bund geschloffen, er glaubte es raum.
Adele v. Soden war eine für einen Dernburg passende, standesgemäße Partie; sie war von altem Adel, außerdem — was für den Grafen Leopold gar nicht ins Gewicht fiel
— vermögend. Sie würde eine schöne Schloßherrtn abgegeben haben, um so mehr, als es seine Absicht war, aus Schloß Dernburg im Sommer, in der Residenz im Winter ein großes Haus zu wachen. Man würde ihn — dieser Gedanke drängte sich lebhaft auf — beneiden um das Glück, eine Frau wie Adele zu besitzen; ja, wenn fie ihn liebte, dann würde fie sein Glück vollständig machen und er sich für den beneidenswertesten Menschen halten. —
Ob sie den Andern noch liebte, der ihrer nicht würdig gewesen? . . — Doch nein, das war ja kaum anzunehmen: sie hätte sonst ihn — Dernburg — nicht zum Gatten zu nehmen bereit erklärt. Der Glaube an Männer-Würde und Ehre mußte in ihr stark erschüttert worden sein; ste mußte die Fähigkeit, mit ganzer Seele zu lieben, eingebüßt haben durch das Unglück, welches ihr erster Liebestraum im Gefolge gehabt. —
Es leuchtete wieder auf in den Augen des Grafen; er begann zu hoffen: wenn sie seine Liebe zu ihr, seine Achtung vor ihrem Geist und Charakter und die daraus begründete Treue seinerseits nur erst erkannt, so glaubte er, dann werde ihr wohl auch die Fähigkeit zu lieben wiederkehren und sie werde ihn lteb-n lernen und — lieben. — Gab es doch so viele Ehen, die nur durch Conventenz geschlossen, endlich doch das glücklichste, beste Resultat ergeben hatten, ruhiges, zufrieden-stilles Glück zeigten. — Er — Graf Leopold — war ja auch kein Jüngling mehr und fahndete nicht nach leidenschaftlicher Hingebung; Adele konnte ihm so manches bieten: ihr reger Geist, ihr tiefes Gemüht konnten ihn ja entschädigen für den Mangel eines ersten Liebesfrühlings und am Ende kam die wirkliche Liebe doch von selbst, mit der Zeit.....—
Adele oder Keine! — Das war Graf Dernburgs Losung. Er hatte sich das schon so oft gesagt und er mutzte sich jetzt die Frage wiederholen: war es denn nicht besser, mit einer Frau, die — wie Adele es ja that — ihn achtete, zu leben, als allein den stolzen Ahnensitz zu bewohnen?
(Fortsetzung folgt.