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Marburg, Mittwoch, 20. Januar 1886.
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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntaasblatt.
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sber bafe ber kleine Reinhard sein Sohn. Sie zeigte Adtle *u Bries, den Brunner nach so langer Zeit an Doktor »rell geschrieben und aus den hin dieser den Freund zu momen veranlaßt habe, um womöglich die Gatten zu ver- Emen.
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Die Ueberproduktion in der Industrie.
Eine der interessantesten Stellen in der preußischen Thronrede lautet wortgetreu: „Auf dem Gebiete der industriellen Thätigkeit macht sich in einzelnen Betriebszweigen eine Stockung des Absatzes bemerkbar. Diese Erscheinung läßt sich aus eine durch die bisherigen günstigen Erfolge der gewerblichen Arbeit angeregte Steigerung der Betriebsamkeit und auf den Wunsch zurückführen, dem deutschen Fabrikat im Weltbewerb mit den konkurrierenden Zndustriestaateu den Vorsprung zu sichern. Eine Abhilfe hiergegen liegt außerhalb des Bereiches unserer Gesetzgebung. Nur die Zurückführung unserer Produktion auf das Maß des Bedürfnisses wird die ungünstigen wirtschaftlichen Folgen fernzuhalten vermögen, welche eine Anhäufung nicht absatzfähiger Erzeugnisse nach zieht!" So die Thronde, damit ist zum ersten Male von Seiten der Regierung zugegeben, daß die mannigfachen Klagen einzelner Zndustrieen, über die sich schon fetzt bemerkbar machenden Folgen der Ueberproduktion begründet sind. Auf der einen Seite folgt daraus inangelnder Absatc, auf der anderen ein beträchtlicher Preisdruck; die Arbeit geht des Verdienstes zum Teil verlustig, den sie mit Recht fordern kann. Wesentlich beige tragen zur Vermehrung der Produktionskalamität, namentlich in der Eisenindustrie haben auch die enorm hohen russischen Zollverschärfunqen; sie haben die deutsche Ausfuhr in einer Weise vermindert, die selbst dem Laien auf den ersten Blick ins Auge fällt. Es hieß, seit dem Sommer sei bereits eine Besserung duser mißlichen Verhältnisse eingetreten. Wenn das zeitweise der Fall gewesen, so war die Besserung wohl nicht allgemein, denn sonst hätte die Thronrede schwerlich diese Angelegenheit berührt.
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Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d Blattes, sowie d.Annoncen-Bureauk von Haaienstein nndVoqler in Franlsurl a. M , Cassel, Magdeburg und Wien» Rudolf Mosse in Frankfurt ♦ a M-, Berlin,München und
Köln; G. L. Daube und '■ o. in 1'ranksurt a. Ai-, B rlin, Hannover u.Paris
Die deutsche Ueberproduktion würde noch eher Absatz haben, wenn ihr nicht eine Ueberproduktion auch in England und Frankreich zur Seite stände, und dort sieht es fast noch schlimmer, als bei uns aus. Als der Anfang der Mehrproduktion die Preise zu drücken begann, erweiterten die Fabrikanten die Masse der Erzeugnisse, um auf diese Weise den Gewinnverlust wieder einzubringen. Damit ist aber die Fabrikation in den betreffenden Artikeln eine so gewaltige geworden, daß naturgemäß eine Stauung b«s Absatzes eintreten mußte. Diese Stockung bedeutet selbstverständlich eine schwere Schädigung des wirtschaftlichen Lebens, der Arbeitgeber wie der Arbeitnehmer, und v muß daher darauf hingewiesen werden, die Krisis ab- 4719 iukürzen. Das wesentlichste hierbei thut die Zeit und die durch die Verhältnisse gebotene Einschränkung der Pro- duttion. Die Zeit gleicht die Mehrproduktion durch langsamen Absatz aus und ist diese verschwunden, dann beginnt ^uch die Nachfrage wieder und mit ihr kommen bessere Preise. Es ist nicht das erste Mal, daß Deutschland eine Caff Mche Stauung zu bestehen gehabt, es waren schon schlirn-
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Zeichnungen Allerhöchst Ihren besonderen Glückwunsch mit dem Ausdrucke gnädigster Anerkennung auszusprechen geruht. — Der russische General-Adjutant Graf Adlerberg, welcher . zum Thronbesteigungs-Jubiläum vom Kaiser Alexander HL zur Uebermittelung der Glückwünsche dessetbeii nach Berlin gesandt worden war, hat — so meldet wenigstens die „Nowoje Wreinja" x~ von dort ein Handschreiben des Kaisers Wilhelm an den Zaren nach Petersburg zurückgebracht. Ueber seine Ausnahme in Petersburg läßt sich die „Schles. Ztg." dorther schreiben: Der ehemalige Hof- Mlnister Graf Adlerberg ist von Berlin zurückgekehrt und spricht sich geradezu enthusiasmiert über den Empfang aus den ihm Kaiser Wilhelm zuteil werden ließ. In Briefen i an feine Gemahlin hatte der Graf bereits Mitteilungen ! über seine Eindrücke in den Jubiläumstagen gemacht. | Diese Briefe hatten in der hiesigen Gesellschaft großes : Interesse erregt, und noch mehr ist dies jetzt bezüglich ! seiner Erzählungen der Fall. Es konnte aber auch keine bessere Persönlichkeit gefunden werden, um Kaiser Wilhelm, dem treuen Freunde Kaiser Alexander IL, die Glückwünsche des jetzigen Zaren zu übermitteln, als Graf Adlerberg, der dem verstorbenen Monarchen als persönlicher Freund und als Diener zugleich nahe stand. Die Wahl des Grafen ging direkt vom Kaiser Alexander III. aus, der, wo es sich um die Auswahl von Persönlichkeiten zur Vertretung wichtiger Interessen handelt, einen entschiedenen Scharfblick zeigt. Im allgemeinen spielen ja die nächsten Ratgeber des verstorbenen Kaisers keine Rolle mehr; sie sind gewissermaßen lebendig tot; Graf Adlerberg bildet jedoch eine Ausnahme. Noch immer genießt er das höchste Ansehen in Hof- und Negierungskreisen wie in der Gesellschaft, man erbittet seinen Rat und nützt seine hohe Erfahrung. — Ueber die Wirkungen des Sozialistengesetzes äußert sich das „Leipziger Tageblatt" folgendermaßen: „Die sozialistischen Agitatoren pflegen bekanntlich in Ab- rebe zu stellen, daß das Sozialistengesetz ihrer Partei Schaden gebracht habe. Wir sind dieser Behauptung stets entgegengetreten und finden unsere Auffassung neuerdings durch ein Bekenntnis der sozialistischen „Thüringer Waldpost" bestätigt. In diesem Blatte wird bei Erwähnung der im 19. sächsischen Reichstagswahlkreise infolge des freiwilligen Rücktrittes des Abg. Ebert nötig werdenden Ergänznngswahl auf Grund der ziffermäßigen Vergleichung der Reichstagswahlergebnisse rückhaltlos zugestanden, daß das Sozialistengesetz ein „schwerer Schlag" gegen die sozialdemokratische Partei war; mir behauptet die „Thüringer Waldpost" noch, daß in der Zeit von 4881—1884 die Sozialdemokratie von diesem Schlage sich bedeutend erholt habe. Das genannte Blatt hätte noch hinzufügen können, daß, wenn das letztere wirklich der Fall gewesen, die Sozialisten dies in der Hauptsache der durch die Reichstagsmehrheit herbeigeführten veränderten Handhabung des
werde, die ihm zu übirbringen der junge Badearzt bevollmächtigt war.
Der Graf wußte nicht, ob er jubeln, ob klagen und re- siguireu sollte, ob diese ausgesprochen-unerwiderte Liebe nicht genügte, ihn alle Gedanken an Adele v. Soden auf- geben zu lassen. Immer und immer wieder ertönte in seinem Herzen die Stimme, die ihm warnend zurief: „Sie liebt Dich nicht — hat einen Andern geliebt, kann diesen nicht vergessen und — will ttotzdem Dtt ihre Hand geben, aber nicht ihr Herz!"
Traurig und ernft, wie Walter den Freund — denn das war ihm Graf Dernburg in jeder Hinsicht — nie vorher gesehen, saß dieser jetzt sinnend da und dem Arzt, welcher gehofft, ihn freudig bewegt und glücklich überrascht zu stimmen dadurch, daß er ihm endlich die so ersehnte Einwilligung Adeles überbrachte, um die jener schon so lauge vergeblich geworben, bangte es nun, daß der Graf die Hand von Ellas Schwester ohne deren Herz zurnckweisen werde. —
„Und einem Andern als Dernburg bringt sie dieses Opfer, daß ihr ohnehin schwer genug geworden, nicht!" mußte Doktor Grell sich sagen.
„Lieber Dernburg," fuhr Matter nach einer Pause des UeberlegeuS fort, „Sie fassen die Sache zu — wie soll ich gleich sagen? — zu ernst, zu tragisch und — verzeihen Sie! in zu senttmentaler Weise auf: es ist wahr, Adele hat geliebt; indessen läßt diese einzige Liebe, welche bisher ihr Herz berührte, sich mit Recht dem ephemeren SchmetterlingS- Dasein vergleichen; sie entstand plötzlich und mußte ebenso schnell aus dem jugendlichen Herzen wieder entfernt werden; die in Mitleidenschaft kommenden Verhällnisse machten sie zu einer Unmöglichkeit.
(Fortsetzung folgt.
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Heißer Sin«.
Roman von Lheodoi Küster.
er P (Fortsetzung.)
en ui Sie erzählte ihm, daß er schon mehrere Wochen in dem _ e,“len .°&en am Walde wohne, ohne zu ahnen, daß
Adele horte voller Staunen, was Ella ihr erzählte, vie wußte nun auch, was es gewesen, das sie und Ida I0P tn den Werken Franz Fontaines so ungemein gefessett hatte: 'Aj das Herz, das Empfinden, das aus den Schöpfungen » Sichters deutlich sprach, und Beide hatten ste ihn ver- ranben, weil sie Beide ihn liebten.
.Wie viel mußte er gelitten haben, wie sehr sich nach Me und Frieden sehnen?! — Ja, er mußte und sollte stide haben, und waren sie auch nur durch ein Opfer ihrer- Ms für ihn zu erringen, indem sie sich einem Manne vermählte, den sie nicht liebte. —
„Thn wie Du willst, Ella," sagte sie endlich entschloffen. 'Erzähle dem Grafen Alles — nur die Namen laß aus Spiel. Ich will seine Werbung, wenn er sie wieder- »ren sollte, nicht länger zurückweiseu. — Run aber laß «ch allein, Kind. — Dir und Walter will ich es tausendmal «nken, wenn Ida mit Reinhard — mit ihrem Gatten," chaltete sie verbessernd ein, „wieder vereint wird!"
„Sprich nicht von Alle dem, was ich Dir mitgeteilt, «gen Ida," sagte Ella noch im Gehen;" sie dürfen sich 2*, Wiedersehen, nachdem Du mti dem Grafen förmlich vlobt bist!"
mere Zeiten da, und eben so gut wie diese, wird auch die jetzige Krisis von der Industrie mit Geduld und Vorsicht überwunden werden. Das Rad des Welthandels steht nie ftitt, aber es braucht Zeit, sich durch die Massenpxobuktioit hindurchzuarbeiten.
Es ist eine ganz merkwürdige Erscheinung, daß in dieser Periode des mangelnden Jndustrieabsatzes ein sehr bedeutender Geldüberfluß herrscht. Ter Zinssatz ist so niedrig, wie kaum jemals, und das Deutsche Reich denkt bekanntlich ebenfalls daran, sich diese günstige Gelegenheit durch Ausgabe dreieinhalbprozentiger Konsols zu Nutze zu machen, wie es Preußen schon gethan hat. Für große industrielle Unternehmuiigen fehlt dagegen anscheinend der Mut und darum auch das Geld, eine Thatsache, die wohl erklärlich ist, aber darum auch bedauerlich bleibt Seit langer Zeit ist es in Deutschland nicht so still gewesen von großen Privatunternehmungeii, wie gegenwärtig; nur da, wo von auswärtige« Staaten große Arbeiten vergeben werden, eine Garantie für Deckung also vorhanden ist, tritt auch das deutsche Kapital und damit die Industrie konkurrierend ein, und zwar immerhin mit gutem Erfolge, obwohl auch von französischer unb englischer Seite aufgeboten wird, was nur irgend möglich, um den Sieg davonzniragen. Gerade weil die Privatindnstrie arg eiu- geengt ist, und es an Absatz und darum wieder an Arbeit mangelt, empfiehlt es sich für beit Staat, wenigstens in bescheibenem Maße burch Vornahme öffentlicher Arbeiten Jnbustrie unb Arbeitern etwas beizuspringen. Es würbe gefährlich sein, barauf loszubauen, wie es beispielsweise in Paris geschehen ist, beim die Elle mürbe zuletzt länger werden, at6_ der Kram, aber wo sich praktischer Nutzen zeigt, da frisch ans Werk unb nicht auf morgen verlegt, was heute geschehen kann. Im Reichstage wirb noch ber Sau bes Nordostseekanals erwogen, unb es scheint ja bie Stimmung bem Projekt im allgemeinen günstig zu sein, Preußen plant für sich ben Ban weiterer Kanäle und Eisenbahnen; bas hilft immer schon etwas. Bemerkenswert ist auch, _ baß bie sächsische Regierung in biefer Begehung thatkrästig burch Uebemahme mehrerer Freiberger Gruben unb neue Bahnbauteu vorgegangen ist, unb in bieser Weise kann jeber Bunbesstaat etwas thnn. Die Zett ist bie beste nicht, aber auch nicht bie schlimmste, unb mit vereinten Kräften unb kluger Unterstützung, wo es von Nöten, wirb es schon gelingen, barüber hinweq- znkommeii. °
Deutsches Reich.
Berlin, 18. Jan. Ihre Majestät bie Kaiserin Haden tn einem überaus huldvollen Schreiben bem Mi- nifter ber öffentlichen Arbeiten, Staatsminister Maybach, Ms Anlaß der ihm burch bie Gnade Sr. Majestät des Kaisers unb Königs zu teil geworbenen hohen Aus-
Als Doktor Grell, bald nachdem Adele zum välerlichen Hause zuruckgekehrt, von seinem ersten Morgenrundgange im eignen Heim zum Frühstück sich einfand, berichtete Ella dem Gatten ihre Unterredung mit der Schwester.
„Sie willigt endlich ein, Graf Dernburgs Werbung anzunehmen, Walter!" schloß die kleine Fran Doktorin. „Nun lchicke mit den Grafen her, oder willst Du es selbst übernehmen ihn von Allem in Kenntnis zu setzen? — Doch ohne Reinhards und Idas Namen dabei zu nennen, Walter! — Adele macht das zur Bedingung. Ich glaube zwischen Euch Mannern läßt sich das viel besser besprechen."
„Gewiß, Herzens stauchen, gewiß!" tief glücklich der Arzt.
„^ch gehe sogleich zum Grafen. Na, Gott sei gedankt: nut noch wenige Wochen und Ida und Reinhard werden wieder vereint sein; wie ein böser, wüstet Traum wird ihnen dann die Zeil erscheinen, welche zwischen Trennung und Wieder finden liegen ..." — I
Wenn ein Mann ein Mädchen mit ber ganzen Kraft feines Herzens liebt und dann plötzlich, nachdem er die Hoffnung, sie sich zu gewinnen, nahezu aufgegeben hat, Jemand ihm sagt: „Sie hat sich entschlossen, die Deine zu werden; sie achtet und ehrt Dich und schätzt Dich hoch, ^dessen — sie liebt Dich nicht!" — dann ist es ein Gefühl bittern Schmerzes welches den Liebenden erfüllt. — Die Hand ohne das Herz?! — Zu was kann, muß eine solche Verbindung führe»? Zu allem Möglichen und Denkbaren, doch nicht zum wahren Glück in der Ehe!? — mitunter doch.
So erging es auch dem Grafen Leopold Dernburg, als Doktor Grell ihm ben Entschluß seiner Schwägerin Adele miter ber von biefer bestimmten Klausel mitgeteilt hatte.
Wolter war zwar auch bis zu einem gewissen Grabe Gefühlsmensch, boch ging seine Sentimentalität nicht so weit, um zu glauben, baß Graf Leopold anbers als mit nnge- heucheüer, enthusiastischer Freude die Botschaft anfnehmen