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9t r. 19.

Marburg, Dienstag, 19. Januar 1886.

XXI. Jahrgang.

Ersetz-im täglich außer an Werktagen nach Lonn-und Feiertagen. Quartal- Lbonneuients-Breii! bei der Expedition 21/« 'H k, bei den Postämter 2 Mk. 'M) Pfg. iexcl. Bestellgeld». Jnsertionsaebübr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. Ralam n für die Zeile 2S Pfg.

GIierlsHsllie 3ritmig.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d BlatteS, sowie d.Anncncen-Bureaux von Haaienstein undBoaler in Frankfurt o.M , Cassel, Magdeburg und Wien, Rudolf Moffe in Frankfurt a M., Berlin,Münchenuud Köln; ®. L. Daube und |lo. in Frankfurt o. M' B rlin, Hannover u.Paris.

Wöchentliche Beilage«: An-tiichcr Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Coiultagtzblatt.

Erredrlion «I, 21 - Revornoa, Druck und Berlaa von 3eb. Ang. Loch.

Deutsches Reich.

Berlin, 16. Jan. In der gestrigen Herrenhaus- sitzung gelangte ein L>chreiben des Fürsten Bismarck zur Verlesung, in welchem derselbe Mitteilung über die aus den Fonds des Nationalgeschenks von ihm begründete Schönhauser Stiftung" macht und den jeweiligen Präsi­denten des Herrenhauses ersucht, die Aufsicht über diese Stiftung zu übernehmen.Bei diesem" erklärt Fürst Bis­marck in bedeutsamer Weise,darf ich mehr als bei an­deren Stellen Unabhängigkeit von wechselnden politischen Strömungen voraussetzen." Betreffs der Schönhauser Stiftung selbst und der Gründe, die für die Wahl des Kreises von Benefizianten ausschlaggebend waren, führt das Schreiben aus:Maßgebend für diese Bestimmung war für mich der Gedanke, daß die Stiftung, deren Mit­tel im ganzen Reiche aufgebracht sind, auch in ihrer Wirkung im gleichen Umfange sichtbar gemacht werden müßte. Aus dieser Erwägung verbot sich eine Zuwen­dung zu gunsten der Arbeiter, weil eine solche nur eiu- zelncu Landesteilen zugute hätte kommen können. Eine Verwendung zu gunsten der Theologen fand in der Ver- fchiedenhcit der Konfession ein Hindernis. Dagegen be­darf das höhere Lehrfach auch noch deshalb einer beson­deren Unterstützung, weil es die Pflegstätte des nationalen Gedankens bildet und in seiner idealen Gesinnung, ohne welche der Lehrerstand seinem mühevollen und selten ein­träglichen Berufe nicht würde treu bleiben können, ein sittliches Gegengewicht zu dem Materialismus der Feit darstellt. Die Erhaltung und Pflege dieser Gesinnung bei der Jugend liegt in den Händen der Lehrer und ist für unsere nationale Entwickelung von hoher Bedeutung " Die ZRord-Ostsee-Kanal-Kommission des Reichstags setzte am Freitag Abend ihre Informationen und Besprechungen über die handelspolitische und technische Bedeutung des Kanals fort. Danach kam man auf die baulichen Ein­richtungen und es wurden von den Regierungskommissaricn, Admiralitäts-Stabs-Chef Köster und namentlich von dem Geh. Oberbaurat Bänsch eingehende und ausführliche Mit­teilungen über den Bau des Unternehmens und insbe­sondere auch darüber gemacht, weshalb die Regierung nicht bei dem unveränderten Dahlstrvmschen Projekte bleiben konnte, sondern dasselbe einer Umarbeitung unterworfen werden mußte. Auch wurde der Wunsch ausgesprochen, daß bei dem Bau des Kanals auf die Entwässerung der anstoßenden Land­schaften Rücksicht genommen würde. Staatsminister von Bötticher erklärte, daß dies auch der Wunsch der Re­gierung sei, doch könnten keine bindenden Zusagen gemacht werden, da die Ausführnng der einzelnen Kanalstrecken verschiedenen Unternehmern in Regie übergeben würde. Auch die Arbeiterfrage wurde berührt. Der Abgeordnete Hasenclever erklärte es für notwendig, daß nur deutsche Arbeiter dabei beschäftigt würden und daß sie die dort

üblichen Löhne erhielten. An der Annahme des Gesetzes ist nicht zu zweifeln. DieKöln. Ztg." will wissen, daß die in der Thronrede angekündigten Maßregeln zum Schutz des Deutschtums in den ehemals polnischen Landes- teileu sich besonders auf das Gebiet der Schule erstrecken würden. Demselben Blatt wirdaus zuverlässiger Quelle" bestätigt, daß der Vortrag, den neulich der Kultusminister v. Goßler beim Kaiser hatte, einer kirchenpolitischcn Vor­lage galt, die demächst dem Landtage zugehen würde. DerMoniteur de Rome" deutet in einer Besprechung i der Bedeutung des Briefes Leos XIII. an den Fürsten j Bismarck, welche dieses vatikanische Blatt im Gegensatz zu : der Auffassung unserer Zentrumsprefse, sehr hoch anschlägt, j etwas wie Hoffnungen auf eine Wiederherstellung der > weltlichen Macht des Papsttums durch Deutschland an.

Das ist nun allerdings ein Uebermaß von Sanguinismus, für welches in Deutschland kaum irgendwo ein Verständnis vorhanden sein wird.

Köln, 16. Jan. DieKölnische Volkszeitung" ver­öffentlicht heute die Enziklika des Papstes an den preu­ßischen Episkopat. Der Papst lobt darin die Bischöfe und die Gläubigen wegen ihres, trotz der Bedrängnis durch die Maigesetze, mit Fürstentreue und Vaterlands­liebe verbundenen Glaubensmutes. Des Weiteren betont der Papst die Notwendigkeit der Freiheit der Kirchen­regierung und der Erziehung der Geistlichkeit und hofft auf den baldigen Beginn besferer Verhältnisse.

Stuttgart, 16. Jan. Die königliche Zentralstelle für Landwirtschaft hat sich nach eingehender Beratung des Branntweinmonopel-Eutwurfs einstimmig für Einführung desselben ausgesprochen und dabei ihrer Ansicht dahin Aus­druck gegeben, daß der Entwurf die Juteressen der Land­wirtschaft und die Verhältnisse der kleineren Brennereien berücksichtige.

Ausland.

Wien, 16. Jan. Ein Telegramm derNeuen freien Presse" aus Belgrad meldet, daß sich eine bei Pirotschanac zusammengetretene Versammlung von Delegierten der Skupschtina für den Friedcnsschlnß ausgesprochen habe.

Rom, 16. Jan. In seiner in dem gestrigen Kon­sistorium gehaltenen Allokution erklärte der Papst dem Moniteur de Rome" zufolge, er habe mit Vergnügen die Rolle eines Friedensvermittlers angenommen, weil er da­durch zur Eintracht und zum Wohle der Menschheit habe beitragen können. Der Papst gab sodann die historischen Gründe an, aus denen der päpstliche Stuhl die Souveränetät Spaniens über die Karolinen-Inseln anerkennen zu sollen geglaubt habe und legte die Umstände dar, welche ihn be­stimmt hätten, die Handelsintereffen Deutschlands daselbst zu sichern. Der Papst schloß: Aus dieser Thatsache ergebe sich von neuem, ein wie schweres Uebel in den Angriffen

Heißer Sinn.

Roman von Theodor Küster.

(Fortsetzung.)

Das that ich ja auch längst," antwortete Adele sinnend. Und Ida auch sie liebt ihn viel zu sehr, um ihm ernstlich zürnen zu können. Wenn ich Beide nur wieder glücklich vereint sehen könnte! Du glaubst nicht, Ella, wie sehr, wie furchtbar mich das Bewußtsein drückt, Ida so verlassen, den kleinen Reinhard vaterlos sehen zu müssen . . . ." __

.Und mich!" ergänzte Adele.Nein, Ella, ich kann ihn nicht anders als mit Ida versöhnt und vereint wiederzu­sehen!"

Und wenn er mit Ida wieder vereint ist und Du dann ganz einsam bist, alle Bewerber verschmähend, die Gesellschaft fliehend, wie .... Adele, wie wäre es da mit dem Glück der Beiden, das uns ja zweifelsohne am Herzen liegt? Wurde Brunner nicht glauben, daß er es gewesen, der Dich zu diesem isolierten Dasein geführt verurteilt?! Und Ida würden nicht auch ihr Stunden kommen, in denen ihr neugewonnenes Glück getrübt sein müßte durch den Gedanken an Dich, Adele, an Dein verlorenes Leben?' "

Aber, liebe Ella!" rief Adele eifrig;Ich fühle mich Gott sei Dank ganz wohl. Muß man denn verheiratet sein, um zufriedeu zu fein? Du sprichst natürlich wie die Mehrzahl der jungen Frauen, die nur in der Ehe das höchste Glück findet. Ich bleibe bei Papa, Ella, pflege ihn, erheitere ihm nach meinen besten Kräften das Leben und bleibe für die gesammte ZukuustS - Familie einfach Tante Adele": Du siehst also, daß mein Leben nicht ein­sam, nicht verloren sein wird."

Ella lächelte fein, blickte die Schwester vertraulich an und sagte:

Und Graf Leopold Dernburg, der Dich so unaussprechlich liebt?! Ist er nicht ein Mann, Vie jedes Mädcheuherz

sich ihn nur wünschen kann: so ritterlich, dabei ein edles, tikfempfindendes Herz? Warum weisest Du alle seine Be­werbungen ab, Adele? Warum willst Du nicht seine Ge­mahlin werden? Er würde Dich glücklich machen und . ."

Abwehrend rief Adele unterbrechend:

Nein, Ella sprich nicht davon! Ich kann nicht Liebe heucheln, von der mein Herz nichts weiß! Graf Deru- burg will mein Herz mit meiner Hand: ich kann ihm die letzere geben, darf ihn aber in Bezug auf ersteres nicht täuschen! Und dann, Ella: was ist eine Ehe, ein fürs ganze Leben geschlossener Bund, ohne Liebe?! Sei auf« richtia, Kind, und sag, was Du davon denken kannst!"

Ach, liebe Adele," antwortete die kleine Frau Doktorin: Du würdest den Grafen, der wirklich ein liebenswürdiger Mensch ist, schon lieben lernen glaube mir! Daß Du ihn achtest, weiß ich, und einstweilen wird er sich damit begnügen, denn die Liebe kommt ganz von selbst mit der Zeit. denke nur an dies Eine: wenn Brunner Dich als Braut wiedersindet, so wird es ihm gewiß leichter, sich mit Ida auszusöhnen und vollständig zu verständigen; sein Herz wird ruhiger werden, als wenn er erfährt, daß Du um seinetwillen alle Bewerbungen um Deine Hand ausge­schlagen hast. Er könnte auch denken, Du liebtest ihn noch und dann könnten müßten Stunden kommen, Adele, in denen er zu kämpfen hätte zwischen der Liebe zu Dir und der zu Weib und Kind!.... Und das Schwesterchen, das willst Du nicht, nicht war? Ich bin davon überzeugt! Brunner hat ein heiß empfindendes Herz: es könnte wieder aufs Neue entflammen, wenn es Dich so einsam, trauernd wüßte und ... . Das würde dann ein unsägliches Elend, würde den Ruin eines jetzt wenn Du es willst wieder aufzurichtenden Glückes im Gefolge haben!"

Adele bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen und schluchzte still. Sie erbebte bis ins Tiefinnerste ihres Herzens, wenn sie daran dachte, daß Reinhard abermals so wie vor Jahren

gegen den heiligen Stuhl und in der Verringerung seiner legitimen Freiheit enthalten sei. Nicht allein die Gerechtig­keit und die Religion würde dadurch vergewaltigt, sondern auch Der öffentliche Nutzen leide darunter Das römische Pontifikat würde imstande sein, der Welt die höchsten Güter zu sichern, wenn es, in aller Freiheit seiner Rechte, seine wirksame Kraft zu gunsten des Heils des Menschengeschlechts ausüben könnte.

Paris, 16. Jan. Die heute zur Verlesung gelangte ministerielle Deklaration betont zunächst, daß in der Ver­waltung die gute Ordnung wiederherzustellen, der Klerus in der strikten Ausübung seines Mandats zu erhalten, das Gleichgewicht der Finanzen herbeizuführen und mit den entfernten Expeditioneii aufzuhören fei. Die Deklaration sagt: Keine Anleihe! Keine neuen Steuern! Das Protektorat in Tonkin werde auf einfachen und wenig kostspieligen Grundlagen organisiert werden und schließt nach Auf­zählung der verschiedenen Vorlagen für die Kammer mit der Aufforderung zur Eintracht und zum Zusammenwirken an alle Freunde der Republik.

London, 16. Jan. Mehrere Morgenblätter melden, das Kabinett habe beschlossen, mehrere Bestimmungen des aufgehobenen irischen Zwangsgesetzes wieder in Kraft zu setzen, um die vorgekommenen Vergewaltigungen einzelner Einwohner zu unterdrücke«. Die Morgcnblätter ver­öffentlichen ferner einen Briefwechsel zwischen dem Vize­könig von Irland, Earl Carnarvon, und des Premier Salisbury, aus welchem hervorgeht, daß Carnarvon nicht w gen Disicrenzen zwischen ihm und dem Kabinett über die irische Politik zurücktrete, sondern weil er bei der Ueberncchme des Postens als Vizekönig erklärt habe, daß er denselben nur bis zum Zusammentritt des Parlaments behalten würde.

Belgrad, 16. Jan. Garaschanin lehnte dem Ver­nehmen nach das Abrüstungsverlangen der Mächte ab mit Rücksicht auf die noch nicht begonnenen Friedensverhand­lungen und weil die Kollektivnote jkeine Garantien für eine vollständige und gleichzeitige Abrüstung aller Be­teiligten biete.

Hessen-Raffait.

Marburg, 18. Jan. Anläßlich des gestern in Berlin stattgehabten Krömmgs- und Ordensfestes haben Se. Maje­stät der Kaiser und König nachfolgende Orden in den dies­seitigen Regierungsbezirk verliehen. Es haben erhalten: Den Roten Adlerorden 3. Klasse mit der Schleife: Magdeburg, Regierungs-Vize-Präsident zu Cassel. Den Roten Adler - Orden 4 Klasse: Berndt, Reg.-Rat bei der Provinzial-Steuer-Direktton zu Cassel. Busch, Re- gierungö-Rat und Direktor des Eisenbahn - Betriebsamts (Direktionsbezirk Elberfeld) zu Kassel. D allwig, Amts­gerichtsrat zu Marburg. Dr. Enneccerus, ordent-

vor ihr stehen könnte, alles Andere vergessend in der Licbe zu ihr. Nein, nein, es durste nicht sein!

Ella hatte Recht: sie Adele mußte entweder die Gattin oder doch mindestens die Verlobte eines Andern sein nur so waren sie Beide gegen einen Rückfall gesichert, und es war das um so notwendiger, als ja bekanntlich jeder Rückfall verderblicher, folgenschwerer zu sein pflegt, als die ursprüngliche Krankheit oder Verirrung. Reinhard durfte nicht ahnen, mit welcher Kraft, in welchem Umfange sie ihn geliebt. Und ... . liebte sie ihn denn wirklich noch, daß es so mächtig wogte in ihrer Brust, wenn sie daran dachte, daß er noch lebe, daß sie ihn Wiedersehen werde? .....--

Gewaltsam suchte sie sich zu fassen und sagte endlich anscheinend ruhig:

Du hast ganz Recht, Ella: ich muß mich unwideruflich binden, denn nur dadurch ist eine ersprießliche Lösung möglich. Allein der Graf wird er mich noch wollen, nicht zurücktreten, wenn er Alles erfährt? Und wissen muß er das, denn täuschen darf und will ich ihn nicht' Meine volle Achtung, ja Ehrerbietung soll ihm werden, doch meine Liebe ist für immer begraben und kann nicht mehr auferstehen."

Gottlob, daß Du endlich einwilligst, Schwester!" rief Ella überglücklich.Alles klebrige wird sich ja finden, Adele, und besser als Du glaubst. Ich übernehme es dem Grafen Dernburg in paffender Art von Deinem Entschluß Mitteilung zu machen; er liebt Dich und schätzt Dich viel zu sehr, um wegen einer früheren, kaum ausgesprochenen und schon im Keim erstickten Neigung Dir zu entsagen."

Ella erzählte nun ihrer Schwester, daß der Schriftsteller Franz Fontaine Niemand anders sei als Reinhard von Brunner.

(Fortsetzung folgt.