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Marburg, Sonntag, 17. Januar 1886.
XXI. Jahrgang.
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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. 6. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.
Expedition- Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
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Wochenschau.
In treuer Hingebung an die Regentenpfticht hat der Kaiser und König die neue Legislaturperiode des preußischen Landtags am Donnerstag in Person eröffnet. Dem erhabenen Monarchen war es aber ein Herzensbedürfnis, bei diesem Anlaß nicht bloß zu den Vertretern des Volks, sondern zu seinem Volke selbst zu sprechen und demselben für die Liebe und Anhänglichkeit zu danken, welche bei der Feier des fünfundzivanzigjährigm Regierungsjubiläums in so vollem Maße zum Ausdruck gekommen find. Die Worte des Kaisers und Königs bezeugen aufs neue, wie innig er sich mit seinem Volke verbunden weiß; aus den: ferneren Hinweise auf die wohlwollende Teilnahme, welche das Fest des Kaisers auch außerhalb des Vaterlandes gefunden hat, wird sein Volk und alle Welt dankbar erkennen, in wie hohem Grade die allseitige Verehruiig unseres Kaisers die Kraft einer Friedensbürgschaft gewonnen hat. Unser Kaiser befindet sich zwar sehr wohl, die Leibärzte achten jedoch darauf, daß der greise Herrscher sich mehr als bisher schont. So hat er sein historisches Arbeitszimmer, das aber der Zugluft sehr ausgesetzt ist, mit einem Nebengemach vertauscht. Am Donnerstag beging der Kaiser sein Jubiläum als Chef feines bayerischen Regimentes; zur Gratulation war eine Deputation aus Amberg eingetroffen. Der Kaiser hat dem Eisenbahnminister Maybach das ®ro6» kreuz des Roten Adlerordens unter Beifügung eines Handschreibens verliehen, durch welches deni Minister der Allerhöchste Dank und Anerkennung für seine Amtsthätigkeit ausgesprochen wird. Prinz Wilhelm von Preußen hat nach seiner Genesung von der Masernkrankheit dem Kaiser und der Kaiserin feinen ersten Besuch abgestattet. Viel von sich reden machte eine Vorstellung, welche das bayerische Ministerium an den König Ludwig wegen der zerrütteten Verhältnisse der königlichen Schatulle überreicht hat. Unrichtig ist die Mitteilung, das Ministerium habe infolge Rückweisung der Eingabe durch den König seine Entlassung gegeben. Bemerkt wurde es seiner Zeit, daß die Erbgroßherzogin von Baden, geborene Prinzessin von Nassau, der Jubiläumsfeier nicht beiwohnte. Es wurde als Ursache plötzliche Katarrherkrankung angegeben, diese Mitteilung aber verschiedentlich bezweifelt und behauptet, das sei nur ein Vorwand gewesen. Jetzt erklärt der Arzt, welcher die Prinzessin behandelt, öffentlich, daß er es gewesen, welcher der Prinzessin von der Berliner Reise abgeraten. Verlobt hat sich Prinz Wilhelm von Württemberg, der Thronfolger, mit einer Prinzessin von Schaumburg- Lippe. Die erste Ehe des Prinzen blieb ohne Sohn, und die Krone wäre in diesem Falle an die katholischen Herzöge von Württemberg übergegangen.
Zu ihrer neuen Session sind die französischen Kammern in Paris zusammengetrcten und haben die früheren Präsidien wiedergewählt. Verlesen ist die Botschaft Präsident
Heißer Sinn,
Roman von Theodor Küster.
(Fortsetzung.)
„Ich möchte den Mann wohl kennen lernen. — Schade, daß er sich gar nicht aus der Promenade zeigt, sonst könnten Sie ihn mir ja vorstellen, Herr Doktor," meinte Ida v. Brunner.
„O, Sie kennen ihn, gnädige Frau, wenn auch nicht persönlich; ja, Sie verehren ihn sogar! .... — Doch ich plaudere da beinahe ein Geheimnis aus," sagte lächelnd der Badearzt, indem er eine gewissermaßen geheimnisvolle Miene annahm. —
„Was?! — Geheimnisse werden hier verhandelt?!" rief Ella unterbrechend, indem sie mit ihrer Schwester Adele »eben ihren Gatten trat.
„Doktor, jetzt haben Sie mich neugierig gemacht," warf Ida ein, „und nun lasse ich Sie nicht mehr los!" — Und fich an Adele und Walters Frau wendend, fuhr sie fort: „Denkt euch nur, der fremde Einsiedler, den mein Reinhard unter unseres Doktors Auspizien jetzt täglich stundenlang besucht, den der Kleine so schwärmerisch verehrt, soll mir nicht fremd sein, ja ich soll ihn sogar vnehren? — Und das ohne ihn je gesehen zu haben?! — Wie läßt sich das begreifen? — Bitte, helft mir, dieses Mysterium zu ergründen!" —
Adele sah nachdenklich auf Ida, dann aus die Uebrigen; endlich erwiderte sie lebhaft:
„Jemand verehren, den man nicht persönlich kennt, das kann nur ein Mensch sein, den man in seinen Schöpfungen, in seinen Werken verehrt, ein Künstler also, ein Maler, Bildhauer, Dichter, Schriftsteller ... — Beichte übrigens nun Walter, und jage uns. wes Geistes Kind dieser Dein geheimnisvoller Freund ist!" —
Grevys, in welcher derselbe alle Republikaner zur Einigkeit ermahnt, und das Programm des neuen Ministeriums Freycinet, nach welchem dasselbe sein Hauptaugenmerk auf finanzielle Reformen, die dringend notwendig, richten will. Auch hier wird die Mahnung zur Einigkeit an alle republikanischen Abgeordneten wiederholt. Ob sie aber lange darauf achten werden! In Paris pflegt alles in das eine Ohr hinein und zum anderen wieder hinaus zu gehen. Gleichfalls hat das englische Parlament seine Arbeiten begonnen. Für die nächsten Tage ist aber nur die Erledigung formeller Angelegenheiten zu erwarten und erst am 21. erfolgt die feierliche Verlefung der Thronrede durch die Königin. Ueber die Nachrichten aus Birma wird eine sehr strenge Zensur von bem, englischen Armeekommando gehandhabt. Privatnachrichten sagen, daß der Aufstand sich immer mehr ausbreitet und von den Birmanen ein neuer König ausgestellt ist. Der offizielle Bericht bestätigt das weder, noch bestreitet er es, woraus zu schließen, wie viel er wert ist. In Kairo haben die Verhandlungen über die Reformen begonnen, mit welchen Egypten beglückt werden soll. Ein Resultat ist noch nicht zu verzeichnen. Zahlreiche englische Verwundete aus dem Sudan sind in Kairo eingetroffen. Die Araber dringen von neuem gegen die egyptische Grenze vor.
In Sachen der Balkanwirren haben sich die Großmächte zu einem neuen gemeinsamen Schritt aufgerafft und in Athen, Belgrad, Sofia eine Truppenabrüstung gefordert. Ein Erfolg ist bisher nicht zu sehen, im Gegenteil haben in Serbien neue Truppeneinberufungen begonnen. Die serbische Regierung macht überhaupt den Mund schrecklich weit auf; sie weigert sich, mit Bulgarien Frieden zu schließen, wenn nicht vorher die rumelische Frage gelöst sei. Diese Lösung scheint auch eintreten zu sollen, aber in anderem Sinne, als die Herren Serben denken. Der Sultan und Fürst Alexander von Bulgarien sind jetzt ein Herz und eine Seele, und der Sultan ist völlig geneigt, den Fürsten zum Statthalter von Rumelien zu ernennen. Ist das geschehen, so können die Serben nachsehen. Kaiser Alexander von Rußland schmollt mit Bulgarien noch immer und scheint von dem Fürsten Alexander eine völlige Demütigung zu verlangen, zu welcher dieser aber nicht die geringste Lust zeigt. Er hat sich eng an den Sultan an- geschlossen und denkt von dem Alleinherrscher in Petersburg: Warte du nur!
In Oesterreich sinnen die Mitglieder deS den Tschechen so verhaßten Deutschen Schulvereins daraus, wie der Verein trotz der _ drohenden Auflösung seine Wirksamkeit noch weiter entfalten könne. Es ist vorgeschlagen, die sämtlichen 80000 Mitglieder sollten dem Schulverein in Berlin beitreten, der dann die Wirksamkeit des österreichischen Vereins mit übernähme.
In Kopenhagen hat das oberste Gericht die gegen den radikalen Präsidenten des dänischen Abgeordentenhauses
„Ein Schrissteller ist er," sagte der Arzt nach einigem Zögern.
„Mn Deutscher?" —
„Mn Deutscher."
Adele und Ida blickten verwundert auf den Doktor, um dessen Lippen eS verräterisch - lächelnd zuckte. — Sie sannen und rieten hin und her, doch immer lächelte er verneinend. Alle berühmten, beliebten und vielgelesenen deutschen Dichter und Schriftsteller gingen fie nach der Reihe durch, vergeblich: immer schüttelte Dr. Grell lächelnd den Kopf. Endlich sagte er:
„Er ist einer der neuesten, beliebtesten Schrissteller und Sie Alle haben seine Werke gelesen," half WÄter nun dem Gedächtnis der Damen nach.
Und wie aus einem Munde klang es von Idas und Adells Lippen:
„Franz Fontaine!?"
„Derselbe," bestätigte der Arzt und nickte lächelnd. Er wurde nun nicht mit endenwollenden Fragen bestürmt. Das höchste Interesse war plötzlich erwacht für den Bewohner des kleinen Häuschens oben am Waldessaum, welches man sonst kaum beachtet hatte. Dr. Grell war mit Bitten bestürmt, ihn doch der Gesellschaft zuzuführen. Daß er unglücklich — das erhöhte natürlich noch das Interesse der Damen für ihn..... .
Früh schon am folgenden Tage ließ Ella ihre Scbwester Adele zu sich bitten; sie wollte mit derselben eine Unterredung unter vier Augen haben, über deren Gegenstand sie schon viel mit ihrem Manne konferirt hatte.
In einer versteckten, doch den Blick auf Dr. Grells Haus gewährenden und somit jede Ueberraschung unmöglich machenden Laube nahmen die beiden Schwestern Platz und Adele bemerke lachend:
wegen Widerstand gegen die Polizei erkannte sechsmonatliche Gefängnisstrafe bestätigt. — Einen heillosen Kirchenskandal hat cs in Amsterdam gegeben. Ein wegen Widerstandes gegen die landeökirchlichen Bestinnnungen abgesetzter kalvinistischer Kirchenvorstand hat sich eines Gotteshauses mit Gewalt bemächtigt. — Das Vernichtungsurteil über die Mormonensekte in Nordamerika ist vom Senat der Vereinigten Staaten gesprochen. Die Sekte wird dadurch unter die Aufsicht besonderer Staatsbeamten gestellt, bie mit aller Schärfe gegen das Unwesen der Vielweiberei Vorgehen sollen.
Tie russische Regierung soll eine Massenausweisung aller Preußen aus Rußland dekretiert haben, die nicht bis Anfang dieses Jahres in den russischen Unterthanm- verband eingetreten sind. Zuzutrauen ist den Russen zwar Manches, aber diese Nachricht ist doch wohl erst dann zu glauben, wenn das betreffende Dekret veröffentlicht worden. — Rußland würde sich damit selbst am meisten schaden.
Deutsches Reich.
Berlin, 15. Jan. In der gestern unter dem Vorsitz des Staats-Ministers, Staatssekretärs des Innern, von Bötticher abgehaltenen Plenarsitzung genehmigte der Bundesrat den am 30. Januar 1885 zu Berlin unterzeichneten Handels-, Schiffahrts- und Konsular-Vertrag mit der Regierung der Dominikanischen Republik und den Entwurf eines Gesetzes über die Bürgschaft des Reichs für die Zinsen ?c. einer egyptischen Anleihe. Der Entwurf eines Gesetzes über den Servistarif und die Klasseneinteilung der Orte wurde dem Ausschuß für Rechnungswesen und dem Ausschuß für das Landheer und die Festungen, der Antrag Preußens, betreffend den Entwurf eines Gesetzes über das Branntweinmonopol, den Ausschüssen für Zoll- und Steuerwesen, für Handel und Verkehr und für Justizwesen, dem letzteren Ausschuß auch noch ein Antrag, betreffend die Erteilung der Ermächtigung zum strafrechtlichen Einschreiten wegen Beleidigung des Bundesrats durch die Presse überwiesen. Von den Zusammenstellungen der Geschäfte des Bundesamts für das Heimatwesen im Geschäftsjahre 1884 85 nahm die Versammlung Kenntnis und beschloß, einem Gesuch um Gewährung einer Entschädigung für an ftanzösische Kriegsgefangene gelieferte Waren keine Folge zu geben. Die Vorlage, betreffend die doppelte Anrechnung der Dienstzeit zu gunsten der Reichsbeamten in Ost- und West- Afrika, soll in einer der nächsten Sitzungen in Beratung genommen werden. Endlich wurde über die Aenderung der Bestimmungen des Eisenbahn-Betriebsreglements für die Beförderung von Holzpulver, Knallbonbons u. bergt, sowie von wasserfreier, flüssiger, schwefliger Säure Beschluß gefaßt. — Die vereinigten Ausschüsse des Bundes-
„Da thust ja förmlich feierlich und geheimnisvoll, Ella; was magst Du nur wichtiges mir zu sagen haben?" —
Ella war wirklich etwas verlegen, wie sie die Unterredung eröffnen sollte. Sie schlang ihre Anne um den Hals der Schwester und blickte ihr innig in die Augen.
„ES ist nicht leicht, Adele," flüsterte sie, „Dir das zu sagen, was mir auf der Zunge schwebt, denn es berührt einen wunden Punkt in Deinem Leben, den ich am liebste« nie mehr erwähnt hätte — das einzige Leid, welches das Leben Dir gebracht hat . . ." —
Adele sah ernst, wehmütig vor fich hin.
„Hast Du schon einmal daran gedacht," fuhr Ella fort, „Reinhard v. Brunner wiederzusehen?" —
Die ältere Schwester erbleichte. Nach kurzer Pause sagte sie gefaßt und rasch:
„Ihn Wiedersehen möchte ich nur, wenn er an der Seite seiner Frau und mit ihr vollständig versöhnt mir gegenübertreten könnte. Nur so kann ich mir ein Wiedersehen zwischen uns denken!" —
Ella nickte ihr im Mnverftändnis mit diesem Gefühl beftiedigt zu. Dann erwiderte sie:
„So wünschen wir — mein Mann und ich — es ja auch, Adele; Brunner und Walter sind Jugendfreunde und Nichts ist bis auf den heutigen Tag im Stande gewesen, ihre enge Freundschaft zu verändern: Walter kennt Reinhards Herz tote sein eigenes: er hat mir wiederholt gesagt, des Freundes Schuld sei nicht so groß, als Du und Ida glaubt; Brunner ist eben eine sehr beißempfindende Natur und daß er Dich geliebt, Adele, und alles Andere darüber vergessen — deshalb, Schwesterchen, kannst Du ihm doch am wenigsten großen und Du solltest die Erste fein, ihm diese Verirrung zu verzeihen!"
(Fortsetzung folgt.)