morgen hier eine reiche Ernte hatten tonnen,“ murmelte er, vor sich hinlächrlnd. Und zu seiner Wirtin sagte er freundlich: „Bitte, lassen Sie alle diese Erdbeeren hängen, denn ich habe betreffs ihrer Einladung für morgen ergehen lassen uud möäte Ihrem hübschen Garten Ehre wachen. Mn kleiner Freund von mir wird mich morgen mit Doktor Walter Grell besuchen, und ich wünsche, daß der kleine Mann tüchtig pflücken kann.“ —
Am nächsten Morgen kam denn auch Doktor Walter Grell mit dem kleinen Reinhard. Er that sehr eilig und sagte nach herzlicher Begrüßung deS Freundes, ohue sich uiederzulaffen:
„Behalte den Jungen etwa eine Stunde hier; auf meinem Rückwege hole ich ihn ab, denn für ihn sind meine Wege zu weit und außerdem habe ich heute Eile. — Adieu! — Ich hoffe, der kleine Retuhaid wird dem großen die Zeit vertreiben helfen!“ —
Und es war eine fröhliche Stunde, die die Reinhards — Vater und Sohn, ohue es zu wissen — mit einander verlebten. — Sie brachten die Zeit ausschließlich in dem hübschen Garten zu und lächelnd sah der ernste, einsame Manu dem Kinde zu, wie es jubelnd, überglücklich die schönen roten Beeren sammelte, und die schönsten darunter der Mama bei Seite legte und selbst nur die kleinsten aß; wie im Hellen Sonnenscheine die goldigen Locken zauberisch schön erglänzten. — Er hörte deut Geplauder des Knaben mit Entzücken zu und so rasch war die Zeit um ihn verstrichen, daß er mit Bedauern aufblickte, als Dr. Grell kam, um das Ktud abzuholen. Er schloß den kleinen Reinhard zärtlich in seine Arme nnd küßte ihn — er hätte den Jungen immer bei sich behalten mögen. —
„Darf ich morgen wiederkommen?“ fragte das Kiud. „Es ist so schön hier bei Dir, Onkel Reinhard!“ —
Mit Freuden erhielt der Kleine die Zustimmung und bald verging kein Tag mehr, an dem der Heu« Reinhard
nicht einige Stunden bei seinem großen Onkel Reinhard zubrachte. —
„Der Knabe schwärmt ja förmlich für diesen neuen Onk-l — Reinhard!“ sagte Ida v. Brunner eines Tage» zu Dr. Grell. „Merkwürdig übrigeuS,“ fuhr sie gedankeu- voll fort, „ist es die Anziehungskraft des gleiche» Namens? Wer ist denn eigentlich dieser Herr uud warum sieht man ihn nie? — Ist er vielleicht ein Sonderling, Herr Doktor oder ist er menschenscheu?“ —
„Keines von beiden, meine Gnädige,“ erwiderte der Arzt lächelnd. „Er ist einmal mein bester und langjähriger Freund, für den ich tu jeder Hinsicht etnstehe, dann ist er — unglücklich! — Er hat herbes Leid erfahren. — Allein ich hoffe, ihn von seiner Melancholie bald zu heilen. Den kleinen Reinhard habe ich dabei, zwar ohne Ihre Erlaubnis, doch ich hoffe, mit Ihrer Zustimmung ttotzdem, als ein Kurmittel benutzt und — dieses Mittel hat bereits Wunder gewirkt!“ —
„Mn Manu, der Kinder liebt, muß ein gutes Herz haben,“ entgegnete Jd'a; „ein schlechter Mensch scheut sich unwillkürlich vor der Reinheit der Kinder-Seele. Ich kann e8 nicht fassen, wie e8 so viele Menschen giebt, welche Kinder abhold sind, ja sie — förmlich Haffen: ich könnte zu Solchen kein Vertrauen fassen.“
Doktor Walter Grell stimmte Frau v. Brunuer vollkommen bei.
„Mein menschenscheuer Patient,“ bemerkte er, „hat sicher ein gutes Herz, deuu die Zuneigung, die Liebe, welche er für unser« kleinen Reinhard gehegt, ist geradezu rührend.“
Er wollte das Thema — einmal angeschlagen — im Fluß erhalten.
„Ich möchte deu Mann wohl kennen lernen. Schade, daß er sich gar nicht auf der Promenade zeigt, sonst könnten Sie ihn mir ja vorstellev, Herr Doktor“, meinte Ida von Brunner. (Fortsetzung folgt.)
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Marburg, Sonnabend, 16. Januar 1886.
XXI. Jahrgang.
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Die Eröffn««- des Landtags.
Berlin, den 14. Januar 1886.
Der heute um 12', Uhr mittags erfolgten feierlichen Eröffnung beider Häuser des Landtags durch Se. Majestät den Kaiser und König ging Gottesdienst im Dome für die evangelischen, in der St. Hedwigskirche für die katholischen Mitglieder des Landtages vorher. Derselbe begann um 11'/, Uhr im Dome und um 12 Uhr in der St. Hedwigskirche. Se. Kaiserliche und Königliche Hoheit der Kronprinz wohnte dem Gottesdienst im Dome bei und hatte auf der Seite rechts vom Altar Platz genommen. Links von demselben, Sr. Kaiserlichen und Königlichen Hoheit gegenüber, hatten die Mitglieder des Herrenhauses, auf der Langseite vor dem Altar die Staats-Minister, die zur Teilnahme an der Feierlichkeit eingeladenen Generale, Wirklichen Geheimen Räte, Räte erster Klasse und vortragenden Räte der Ministerien, sowie die Mitglieder des Abgeordnetenhauses ihre Sitze eingenommen.
Nach dem einleitenden Gesänge hielt der Ober-Konsi- storial Rat, Oberhof- und Domprediger D. Kögel die Predigt, welcher er die Worte der Heiligen Schrift, LukaS 2, 49 zu Gründe legte. In der St. Hedwigskirche hielt der Propst Aßmann die kirchliche Andacht.
Nach dem Schluß des Gottesdienstes im Dome begaben Sich Se. Majestät der Kaiser und König, Se. Kaiserliche und Königliche Hoheit der Kronprinz und Ihre Königlichen Hoheiten die Prinzen nebst Gefolge nach der Roten Sammetkammer, die Staatsminister nach dem Grünen Salon.
Im Weißen Saale versammelten sich während dessen die Mitglieder beider Häuser und die zur Feier Einge- ladencn. Jene nahmen in der Mitte des Saales, dem Throne gegenüber, diese aus der Seite nach dem Lustgarten unter der Zuschauertribüne und an der Langseite des Saales Aufstellung.
Die Mitglieder des diplomatischen Korps hatten in der für sie bereit gestellten Loge auf der nach der Schloßkapelle zu belegenen Trübine Platz genommen.
Sobald die Aufstellung im Weißen Saale vollendet war, erschienen die Mitglieder des Staatsminifteriums unter Dorantritt des Präsidenten des iLtaatsministeriums, Reichskanzler Fürsten von Bismarck, welcher die Thronrede in der Hand hielt.
Die Staatsminister ordneten sich links vom Throne, worauf der Präsident des -Staatsministeriums Sr. Majestät dem Kaiser und Könige Meldung machte, daß alles für die Eröffnung vorbereitet sei. AUerhöchstdieselben erschienen bald darauf in Begleitung Sr. Kaiserlichen und Königlichen Hoheit des Kronprinzen und Ihrer König!. Hoheiten der Prinzen Wilhelm, Merander und Georg sowie Sr. Durchlaucht des Prinzen Friedrich von Hohen- zollern nebst Allerhöchstem und Höchstem Gefolge im
Weißen Saale und nahmen, mit dreimaligem, lebhaftem, von dem Herzog von Ratibor ausgebrachtem Hoch vou der Versammlung empfangen, auf dem Throne Platz, während Se. Kaiserliche und Königliche Hoheit der Kronprinz und Ihre Königlichen Hoheiten die Prinzen des Königlichen Hauses zur Rechten desselben Sich aufftellten.
Se. Majestät geruhten danach, aus der Hand des Präsidenten des Staatsministeriums, der, sich verneigend, vor den Thron getreten war, die Thronrede entgegen zu nehmen, und sodann, das Haupt mit dem Helme bedeckt, folgendes zu verlesen:
Erlauchte, edle und geehrteHerren vou b eiden Häusern des Landtages!
Indem Ich Sie am Eingänge einer neuen Legislaturperiode willkommen heiße, ist es Meinem Herzen Bedürfnis, von dieser Stelle aus nochmals Meinem Volke Königlichen Dank zu sagen für den einmütigen und erhebenden Ausdruck der Liebe und Anhänglichkeit, der Mir zu dem Tage entgegengebracht wurde, an welcheni Ich auf die fünfundzwanzigjährige Dauer einer durch Gottes Gnade nach Innen und Außen- reich gesegneten Regierung zurückblicken konnte
Zu gleicher Befriedigung hat cs Mir Igereicht, daß bei dieser Gelegenheit auch außerhalb der Grenzen des Vaterlandes ein Maß von wohlwollender Teilnahme an Unserer Feier zutage getreten ist, welches den freundlichen Beziehungen deS Reiches zu allen auswärtigen Negierungen und Meinem vollen Vertrauen auf die gesicherte Fortdauer des Friedens entspricht.
Im übrigen will Ich hiermit den Präsidenten Meines Staatsministeriums beauftragen, Ihnen weitere Mitteilungen über die Lage des Staatshaushalts und über die auf dem Gebiete der Gesetzgebung an Sie herantretenden Aufgaben zu machen.
Der Präsident des Staatsministeriums, Reichskanzler Fürst von Bismarck, verlas sodann die Thronrede:
Die Finanzlage des Staates hat sich gegen das vorige Jahr, wo ihre Unzulänglichkeit angesichts einer notwendigen Erhöhung der Matrikularbeiträge sich in erheblichem Maße geltend machte, wieder günstiger gestaltet.
Das letzte abgeschlossene Rechnungsjahr zeigt auf fast allen wichtigeren Vcrwaltungsgebieten erfreuliche finanzielle Ergebnisse. Wenn dasselbe gleichwohl keinen für das kommende Etatsjahr verfügbaren Ueberschuß hinterlassen hat, so ist dies die Folge der gesetzlichen Vorschriften über die Verwendung der Jahresü'berschüsse der Eisenbahnverwaltung, nach welchen der beträchtliche, über die Voranschläge erzielte Ueberschuß des Jahres auch in der Rechnung eben dieses Jahres schon zu entsprechender Mehrtilgung der Staatö- eisenbahnschuld hat in Ausgabe gestellt werden müssen.
Von dem laufenden Jahre sind nach den bisherigen Wahrnehmungen ganz so günstige Ergebnisse nicht zu er
warten, insbesondere wird der Ueberschuß der Eisenbahnverwaltung unter dem Einfluß einer verminderten Verkehrsentwickelung den Voranschlag vielleicht nicht voll erreichen. Dessenungeachtet erscheint die Hoffnung berechtigt, daß das Gesamtergebnis auch deS laufenden Jahres kein ungünstiges sein werde.
Für das nächste Jahr fällt ins Gewicht, daß inzwischen durch die gesetzliche Ueberweisuug von Zollerträgen an die Kommunalverbände und durch die Pensionierung der Lehrer an den Volksschulen, die ersten Schritte gethan sind zur Befriedigung der auf dem Gebiete der Kommunal- und Schullasten seit Jahren hervorgetretenen Bedürfnisse, für welche aus den bisherigen Einnahniequellen des Staates die erforderlichen Mittel weder zu beschaffen waren noch in Aussicht stehen. Die Mehrausgaben infolge jener beiden Gesetze nehmen die Mehreinnahmen, welche der Staatskaffe inzwischen durch die Reichsgesetzgebung neu zugesührt worden sind, zum größeren Teile in Anspruch, während der Reichshaushalt eine erneute Steigerung der Matrikularbeiträge für das nächste Jahr vorzusehen nötigt, — Unter diesen Umständen können auch die größeren Ueberschüffe, auf welche bei den meisten Betriebsverwaltungen des Staates nach den sorgsältig ausgestellten Voranschlägen wiederum zu rechnen fein wird, und die beträchtliche Erleichterung der Zinslast des Staates, welche durch die Umwandlung bisher höher verzinslicher Schulden in vierprozentige gesichert ist, bei aller Sparsamkeit und Beschränkung in der Berücksichtigung neuer Bedürfnisse nicht hinreichen, um das Gleichgewicht der Einnahmen und Ausgaben im nächstjährigen Staatshaushalts-Etat herzustellen.
Es wird daher, wenn auch in geringerem Umsange wie für das laufende Jahr, abermals der Staatskredit zur Deckung des Fehlenden in Anspruch zu nehmen sein.
Die Regierung hat hierin und in der Ueberzengung, daß es bei den geringen Anfängen einer Erleichterung deS Druckes der Kommunal- und Schullasten nnd dem Aufschübe der Verbesserung der Beamtenbesoldungen nicht etwa sein Bewenden haben kann, erneuten Anlaß gefunden, aus die Weiterführung der Reichssteuerreform hinzuwirken; insbesondere hat sie sich angelegen sein lassen, reichsgesetzliche Bestimmungen zur Einführung des Branntweinmonopols vorzubereiten und zu beantragen, von deren Annahme sie ausreichende Erträgniffe zur Befriedigung der dringenden Bedürfnisse in Staat und Reich und günstige Folgen für Moral und Gesundheit erhofft.
Die Entwürfe des Staatshaushalts - Etats für das nächste Jahr und eines Gesetzes wegen Aufnahme einer Anleihe zur Ergänzung der nächstjährigen Einnahmen des Staates werden Ihnen alsbald vorgelegt werden.
Auf dem Gebiete der industriellen Thätigkeit macht sich in einzelnen Betriebszweigen eine Stockung des Absatzes bemerkbar.
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Stoma» von Theodor Küster.
(Fortsetzung.)
Das Reine, unberührt Schöne, in dem Knaben verehrend, drückte er einen innigen Kuß ans dessen Stirn. Walter sah seine Bewegungen wohl; er hatte recht vermutet: das Kind mußte den Vater zurückführen zur Mutter, zu Glück und Frieden! — Jetzt sah der Arzt, daß er das Herz deS Freundes erkannt und richtig beurteilt hatte, daß der Weg, den er zur Wiederherstellung alter geheiligter Baude gewählt, der richtige gewesen.
Bald darauf trennten sich die Freunde. Der kleine Reinhard nickte heiter und fröhlich dem neugewonnenen Onkel zn nnd tief zuversichtlich:
„Morgen komme ich zu Dir, Orckel Reinhard, mit dem Onkel Doktor zusammen!“ —
Brunner blickte Beiden lange nach. Er hätte selbst wieder ein Kind fein mögen — wie dieser Knabe — und ein neues Leben beginnen. — Dann wäre wohl so Manches anders geworden als eS jetzt war!
Wie oft sehnt der Mensch sich nicht zurück in die Jahre der schuldlos»ungetrübten Kindheit; wünscht, das Leden von neuem beginnen zu können, um nicht das zu wiederholen, was aus feinen Lebensweg einen düsteren Schatten geworfen. — Aber eS giebt ja eben nur eine Jugend, eine Kindheit, einen Anfang, und die Fortsetzung, das Ende! — Eie liegen zumeist in deS Menschen Hand und Willen, dann auch in den Umständen, in der Fügung des Geschicks!
Reinhard sann und dachte nach über das soeben Erlebte, während er mit gesenktem Haupte, mechanisch dem bekannten Wege folgend, seinem Men Heim zuschritt. —
Als er durch den Garten kam, beugte er sich nieder zu den Erdbeerbüschen und freute sich der Fülle reifer Beeren.
„Mein kleiner, neuer Frennd und Namensvetter wird