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Nr. 19.
Marburg, Freitag, 15. Januar 1886.
XXI. Jahrgang.
Erscheint tWich außer an Werktagen nach Sonn-und Feiertagen. — Quartal- Abonnements-Preis bei der Expedition 2'/« ’l.'t , bet den Postämter 2 Mk. 50 Mg. (excl. Best llgeld). Jnsertions.ebahr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. Reklam n für die Zeile 25 Pfg.
ObklWschk Leitung.
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition b- Blattes, sowie d.Anncncen-Bureaux von Haasenstein undBogler in Frankfurt a. M , Gaffel, Magdeburg und Wien, Rudolf Mofse in Frankfurt a M., Berlin,VLnchen und Köln ; G. L. Daube und ßo. in Frankfurt a. M-, B rlin, Hannover u.Paris'
Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Zllnstriertcs Sonutagsblatt.
Expedition Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
seiner Gemahlin wie immer in der liebenswürdigsten Weise empfangen wurde. — Die Strafkammer des Landgerichts verurteilte den Redakteur der „Germania" Krönig wegen Beleidigung des braunschweigischen Ministers Graf v. Görtz- Wrisberg durch die bekannten Artikel der „Germania" zu 3 Monaten Gefängnis. — Im Reichstag zirkulierte heute das Gerücht — und ein hiesiges Blatt stellt heute abend bereits ernste Betrachtungen darüber an — daß der Sitz des Erzbischofs von Posen nach Berlin verlegt und eine Nuntiatur damt verbunden werden solle. Polnische und ultramontane Abgeordnete, die allenfalls unterrichtet sein könnten, bezeichneten das Gerücht als unglaubwürdig; es scheint aber doch nicht ausgeschlossen, daß Unterhandlungen in dieser Richtung schweben. Sehr wahrscheinlich ist, daß die Thronrede das freundschaftliche Verhältnis zum Papste stark hervorheben wird.
— Der „Schwäbische Merkur" schreibt über das Branntweinmonopol: „Von dem Standpunkt, jedes Monopol überhaupt zu verwerfen, ist man am Entferntesten in Süddeutschlaiid. Hier haben diejenigen, welche stets zur nationalen Sache gehalten haben, die Idee des Branntweinmonopols, wie früher die des Tabaksmonopols, freudig begrüßt als einen Versuch, das Reich finanziell fest auf die Füße zu stellen. Sie wollen so wenig als irgend jemand in Bausch und Bogen annehmen, was da ersonnen worden ist. Aber sie scheuen sich nicht vor dem Worte „Monopol" und vor dem allerdings bedeutenden Eingriff der Reichsgewalt, der darin enthalten ist. Stärkung der Reichsgewalt ist ihnen überhaupt kein Gegenstand des Schreckens, und sie glauben auch den Einzelstaaten besser zu dienen dadurch, daß sie sie helfen in den Stand setzen, Glieder eines reiche Einnahmen ziehenden Ganzen zu werden, als ihre finanziell so schwierig gewordene Lage endlos zu verlängern. Und aufs Ganze gesehen, ist es nicht lächerlich und auf die Länge unerträglich, daß unsere Nachbarn, die ohnedies aus dem Tabak, sei es durch ein Monopol, sei es durch monopolartige Besteuerung, leichte und große Einnahmen erzielen, auch durch den Branntwein sich große Mittel verschaffen, durch die sie uns finanziell überlegen sind, was denn doch auch politisch gar sehr in Betracht kommt? Wir bedenklichen Deutschen ziehen jährlich 53 Millionen Mark aus dem Branntwein, Frankreich 200, England 300, Rußland 500! Im „Lande der Freiheit" Nordamerika gewinnt man damit 200 Millionen und deckt dadurch die halben Staatsausgaben. Wenn also nur das Monopol uns helfen kann, es auch dahin zu bringen, wie andere praktischere Nationen, sollten wir dann das Monopol so weit von uns fortweisen? Jedenfalls wird und muß die Erörterung über das Monopol dahin führen, daß wir, so oder so, zu einer besseren, einträglicheren Branntweinbesteuerung kommen. — Doch das sind Einzelheiten, auf welche einzugehen heute vielleicht zu früh ist.
Deutsches Reich.
Berlin, 13. Jan. Es bestätigt sich, daß der Kaiser und König morgen den Landtag persönlich zu eröffnen gewillt ist. In diesem Falle würde sich nach den neuesten Bestinimungen die Eröffnung mit der Maßgabe vollziehen, daß der Kaiser die Mitglieder des Landtags bei dem Beginn der Legislaturperiode begrüßt, dankend der allgemeinen Teilnahme an feinem Regierungsjubiläum gedenkt und dann den Ministerpräsidenten Fürsten Bismarck oder den Vizepräsidenten des Staatsministeriums v. Puttkamer beauftragt, die Eröffnungsrede zu verlesen. — Der „Reichsanz." sagt: „Nachdem die Veröffentlichung des Karolinen-Protokolls auf die Veranlassung der spanischen Regierung stattgefunden hat, sind wir in den Stand gesetzt, dieselbe auch diesseits zu bewirken". Dann folgt die Veröffentlichung des Vermittelungsvorschlages des Papstes und des Proto- kolles, deren Inhalt schon bekannt ist. — Die dem Fürsten Bismarck vom Papste Leo XIII. übersendeten Insignien des Christus - Ordens sind, wie die „Nat.-Ztg." mitteilt, überaus kostbar. Sie bestehen aus einem Brillantstern von acht Hauptstrahlen, zwischen denen je sieben Nebenstrahlen liegen, der Stern hat einen Durchmeffer von 8 Centime ter. Zn der Mitte befindet sich ein durchbrochenes Ehristuskreuz aus roter Emaille, um welches sich ein zierlicher goldener Eichenkranz aus Blättern und Eicheln schlingt. Der Stern ist an der Brust zu tragen. Die zweite Jnstgnie ist ein großes rotes Emaillekreuz aus rotem um den Hals zu legendem Bronzebande. Das Kreuz entspricht in der Form dem vorigen und hängt an einer goldenen Krone. Auf dem Bande über der letzteren liegen goldene kriegerische Embleme, bestehend aus Hellebarden, Kanonen, Schwertern, Rüstungen, Helme ic. Die ganze Ordensdekoration hat einen Längsdurchmesser von 14 Gentimeter und kostet, wie bereits mitgeteilt, 15 000 Lire. — Den „B. P. N." zufolge steht in Aussicht, daß die gesetzgebenden Faktoren des Reichs sich in naher Zeit mit einer Vorlage zu beschäftigen haben werden, welche den Jnnungsverbänden die Rechte juristischer Persönlichkeiten und somit die sichere rechtliche Grundlage verleihen würde, auf der allein sich ein auf die Dauer berechneter Wirkungskreis int öffentlichen Leben aufbauen kann. — Der Minister der Landwirtschaft, Forsten und Domänen Dr. Lucius hatte für gestern abend die Mitglieder des Bundesrats, des Reichstags und des Landwirtschaftsrats zu einer Abendgesellschaft geladen, die sehr zahlreich besucht war. Dian bemerkte die Minister v. Puttkainer und v. Goßler, die Gesandten von Sachsen, Baden, Hessen, Mecklenburg, Braunschweig, den württembergischen Militär- bevollmächtigten u. a., Reichstagsmitglieder aller Fraktionen, von der Linken Virchow, Munckel, Rickert, Horwitz u. s. w. Die Mitglieder des Landwirtschastsrates waren nahezu vollzählig anwesend. Um 10 Uhr wurde gespeist; gegen 11 Uhr trennte sich die Gesellschaft, welche von dem Minister und
Wir sehen auf das Ganze: auf die, mit dem Oberhaupte ber katholischen Christenheit zu reden, pariendam Imperio Gemanieo magnitudinem. Wir wollen helfen an dem Eke des Kanzlers, das nach dem Zeugnis des Papstes oas Ziel hat: ut stet et floriat quotidie magis Imperum potentia ad diurnitatem opibusque munitum. Die „Germanra druckt dieses Schreiben des Papstes ganz
klein und weit hinten im Blatt ab. Wir rooüen es uns öeiinoo? gut merken und namentlich das „opibusque" nicht eeraeifen. Reich an Mitteln soll unser Deutschland werden, und baut wird sicherlich am Ende die gegenwärtige Erörterung helfen." — Die „Nationallib. Korresp." äußert sich über denselben Gegenstand: ..„Wenn in den Blättern der grundsätzlichen Opposition die Ansicht auö- gefprocheil wird, daß durch den vorliegenden Wortlaut des Entwurfs alle diejenigen, welche den Monopolgedankeii von vornherein zurückweisen, mehr als gerechtfertigt feien, so können wir dem auch jetzt noch nicht beistimmeii. Anderer- leits sind wir ebensowenig in der Lage, dem Entwürfe, so wie er ist, ohne weiteres beitreten zu können. Man kann die prinzipielle^ Bedenken, welche jeder Monopolisierung wirtschaftlicher Thätigkeit entgegenstehen, am ersten schweigen lasten gegenüber einem Gewerbszweige, der nicht ohne große Gefahr für die körperliche und sittliche Gesundheit des Volkes ist; aber unter allen Umständen wird darauf zu halten sein, daß nicht, während man auf der einen Seite Gefahren für das öffentliche Leben beseitigt, auf der anderen deren neue geschaffen werden. Unter diesem Gesichtspunkte mtrb mail namentlich bie Bestimmungen des Entwurfs über bie Festsetzung des Spiritusankaufspreises und über die widerrufliche Anstellung von Branntweinverschleißern mit sehr kritischen Angen betrachten müssen. Es kann nicht unsere Absicht sein, jetzt schon auf die Einzelheiten des Entwnrss einzugeheil. Manche andere Bedenken wären noch zu erwähnen. Mit einem Gesamturteile aber wird man billigerweise zurückhalten müssen, bis wenigstens bie Begründung des preußischen Antrags vorliegt. Von bieser wirb man zunächst beit Nachweis erwarten müssen, baß ber Zweck einer bebeutenbeit Mehreimtahme aus bent Branntwein unter gleichzeitiger Verhütung einer volks- gesunbheitsschäblichen Ausdehnung des Branntweiiikonsums und unter möglichster Schonung berechtigter Interessen anders als durch bas Monopol nicht zu erreichen sei. Vorausgesetzt, baß bieser Nachweis unwiderleglich geführt würde, würben biejenigen, welche eine sehr viel stärkere Heranziehung des Branntweins zu den Reichseinnahmen ur unumgänglich halten, sich allerdings der Pflicht nicht entziehen kötmen, den Boden der Monopolidee zu betreten. Unter allen Umständen aber würde bann festzustellen fein, daß in der Monopolisieruttg nicht weiter gegangen würde, als durch den Zweck schlechterdings geboten ist."
Stuttgart, 12. Jan. lieber die Verlobung des
Heißer Sirr«.
Roman von Theodor Küster.
(Fortsetzung.)
Den Kopf nachdenklich in die Hand gestützt, saß Reinhard und blickte ab und zu auf das bunte Leben zu seinen Füßen. Er war so sehr in Gedanken versunken, daß er nicht hörte, wie Jemand sich ihm näherte, und schon stand Dr. Walter Grell vor ihm, als Reinhard ihn bemerkte.
„Run, Du Träumer, finde ich Dich endlich hier?!« rief der junge Badearzt heiter. „Ich dachte mir8 schon, als ich Dich nicht zu Hause fand, daß Du auf Deinem Observation? - Posten anzutreffen sein würdest!" —
Walter legte freundschaftlich seine Hand auf Reinhards Schulter und blickte anscheinend befriedigt auf den Freund.
Ein kleiner Knabe kam herzugesprungen und griff nach Dr. Grells Hand und sah bann wie fragend auf Reinhard. 3n der Hand hielt er ein Stränschen halbreifer Erdbeeren, die er gesucht hatte; er reichte sie Walter hin und sagte:
„Heb sie mir ans, Onkel, ich will mehr suchen — einen ganz großen Strauß noch — für Mama und für die Tante!"
Dann sprang der kleine eilig davon und vertiefte sich ins Gehölz, um dessen Fruchtschätze weiter auszubeuten.
„Ist das Dein Knabe, Walter?" fragte Reinhard einigermaßen erstaunt und dem Kinde sinnend nachblickend.
„Wo denkst Du hin?!" lachte Dr. Grell. „Ich sagte Dir doch schon, daß ich erst seit wenigen Monaten verheiratet bm.....— Nein, dieser kleine Mann ist der Sohn
eines — sehr guten Freundes von mir, er ist mir sehr zu- gethan und oft mein Begleiter auf meinen Berufs- oder Spaziergängen. — Dock, Reinharo, bist Du denn gar nicht neugierig, meine Frau kennen zu lernen? — Willst Du nicht einmal den Versuch wenigstens machen, Dich wieder einigermaßen unter die Menschen zu mischen, Gesellschaft oufzusuchen?" —
„Deine Fron stellte ich mir im Geist als das Ideal und Modell der liebenswürdigsten Gattin vor, denn das Gluck, das man Dir ja ansteht, bürgt dafür, daß dem so fern muß. Im Uebrigen glaube ich, daß mir die Fähigkeit für den Verkehr mit Damen abhanden gekommen ist — ich wurde eine schlechte Figur in der Gesellschaft, möglicherweise fast bedauernswerte Rolle darin spielen mit einer trübseligen, zerstreuten Miene zwischen glücklichen, heiteren Menschen, wie sie in Deinem Hguse leben und verkehren, und ich denke, es wird besser sein, wenn ich solchen Kreisen für jetzt noch fern bleibe."
Der Knabe kam enttäuscht zurück. Er schmiegte sich an Walter an, lehnte seinen schönen, blonden Lockenkopf an des Arztes Schulter und sagte sichtlich ermüdet:
„Hier oben finde ich keine Beeren mehr, Onkel."
Walter fitzte ihn zwischen sich und Reinhard auf die Bank.
»Nun dann ruhe Dich ans, mein Junge," sagte er: »Du bist müde und wir wollen bald wieder hinunter und dann nach Hanfe gehen."
Reinhard v. Brunners Blick hastete auf.dem bildschönen Gesicht des Kindes und wie willenlos ließ er seine Hand über bie seidenweichen Locken desselben gleiten.
„Bist Du auch ein Onkel?" fragte der Knabe, mit den großen, treuherzigen Kinderaugen Reinhard offen anvlickend. „Wie heißt Du?" — *
„Das ist ein Onkel Reinhard er heißt ebenso wie Du und Tu sollst ihn recht lieb haben, denn er ist ein sehr guter Onkel!" sagte ber Arzt. Und aufmerksam beobachtete er habet das Gesicht seines Freundes, der das Kind liebevoll anblickte.
Der kleine Reinhard nahm das Sträußchen Erdbeeren, welche? er zuvor Walter zum Aufbewahren gegeben, diesem aus der Hand, reichte es dem neben ihm Sitzenden hin und sagte rasch:
„Wenn Du auch Reinhard heißt, so will ich Dir die Beeren schenken!" —
„Du wolltest sie ja aber Deiner Mama mitnehmen?" entgegnete Brunner lächelnd.
„Mama soll morgen andere haben. Mama sagt auch: wenn man Jemand lieb hat, soll man ihm Freude machen: ich habe Dich lieb, weil Du auch Reinhard heißt," sagte der Knabe kindisch und treuherzig.
» bann will ich die Erdbeeren nehmen, Du kleiner, lieber Junge, aber nur, wenn Du mir versprichst, morgen mit dem Onkel Doktor hier mich zu besuchen, damit ich auch Dir von den schönen, großen Erdbeeren geben kann, die ich in meinem Garten habe. Da sollst Du alle die reifen, roten Beeren selbst abpflücken, essen so viel Du willst und auch noch viele Deiner Mama mitnehmen." —
Er hatte sich zu dem hübschen Kinde niedergebeugt und hielt dessen kleine Händchen in den seinen. Walter Grell blickte nachdenklich auf die Beiden. —
„Vater und Sohn!" dachte er. „Und Beide wissen, ahnen es nicht!" —
Der Kleine klaschte vergnügt in seine Hände und mit glänzenden Augen begann er eine Menge von Fragen an den „Onkel Reinhard" zu stellen, welche dieser alle mit der größten Geduld beantwortete. Wie lange war es her, das kein Kindermund zu ihm gesprochen?! — In diesem Augenblick fand er nichts schöner, beneidenswerter, als ein Kind, und tief senkte sich sein Blick in das schöne blaue Auge des Knaben. Er lauschte — nicht ohne Mühe — auf die Worte des kleinen Reinhard und der Ton feiner Stimme drang tief in sein leicht empfindsames Herz; hätte er gewußt, daß es die Stimme seines Kindes war?! — daß die Bewegung, die ihn unwillkürlich ergriff, in die Worte „bie Stimme des Blutes" zu übersetzen war!
(Fortsetzung folgt.)