Skr. 11.
Marburg, Donnerstag, 14. Januar 1886.
XXI. Jahrgang.
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Expedition 21/* ’P t , bei den Postämter 2 Mk. k>0 Dfg. lexcl. Bestellgeld). Jnsertionsgebübr für die gespaltene Zeile 10 Psg. Rellam n für die Zeile
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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain.—Illustriertes Sonntagsblatt.
Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
Deutsches Reich.
Berlin, 12. Jan. Der Kaiser gedenkt übermorgen den Landtag persönlich zu^eröffnen. — Der Kaiser konferierte gesternlnachmittag längere Zeitmit dem Reichskanzler; abends waren der Großherzog und die Großherzogin von Baden, der Prinz und die Prinzessin Hohenzollern, der Fürst und die Fürstin von Hatzfeldt, der Kriegsminister und Graf Eulenburg zum Thee beim Kaiserpaar versammelt. — Der Kaiser konferierte nachmittags mit dem Kultusminister. — Der „Reichs-Anzeiger" veröffentlicht die Verleihung des Großkreuzes des Roten Adlerordens mit Eichenlaub an den Staatsminister Maybach. — Die Eröffnung des Landtags erfolgt am 14. d. Mts. mittags um 1211 Uhr. — Betreffs der sensationellen Nachrichten englischer Zeitungen über angeblich ernste Vorgänge auf Samoa ist zu bemerken, daß hier amtliche Nachrichten von dort nur bis zum 30. Dezember vorliegen, welche dergleichen nicht erwähnen. Derartige Vorfälle wären also nur nach dem 30. Dezember möglich. Die englischen Zeitungsnachrichten über die Vorgänge auf Samoa sind jedenfalls völlig entstellt. Bekanntlich ist der Sitz der Negierung des Königs von Samoa seit Monaten infolge Nechtsstreitigkciten vom deutschen Konsul mit Beschlag belegt. Wahrscheinlich werden, wenn nach dem 30. Dezember überhaupt etwas passiert ist, die Versuche des Königs von Samoa, diese Beschlagnahme aufzuheben, rückgängig gemacht worden sein. Differenzen zwischen Deutschland, England und den Vereinigten Staaten von Nordamerika können hierbei nicht vorliegen, da zwischen diesen Mächten betreffs Samoas ein Vertrag existiert. — Die große Reichhaltigkeit des Inhaltes des schon neulich erwähnten Berichtes über die Betriebsergebnisse der Post- und Telegraphenverwaltung lenkt die Aufmerksamkeit noch im Besonderen auf die finanziellen Ergebnisse beider genannten Verwaltungszweige. Ungeachtet der namhaften Ausgaben, welche die durch den wachsenden Verkehr bedingte Vermehrung der Betriebseinri'chtungen, namentlich der Fernsprechanlagen, sowie die Erhöhung der Beamtenbesoldungcn u. s. w. im Gefolge gehabt, ist doch in den letzten drei Etatsjahren ein reiner lleberschuß von mehr als 66 7? Millionen Mark, d. h. 14 /., Millionen mehr als in den vorhergehenden drei Jahren erzielt worden. Die Einnahmen steigerten sich von 151 Millionen Mark in 1882/83 auf 158 Millionen Mark in 1883/84 und auf 166 Millionen Mark in 1884 85. In den beiden ersten Berichtsjahren wurden je 21 Millionen Mark und in dem dritten Jahre 24 Millionen Mark reiner Ueber- schuß erzielt. Die Einnahmen an Porto und Telegrammgebühren stiegen 1882 83 gegen das Vorjahr um 3,72pCt., 1883/84 um 5,08 pCt., 1884 85 um5,44pCt. gegen das Vorjahr- Auf dieses günstige Ergebnis ist vorzugsweise die fortschreitende Entwickelung des Handels und der Industrie und die Zunahme der Bevölkerung von Einfluß gewesen. Im weiteren haben die während der in Rede
stehenden Berichtsperiode zur Erleichterung des Verkehrs getroffenen Betriebseinrichtungen, wie sie in den vorhergehenden Abschnitten des Näheren dargestellt sind, eine bemerkenswerte erweiterte Benutzung der Post und Telegraphie zur Folge gehabt. Auch sind die günstigen Wirkungen nicht zu verkennen, welche die Vereinigung der Verwaltung und des Betriebes beider Verkehrszweige auf die Gestaltung der Finanzcrgebnisse fortdauernd ausübt. Die für 1885/86 auf 143261806 Mk. veranschlagten fortdauernden Ausgaben sind darauf bemessen, daß dävon u. a. mehr als 83 Millionen für die Beamten und Unterbeamten zu Besoldungen, Wohnungsgeldzuschüssen u. s. w., über 5Vs Millionen zu Ruhegehältern, Unterstützungen?c. an im Ruhestande lebende Beamte und Unterbeamtc und ; an Hinterbliebene von Beamten rc., 30 Millionen für
den Betrieb der Post und Telegraphie, mehr als 15 Millionen zu sächlichen Ausgaben der Betriebsverwaltung, insbesondere zur Instandhaltung der Dienstgebäude; zu Mieten, Amtsbedürfnissen und Druckkosten; für Aus- ; stattungsgegenstände, Amtsbibliotheken u. s. w. verwendet i werden. — In der Budgetkommission des Reichstags \ wurde heute der Etat der Reichsdruckerei iu Einnahme ! und Ausgabe unverändert genehmigt. Im Extraordi- narium wurden die zur Erwerbung eines Grundstücks in der Alten Jakobstraße in Berlin geforderten 360000 Mk. ! (zur Erweiterung der Betriebsräume der Reichsdruckerei) । ebenfalls bewilligt. — Nach der dem Reichstage zuge- ’ gangenen Denkschrift über die Ausführung der seit dem : Jahre 1875 erlassenen Anleihegcsetze sind bis Ende Dezember 1885 überhaupt flüssig gemacht 421433191,85 Mark, [ und zwar durch Begebung von Schuldverschreibungen im i Nominalbetrage^von 426941000 Mark. Der Kurs, zu welchem diese Schuldverschreibungen im Durchschnitt begeben sind, berechnet sich auf 98,7099 Prozent und der Zinsfuß, zu welchem die Reichskasse den aufgekommenen Erlös zu verzinsen hat, auf 4,0523 Prozent. — Das vierte Verzeichnis der beim Reichstage ilenerdings eingegangenen Petitionen ist sehr umfangreich. Es enthält eine größere Reihe von Massenpetitionen betreffend die zur Zeit auf der Tagesorduuug stehenden wirtschaftlichen, gewerblichen 2C. Fragen, deren Lösung je nach dem Standpunkte der Petenten befürwortet wird. — Im Landtage wird, wie man annimmt, die Wiederwahl der bisherigen Präsidenten in beiden Häusern auf keinen Widerstand stoßen. Jndeß wird das Schriftführeramt im Abgeordnetenhause wesentlich anders zusammengesetzt sein als bisher, da die Abgeordneten Delius, Sachse und Graf Schmissing-Kerßen- brock, welche alle drei viele Jahre als Schriftführer fungiert haben, dem jetzigen Abgeordnetenhause nicht mehr angehören.
— Die soeben von der königlichen Hofbuchhandlung von Mittler u. Sohn ausgegebene Rang- und Quartierliste der königlich preußischen Armee für das Jahr 1886 schließt
Heißer Sin«.
Roman von Theodor Küster.
(Fortsetzung.)
Die beiden Freundinnen hatten unter einander ausgemacht, jener traurigen Stunde, welche sie zum ersten Mal seit der Pension wieder zusammengeführt, nie mehr zu erwähnen. Adele sprach niemals von Reinhard; sie glaubte dazu kein Recht zu haben. Ida jedoch sprach oft und viel von ihm mit der Freundin und wußte, daß ein teiluehmendes Herz ihren Worten lauschte.
Einige Tage später reisten Ida, der kleine Reinhard und Adele nach dem grünen, lieblichen Bergenau ab. Die beiden Damen freuten sich innig auf Berg und Wald, die man nirgend schöner finden konnte; auf das milde, angenehme Klima des Badeortes und vor allen Dingen auf die lieblichen Menschen, von denen sie dort erwartet — sehnlichst erwart.t wurden. — Hätten Beide gewußt, was sonst noch ihrer dort harrte!
Seit mehreren Wochen uun bereits befand sich Reinhard v. Brunner, jedoch unter seinem Schriftsteller-Namen Franz Fontaine in Bergenau.
Nie seit er sich freiwillig verbannt, fast jede Berührung mit der Welt ängstlich gemieden, hatte er sich so wohl gefühlt wie jetzt, in dem trauliche», stillen, kleinen Hause am Saum des Waldes, wo er außer seiner freundlichen, jedoch Mrückhatteuden Wirttn und fdnem Freunde Grell Niemand sah, noch empfing. Walter besuchte Reinhard täglich, sorgte für all seine Bedürfnisse und freute sich aufrichtig der günstigen Wirkung, welche die reine Gebirgsluft auf Reinhard übte.
Mit anderen Personen war Reinhard nicht in Verkehr getreten; er wollte es nicht, und Doktor Grell suchte auch
k.inesiregs ihn dazu zu auim ernt. Der Arzt und Freund wollte dafür den richtigen Zeitpunkt abwarteu; das Klima, die ruhige, allen etwa störenden Einflüßen entzogene Lebensweise Reinhards in Bergenau sollten vor Allem erst ihren günstigen Einfluß geltend machen auf sein körperliches Wohlbefinden, dann — so hoffte Walter — würde Reinhard ganz von selbst allmählig, seiner Einsamkeit überdrüssig, sich nach Umgang und Zerstreuung sehnen und sich wieder unter seine Mitmenschen mischen. — Die Ueberraschungeu welche seiner Harden, zu ertragen, mußte er vor allen Dingen körperlich erstarkt sein, mußte die nötige, ihm bis dahin mangelnde W derstandskraft erlangt haben, wenn der Erfolg ein glücklicher und in diesem Sinne ausschlaggebender werden sollte. Fast während des ganzen Tages schweifte Reinhard in dem nahen Walde umher erklomm die höchsten Gipfel der Berge und saß dort oft stundenlang den blauen, selten durch ein Wölkchen getrübten Himmelsdom über, die grüne, belebte Natur um sich, in Laub und Busch versteckt. Er träumte da wie ein echter Dichter, lauschte den Stimmen des Waldes und in tiefen Atemzügen trank er die würzige, köstliche Lust. Seine Wege pflegte er stets so zu wählen, daß er äußerst selten nur Fremden begegnete. Die Lage seiner Wohnung war ganz geeignet, seinen Gang zur Einsamkeit zu fördern und Begegnungen vermeiden zu lassen.
Als es in den Alleen des Kurgartens zu Bergenau lebhafter zu werden begann, da lauschte Reinhard v. Brunner oft aus der Höhe auf die von unten her zu ihm tönenden Klänge des Kur-Orchesters, auf das Gesumme der Badegäste in den Promenaden, und oft ging er dann unwillkürlich tiefer hinab und blickte aus einem versteckten grünen Winkel auf das lebendige, frohe Treiben unter ihm. Und manch Helles Lachen, manch fröhlige Kinderstimme drang dann hinauf zu ihm und mit freundlichem Blick sah er
sich in bezug auf Darstellung und Einteilung des Stoffes genau an die herkömmliche Form an und weicht in ihrem Inhalt nur wenig von der vorjährigen ab, da die Armee von wesentlichen organisatorischen Veränderungen nur bei dem Jngenieurkorps und den Pionieren berührt worden ist. Die höchste Kommandostelle dieser Waffe führt die neue Bezeichnung „Generalinspektion des Ingenieur- und Pionierkorps uird der Festungen"; unter demselben bestehen allerdings wie früher 4 Jngenieurinspektionen, aber in veränderter Zusammensetzung, da von denselben die 4 Pionier- inspektionen abgezweigt und zu 2 Pionierinspektionen ä 8 Bataillone umgeformt worden sind. Zu der neuen 1. Pionierinspektion in Berlin zählen das Garde-, 1., 2., 3., 4., 5., 6., 9. Pionierbataillon. Zu der neuen 2. Pionier- inspektioil in Mainz gehören das 7., 8., 10., 11., 14., 15., 16. Pionierbataillon. Dafür ist eine neuerrichtete 9. Festungsinspektion mit dein Sitz in Thorn der 1. Jngenieurinspektion und eine 10. Festungsinspektion mit dem Sitz in Straßburg der 3. Jngenieurinspektion zugeteilt worden. Bei dem 1. Armeekorps ist eine Kavalleriedivision und eine 1. Landwehrinspektion, bei dein 2. Armeekorps eine 2. Landwehrinspektion als neuerrichtet verzeichnet. Bei den Landwehrbezirkskommandos wechseln am 1. April das 2. Bataillon (Thorn) vom Landwehrregiment Nr. 5 und das 1. Bataillon (Neustadt in Westpreußen) Landwehrregiments Nr. 61 ihre Stabsquartiere. Bei dem Reserve-Landwehrregiment Berlin ist die Zweiteilung in ein Landwehrregiment Berlin I. und Berlin II. eingetreten. Außerdem haben einige Veränderungen in der Abgrenzung der Kompaniebezirke bei mehreren Landwehrbataillonen stattgefunden. In den oberen Kom- inandostellen fand ein Wechsel statt bei der 3. Armee- Inspektion, dem 1. und 15. Armeekorps, ebenso wechselten die Kommandeure der 1. Gardedivision, der 2., 4., 9., 12., 15., 29. Division und der Kavalleriedivision des 15. Armeekorps. Die Kommandantur von Kaffel ist eingegangen. Von höheren Offizieren verlor das Heer: Seine königliche Hoheit den General-Feldmarschall Prinzen Friedrich Karl, Se. königl. Hoheit den General Oberst von der Kavallerie Prinzen August von Württemberg, den General-Feldmarschall Frhrn. von Manteuffel, die Generale der Infanterie Fürsten Karl Anton von Hohenzollern, Vogel von Falcken- stein, v. Stülpnagel, v. Gottberg und v. Treskow, ä la suite des Regiments Nr. 96. Der Abgang aus der aktiven Armee war verhältnisntäßig am stärksten bei dem Jngenieurkorps, wo 2 Generale (Generalleutnant von Sandkuhl — Generalmajor Bumke) und 3 Obersten (Roese, Schotte, Lindow) in den Ruhestand übertraten. Neue Regimentschefs erhielten: das 34. pommersche Füstlierregiinent Nr. 34 in dem General der Infanterie v. Schachtmeyer, das Hohen- zollernsche Füsilierregiment Nr. 40 in dem Generalleutnant Fürsten Leopold von Hohenzollern, das 6. Brandenburgische Infanterieregiment Nr. 52 in dem Prinzen Arnulf von Baiern, das 8. Westfälische Jnfanterieregimeilt Nr. 57
auf die hübsche, geputzle Kinderschaar, die sich auf frischem Wiescnteppich bei Ball-und Reifenspiel tummelte; auf die zahlreichen Spaziergänger in den schattigen Alleen. — In Gruppen sah er schöne Damen mit und ohne Herrenbegleitung und wie sie nach allen Seiten hin Grüße austauschten: Alles schien unter einander bekannt zu sein; man lachte und sprach zusammen; hier lösten sich Gruppen um zu neuen sich zu bilden, dort nahmen Einzelne auf den bequemen Bänken unter majestätischen, schattigen Bäumen Platz; Damen und Herren gingen in der langen Hauptallee, in welcher der Musik-Kiosk sich befand, langsam auf und ab, den gefüllten Brunuenkrug in der Hand. Einer schien sich für den Andern zu interessiren — nur Er war allein und um ihn kümmerte sich Niemand!
Reinhard sah, wie dort unten Alle froh waren und sich, das Leben mit vollen Zügen genießend, nach Herzenslust amüstrten und glücklich fühlten: — und er stand allein!
Wie ein Gefühl des Neids überkam es ihn, beschlich es sein Herz, als es inne wurde, wie es da unten im Kur- paik bei den Klängen der Kapelle zuging. Wie gern hätte er auch so sorglos, glücklich sein mögen und wie sehr sehnte er sich nach einem anspruchslosen zufriedenen Leben! Er seufzte barm wohl schwer und mußte sich sagen, daß er es ja hätte so haben können.....— wenn fein törichtes
Herz nicht alles Glück für ihn aus dem Wege geränmtZhätte.
Eines Tags saß er wieder in seinem Versteck auf der Höhe, von dem aus er das lustige Treiben tief unter sich beobachten konnte, auf einer von rauhen Baumästen zusam- mengezimmerten Bank. Es war die Zeit der Nachmittags- Promenaden und des Konzerts in den Kuranlagen. Die Alleen und die Wiesengründe waren belebter als gewöhnlich, denn täglich mehrte sich der Zuzug von Fremden.
(Fortsetzung folgt.)