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Nr 4.
Marburg, Mittwoch, 6. Januar 1886.
XXL Jahrgang.
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Des Kaisers und Königs Jubiläumsfeier bei Hofe.
Im königlichen Palais erschienen um 10V» Uhr die allernächsten Anverwandten Seiner Majestät des Kaisers, die gesamte kronprinzliche Familie, die großherzoglich badischen und aveimarischen Fainilien und der Erbprinz von Meiningeil und Gemahlin, um dem Kaiser zuerst an seinem Jubiläumstage ihre Glückwünsche darzubringen. Gegen 12 stattete Se. Majestät der König von Sachsen, welcher int strengsten Inkognito kurz zuvor aus Dresden hier eingetroffen und in der sächsischen Gesandtschaft in der Voß- straße abgestiegen war, Sr. Majestät dem Kaiser gleichfalls einen persönlichen Gratulationsbesuch ab. — Um diese Zeit wurden dann auch auf dem Königsplatz 101 Salutschüsse gelöst. — Bald nach 12 Uhr begab sich Se. Majestät der Kaiser, begleitet vom Generaladjutauten Fürsten Anton Radziwill, zu der offiziellen Jubiläumsfeier ins königliche Schloß, wohin Ihre Majestät die Kaiserin und Königin bereits einige Zeit früher vorausgefahren mar.
Als Se. kaiserliche Majestät um 12 Uhr in den Rittersaal trat, hatten sich daselbst bereits die königliche Familie und die ftemden fürstlichen Herrschaften versammelt. An ihrer Spitze standen der Kronprinz und die Kronprinzessin, dann die Prinzen Heinrich , Albrecht, Leopold, Alexander und Georg, die Frau Prinzessin Albrecht, die Prinzessin Viktoria. Es fehlten, durch Krankheit verhindert, der Prinz und die Prinzessin Wilhelm. Zu den Prinzen und Prinzessinnen hatten sich als nächste Anverwandte gesellt der Großherzog und die Großherzogin von Baden, der Großherzog und die Großherzogin von Weimar, der Erbgroß- herzog von Baden, das erbgroßherzogliche Paar von Weimar, der Erbprinz und die Erbprinzessin von Meiningen, der Fürst von Hohenzollern. Die jüngeren Prinzen aus souve- ränctt Häusern, welche in den Garderegimentern Berlins und Potsdams stehen, vervollständigten diese vornehme Reihe. Der Kaiser trug, ebenso wie der Kronprinz, große
Generalsuniform mit dem Bande des Schwarzen Adlerordens und erfreute seine hohen Anverwandten durch sein frisches rüstiges Aussehen. Im Vergleich zu sonstigen Festlichkeiten mochte die Zahl der gestern erschienenen höchsten Herrschasten als eine kleine erscheinen; allein der Kaiser wollte nur im engsten Kreise der Seinen seinen Jubeltag begehen, und so war auch auf solche nur die Einladung beschränkt worden.
Nachdem sich die höchsten Herrschaften begrüßt hatten, traten sie zutn Festzuge nach der Kapelle zusammen. Der Kaiser bot der Frau Kronprinzessin die Hand, der Kronprinz der Frau Großherzogin von Baden, der Gemahl der letzteren der Frau Großherzogin von Weimar, es folgten noch mehrere Paare und zum Schluffe die fürstlichen Herren. Voran schritten die Hofchargen, die jüngsten zuerst, zuletzt die Obersthofchargen, Graf Stolberg - Wernigerode, als Oberstkämmerer, der Oberst-Jägermeister Fürst Pleß, Oberstmarschall Fürst Salm-Reifferscheidt-Dpck, der Obersttruchseß Fürst Puttbus und der Oberstschenk Fürst von Hatzfeldt - Drachenberg. Hinter dem Kaiser gingen die Generaladjutanten, die Generale ü la suite und Flügeladjutanten und der Kabinettsrar v. Wilmowski, hinter den übrigen Herrschaften ordnete sich stets deren Gefolge.
Langsam, gemessenen Schrittes bewegte sich der Festzug von dem Rittersaale durch die Schwarze Adlerkammer, die Rote Sammetkammer, den Kapitelsaal nach der Bilder- gallerie und von da durch das Königinnengemach und den Weißen Saal nach dem Treppenhause. Tort erwarteten den Kaiserlichen Jubilar die erlauchte Gemahlin und die einzige ihm noch gebliebene Schwester. Zur aufrichtigen Freude aller gestrigen Festgenossen sah Ihre Majestät die Kaiserin überraschend wohl und frisch aus, und es schien, daß der Verkehr in der Gesellschaft sie anregte und erfreute; die hohe Frau trug ein weißes AtlaSkleid mit alten wertvollen Spitzen, dazu das Band des Schwarzen Adlerordens über der Brust. Die Brillanten und Diamanten, die an der Robe glühten und sprühten, waren zu Ehren des Tages dem Königlichen Kronschmuck entnommen. Die Frau Großherzogin-Mutter von Mecklenburg-Schwerin, uns doppelt ehrwürdig als 81jährige Dame und Schwester des Kaisers, dem sie' in ihren Gesichtszügen ähnelt, trug die weiße Robe wieder, der sie so gern den Vorzug giebt.
Inzwischen hatte sich die Thüre der Kapelle geöffnet und von der Höhe herab schwebten die Töne rott „Salvum fac regem dementem"* Die geladene Gesellschaft begrüßte in ehrfurchtsvoller Verbeugung Ihre Kaiserlichen Majestäten; in feierlicher, gehobener Stimmung näherte sich der Zug dem Altar, vor welchem die Geistlichkeit stand. Auf den Sesseln zur Linken ließ sich das erlauchte Paar nieder; neben und hinter ihnen der Kronprinz und die Kronprinzessin und die übrigen fürstlichen Herrschaften. Tie Hofstaaten und Gefolge ordneten sich in den hinteren Reihen und den Nischen rechts und links vom Eingang.
Es mochten etwa 400 Personen sein, welche die Kapelle füllten; cs war eine auserlesene Gesellschaft vornehmster Herren und Damen, deren hoher Rang oder Geburt das Vorreckt verliehen, dem Kaiser ihre Huldigung persönlich darzubringcn, ein Vorrecht, das gestern zur^freudig erfüllten Pflicht wurde. Für die Damen war Salontoilette mit elegantem Hut vorgeschrieben; wenn dies die Entfaltung jeder größeren Pracht in Robe und Kopfputz verhinderte, so verstandeit dennoch die Damen, auch in ihren hohen, geschlossenen Roben zu glänzen. So Frau Gräfin Szechenyi in der geblümten, hellblauen Atlasrobe und — als neue Erscheinung — Frau Gräfin Schuwalow in einer ihrem dunklen Haare wohlanstehenden Zusammenstellung Mit leuchtendem Gelb und stumpfen Rotbraun. Die Damen genossen die Ehre, ihre Plätze Ihren Kaiserlichen Majestäten gegenüber zu haben; auf den ersten Sesseln saßen die Ambassadricen von Italien, Oesterreich und Rußland, ihnen reihten sich die Gemahlinnen der Chefs der am Allerhöchsten Hofe beglaubigten Missionen, die vermählten fürstlichen und die Exzellenzen-Damen an.
Zur Freude und aufrichtigen Genugthuung unseres Kaiserlichen Herrn hat es der Himmel gefügt, daß die beiden großen Männer, deren Namen mit dem seinen unauflöslich verbunden sind, die mit ihm das Reich gegründet und gebaut, sein großer Staatsmann und treubewährter Ratgeber und sein großer Feldherr, der Feier des gestrigen Tages beiwohnen konnten. Dem Reichskanzler hatte man den Ehrenplatz gegeben, den mittelsten Sessel in der ersten Reihe dem Altar gegenüber; dem ersten Reichs- und Staatsbeamten waren als vornehmste fremde Herren die Botschafter Italiens, Oesterreichs, Frankreichs, Englands, Rußlands und der Türkei als Nachbarn gegeben. In zweiter und dritter Reihe saßen die Chefs der am Kaiserlichen Hofe beglaubigten Missionen, mit dem schwedischen Gesandten, Baron v. Bildt, als dem ältest- beglaubigten, an der Spitze. Den Gesandten waren stets die betreffenden „Abgesandten" zugeteilt, wie man mit einem kleinen sprachlichen Unterschiede die Herren genannt hat, welche von den Souveränen und Mächten in außerordentlicher Mission zum 3. Januar hierher geschickt waren. Wohl wären die fremden Herrscher gern selbst gekommen, um dem Kaiser persönlich zu sagen, was auch ihre Herzen an seinem Jubeltage bewegt; allein das hohe Alter des Kaisers, die Rücksicht auf seine zu schonende Gesundheit ließ die möglichste Beschränkung der Zahl der Gäste geboten erscheinen. So ließen sich denn die Souveräne durch ihre „Abgesandten" vertreten, welche dem Kaiser dann noch schriftliche Glückwünsche ihrer Herren überbrachten. In der Abteilung rechts vom Reichskanzler saß auf dem ersten Platze der Generalfeldmarschall Gras von Moltke, der ebenso wie der Reichskanzler große Generals- Uniform und das Band des Schwarzen Adlerordens trug. Neben dem großer Feldherrn hatten die Häupter der land-
Heitzer Sinn.
Roman vou Theodor Küster.
(Fortsetzung.)
Er hatte sich erhoben, legte ihren Arm in den seinen und fühlte sie nach dem Garten, wo Beide lange und langsam in ernster Unterhaltung promenirten.
Ella war nicht wenig erstaunt, als sie hörte, daß Reinhard v. Brunner der Jugendfreund ihres Gatten sei und dieser um das Herzensgcheimnis ihrer Schwester Adele wisse. Walter schilderte ihr den Charakter seines Freundes, dessen heißes Blut, mit welch unbezähmbarer Leidenschaft Reinhard Adele geliebt, wie er nie hätte schlecht handeln wollen und nur über seiner Liebe zu ihrer Schwester alle ihn schon fesselnde Bande momentan vergessen hatte. Er sprach zu Ella von dem Unglück des Freundes, von ihrer Trennung, wie Reinhards Herz die schwergekränkte Gattin schmerzlich beklagt und er die Unmöglichkeit empfunden habe, zu ihr zurückzukehren.
„Glaube mir, Ella," schloß Walter, „er war von Allen, die durch seine Leidenschaft leiten mußten, sicher der Aller- bedauernswerteste, denn er nahm das drückende Bewußtsein mit sich in sein freiw-lliges Exil, daß er zwei Frauen namenlos unglücklich gemacht habe: Jia hatte er um ihr ganzes Lebensglück betrogen, Adele Glauben und Vertrauen an die Männer geraubt! — Daß letzteres der Fall, weiß Reinhard zwar noch nicht mit Bestimmtheit, hält fick wohl für längst von Adele vergeffen; ich aber glaube, daß sie nicht so leicht vergessen kann. Was ist Deine Ansicht darüber, Ellas" —
„Adele hat ihn nicht vergessen, Walter, denn sie hat ihn, ich weiß es, zu sehr geliebt! Reinhard war ihre erste Liebe — nicht die Liebe eines schwärmerischen Backfisches, denn als Adele ihn kennen lernte, war sie kein Kind mehr. Ich
bin überzeugt, sie kann nur einmal lieben, und so muß es auch sein, denn wenn ein Weib einmal wahrhaft geliebt hat, daun kann es unmöglich zum Meitenmale dieselbe aufopfernde, glühende Neigung für einen andern Mann empfinden.
„Aber, bestes, liebstes Kind," entgegnete Walter, „wie selten gipfelt eine sogenannte erste Liebe in der Ehe?! — Die meisten Mädchen haben doch entschieden schon einmal geliebt, ehe sie denjenigen erhörten, der schließlich ihr Gatte ward, wenn auch eine solche — wie soll ich sagen? — „allerliebste" Liebe recht discreter Natur, wenn sie auch — unglücklich und erfolglos war."
„Na, Walter, das waren dann höchstens Pensions- Schwärmereien!" rief lachend Ella. Und ihrem Manne innig in die Augen blickend, sagte sie weiter: „Nein, Männchen, so, wie ich Dich liebe, habe ich noch Keinen geliebt und halte es auch für unmöglich, daß ich irgend einen Manu wieder so lieben könnte! — Natürlich habe auch ich die schwärmerische Backfischzeit durchlebt, aber geliebt — so wie ich jetzt es weiß, was es eigentlich heißt, zu lieben — habe ich nie, ehe ich Dich kennen lernte! — Aber wir find ja ganz von Reinhard abgekommen: was schreibt er denn eigentlich?" —
Er las seiner Frau den Brief vor und dies hatte zur Folge, daß die kleine Frau Doktorin recht nachdenklich wurde. Ein Ausruf des höchsten Erstaunens entfuhr ihr, als sie hörte, daß Retuhard v. Brunner und der Romanschriftsteller Franz Fontaine eine und diesekbe Person seien. Wie oft hatten sie — Adele, Ida vnd sie selbst — von dem Dichter gesprochen, gemeinschaftlich feine neuesten Schöpfungen gelesen. Ja, nun ward ihr so manches klar, da sie wußte, wer jene seelischen Stimmungsbilder entworfen und so überzeugend geschildert hatte. Und Adele und Ida, wie verehrten sie beide diesen Franz Fontaine, ohne zu ahnen, wen sie in demselben feierten!
Als Ella dann von Reinhards Absicht, nach Bergenau zu kommen, hörte, erschrak sie heftig und abwehrend sagte sie zu ihrem Manne: „Nein, Walter, das darf ja doch nicht sein! Adele und Ida und er zusammen?!--Männchen,
das gäbe ein neues Unglück!"
Doch Dr. Grell dachte anders. Er sprach lange, überzeugend, eindringlich zu Ella und diese mußte ihm endlich doch Recht geben. Sie fand das Heilmittel Walter's zwar etwas gewagt, jdoch sie mußte ihm zugestehen, daß es das einzige sei, welches Rettung versprach.'
Das Resultat der Berathung des Arztes mit seiner Fran bestand in einem Telegramm an Reinhard v. Brunner. Walter hatte diese Form der Mittheilung an sekneu Freund gewählt, um denselben so schnell als möglich jeder quälenden Ungewißheit zu entreißen; die Depesche lautete:
„Komme sogleich; in unveränderter Freundschaft erwartet Dich Dein Walter Grell."
Eben war das Telegramm abgesandt, als der Diener einen fremden Herrn meldete und Walter dessen Karte überreichte.
„Graf Leopold Dernbnrg!" las dieser freudig-erstaunt nnd wollte eben seinem Diener anbefehlen, den willkommenen Besucher einzuführen, als Ella betroffen sagte:
„Mein Gott! schon so spät? — Wie haben totr drr Zeit verplaudert, Männchen?! — Aber fo, „tote ich bin, kann ich mich vor dem Grafen nicht sehen lassen; ich will rasch Toilette machen."
„Aber, Kind," lächelte Walter, „Du siehst ja bezaubernd, reizend aus!" m t
„Für Dich — das mag sein, für fremden Besuch leden- falls nicht!" gab sie lachend zurück und verschwend.
„Führen Sie den Herrn Grafen hierher," sagte Dr. Grell zum Diener. .(Fortsetzung folgt.)