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Marburg, Dienstag, 5. Januar 1886
XXI. Jahrgang
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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marbnrg u. Kirchhain. - Illustriertes Laimtagsblatt.
Expedition - Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von J oh. Aug. Koch.
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Deutsches Reich.
Berlin, 2. Jan. Der Kronprinz mit dem Prinzen Heinrich besuchte gestern den Reichskanzler; ebenso der Prinz Leopold. — Das großherzogliche Paar und Prinz Ludwig von Baden sind heute vormittags 11 Uhr hier eingetroffen und am Bahnhofe von dem Prinzen Heinrich und der Prinzessin Viktoria empfangen worden. — Das großherzogl. Paar und Prinz Ludwig von Baden wurden int kaiserlichen Palais von dem Kaiser und der Kaiserin begrüßt. Der Erbgroßhcrzog und die Erbgroßherzogin von Baden treffen morgen früh um 8 Uhr hier ein. — Die Vertreter fremder Souveräne und Staaten beim morgigen Regierungsjubiläunr des Kaisers sind sämtlich bereits hier eingetroffen. Der sonst übliche Neujahrsempfang beim Kaiser ist gestern mit Rücksicht auf die morgen stattfindende Feier unterblieben. Daß morgen besondere Ordensverleihungen und wohl auch noch andere Erlasse des Kaisers zu erwarten sind, dürfte auch aus der Thatfache zu schließen sein, daß der „Reichs- und Staatsanzeiger" morgen eine Extraausgabe erscheinen läßt. Einzelne Blätter bringen schon heute das Jubiläum feiernde Artikel. — Der Kaiser ist in das neue Jahr rüstig und frisch hinübergetreten. Wie bekannt, waren die Gratulationen diesmal sehr abgekürzt worden; die Gratulanten werden am Tage des Regierungsjubiläums empfangen werden. Nachdem am Neujahrstage früh die Mitglieder der königl. Familie den Majestäten ihre Glückwünsche dargebracht hatten, begab sich der Kaiser um 10'/» Uhr in den Dom. Die königliche Familie war bereits dort versammelt und das Gotteshaus in allen seinen Teilen von Andächtigm überfüllt. Nach dem Turnus bei den Hofpredigern war diesmal Hofprediger Schrader an der Reihe. Nach Beendigung des Gottesdienstes kehrte der Kaiser, von brausenden Hochs begrüßt, in das Palais zurück und nahm nur noch die Gratulationen der Obersten-Hof- und Oberhofchargen entgegen. Bereits in früher Morgenstunde waren die Linden von einer dichten
Heißer Ginn.
Roman von Theodor Küster.
(Fortsetzung.)
Unter dem Namen „Franz Fontaine" wurden in Deutschland meine Arbeiten verlegt und gedruckt, und ich ward durch meinen Verleger zu immer neuem Schaffen angetrieben, während ich erst in London, dann in Paris ein stilles, einsames Leben führte, und nur mit meinen Arbeiten beschäftigt, mit Niemand Umgang hatte. — Endlich kehtte ich wieder nach Deutschland zurück; doch nun war meine Ruhe nicht mehr dieselbe, als zu jener Zeit, die ich fern von ben gewohnten Verhältnissen zugebracht: seit einigen Monaten irre ich ruhelos umher, von Sehnsucht getrieben, von Reue gemartert; keine Arbeit will mir ferner gelingen, ich kann nicht mehr so ruhig denken, wie früher. Mein Alleinsein drückt mich, ich sehne mich nach Zerstreuung, nach Menschen, nach Umgang — und doch vermeide ich unausgesetzt jede Berührung mit her Welt fast ängstlich. Ich möchte in die Arme meiner teuren Mutter eilen — und eS bangt mir vor diesem Wiedersehen: wie werde ich sie finden? — So frage ich mich unabläsfig. Sie ist alt und hat schon so manchen Kummer hinnehmm müssen — den größten, schmerzlichsten wohl durch mich!
„Du bist Arzt, Walter: finde Du ein Mittel, mein unklares Sehnen zu beschwichttgen, meine Ruhe mir znrückzu- geben, die Einsamkeit, der ich aus eigener Kraft nicht zu entfliehen vermag, zu zerreißen, tun unter Menschen selbst wieder ein mitfühlender Mensch werden zu können!
„Schreib mir, daß ich kommen soll, oder, wenn Du kein Heilmittel für mich weißt — schick mich wieder hinaus ta bie Frembe, nach bem Auslände! Hälft Du es für besser, Walter, baß ich Niemanb wiebersehe, baß ich verschollen bleibe — nun bann mag es sein — für immer! . . . . —
Kette voir Menschen umsäumt. Vor dem kaiserlichen Palais waren Tausende versammelt, um beim Aufzuge der neuen Wache den Kaiser am historischen Eckfenster erscheinen zu sehen, aber, wahrscheinlich um großes Gedränge zu vermeiden, defilierte heute die Wachtparade, welche das 3. Garde- Regiment gestellt hatte, am Palais nicht vorbei; und so hatten die Scharen heute nicht das Vergnügen, den Kaiser seine Garden mustern zu sehen; einigermaßen Ersatz fanden sie dafür in dem so farbenreichen, glänzenden militärischen Schauspiele der Paroleausgabe au der Neuen Wache; und der Helle Sonnenschein, der am Vormittag über Berlin lag, machte dieses Bild noch prächtiger. Am Nachmittag freilich verfinsterte sich der Himmel und leichter Regen ging hernieder.— Nach kaiserlicher Bestimmung wird das Ordensfest diesmal am 17. d. M., also einen Tag vor dem Krönungsfesttage von 1701, mit welchem es zusammen gefeiert wird, begangen. — Der „Voss. Ztg." zufolge wollten das Deutsche Reich und Preußen dreieinhalbprozentige Konsols emittieren; der Emissionskurs sei noch nicht bekannt und werde voraussichtlich unter Pari sein. — Der bisherige Geh. Obcrregierungsrat v. Bötticher im Ministerium des königlichen Hauses ist zum wirklichen Geh. Oberregierungsrat und Ministerialdirektor ernannt morden. — Die Verhandlungen zwischen Deutschland und der Türkei betreffend die künftigen türkischen Eingangszölle führten den „Berl. Pol. Nachr." zufolge zu einem befriedigenden Ergebnisse. Der neue Tarif, welcher nur nach dem Abschlüsse des neuen deutsch-türkischen Handels - Vertrages und Annahme des Tarifs seitens der anderen Vertragsmächte in Kraft treten kann, wird eine gleichmäßigere Behandlung aller Importeure als bisher zur Folge haben. — Verschiedene Tabakfabrikanten des deutschen Zollgebiets bereiten aus einer Mischung von geschnittenen Rüben-, Zichorien- und Kirschenblättern in gebeiztem und gegorenem Zustände ohne jegliche Verwendung von Tabakblättern ein Erzeugnis, das sie unter der Benennung „deutsches Surrogat mit Wohlgeruch" feilbieten. Die Vermischung dieses Surrogats mit reinem Tabak bleibt ben Verbrauchern unb die Verfertiger zahlen für die Ersatzblätter keine Steuer. Die Steuerbehörden find demgemäß angewiesen worden, auch Tabaksurrogate ohne Tabakblätter, welche in vorbezeichneter Weise hergestellt und vertrieben werden, zur Steuer heranzuziehen.
Berlin, 3. Jan. Zur Feier des Königsjubiläums ist die Stadt auf das Reichste beflaggt, die Straßen sind von einer festlich bewegten Menge belebt. Insbesondere die Straße Unter den Linden, wo sich vor dem Kaiser, lichen Palais Tausende von Menschen angesammelt haben. Die Zeitungen bringen ohne Ausnahme begeisterte Be- grüßungsartikel, welche das Wirken des Kaisers und Königs in Krieg und Frieden preisen. Die Feier wurde durch Choralmusik eingeleitet, welche durch das Trompeterkorps des Garde - Ulanen - Regiments auf der Kuppel der Schloßkapelle geblasen wurde. Um 10 Uhr fand Gottes- Wenn ich unsere deutsche Muttersprache nicht mehr höre, wenn fremde Menschen, fremde Sitten mich umgeben, wird mein Herz wohl endlich vergessen, daß es eine Heimat, eine Mutter, ja eine Gattin einst hatte — ober — ist Iba nicht mehr meine Frau?--Hat sie mich auf gegeben, well
ich so schmählig von ihr gegangen bin?! —
„In Deiner Hand liegt mein Geschick, Walter — fei mein Freunb auch jetzt, wie Du eS ehebem gewesen! So oft hat Dein guter Einfluß mir durch bie Jrrsale brr Jugendzeit hindurch geholfen, vielleicht gelingt es Dir auch jetzt, den Weg zu zeigen, der in den Hafen der Ruhe führt Deinen Reinhard v. Brunner.*
„Mein armer, armer Freund!" sagte wehmütig Doktor Grell und las wieder unb toieber bie Zeilen, bie so viel in sich bargen. Dann begann er nachznbenken. Geholfen mußte bem Freunde werden, das war außer jedem Zweifel — doch wie? — Welches Mittel galt es, nut einer Aussicht auf günstigen Erfolg, hier anzuwenden? — Von Abele schrieb Brunner nicht ein Wort; bie Schulb gegen seine Gattin, gegen Iba war es, bie ihn mehr als Alles sonst zu brücken schien. Er ließ sogar bie Befürchtung durchblicken, baß fte bie Trennung ihrer Ehe bewirft habe. — Hätte Reinharb ahnen können, wie tteu sie ihm war, wie sie ihn immer noch liebte — ihn, ben Vater ihres Knaben!
„Ja, ber Knabe!" rief Walter, plötzlich unb ein erleuchtender Gebanke durchzuckte ihn. ’ „Von bem weiß er ja noch gar Nichts!?--Da ist ja bas Heilmittel gleich
gefunben, und bei Gott das Beste!" —
Dr. Grell kannte bas Herz seines FreunbeS unb wußte, daß ber Knabe das beste Bindeglied sein mußte zwischen Vater und Mutter, daß dieses Kind Reinhard zurückführeu werde zu seiner Gattin. — Aber Adele — wenn Brunner fte doch noch liebte?! — Daß er auch gar nicht ihrer in seinem Briefe in Erwägung gethan.....—
dienst für die Garnison in der Garnisonkirche unb der Michaeliskirche, um 11/, Uhr große Paroleausgabe unter gleichzeitiger Lösung von 101 Salutschüssen statt. Die Garnisonkirche war von Militärdeputationen und einem distinguierten Publikum des Zivilstandes überfüllt. Den Altarraum schmücken exotische Gewächse; Guirlanden umranken bie Empore, bie Hofloge trägt ein Wappen aus weißen Jmortellen, mit einem W. in roten, sowie ber Zahl „25" in blauen Blumen, -darüber eine grüne Krone. Divisionsprebiger Wölfing hielt bie Liturgie ab, Hofprediger Frommel hielt bie Festpredigt unter Zugrunbeleguna des Psalm 79, Vers 7—10. Eine Militärkapelle führt bie Begleitung des Chorgesanges aus. Auch alle übrigen Kirchen, in benen überall Festgottesdienst gehalten wurde, waren überfüllt. Das Geläute aller Glocken von sämtlichen Gotteshäusern Berlins, mit welchen bie Feier schon gestern abenb eingeleitet würbe, rief vom frühen Morgen an zur Kirche. Viele Häuser tragen grünen Tannen- schmuck unb Guirlanben. Zahllos sinb bie mit ben Büsten des Kaisers unb ber Kaiserin, sowie mit Stanb- bilbern des Kaisers besetzten, mit Stoffen unb Bändern in ben beutschen unb preußischen Farben dekorierten Fenster. Die Auffahrt zum kaiserlichen Palais verlies überaus glanzvoll. Als ber Kaiser unb bie Kaiserin sich zu Wagen ins königliche Schloß begaben, um bem Gottesbienst in ber Schloßkapelle beizuwohnen, würben bieselben von ber überaus zahlreichen Menschenmenge, bie zwischen Palais unb Schloß Spalier bildete, mit ununterbrochenen begeisterten Hochs unb Hurrahs begrüßt. — Gestern abend waren die Mitglieder ber kaiserlichen Familie unb bie hier anwesenben fremben Fürstlichkeiten zum Thee bei bem Kaiser unb ber Kaiserin. Heute vormittag 10 /» Uhr gratulierten bie Mitglieber ber kaiserlichen Familie bem Kaiser unb brachten ihm Geschenke bar. Vormittags 11'/« Uhr traf unverhofft ber König von Sachsen hier ein; berselbe begab sich sofort ins Palais unb gratulierte bem Kaiser. Sobann fuhr ber König ins sächsische Gesanbtschaftshotel. — Um 5 Uhr nachmittags finbet im Palais Familientafel statt. In sämtlichen Kasernen Berlins traten heute früh 7 Uhr alle hier garnisonierenben Truppenteile im Parabeanzug an. Die Regimentsmusiken bliesen ben Choral: Nun banket alle Gott! worauf bie Kommanbeure patriotische Ansprachen hielten, welche mit einem Hoch auf ben kaiserlichen Kriegsherrn schlossen. Die Truppen stimmten breimal begeistert in dies Hoch ein; das Heil Dir im Siegerkranz beschloß bie feierlichen Akte. — Mittags 1 Uhr hellte sich ber Himmel, ber bisher von Wolken bebeckt war, teilweise auf, so baß bie Sonne von Zeit zu Zeit burchbrach. — Der Kaiser unb bie Kaiserin erschienen kurz bevor sie sich ins Schloß begaben an bem historischen Eckfenster, unb wurden von den dort Verfammelten tausend unb abertausenb mit brausenden Hochs begrüßt.
— Die Einfuhr von Getreide, Hülfenfrüchten und
Noch war ber Doktor ganz durch seine Gedanken in Anspruch genommen, als zwei weiche, schöne Arme sich um feinen Hals schlangen und zwei herzig blickende Augen ihm in sein sorgenvolles Gesicht schauten.
„Aber, Männchen!" sagte Ella, der die Arme und die Augen gehörten, „wie ernst bist Du auf einmal, wie gedankenvoll ist Deine sonst so heitere Sttrn?! — Du siehst ja fast finster aus: hat denn die Post Dir etwa unangenehme Nachrichten gebracht? — Ah, sieh da, ein langer Brief — ist er von einem unserer Bekannten, Männchen?"
„Vou einem Jugendfreunde, Ella. Du kennst ihn auch. Ich hatte unsere Bekanntschaft vor Dtt, Deinem Vater und Adele absichtlich geheim gehalten."
„Sie steh! — Also Geheimnisse hast Du doch vor Deiner Ella! — Und ich bildete mir ein, Dein Herz läge offen vor mir wie ein aufgeschlagenes Buch, ich wurde eS ebenso gut kennen, wie mein eigenes," erwiderte mit allerliebstem Schmollen die junge Frau Doktorin. Dann fuhr fte Hefter scherzend fort: „Nun, bewahre nur Deine Geheiuwisse, Männchen, wenn Du denkst, sie taugen nicht für mein Ohr. Als Frau eines Arztes habe ich ja ohnehin nicht das Recht, neugierig zu sein, und — ich bin es auch nicht!" —
Walter küßte zärtlich sein Weibchen und sagte vergnügt: „Das war in der That brav gesprochen von meiner kleinen Frau! — Doch diesmal, mein Herz, handelt es sich um ein Geheimnis, bezüglich dessen ich Dir sogar eine Haupttolle zugeteilt habe ....' —
„Das wäre?!" rief Ella erstaunt.
-Und bei welchem es sich darum handelt, daß wir Beide ein kleines Komplot in Scene setzen."
„Ein Komplot?!" —
„Ja, und Du mußt mich sehr bedeutend dabei unter»’ stützen, Ella!" (Fortsetzung folgt.)