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Januar 1
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Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. — Quartal- Adonnementä-PreiS bei der Expedition 2*/« Ml., bei den Postämter 2 'Mit 50 Pfß. (excl. Bestellgeld). Jnsertionsgebübr für die gespaltene Zeile 10 Pfg Seßam n für die Zeile 25 Pfg.
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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg n. Kirchhain. - Illustriertes Lonntagsblatt.
Expedition Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Ich. Ang. Koch.
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Aus Kaiser Wilhelms Leben.
In dem soeben ausgegebenen dritten Bande seiner „Deutschen Geschichte im neunzehnten Jahrhundert" erzählt H. von Treitschke folgende Episode aus dem Jugendleben des Kaisers Wilhelm: „An dem Prinzen Wilhelm erlebte der König Friedrich Wilhelm III. die Freude, die jedem Vater die liebste ist, er sah in ihm ein helleres Abbild seines eigenen Wesens. Ebenso schlicht, verständig und Pflichtgetreu, nur ungleich heiterer, entschlossener, frischer als sein Vater, war der ritterliche junge Prinz jetzt schon die Hoffnung der Armee, ein geborener Heerführer, streng und gütig zugleich, wie es dem Soldatenherzen wohlthut; Offiziere und Mannschaften gingen für ihn durchs Feuer. Sein Vater hatte ihn ganz zum Soldaten erziehen lassen, da die unkriegerische Natur des Kronprinzen (späteren Königs Friedrich Wilhelm i V.) sich bald offenbarte. Prinz Wilhelm widmete sich seinen militärischen Aufgaben mit anhaltendem Eifer. Er lebte und webte in den Ueber- lieferungen des Befreiungskrieges und erwies den Helden jener großen Zeit herzliche Verehrung, auch dem bei Hofe arg verlästerten greisen Jork; die Flüsterreden der Verleumder fochten sein freies Gemüt nicht an. Gleich seinem Vater betrachtete er den Bund der Ostmächte als die Bürgschaft des Völkerfriedens und gleich ihm gab er den Russen vor den Oesterreichcrn den Vorzug; mit ihnen hatte er einst seinen ersten Waffengang gethan, und seit er seine Lieblingsschwester, die Großfürstin Charlotte, auf ihrer Vermählungsreise begleitete, blieb er mit dem Petersburger Hofe in vertraulichem Verkehr. Und diesem Sohne, der seinem Herzen so nahe stand, mußte der König die liebsten Träume seiner Jugend grausam zerstören. Prinz Wilhelm liebte die Prinzessin Elise Radziwill, die schönste und holdeste unter den jungen Damen des Hofes. Sie schien wie für ihn geschaffen, aber ihre Ebenbürtigkeit ward bestritten. Denn obwohl dies alte lithauische Dynastengeschlecht durch
Reichtum und historischen Ruhm manches deutsche Fürstenhaus überstrahlte, und einmal schon in den Tagen des großen Kurfürsten ein Hohenzoller eine Radziwill als ebenbürtige Gemahlin heimgeführt hatte, so waren doch neuerdings am preußischen, wie an allen deutschen Königshösen strengere Rechtsbegriffe zur Herrschaft gelangt. Seit den Zeiten Friedrichs des Großen stand der Grundsatz fest, daß nur die Töchter der regierenden Fürstenhäuser und der vormaligen reichsständischen Landesherren für ebenbürtig gelten sollten. Fünf Jahre hindurch wurde nun von beiden Seiten alles aufgeboten, um die Zweifel zu beseitigen und dem Prinzen sein ersehntes Eheglück zu ermöglichen. Durch den Fürsten Anton Radziwill aufgesordert schrieb K. Fr. Eichhorn ein Rcchtsgutachten, das sich für die Ebenbürtigkeit des Hauses Radziwill aussprach, jedoch die Ansicht des großen Staatsrechtslehrers stieß bei anderen namhaften Juristen auf wohlbegründeten Widerspruch. Dann tauchte der Vorschlag auf, Prinz August von Preußen solle die Prinzessin an Kindesstatt annehmen; aber fünf der Minister erwiderten nach ihrer Amtspflicht, die Adoption könne das Blut nicht ersetzen. Unterdessen vermählte sich der dritte Sohn König Friedrich Wilhelms III., Prinz Karl, mit einer Prinzessin von Weimar, und der groherzoglich sächsische Hof erklärte ausdrücklich, daß er für die Kinder dieser Ehe das Vorrecht beanspruchen müsse, salls der ältere Bruder seiner Neigung folge. Nunmehr war die Frage sehr ernst; es drohte ein Streit um die Erbfolge, der vielleicht den Bestand der Dynastie gefährden konnte. Auf die wiederholten Vorstellungen seiner Räte beschloß der König, tief bekümmert, sein Ansehen zu gebrauchen (1826). In einem von Zärtlichkeit überströmenden Briefe hielt er dem Sohne vor, was alles vergeblich verflicht worden sei, und wie nun doch nichts übrig bliebe, als die harte Pflicht, dem Wohle des Staates, des Königlichen Hauses eine edle Neigung zu opfern. Als der Prinz dies Schreiben durch General Witzleben empfing, war er anfangs ganz zerschmettert; dann raffte er sich zusammen und noch am selben Abend schrieb er seinem Könige und Vater, daß er gehorchen werde. In jener einfachen, kunstlosen und doch so tief zur Seele dringenden Sprache, die ihm natürlich war, schüttete er dem Vater sein Herz aus. Er versprach, das Vertrauen des Königs zu rechtfertigen durch Bekämpfung seines tiefen Schmerzes, durch Standhaftigkeit im Unabänderlichen, und bat um Gottes Beistand, daß er ihn nicht verlasse in dieser schweren Prüfung. Dem teuren Vater aber solle sein Herz jetzt inniger denn je gehören, denn dessen väterliche Liebe sei nie größer gewesen, als in der Art der schweren Entscheidung. General Witzleben bemerkte dazu in, seinem Tage- buchc: „Welch ein Sohn! Welch ein Vater!"
Deutsches Reich.
Berlin, 31. Dez. Am Tage der Feier des 25jährigen
Regierungsjubiläums Sr. Majestät wird bei der Reveille von der Kuppel der Schloßkapelle vom Trompeterkorps des 2. Garde-Ulanen-Regiments ein Choral geblasen werden. Demnächst findet für die hiesige Garnison unt 10 Uhr in der Garnison- und der St. Michaelskircbe Gottesdienst statt, an welchem sich die Truppen durch Deputationen beteiligen. Um 117. Uhr ist für die Generale und das Offizierkorps Parole-Ausgabe; gleichzeitig werden auf dem Königsplatz 101 Salutschüsse gelöst. Sodann wird um 12 Uhr in der Kapelle des Königlichen Schlosses ein feierlicher Gottesdienst abgehalten, dem die in Berlin, Potsdam und Spandau anwesenden aktiven und zur Disposition stehenden Generale, die Obersten, welche sich im Brigade-Kommandeur-Range befinden, und die Kommandeure der Leib - Regimenter beiwohnen. — Anschließend hieran findet im Weißen Saale des Königl. Schlosses eine Gratulations-Defilier-Kur statt. — Prinzessin Wilhelm ist seit gestern erkrankt. Man erwartet bei ihr den Ausbruch der Masern; ihr Gemahl, Prinz Wilhelm, ist von denselben vollständig wieder genesen. Bei der großen Gratulationskur, die am 3. Januar aus Anlaß des Regierungs-Jubiläums stattfindet, wird der Bundesrat ziemlich vollzählig vertreten sein. Dom Reichstag erscheint das Präsidium, ebenso das des Herrenhauses und da das neue Abgeordnetenhaus noch nicht zusammengetreten ist, das Präsidium des letzten Abgeordnetenhauses. — Die „Nordd. Allgem. Ztg." schreibt zum Jahreswechsel: Es ist eine sehr naive Lebcnsanschauung, welche da glaubt, gleichsam durch einen Ruck des Willens, wie er sich in dem Pereat der Sylvesternacht ausspricht, ein neues Jahr aufbauen zu können, ohne die grundlegenden Voraussetzungen des verflossenen acceptieren zu müssen. Gleichwohl ist diese Anschauung nicht lediglich der Privatsphäre Vorbehalten geblieben; sie ist auch in das politische Leben eingedrungen und hat sich demselben als die revolutionäre oder, um einen weniger starken Ausdruck zu brauchen, alö die radikale fühlbar gemacht. Auch die Gegenwart hat mit ihr einen fortdauernden Kampf zu bestehen, welcher, je nach der Form des Angriffs, seinen Charakter modifiziert, ohne daß die eine wie die andere uns imponieren oder erschrecken. Aus den Stürmen des Jahrhunderts haben wir eine große Nüchternheit des politischen Denkens gerettet, welche gleichwohl nichts weniger bedeutet, als einen allen idealen Impulsen unzugänglichen Jndifferentismus. Im Gegenteil haben wir durch glorreiche Thrten bewiesen, daß das deutsche Volk für das höchste nationale Gut — für seine Selbständigkeit — zu kämpfen und zu siegen weiß: aber nach dem erfochtenen Siege hat cs sich auch sofort an die Arbeit begeben, um denselben für die nationale Wohlfahrt nutzbar zu machen. Nicht blos durch Ausbildung des formalen Rechts, sondern auch der wirtschaftlichen Harmonie. Unsere Gesetzgebung nahm einen wesentlich
Heißer Sinn.
Roman von Theodor Küster.
(Fortsetzung.)
Alles Winterleid hat nun ein Ende, verheißt reichen, süßen Fruchtsegen; die gefiederten Sänger in Wald und Flur, Feld und Garten putzen sich uud rupfen aus ihrem Kleide die abgetragenen Federchen aus, in denen die Winterstüime nicht unbemerkt vorübergingen, und die nun in der glänzenden Sonne schäbig ausiehen.
Frisch und schön wie der junge, sonnige Morgen saß Ella neben ihrem Gatten auf der offenen Veranda. Sie hatte» zum ersten Mal hier im Freien ihren Morgenkaffee genommen und Doktor Grell befand sich recht behaglich in seinem bequemen Gartenstuhl. Er hatte sich eine Cigarre «»gezündet und Ella reichte ihm einige Zeitungen, küßte ihn zärtlich auf die Stirn und sagte:
„So, Männchen, nun lies Deine Neuigkeiten, während ich den Spargelbeeten einen Besuch mache wo ich eine reiche Ernte zu halten gedenke."
Sie nahm ein Körbchen mit einem Messer und war bald hinter Sträuchern und Büschen im Garten verschwunden.
Walter sah ihr zärtlich nach und dachte bei sich, daß er doch der glücklichste Mensch sei; Ella und er paßten so prächtig zusammen und verstanden sich so gut. Er war übrigens immer ein glücklicher, zufriedener Mensch gewesen; seine ruhige Natur, sein vernünftiges Ueberlegen hatten ihn so manche Klippen meiden lassen, an denen das Lebensglück Anderer scheitern mußte; er hatte nie harte Kämpfe durchzumachen gehabt und sein einziges Leid kam nicht von ihm selbst: es war sein Mitgefühl, seine Teilnahme für Andere, weniger als er Glückliche und Bevorzugte. Demjenigen, dem er seine Freundschaft einmal gegeben, dem hielt er sie auch treu und fest fürs Leben, und deren gab es nicht Viele. Alle» wirklich Unglücklichen, Hilfsbedürftigen war et nicht
allein der sters bereite, gewissenhafte Arzt, sondern auch der Freund in der Not und der aufrichtige Berater, und von ihm konnte man mit Recht sagen, daß seine Linke nicht wußte, was die Rechte that.
Der Briefträger kam jetzt und gab Dr. Grell mehrere Briefe und andere Postsachen. Erstaunt blickte dieser auf einen der Briefe. Mit dem Abgangsorte desselben, den der Stempel nachwies, stand Walter in keinerlei Korrespondenz und doch kam ihm die Handschrift der Adresse so eigentümlich bekannt vor und es war ihm, als mahne ihn die Schrift an eine längst vergangene Zeit.
„Diese Handschrift kenne ich doch ....." murmelte er nachdenklich vor sich hin, immer noch das Couvert aufmerksam bettachtend. Dann riß er dasselbe schnell auf und suchte zunächst die Unterschrift. Ein Freudenlaut entschlüpfte ihm. —
„Von ihm.... . von ihm!" rief er aufspringend. „Wo hatte ich nur Augen und Gedanken?!"
Es war ein ziemlich langer Brief von seinem Freunde Reinhard v. Brunner. Dieser schrieb:
„Jahre sind vergangen, seit wir uns getrennt, mein guter Walter! — Du wirst mir sicher gezürnt haben, daß ich nie etwas von mir hören ließ; doch was hätte ich Dir schreiben sollen: wie es mir erging, wie und wo ich lebte? All dies war mir selbst so gleichgiltig geworden, daß ich auch nicht glaubte, irgend Jemand sonst könnte sich dafür interesstren. Nicht einmal meiner Mutter habe ich während dieser langen Zett geschrieben; warum nicht? Ich vermag es selbst nicht zu sage». — Ost hatte ich mich hingesetzt, einen Brief an sie begonnen, doch ich fürchtete dann jedesmal ihre Antwort — und so unterblieb das Schreiben. Warum sollte ich auch einen Kampf zwischen den schroffsten Gegensätzen mit Gewalt heraufbeschwören? In einer Bäder- Zeitung, die mir zufällig in die Hände kam, las ich, daß Du Badearzt in Bergenau bist, und eS erfaßte mich eine
unbezwingliche Sehnsucht nach Dir, so daß ich bereits nahe daran war, mein Bündel zu schnüren, um nach so langer Zeit Dir die Hand zu schütteln — die Hand meines einzigen Freundes! — Aber ich ward wiederum wankrlmütig, denn die Frage drängte sich mir doch auf; finde ich auch den alten Freund wieder, wie er ehedem war? — Siehst Du, Walter, diese Frage wußte ich mir nicht zu beantworte» und deßhalb schreibe ich Dir zuvor, zeige Dir, wie es um mich steht und wie mein seelischer Zustand ist, und wenn Du mir dann antwortest: komm! nun dann eile ich zu Dir, um zunächst aus Deinem Munde zu hören, wie es meiner geliebten Mutier geht; ob meine schwer gekränkte Gattin mir verziehen hat und wo und wie sie lebt. — Einige Zeit nach unserer Trennung schrieb ich Ida, erhielt jedoch nie Antwort.
„Ja, mein Freund, ich glaube, daß ich jetzt mit Ruhe Alles hören kann: mein heißes, ungestümes Blut wallt jetzt ruhig, mein Jugendfeuer ist dahin, ich bin ein müder, einsamer Mann und nur ein Gefühl herrscht allmächtig jetzt in mir — die Sehnsucht! — Nach wem, wonach: ich weiß es selbst nicht. — Ruhelos eile ich von Ort zu Ort und fühle mich nirgends wohl, nirgends heimisch. — Einmal glaubte ich ein Heilmittel für immer gefunden zu haben: die Arbeit. — Ja, lieber Walter, ich habe diese Jahre hindurch viel gearbeitet, Manches geschaffen! Was in mir lebte und gährte, war zu mächtig, es mußte einen Ausweg finden aus meinem Herzen. Da griff ich zur Feder; ich schuf mir Gestalten, denen ich mein Denken, meine Empfindung gab; meine Phantasie zeigte mir das Lebe» der Menschen unter den verschiedensten Schicksalslagen und socialen Bedingungen. Ich schrieb nieder, was ich dachte, tote ich es fühlte und empfand und zum Teil erlebt hatte, «nd ehe ich es selbst wußte oder nur ahnte, war ich Romanschriftsteller geworden.
(Foitsetznng folgt.)