- Wöchentliche Beilagen: Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain.
H Druck uud V-rlag: Joh. Aug. Koch, Universitäts-Buchdruckkrei in Marburg. Verantwortlicher Redakteur: Christoph RautenhauS in Marburg.
Redaktion und Expedition: Markt 21. lill^VHUlUßvVVUlU Redaktion und Expedition: Markt 21.
t JK 307.
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Marburg,
Sonnabend, 31. Dezember 1892.
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition dieses Blattes, sowie die Annoncen-Bureaux von Haasenstein u. Vogler in Frankfurt a. M., Cassel, Magdeburg und Wien; Rudolf Moste in Frankfurt a. M., Berlin, München u. Köln; G. L. Daube u. Co. in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover, Paris.
XXVII. Jahrgang.
............... — —— Pie kann das Handwerk erhalten ' werden?
(Schluß.)
Es ist dabei wohl selbstredend, daß oen gegen- t »artigen nicht geprüften Handwerkern, die schon längere hindurch selbständig ihr Handwerk ausüben, F-hne weiteres die Rechte der geprüften Handwerker B beizulegen sein würden. WaS indessen die zur Zeit j bestehenden Fabriken betrifft, welche sich mit der Au- I fertigung und dem Vertrieb von Handwerkerwaaren S befassen, ebenso die daraufhin gerichteten kaufmän- ruschen Unternehmungen, so würde der Weiterbetrieb I nur unter der Voraussetzung zulässig sein, daß ihre H sämtlichen Waren nach dem AuSlande hin zum K Absatz gelangen. Unter derselben Voraussetzung würde * auch einstweilen die Zuchthausarbeit statthaft bleiben i| können, wobei freilich zu bemerken wäre, daß die [' Insassen der Zuchthäuser weit zweckmäßiger der so j sehr an Arbeitermangel leidenden Landwirtschaft zur L Verfügung gestellt' würden, statt mit der Anfertigung l von Handwerksarrikeln beschäftigt zu werden. Und f was endlich die Kaufleute angeht, die sich mit dem ■ Absatz von Handwerkerwaaren befasse«, so würde das auch nur noch an solchen Orten zulässig sein können, wo keine Handwerker find, die mit solchen Waren Handel treiben.
Abgesehen von dieser Ausnahme würde im Uebrtgen den Kaufleuten das Recht verbleiben, mit allen Maaren, die nicht dem Handwerksschutze unterliegen, auch künfftghin Handel zu treiben und in diesem Rechte würden fie ebenfalls zu schützen sein.
Der erwähnten Schutzrechtx hatte sich früher das I Handwerk zu erfreuen, so lange die Kapitalshcrrschaft uvch nicht eingedrungen war, und auf denselben und auf nichts anderem beruhte der goldene Boden des Handwerks.
' Würden nun zu den erwähnten Schutzrechten noch genossenschaftliche Vereini- ( gungen der Handwerker hinzukommen, > die es sich zur Aufgabe stellen würden, außer der k Pflege des Lehrlingswesens namentlich den Bezug von Rohmaterialien und Arbeitsmaschinen zu erleichtern, so wären damit alle ä u ß e r n Bedingungen für ein künftiges Prosperieren des Handwerks gegeben. — Die alten Innungen gehen zugrunde, weil- sie es nicht verstanden, sich den Forderungen der Neuzeit anzupaffen. Den erwähnten Handwerker- Genossenschaften, bedacht mit S" atzrechten gegen das Kapital, dürfte die Zukunft gehören. Daß indessen neben den äußeren Lebensbedingungen auch als
innere Lebensbedingung die Pflege der Religion und Sittlichkeit nicht vernachlässigt werden dürfe, möge wenigstens nicht unerwähnt bleiben.
Die moderne Gesetzgebung hat den auf Erfindung beruhenden Gewerben in den Patent- und Musterschutzgesetzen bereits solche Schutzgesetze gegen die kapitalistische Ausbeutung verliehen, und damit selbst den Fingerzeig gegeben, wie auch die handswerks- mäßigen Gewerbe gegen das Kapital zu schützen seien.
Folgen des Handwerksschutzes.
Es ist wohl selbstverständlich, daß durch die Einschränkung des Großbetriebs auch solche Gewerbe, die ihrer Natur nach nur mit einem.großen Kapitalaufwande betrieben werden können, ferner durch die Verweisung der gegenwärtig mit der Anfertigung von Handwerkerwaaren sich beschäftigenden Fabriken mit ihrem Absätze auf das Ausland, sowie durch die Untersagung an die Kaufleute, fich künftighin noch mit dem Absatz von Handwerkerwaaren zu befassen, dem Kapital die Möglichkeit genommen sein würde, das Handwerk weiterhin lahm zu legen. Was die Gesamt-Produktion betreffen würde, so würde diese darunter nicht leiden, sondern nur eine andere Verteilung erfahren und sich nicht, wie es in der Gegenwart der Fall ist, vorzugsweise auf die Fabriken beschränken, sondern vielmehr die H u n d e r t - tausende von gegenwärtig öden Handwerker-Werkstätten neu beleben. Der zur Zeit Alles beherrschende und als Unternehmer den Handwerkerstand ausnutzende Kaufmannsstand würde wieder in seine richtige, ursprüngliche Stellung zurückgeführt und dadurch in manchen heutigen Auswüchsen beschränkt werden. Vor Allem aber würde der im Verschwinden begriffene Mittelstand teils gekräftigt, teils wieder hergestellt und damit der immer mehr um fich greifenden Verarmung entgegengewirkt und ein gesunder gesellschaftlicher Zustand wieder hergestellt werden.
Schlußwort.
Daß die gedachten Schutzrechte von einschneidender Wirkung in den gegenwärtigen kapitalistischen und kaufmännischen Betrieb des Handwerks sein würden, ist zweifellos. Doch dürfte hier nur der höhere Gesichtspunkt bestimmend sein können, daß jedenfalls die Begründung eines gesunden Mittelstandes, wozu sie dienen würden, für die gesellschaftliche und staatliche Ordnung wichsiger sein dürfte, als eine Fortdauer des heutigen Zersetzungsprozesses, der nur mit der Auflösung der Gesellschaft in Arm und Reich enden kann und zwar in wenige Reiche auf der einen !und in Massenarmut auf der anderen Seite.
Die Wege, welche die heutige, auf dem Boden der freiesten wirtschaftlichen Bewegung stehende Gesetzgebung in der Arbeiterschutzgesetzgebung eingeschlagen hat, sind zwar dem Zwecke nach edel, in der gesetzlichen Gestaltung fteilich reformbedürftig und wohl geeignet, manche Not zu lindern, aber nicht geeignet, dem wirtschaftlichen Zerfall Einhalt zu gebieten.
Deutsches Reich.
W. N erlitt, 30. Dezbr. Im Neuen Palais zu Potsdam nahmen am Donnerstag die kaiserlichen Majestäten mit ihrem Hofstaate daS heilige Abendmahl. Garnisonpfarrer Dr. Fromme! vollzog die heilige Handlung. Am Nachmittage hatte der Kaiser Konferenzen mit dem Kriegsminister und mit dem Reichskanzler Grafen Caprivi. Bei der Neujahrstafel im Berliner Schlosse wird, wie stets, eine Deputation der Salzwirkerbrüderschaft in Halle ihre Neujahrsgeschenke, bestehend in einer Salztorte, Eiern und Würsten überreichen. — Der am 25. Januar stattfindcnden Vermählungsfeier der Prinzessin Margarethe von Preußen mit dem Prinzen Friedrich Karl von Hessen wird am 23. Januar eine große Galatafel bei den kaiserlichen Majestäten vorangehen. Ueber den 24. und 26. Januar sind bindende Entschlüsse noch nicht gefaßt; dagegen ist der 27. Januar, der Geburtstag des Kaisers, mit in das Festprogramm eingezogen worden, so daß sämtliche Hochzeitsgäste auch zum Geburtstage eingeladen sind. Dieser wird Vormittag mit einem Gottesdienst in der Kapelle und der darauf folgenden Cour gefeiert werden; gegen Abend ist große Galatafel, der sich eine Galavorstellung in der Oper anreiht. — Der Kaiser übersandte der Königin von England 43 große Photographien der Wittenberger Schloßkirche als Weihnachtsgeschenk Der Kaiser spendete dem Diakonissenhaus in Straßburg-Elsaß anläßlich dessen 50jährigem Jubiläum 10 000 Mk. Jubelgabe. — Der deutsche „Reichsanzeiger" publiziert die Verleihung des Schwarzen Adlirordens an den Landgrafen von Hessen, an den Herzog Friedrich Ferdinand von Schleswig-Holstein, und den Prinzen Friedrich Karl von Hessen, und widmet dem soeben im 52 Lebensjahre in Bogota in Columbien verstorbenen kaiserlichen Ministerresidenten Lüder einen warmen Nachruf. — Eine neue Kundgebung der „Nordd. Allg. Ztg." zu Gunsten der neuen Militär Vorlage. In derselben heißt es: „Wir find beispiellos verwöhnt; in der Armee wie im Lande hat man verlernt, mit Niederlagen mit Rückzügen zu rechnen;
man hat vergessen, daß den Tagen von Leipzig die von Lützen und Bautzen vorangingen. 1870/71 wurde man im Lande schon ungeduldig, wenn nicht jede Woche eine neue Siegesdepesche brachte, oder wenn Metz und Paris nicht schnell genug fielen. Wir werden auch im günstigsten Falle unsere Ansprüche sehr herabstimmen müssen. Die Ablehnung der neuen Militärvorlage aber würde unseren künftigen Führern und Truppen ihre Aufgabe um so mehr erschweren, als ohnehin der Vergleich mit 1870/71 immer so nahe liegen wird. Wie verwöhnt find wir auch dadurch, daß wir den Krieg immer nur in Feindesland geführt haben, daß kein feindlicher Fuß deutschen Boden betrat! Sind wir aber nicht stark genug, die Offensive zu ergreifen, so folgt ohne Weiteres, daß deutscher Boden, Kriegsschauplatz wird, und daß der Feind, wenn er einen Ueberschuß an Kräften hat, ihn ungestraft gegen die wenig oder garnicht geschützten Teile unserer Grenzlande verwenden kann. Dann stehen andere Dinge auf dem Spiel als Verstimmungen. Wir verzichten darauf, das weiter auszumalen, aber wir wolle» nicht verfehlen, daß in einem Lande, wo Heer und Volk auch im Kriege in so innigen Wechselbeziehungen stehen, wie bei uns, die Frage sehr ernst ist, ob es nicht geratener sei, lieber jetzt den Unmut zu überwinden, als die Leistungsfähigkeit von Heer und Volk bei Ausbruch eines Sieges auch moralisch herabzudrücken." — Die Meldung von Umbauten im Reichskanzleramt in Berlin wird durch folgende Mitteilnng der „Nordd. Allg. Ztg." für falsch erklärt. Die „Voss. Ztg." bringt Mitteilungen über die Umgestaltnng des Gartens, der znr Dienstwohnung des Reichskanzlers gehört. Die ganze Nachricht ist von Anfang bis zu Ende erfunden. — Gegen die Erhöhung der Brausteuer nnd Branntweinsteuer sind in den letzten beiden Wochen eine ganze Reihe von Petitionen eingelaufen. Gegen die Erhöhung der Börsensteuer wird so gut wie kein Protest erhoben. — Zahlreiche Zustimmungen konservativ er Vereine zum neuen konservativen Parteiprogramm find, wie die „Kreuzztg." konstatiert, in letzter Zeit in Berlin eingegangen. Mit besonderer Erwartung sieht daS Blatt der bevorstehenden großen Delegierten - Versammlung der rheinisch-westfälischen Konservattven entgegen. — Nach demselben Blatt hat der Professor der Theologie Dr. Kähler in Halle die an ihn ergangene Berufung nach Berlin abgelehnt. In Frage für die erledigte Berliner Professur kommen jetzt: D. Cremer- Greifswald, D. Seeberg - Erlangen, D. Schlatter-
' Unter der Königstanne.
» Preisgekrönter Roman von M. Th. May.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
'''»Ich werde mich aber nach Bundesgenossen Umsehen" fuhr Strehlen fort, als ihm ein rascher prüfender Blick zeigte, daß auch in dem Gesichte Dellas sich, vielleicht gegen ihre Absicht, Jntereffe aussprach. ,
„Was sagen Sie dazu, Baronesse, wer von uns Beiden hat Recht""
Der Freiherr »odn Rytheim sah unruhig seinen Freund an. Es schien S? bedenklich, Della in ein Gespräch zu ziehen, an bisher, w--'-' absicht, lich nicht teilgenommen hätte. Doch ‘c:-. " stütig
«bweisemn Antwort, die der Schloßherr erwartet hatte, bliieb aus
Della) wandte sich zum erstenmal an diesem ) Abend direkt an Rolf.S'egfried, indem sie groß .stlvd voll/ ihren Blick auf ihn richtete und laut und W samske:
\ „ .^yerr von Strehlen behauptet: Was mein Bor
feil ij< das ist meine Pflicht und Sie, Herr Direktor, jein Mch Sie verstanden habe: Was mei^r - Pflicht ist, das ist stets auch mein Vorteil. Ich gesteh-- daß die Erklärung meines Pathen mehr nach meir* , I Geschmack ist, denn sie ist ehrlicher."
„Ehrlicher?" wiederholte Siegfried. „Seit ir-" , ist es unehrlich, die Unterroe-fung unter ine i der Pflicht für die lauterste £k Je des persönft ft Glückes zu erklärm?" •** " '
# „Weil man mit diesem Grundsätze sich - moralisches Mäntelchen um die Nacktheit beSr '* festen Egoismus hängt. Ihr Ausspruch läßt <v •>. ja ganz nach Bedarf vorzüglich zurecht legen. Ihut eben das, wovon man fich den größtmögliä
Vorteil verspricht und behauptet nun kühn, diese Thal war meine Pflicht!"
„Verzeihung, Baronesse, ich hege zu viel Achtung vor Ihrem moralischen Gewissen, um nicht anzunehmen, daß Sie dem Begriffe „Pflicht" niemals einen Doppelsinn unterlegen werden.
Ich habe einfach behauptet, daß die treue, strenge, meinetwegen selbst rücksichtslose Erfüllung der Pflicht unter allen Umständen auch die vorteilhafteste Hand, lungsweise sei, wenn im Momente die Verhältnisse ganz das Gegenteil erwarten lassen."
„Wem, Sie das ernst meinen sollten," entgegnete Della mit leiser Ironie, „so glaube ich aus der Geschichte und den Erfahrungsihatsachen genugsam zu wissen, daß die Welt eine rücksichtslos treue Pflichterfüllung stets mit Armut, Schmach und Elend loh^und über solche extreme Pflichthelden zur r** UtÄ wohlgeordneter Verhältnisse Kerker oder
4*veMngr."
Uud halten Sie dergleichen für die davon Betroffenen für ein Unglück?"
„Gewiß, was soll denn sonst Unglück sein, wenn nicht Elend und Schande?"
„Der liebel größtes ist die Schuld, sagt der Dichter. Ich fasse das schärfer und sage: das einzige liebel ist die sittliche Schuld!"
„Ich bedauere, daß ich mich zu dieser Höhe der An,chauung nicht aufschwingen kann," versetzte Della mit steigendem Spotte.
„Wenn Sie es bedauern," entgegnete Siegfried ganz unbeirrt „so geben Sie ja selbst zu, daß es für Sie ein Gut wäre, wenn Sie diese Höhe der Anschauung doch erreichen könnten. UebrigenS war bei der fle nen Kontroverse mit Herrn von Strehlen /'! der That nur von der Erreichung materieller
"teile die Rede und ich wagte zu behaupten, daß
wir diese am sichersten und unverlierbarsten durch pflichtmäßiges Handeln erreichen. Ich denke, der Volksmund spricht für mich, der die Sprichwörter:
„Ehrlich währt am längsten" und
„Treue geht durch's ganze Land" erfand und seit Jahren vererbte."
„Sie haben recht, Herr Direktor," rief Strehlen aus: „Sie haben Ihren Grundsatz durch den Hinweis auf den Volksmund besser bewiesen als durch Ihre frühere Dialektik."
„Wir alle, auch Ihre schöne Gegnerin, sind überzeugt, daß Ihre Handlungen, Herr Direktor, mit Ihren Grundsätzen sich in vollster lieberem« stimrnung befinden."
Baronesse Della stand hastig auf.
„Entschuldigen Sie," Herr von Strehlen," sagte sie erregt, „wenn ich Ihnen widerspreche, aber ich möchte dem Herrn Direktor gegenüber, der nach seiner Verficherung die Pflicht so yoch hält, zuerst die Pflicht der Äufmerksamkeit erfüllen Ich bin gar nicht überzeugt davon, daß die Handlungen des Herrn Direktors stets mit dem von ihm ausge- fprocheuen Grundsätze übereim'Hmmen. Denn, um mir diesen Beweis zu erbringen, bedarf es mehr als einiger ostentativ ausgeübter Humanilätsakte."
„Della!" rief der Freiherr erschreckt, während Tante Lona sprachlos auf ihre rätselhafte Nichte sah, obgleich niemand als Siegfried wußte, was die Baronesse mit den „Humanitätsakten" meinte.
Die junge Dame trat hastig zum Klavier und schlug es auf, da wandte sich der Freiherr zu Siegfried, der gleichfalls aufgestanden war, mit den Worten:
„Entschuldigen Sie die Heftigkeit meiner Tochter, fie ist ganz ungewöhnlich nervös erregt"
„Offenheit und Wahrheit sind so schöne Charakterzüge, erwiderte Siegfried ruhig, indem er feinen Blick nach der Baronesse wandte, „daß ich sie selbst dann schätze, wenn sie nicht in Begleitung ihrer versöhnenden Schwester, des reinen Wohlwollens erscheinen.
Ich erwarte von der Gerechtigkeit der Baronesse von Rotheim, daß sie mir Gelegenheit gäbe, ihre Zweifel an der Harmonie meines Handelns mit meinen Vorstellungen von der Pflicht zu beheben. Mir aber möge das gnädige Fräulein gestatten, zu rechter Zeit Offenheit zu vergelten "
Della stand halb abgewendet vom Klavier, aber Tante Lona erkannte doch, wie marmorblaß die Baronesse bei den letzten Worten des Direktors wurde. Und das war der Moment, wo es still, so still wurde int blauen Saale von Rotheim, als lausche man dem Fallen der eisigen dichten Flocken draußen in der einsamen Dezembernacht
Mit der gespanntesten Aufmerksamkeit hatte Strehlen Della während der kleinen Scene beobachtet, und die eingetretene Pause erinnerte ihn, daß es Zeit sei, einzugreifen. Rasch Siegfried die Hand reichend, zog er ihn wieder auf feinen Sitz zurück und sagte zugleich zu Della:
„Bitte, Baronesse, spielen Sie uns etwas! Freifrau von Balten aber erhob sich sofort und zündete eigenhändig die Wachskerzen in den silberneu Klavierleuchtern an, um nicht einen Diener in die stimmungsschwüle Atmosphäre des Salons rufen zu müssen.
Della spielte; ein düsteres, leidenschaftliches Notturno von Chopin entfesselte zürnende Klagen, Della spielte mit einer Glut, doch nein, mit einem Schmerze, als klage in diesen so schwermütigen Tönen ihre eigene gefangene Seele.