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WScheMWe BeMgm: Kreis-Blatt für die Kreise Marburg und Kirchhain.

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Erscheint tätlich «chrr tu ZBertttgm noch 6eun* xnb gdttteeok — Ottrttl.Ab»mremmtr-Prei« bei der Srpe- toten 9 ML, bei all« P>sti»trm 9 SH. 96 Pi,. (e$fL vetzell«eld). Jnserttonrßebühr für die »rfpalteue Zelle 10 Pfg., Ätfltmnt rat die Zelle 95 Pf,i

Marburg,

Sonntag, 11. Dezember 1892.

Anzeigm nimmt entgegen die Erpedition dieses Blatter, sowie die Annoncen-Bureaur von Haasenstein u. Vogler in Frankfurt a. M., Gaffel, Magdeburg und Men; Rudolf Stoffe in Frankfurt a. M., Berlin, München u. Köln; ®. L. Daube u. Eo. in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover, Pari»;

XXVII. Jahrgang.

Erstes Blatt.

Die heutige Nummer umfaßt sechzehn Seiten.

Wochenschau.

Die kaiserlichen Majestäten haben gemeinsam f, flf.tt&fifll* WaA ttwk aC ßuJ—

der Errichtung von Zwangsinnungen mehr geneigt, aber doch bereit, die Vorlage über die Handwerker- kammern abzuwarten. Bei den Freisinnigen und Nationalliberalen ist der ftühere Widerstand dieser Parteien gegen die Zwangsinnungen unverändert derselbe geblieben. Eine sehr erfreuliche Kunde ver­nahm die Volksvertretung, als sie wieder einmal sich mit den schon so ost erfolglos verhandelten Anträgen auf Entschädigung unschuldig Verurteilter beschäftigte: Im Reichs-Justizamt ist bereits ein bezüglicher Gesetz­entwurf ausgearbeitet, welcher dem Reichstage später- CK- -----C — r . rr - rv» . - -.

auch späterhin im preußischen Abgeordnetenhause er­örtert werden.

Ein ziemlich lebhastesparlamentarischeS Scharmützel wird im österreichischen Abgeordnetenhause geführt. Zuerst handelte es sich um den DispositionSfond des Ministeriums Taaffe, welcher vom Parlament abge­lehnt wurde, und alsdann um diverse innere Ereig­nisse. Die Debatte nahm einen recht scharfen Ton an, wird aber kaum praktische Resultate haben.

Die Pariser Ministerkrifis, die in der Vorwoche wegen der schmutzigen Panamakanalaffaire ausge- ■ ' " ■x bei-

1892.

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Der Fabrikdirektor.

Novelle von Reinhold Hrtmann.

(Schluß.)

9. (Nachdruck verbot«».)

Der Abend dämnierte bereits, als ein Dienstmann im Bureau des Rechtsanwalts Märker erschien und einen Brief für den Herrn Doktor abgab. Ter Umschlag trug die wohlbekannten Schriftzüge Hugo Her- warth's, und Märker zögerte nicht, den Brief hastig zu erbrechen. Der­selbe lautete:

„Mein weither Herr Doktor!

Wenn diese Zeilen in Ihren Besitz gelangen, habe ich meine Reise bereits angetreten, und ich zweifle nicht, daß ich das Ziel derselben unangefochten erreichen werde. Ein schriftliches Geständniß meiner Schuld habe ich selbst dem Staatsanwalt übersandt. Auch habe ich die Vorkehrungen für meine Reise derart getroffen, daß man Ihnen aus einem Antheil an derselben schwerlich einen Vorwurf machen wird. Meine Kinder bleiben hier zurück. Ludwig ist ein Manu und wird sich hoffentlich seinen Weg zu bahnen wissen. Meine arme Nelly ver­traue ich cem Schutze Goltes an, denn dem Ihrigen darf ich sie wohl nicht mehr empfehlen.

Empfangen Sie zum Schluß noch die Versicherung meiner auf­richtigsten Dankbarkeit für die Großmuth, welche^Sie mir trotz alledem bewiesen. Mögen Sie so glücklich werden, als Sie es um Ihres Eha- rakters willen verdienen.

Hugo Herwarth/

Es war etwas in dem Briefe, das die Beunruhigung und Auf­regung, welche sich des Rechtsanwalts ohnedies bemächtigt hatte, um ein Erhebliches steigerte. Er hatte sich bereits einen bestimmten Plan entworfen, und dieser wurde durch Herwarth's plötzliche Sinnesänderung nun vollständig zerstört. Wenn er sein Schuldbekenntniß wirklich an den Staatsanwalt geschickt hatte, so war eine sofortige Verfolgung unvermeidlich, und es war sicher anzunehmen, daß man den Flüchtigen ergreifen würde, noch ehe er den Kontinent verlaßen hatte. Wie ent- fetzlich war in diesem Fall die Lage seiner armen Kinder und nament­lich diejenige der schutzlosen 'Nelly. Welche unerträglichen Dualen mußten ihr die grausamen Einzelheiten einer gegen ihren Vater ge­richteten Kriminaluntersuchung bereiten!

Vielleicht befanden sich die Diener der öffentlichen Ordnung schon jetzt im Hause des Fabrikdirektors, vielleicht — und der Herzschlag des jungen Mannes stockte bei diesem Gedanken — würde man gar seine Kinder unter dem Verdacht irgend einer Mitwissenschaft verhaften! Diese letzte Vorstellung gab denn auch den Ausschlag für sein weiteres Handeln. Er griff nach feinem Hute und eilte hinaus auf dem wohl­bekannten Wege, den er noch vor wenig Tagen mit einem Herzen voll der freudigsten Hoffnungen zurückgelegt.

Die Eingangsthür zum Wohuhause des Fabrikdirektors war gegen alle sonstige Gepflogenheit weit geöffnet, und als Märker mit beklom­mener Seele die Treppe emporstieg, kam ihm von oben her ein Be­kannter, der Kreisphysikus Doktor Wallroth, entgegen. Der Mann machte ein sehr ernstes Gesicht und mochte die Bestürzung auch in den 'Mienen des Rechtsanwalts lesen.

„Ra, wißen Sie es auch schon?" fragte er, ihm die Hand drückend. „Mein herzliches Beileid; für Sie, als dem Verlobten des Fräuleins, muß es )a besonders schmerzlich sein."

„So ist der Direktor wirklich fort — er ist abgereist und man weiß —"

Der Arzt blickte ihn verwundert an.

„Ja, allerdings, er ist abgerei-t in das Land, aus dem kein Wan­derer wiederkehrt."

„Wie? Habe ich Sie recht verstanden? Herwarth ist tobt:"

„Sie wußten es also nicht? Nnn, ich bin etwas ungeschickt damit herausgekommen. Aber Sie sahen ja so verstört aus, daß ich meinte, es müsse Ihnen bereits bekannt fein. Ja, der Direktor Herwarth ist tobt. Man rief mich vor einer Stunde, aber ich konnte ihm nicht

mehr helfen, die Aufregungen der letzten Tage mögen den sonst so kräftigen Mann zu sehr angegriffen haben. Ein Herzschlag hat, wie es scheint, feinem Leben ein Ende gemacht, während er in emsiger Ar­beit am Schreibtische saß." .

Märker fragte nicht weiter, sondern eilte an dem PhtzMs vorbei in das Arbeitszimmer Herwarth's, aus welchem ihm lautes Schluchzen und Wehklagen entgegentönte. Der Fabrikdirektor lag auf einem Sopha mit geschloffenen Augen, scheinbar schlafend und mit ruhigem Antlitz, auf welchem von den furchtbaren Herzensstürmen seiner letzten Lebenstage keine Spur mehr zurückgeblieben war. Ludwig stand tief­gebeugt am Kopfende des Lagers, Nelly aber war neben demselben auf die Kniee gesunken, und ihr thränenüberströmtes Gesicht ruhte auf der erkalteten Kand des lobten. Bei beut Eintritt Märkers hob sie bas Haupt, und ihr gramvoller, hilfesuchender, thrünenumflorter Blick be­gegnete dein feinigen. lind er vergaß in diesem Moment Alles, was geschehen war und was noch künftig geschehen konnte. Mit einem ein­zigen Schritt war er an ihrer Seite, hatte er feinen Arm um |te ge­legt und sie eiuporgezogeu an seine Brust. • .

„Sei getrost, mein rieb," sagte er mit der tiefsten Innigkeit, deren seine klangvolle Stimme fähig war, „so lange noch Athem in mir ist, wirst Du nicht verlassen fein!" ' ’ .

Wohl eine Stunde lang blieb er an ihrer Seite, und als sein tröstender Zuspruch sie endlich vermocht hatte, sich auf ihr Zimmer zurückzuziehen, fuhr er unverzüglich in die Privatwohnung des Staats­anwalts. Die Unterredung der beiden Männer währte bis zum Ein­bruch der Nacht, aber ihr Ergebniß mußte wohl den limstäiiden nach befriedigend gewesen sein, denn als der Staatsanwalt seinen Besucher zur Thiir begleitete, sagte er herzlich: „Mein Wort darauf, lieber freund, daß alles Aufsehen vermieden werden soll. Den Befehl zur Freilassung Grunert's ertheile ich natürlich sofort, und man wird dem Manne die Wahrheit nicht vorenthalten dürfen. Aber von ihm ist nichts zu fürchten, denn der Werkmeister ist von einem prächtigen Schlage, und wenn er geschwiegen hat, als es sich für ihn darum handelte, sich selber zu retten, so wird er auch künftig nicht schwatzen. Mit den Herren von der Spinnereigesellschaft und mit dem Sohne des Verstorbenen werden Sie selbst Rücksprache nehmen. Ich bin überzeugt, baß sich Alles ohne Lärmen orbnen lassen wirb, benn jetzt, ba ber Schulbige vor einem höheren Richterstuhle steht, hat Nieinanb mehr ein Jntereffe baran, seinen Namen auch hier ber Verachtung Preis- zugeden." — .

11 nb bie Erwartung bes humanen Justizbeamten ging in ber That in Erfüllung. Das büstere Geheimniß blieb bas Eigenthum eines engen Kreises von wenigen Personen.

Als ber Staatsanwalt betn Werkmeister Gruuert unter vier Augen ben Sachverhalt barlegte unb ihm in herzlichen Worten sein Bebauern , über ben geschehenen Mißgriff ausdrückte, nickte der hartgeprüfte Mann ernst mit dem grauen Kopse unb meinte: „Ich habe es gewußt, aber fein Name wäre niemals über meine Lippen gekommen. Er hat schwer gejünbigt, aber er hat auch schwer gebüßt. Ich empsinbe keinen Groll mehr gegen ihn."

Unb ber Wackere bewies, daß es ihm Ernst war mit seinen Worten. Weber seine Frau, noch seine Tochter erfuhren jemals, an weffen Stelle ber Gatte unb Vater km Gesängniß gefeffen hatte; unb als Lubwig Herwarth völlig gebrochen zu ihm kam, ihn für ben tobten Vater um Vergebung zu bitten, ba war es ber Werkmeister Gruuert, ber mit kräftigem Wort ben Gebeugten aufrichtete unb ihm neuen Leben:-muth in bie Seele hauchte. Bulb nachher zog er mit ben ©einigen in eine anbere Stabt, wo man iom bie technische Leitung eines bebeutcnben Etablissements übertragen hatte, unb ein Jahr später feierte Lubwig Herwarth, welcher als Gymnasiallehrer in eben diese Stabt berufen worden war, in aller Stille seine Vermählung mit Josephine.

Nicht ganz so schnell gelangte Ern t Märker an das Ziel feiner sehnlichsten Wünsche. An dem 'Nachmittage des nämlichen Tages, ba man bie sterblichen Reste bes Fabrikbire.tors ber Erbe übergeben hatte, geleitete er Nelly in sein eigenes Elternhaus, wo sie mit offenen Sinnen empfangen würbe. Dort fanb bie Verwaiste eine neue Heimath, und

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kosten zugehen zu lassen. Eigentlich ist die Sache ehr komisch. Die Russen haben f. Z. die Bulgaren rrangsaliert bis aufs Blut, und die Letzteren muffen ihren glücklich vom Halse geschafften Quälgeistem dafür noch baar Geld zahlen.

Eine neue Ministerkrifis ist in Madrid ausge- brochen, wo das Ministerium Cannovas del Castillo dermaßen gewirtschaftet hat, daß sich die allgemeine Unzufriedenheit in so hohem Maße regte, daß an ein Verbleiben des Kabinetts im Amte nicht zu benken war. Der neue Ministerpräsident ist der liberale Führer Sagasta. Zu beneiden ist er nicht, den» die Lage in Spanien ist trostlos. In Belgien hat eS wieder mehrere Arbeiterstreiks und Demonstrationen zu Gunsten des Allgemeinen Wahlrechts gegeben. Größere Ruhestörungen find nicht vorgekommen. In der nordamerikanischen Bundeshauptstadt Washington ist der Kongreß der Vereinigten Staaten zusammen­getreten. Präsident Harrison, der Beschützer der Mac-Kinley-Bill, hat seine letzte, nichtssagende Bot­schaft an die Volksvertreter gerichtet. Zum Frühjahr wird er seinem Nachfolger Cleveland das Feld räumen, unter dem viel anders werden wird.

Deutsches Reich.

W. Berlin, 10. Dezbr. Unser Kaiser hat am Frettag Hannover wieder verlassen und sich zur Abhaltung von Jagden nach Jagdschloß Springe be­geben, wo die Ankunst um 1 Uhr 30 Miu. erfolgte. Nach aufgehobener Tafel fand der Aufbruch zur Jagd nach dem Hallerbruch statt, woselbst ein abge­stelltes Jagen auf Roth-, Dam- und Schwarzwild abgehalten wurde. Heute, Sonnabend, wird aber­mals ein abgestelltes Sagen stattfinden, worauf der Kaiser am Nachmittag nach Potsdam zurückkehrt. — Die Erbprinzessin von Meiningen leidet an einer leichten Erkältung und muß für einige Tage das Zimmer hüten. — Erwähnt mag hier gleich eine furchtbar verrückte Ge­schichte sein, welche die Pariser Journale ausfindig gemacht haben: darnach soll ber Panamaskanbal ge­meinsam von bem beutschen Kaiser unb bem Grafen von Paris, bem Haupt ber Familie Orleans, aufge­rührt sein, um bie französische Republik bloszustellen. Tolle Dinge, als ob Deutschlanb vor bem Untergang stehe, schreiben bie Pariser Zeitungen auch vom Ahlwarbt- Prozeß. — Der Bunbesrat hat in seiner gestrigen Plenarsitzung bie Vorlage, betr. ben Freunbschafts-, Handels- unb Schifffahrtsvertrag mit Kolumbien ben zustänbigen Ausschüffen überwiesen.

benken können, baß an Stelle bes angekünkigten Herrn Baugeschästsbirektors Gebhard mein einstiger" — ber Baron hielt etwas zögernd inne — „Ihr einstiger Jägerbursche zu Ihnen kommen würde," vollendete der Direktor mit leicht ironischem Lächeln

„Nun ja, es überraschte mich, das ist wohl natürlich, obgleich man an seltsame Spiele des Zufalls gewöhnt fein sollte, wenn man, wie ich heute, meinen 56. Geburtstag feiert. Doch haben Sie die Güte, jetzt in mein Zimmer zu kommen, wir wollen gemütlich über unsere Geschäfte plaudern."

Artig bot der Baron seinem Gaste einen Sitz an und ersuchte den Direktor, sich aus dem Zigarren­kästchen zu bedienm, welches auf dem Tische stand. „Ich beziehe meine Zigarren stets direkt," sagte Rotheim, während er das Feuerzeug zur Hand nahm, „Sie dürfen also überzeugt fein, daß diese Manilas unverfälscht find " Gemütlich ließ fich Baron Rotheim bann feinem Gaste gegenüber nieder und war sehr verwundert, als dieser erklärte, kein Raucher zu sein. „O, das ist schade, diese Zigarren find ein wahrer Genuß," sagte der Baron be­dauernd.

„Es kommt nur daraus an, was wir für Genuß halten, Herr Baron," sagte Rolf Siegfried, während er ein Notizbuch und eine sehr umfangreiche Brief­tasche auf den Tisch legte.

„Hm, las ist wahr," bemerkte der Hausherr überrascht, „aber Sie mahnen mich, daß wir zu unseren Geschäften Übergehen muffen; bitte sprechen Sie nur.*

Der Direktor schlug sein Nottzbuch auf unb fein Auge ruhte mit ernstem Sinnen auf den dicht be­schriebenen Blättern. „Herr Baron," begann der Direttor, „gestatten Sie, daß ich Ihnen zunächst eine Anweisung auf die von Ihnen gewünschte